socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ulrike Krasberg: «Hab ich vergessen, ich hab nämlich Alzheimer!»

Cover Ulrike Krasberg: «Hab ich vergessen, ich hab nämlich Alzheimer!». Beobachtungen einer Ethnologin in Demenzwohngruppen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2013. 291 Seiten. ISBN 978-3-456-85278-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Im Kern wird in dieser Publikation die Arbeit als pflegerische Hilfskraft in Bezug auf das Verstehen und die Kontaktgestaltung mit Personen mit Demenz in einer Einrichtung mit mehreren Demenz-Wohngemeinschaften beschrieben. Themen wie Altern in der Gesellschaft oder Angehörige werden ebenfalls in Kapiteln thematisiert.

Autorin und Entstehungshintergrund

In der Publikation selbst finden sich zur Autorin keine sachbezogenen Hinweise, allerdings schildert sie in der Einleitung Aspekte aus ihrem Leben. So erfährt der Leser z.B., dass die Beschäftigung der Autorin in einer stationären Einrichtung der Altenhilfe mit Schwerpunkt Demenz erfolgte, weil ein Forschungsantrag nicht bewilligt wurde und sie für ihren Unterhalt sorgen musste.

Eine Recherche im Internet erbrachte die Informationen, dass PD Dr. Ulrike Krasberg 1950 in Recklinghausen geboren wurde und Ethnologie, Europäischen Ethnologie und Wirtschaftsgeographie studierte. Ihre Habilitation erfolgte 1993in Marburg zum Thema: Frau und Familie zwischen Tradition und Moderne in Kalithea. Sie unternahm anschließend Feldforschungen in Griechenland und Marokko (1996/97). Ihre gelisteten Publikationen über die Phillips Universität Marburg behandeln diese genannten Themen.

Aufbau und Inhalt

Das Werk gliedert sich in neun Kapitel.

1. Leben ohne Arbeit? Rente und Arbeit im Alter. (etwa 5 Seiten). Behandelt wird das Rentensystem aus historischer Perspektive und seine heutige ambivalente Rolle: Einerseits wird eine finanzielle Absicherung geleistet, andererseits wird die Rolle des Rentners kritisch hinterfragt. Die Gesellschaft teile sich in ‚die Jungen‘ und die ‚Alten‘.

2. Das Eigene und das Fremde. Wie ich das Waldhaus kennen lernte (etwa 12 Seiten). Die Autorin schildert ihre Motivationen und den Ablauf des Geschehens, die sie zu ihrer Tätigkeit als Hilfskraft in der stationären Altenhilfe, Schwerpunkt Menschen mit Demenz gebracht haben.

3. Früher kam der Sensemann. Der Tod in der modernen Gesellschaft (etwa 15 Seiten). Behandelt werden hier unterschiedlichste Herleitungen und Gedanken zum Thema Tod und dessen Bedeutung.

4. Wo ist denn mein Bett. Wohnen im Waldhaus: Die Bewohner (etwa 40 Seiten). Die Autorin schildert hier anschaulich ihre Eindrücke, stellt ihre Begegnungen mit Personen mit Demenz mit viel wörtlicher Rede untermalt vor. Die Schilderungen entsprechen der Verstehensebene ungelernter Pflegemitarbeiter. Sie versucht z.B., ihre Versorgung ‚besser‘ zu machen als andere und erkennt am ‚sie brüllt nicht‘ den Erfolg ihrer Bemühungen.

5. „Ich hab Rücken“. Krankheit in der modernen Gesellschaft (etwa 35 Seiten). Hier setzt sich die Autorin in kritischer Reflexion mit Konzepten von Gesund und Krank in „Wissensgesellschaften“ auseinander. Sie meint z.B. „Natürlich ist es sinnvoll, wissenschaftliche Untersuchungen zur Gesunderhaltung des Körpers der Bevölkerung zu vermitteln, und wenn es sein muss, neue, gesündere Verhaltensweisen einzuüben. Das ist gut für das Wohlbefinden des einzelnen und für den Staatssäckel, denn Heilen ist immer teurer, als Krankheit zu vermeiden. Nur haben sich unter der Hand Wertvorstellungen und ein Anspruchsdenken breit gemacht, die nichts weniger als die ständige gesundheitliche Optimierung – letztlich ein Leben ohne Mangel und Beschwerden – verlangen“. Hier setzt sie sich auch mit demenziellen Erkrankungen auseinander und fügt verschiedene Wissensquellen (z.B. evidence.de, haus-aja.de) ein.

6. „Eigentlich ist das nicht zu schaffen!“ Arbeiten im Waldhaus: die Pflegenden (Etwa 42 Seiten). Dieses Kapitel behandelt Konzept und eine Reflexion der Arbeitsbedingungen in der Einrichtung, in der die Autorin beschäftigt ist.

7. Abschied vor dem Abschied. Angehörige und Demente (etwa 22 Seiten). Dieses Kapitel widmet sich der Reflexion von Verwandtschaftsbeziehung und der Bedeutung, die eine Demenz hier bekommen kann. Sie fragt sich, ob und wann eine Heimunterbringung ‚gut‘ ist und wie die Beziehungsveränderungen durch die Demenz aufgefasst werden können.

8. Jeder von uns ist Kunst – gezeichnet vom Leben. Die Lebensaufgabe im Alter(etwa 24 Seiten). Hier werden Aufgaben des alten Menschen thematisiert, stellvertretend für die behandelten Themen wird eine Aussage von Kierkegaard „Das Leben wird zwar vorwärts gelebt, kann aber nur rückwärts verstanden werden“ hier herangezogen.

9. Home, Ekstase, Inszenierung, Leibessicht, Ritual. Aspekte des Menschseins (etwa 24 Seiten) Dieses Kapitel enthält eine Vielzahl von Aspekten des Menschseins, die weniger mit Hirnleistung als mit Kreativität und Leiblichkeit verbunden sind.

Diskussion

Dieses Buch ist kein wissenschaftliches Werk, das sei gleich am Anfang der Diskussion gesagt. Der Untertitel „ Beobachtungen einer Ethnologin in Demenzwohngruppen“ ist daher in mehrfacher Hinsicht irreführend. Der Leser erwartet eine methodisch strukturierte und wissenschaftlich diskutierte Ethnografie und erhält eine ausführliche Gedanken- und Erfahrungsniederschrift eines Menschen, der unerfahren in das Feld der Demenzversorgung eintaucht und der seine ethnologische Distanz zum Feld nicht halten kann. Die Autorin ist als Beschäftigte im Gesundheitswesen Teil des Geschehens, welches sie subjektiv aufzeichnet. Der Leser hat Teil an ihren Gedanken und liest flüssige und leicht verständliche Aussagen, die Meinung der Autorin sind. Warum die Autorin diesen oder jenen Aspekt ihrer breit angelegten Themen aufführt, bzw. warum sie anderes nicht erwähnt, bleibt unerklärt und wird damit aus Sicht der Rezensentin auch unverständlich. Wenn eine Wissenschaftlerin sich privat und unwissenschaftlich mit Themen ihres Interesse auseinandersetzt, so sollte sie dies doch so eindeutig kenntlich machen, dass der potentielle Käufer eine fundierte Entscheidung treffen kann.

Fazit

Dies ist daher kein Fachbuch. Die Frage, welchen Zweck dieses Buch erfüllen könnte, ist nicht leicht zu beantworten. Selbstverständlich haben diese durch zahlreiche Reflexionen ergänzten Erlebnisberichte ihren festen Platz in der Literatur. Neue Themen der Demenz behandelt dieses Werk allerdings nicht und auch die vertretenen Sichtweisen sind keine neuen Erkenntnisse. Die kritische Diskussion um biomedizinisches Verständnis der Demenz und Leistungsgesellschaft einerseits und lebensweltlich, personzentriertes Verständnis der Demenz andererseits werden seit einige Jahren geführt. Würde ein ähnliches Buch mit dem Untertitel „Entwürfe eines Architekten“ erscheinen, würde der Leser oder zumindest die Rezensentin freudig zu lesen beginnen, denn sie erwartet eine begründete Abhandlung über architektonische Aspekte der Demenzversorgung, die sie jedoch nicht bekommt. Es sei also Vorsicht geraten bei der Nennung von Berufsbezeichnungen des Autors, die falsche Erwartungen wecken.


Rezensentin
Dr. rer. medic. Christine Riesner
Leiterin des Referats "Grundsatzfragen der Pflegewissenschaft- und pädagogik / Modellstudiengänge" Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen
Homepage www.dzne.de
E-Mail Mailformular


Alle 14 Rezensionen von Christine Riesner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christine Riesner. Rezension vom 17.03.2014 zu: Ulrike Krasberg: «Hab ich vergessen, ich hab nämlich Alzheimer!». Beobachtungen einer Ethnologin in Demenzwohngruppen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2013. ISBN 978-3-456-85278-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15878.php, Datum des Zugriffs 20.07.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!