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Oliver Berli, Martin Endreß (Hrsg.): Wissen und soziale Ungleichheit

Cover Oliver Berli, Martin Endreß (Hrsg.): Wissen und soziale Ungleichheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 420 Seiten. ISBN 978-3-7799-2910-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Edition Soziologie.
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Entstehungshintergrund und Zielsetzung

Nachdem im Rahmen der Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) zum Thema „Soziale Ungleichheit, Kulturelle Unterschiede“ 2004 und insbesondere in den Sitzungen der Sektion „Wissenssoziologie“ (www.wissenssoziologie.de/) Forschungspfade zur Analyse der sozialen Verteilung von Wissen und – vice versa – der Wissensbestände über soziale Ungleichheiten gelegt wurden, haben nun, fast 10 Jahre später, Oliver Berli (Universität Köln) und Martin Endreß (Universität Trier) mit dem von ihnen herausgegebenen Sammelband „Wissen und soziale Ungleichheit“ nachgelegt. Die Publikation dokumentiert die Vorträge und Diskussionen der Trierer Tagung der Sektion „Wissenssoziologie“ aus dem Jahre 2012, ergänzt um zusätzlich eingeworbene Beiträge.

Der quantifizierenden Datenproduktion sozialstrukturell orientierter Ungleichheits- und Armutsforschung stellt die ungleichheits- und damit auch herrschaftsanalytisch konzipierte Wissenssoziologie ein Forschungsprogramm entgegen, das den in sozialen Beziehungen kommunizierten Wissensvorrat, also situationsspezifische Bedeutungszuweisungen und akteurstypische Interpretationen von Ungleichheiten freilegt. In der Folge einer solchen Perspektivverschiebung rücken aus Sicht der Herausgeber (S.20) vier – hier leicht reformulierte – Fragenkomplexe in den Mittelpunkt:

  1. Wie ist Wissen über soziale Ungleichheit strukturiert? Wie wird dieses Wissen in argumentativen Kontexten der Rechtfertigung, der Statussicherung und der Machterhaltung zur Anwendung gebracht? Aus welchen Quellen speisen sich entsprechende Deutungsmuster?
  2. Welche Mechanismen und sozialen Kontexte (Macht, Einfluss) begünstigen ungleiche Wissensverteilungen? Inwieweit fungiert Wissen (auch im Sinne „kulturellen Kapitals“, Bourdieu 1979) als Reproduktionsmechanismus sozialer Ungleichheit?
  3. Welche Wissensformen (vgl. exemplarisch: Willke 2001, Antos 2003) sind – vermittelt über sozial geregelte Attributionen (ergänzend: auch Leistungs- und Kompetenzzuschreibungen) – relevant für (berufliche) Karrieren oder auch soziale Abwertungen und (Aus)Schließungen?
  4. Welche Schnittstellen und Desiderate lassen sich im Durchgang durch Forschungstraditionen und aktuelle Theoriebestände identifizieren, denen das Projekt einer „ungleichheitsanalytisch angelegten Wissenssoziologie“ Gegenstandsbestimmungen, erkenntnisleitende Fragen und forschungsstrategische Zugänge entleihen könnte?

Aufbau

Für die Wissenssoziologie ist, folgt man dem Klappentext, „die Untersuchung der sozialen Ungleichverteilung von Wissen zentral. Kämpfe um soziale Ungleichheit und um die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit bilden den doppelten Bezugspunkt wissenssoziologisch informierter Analysen.“ Der hier nun vorgelegte Band thematisiert die dialektischen Wechselwirkungen zwischen Ungleichheitsstrukturen und wissensförmigen Repräsentationen in fünf Blöcken.

  1. Konzeptionelle Probleme soziologischer Ungleichheitsanalyse
  2. Digitale Ungleichheit
  3. Körperlichkeit sozialer Ungleichheit
  4. Bildungsprozesse und die Reproduktion sozialer Ungleichheit
  5. Symbolische und soziale Grenzziehungen sozialer Ungleichheit

Ausgewählte Inhalte

Im Hinblick auf die heterogene Anlage des Sammelbandes, aber auch mit Blick auf die spezifischen Zielgruppen des Mediums socialnet sollen im folgenden ausgewählte Beiträge ausführlicher dargestellt und – ganz im Sinne Max Webers – in ihrem Beitrag zum sinnhaften Verstehen sozialer Ungleichheiten gewürdigt werden. Gerd Nollmanns (2003: 15) frühen Überlegungen folgend, würde Ungleichheitsforschung erst dann zu einer „Soziologie sozialer Ungleichheit, wenn sie rekonstruktiv zeigte, (…) wann in der Praxis welche Verschiedenheit für wen warum als bewertete Ungleichheit erscheint.“ Nollmann verweist die Ungleichheitsforschung damit auf sozialkonstruktivistische Ansätze aus den Traditionsbeständen der Wissenssoziologie (vgl. in bündiger Zusammenfassung: Hubert Knoblauch 2005), inhaltlich gefasst also auf die soziale Genese von Deutungsfiguren und Sinnstrukturen, die „den Handelnden die Unterscheidung bloßer Verschiedenheiten von sozialen Ungleichheiten“ erlauben.

Die von Berli/Endreß herausgegebenen Studien nun machen deutlich, dass die analytische Vermittlung von Sozialstruktur und Kultur, die Verschränkung der „Relevanz der Macht“ mit der „Macht der Relevanz“, so die Autoren in Anlehnung an Alfred Schütz (1971), ein nach wie vor offenes Forschungsfeld absteckt. Pierre Bourdieu (1992) sieht sich in diesem Feld gar mit der Auflösung des „scheinbar unvereinbaren“ (136) Gegensatzes von objektiven Strukturen und subjektiven Perspektiven konfrontiert. Die Herausgeber verbinden mit dem hier rezensierten Band deshalb die Hoffnung, im „Bezug auf die konzeptionellen wie empirischen Beiträge in der Tradition der Arbeiten von Alfred Schütz und Berger/Luckmann einerseits sowie Karl Mannheim und Pierre Bourdieu andererseits“ bedeutsame „Schritte zur Konturierung einer ungleichheitsanalytisch angelegten Wissenssoziologie präsentieren zu können“ (19).

Teil I ist einleitend für konzeptionelle Probleme der Theorie und Empirie soziologischer Ungleichheitsanalyse reserviert. Im Durchgang durch klassische und neuere Positionen der verstehenden Soziologie auf der einen und wissenschaftliche Ansätze zur Rekonstruktion sozialer Ungleichheit auf der anderen Seite entwickelt dieser Teil zugleich einen theoretischen Rahmen, in dem soziale Ungleichheitsdeutungen, also (alltagsweltliche) „Koordinatensysteme“ (Berger/Luckmann 1974) zur symbolischen Vergegenwärtigung, Interpretation und Einordnung von Ungleichheitsphänomenen in den Blick genommen werden können.

In diesem Kontext identifiziert Martin Endreß die Soziologie selbst als Thematisierungsinstanz, die maßgeblich und vermittelt über Theoriebildung an der Produktion ‚sozialer Ungleichheit‘ als Deutungsmuster sozialer Wirklichkeit beteiligt ist. Dies erfolgt exemplarisch im selbstreferentiellen Rekurs auf fünf strukturtheoretisch begründete Ansätze. Deren Erklärungskraft bewähre sich im Zugriff auf zwei Schlüsselfragen: Aufgrund welcher Basisphänomene entstehen Ungleichheitsstrukturen? Aufgrund welcher Mechanismen werden soziale Positionen in diesen Strukturen verteilt? (45) Endreß plädiert dafür, bei der Beantwortung dieser Fragen die traditionellen Pfade einer an Trägergruppen orientierten Analyse zu verlassen und verstärkt historisch-sozial etablierte Erfahrungshorizonte und Denkmuster einzubeziehen.

Der von Patrick Sachweh vorgelegte Beitrag rückt die alltagsweltlichen Deutungsmuster sozialer Ungleichheit in den Fokus. Als theoretischer Bezugspunkt dient ihm eine „moralökonomische Perspektive“ (71), aus der bereits Edward P. Thompson (in dt. Übersetzung auch: ‚sittliche Ökonomie‘, 1979) oder Martin Kohli (1987), wenn auch in sehr unterschiedlichen Kontexten ‚volkstümliche‘ bzw. ‚populäre‘ Vorstellungen von Gerechtigkeit aufgespürt haben. In dem Begriff der ‚Moralökonomie‘ sieht Sachweh die kognitiven und normativen Dimensionen von Ungleichheitsdeutungen zu (mehr oder weniger) konsistenten Ordnungen integriert, die in gruppentypischen Variationen eben nicht nur die alltägliche Kritik sozialer Verhältnisse, sondern auch „negative Klassifikationen“ (Neckel/Sutterlüty 2005) und symbolische Praktiken der Ab- und Ausgrenzung begründen.

Inwieweit Deutungsmuster sozialer Ungleichheit mit sozialstrukturellen Lagemerkmalen und konkreten Lebensverhältnissen variieren, ist eine empirisch-analytische Schlüsselfrage, der sich auch Alexander Brunke zuwendet. Seine auf die Methode der Gruppendiskussion gestützte und an Boltanski/Thévenot (2007) anknüpfende Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Urteilspraktiken, entsprechend der Kohärenzhypothese, nicht unmittelbar auf Positionen bezogen werden können, sondern im Durchgang durch eine doppelte Operation (101f.) zu rekonstruieren sind: die Rekognition bzw. die Mobilisierung allgemeiner Klassifikation und Konventionen sowie deren Auslegung in der thematischen Breite und biographischen Folge konkreter sozialer Situationen.

Deskriptive Aussagen werden in wohl kaum einem anderen Bereich der Sozialforschung so stark mit normativen Urteilen verschränkt wie im Themenfeld der Ungleichheitsforschung. Andreas Göttlich nimmt diese These, die im sozialen Sektor gar als ethisches a priori beruflichen Handelns gelten kann, zum Anlass, für normativ-wertende, im Kern also programmatische Aussagen interpretative Verfahren einzufordern; diese rekonstruieren die sozio-kulturellen (und politischen) Bedingungen, welche die Genese und die Geltung von Gleichheits- und Gerechtigkeitsurteilen plausibel erscheinen lassen. Urteile über die Richtigkeit von Wertungen verweist Göttlich in die Sphäre philosophischer Moraldebatten (123).

Die Hoffnung, in dieser Sphäre sozialmoralischer Begründungen könnten „religiöse Ideen“, insbesondere christliche Deutungen sozialer Ungleichheit eine handlungsleitende Funktion übernehmen, zerschlägt sich nach Lektüre des von Ferdinand Sutterlüty vorgelegten Beitrags. Seine inhaltsanalytische Kritik religiös bedeutsamer Semantiken kommt unmissverständlich zu dem Schluss, dass die christlichen Kirchen in Deutschland nennenswert weder als „sozial relevante Interpretationsgemeinschaften“ (141f.) noch als „ungleichheitssensitive Instanzen der gesellschaftlichen Selbstreflexion in Erscheinung treten.“ (127)

Mit lediglich zwei Beiträgen zur digitalen Ungleichheit ist der folgende Abschnitt II zwar eher knapp bemessen, ermöglicht aber mit kritischen Einlassungen zur „digitalen Spaltung“ (Meulemann/Apolinarski/Gilles) und sozialen (Um)Verteilung von „Allgemein- und Sonderwissen“ (Schütz/Luckmann 1975: 315ff.) lohnende Brückenschläge: zum Wandel von „Sozialitätsidealisierungen“ (Wolfgang Sofsky 1983: 33ff.) in der Interaktion von Laien und Experten (Nicole Zillien) und damit zugleich zu den Optionen einer als kompetent und selbstbestimmt geltenden Lebensführung durch die Nutzung von (gesundheitsbezogenen, hier: reproduktionsmedizinischen) Internetforen und Online-Informationssystemen (Stichwort: Selbstexpertisierung, Zillien: 195).

Der „Vorgegebenheit des Körpers“ in den Ansätzen von Schütz/Luckmann (1975: 115ff.) und generell in der soziologischen Handlungstheorie (Miebach 2010) folgend, fungiert im III. Teil des hier rezensierten Buches die Körperlichkeit sozialer Ungleichheit als verbindendes Element. Als untersuchungsleitend seien zwei Fragestellungen herausgehoben: Wie wird Ungleichheit verkörpert? Welche sozialen Folgen hat Deutungsmacht über Körper? Überaus interessante Antworten liefern Reuter/Lengersdorf mit ihren praxistheoretischen Überlegungen zur Verkörperung von geschlechtlicher (Un-)Gleichheit. An Hand von Beispielen aus dem Bereich der Wissensarbeit entwickeln die Autorinnen einen ethnomethodologisch inspirierten Ansatz, der die Reproduktion von Geschlechterungleichheit – hier mit Blick auf geschlechtsspezifische Leistungsorientierungen – als alltägliche Praxen des ‚doing gender‘ analysiert. Aus dieser Perspektive wird nicht mit Indikatoren der unmittelbaren oder strukturellen Benachteiligung von Frauen argumentiert, sondern mit den Wirkungen kulturellen Wissens. Dieses Wissen ist der Performanz sozialen Handelns in Form inkorporierter und emotional besetzter Routinen als nur schwer dechiffrierbare Ordnung unterlegt.

Eine gesonderte Betrachtung verdienen auch die von Schnettler/Rebstein vorgelegten ethnografischen Explorationen, die sich in Fortschreibung der Berger-Luckmann´schen Gesellschaftstheorie (222) ‚interkulturellen‘ Situationen zuwenden, in denen – migrationsbedingt – Wissens- und Deutungsungleichheiten regelmäßig auftreten. An diesen Kreuzungen, wo „die als fraglos gegeben erscheinenden Selbstverständlichkeiten des einen auf die Grenzen der Verständigung des anderen treffen“ (223), fokussieren die Autoren eine besondere ‚Sinnprovinz‘ (Berger/Luckmann 1974), die sie selbst als „fremdkulturelles Vermittlungsmilieu“ (234) bezeichnen. In dieser Sozialwelt fungiert die ‚Moderation‘ nach Schnettler/Rebstein als anerkannte Kommunikationsform, die auf einen unmittelbaren Ausgleich asymmetrischer Wissensverteilungen abzielt.

Kritisch ist allerdings einzuwenden, dass der öffentliche und in der Regel mit politischen Intentionen unterlegte Charakter interkultureller Situationen es auch nahelegt, die ‚Moderation‘ mit Erving Goffman (1976) als theatralisch-folkloristische Fremdheitsinszenierung zu analysieren. Das Aufeinandertreffen wird durch hochgradig segregierte Rollen und eine rituelle Verständigungsrhetorik reguliert, die es Teilen des (konsumierenden) Publikums ermöglicht, anerkannte Werte und Ideale der ‚Kultursensibilität‘ in den eigenen Habitus zu integrieren.

Hitzler/Grewe zeigen in ihrem Beitrag auf, wie unterschiedliche Expertisen zu ungleichen Lebensbedingungen für Menschen im Zustand ‚Wachkoma‘ führen.

Relativ breiten Raum nimmt ein IV. Themenblock ein, in dem sich die Autorinnen und Autoren der Reproduktion von Ungleichheit in Bildungsprozessen, also einem ‚klassischen‘ Themenfeld zuwenden, das bislang in den Domänen der Bildungssoziologie bzw. empirischen Bildungsforschung gut aufgehoben ist (exemplarisch: Becker/Lauterbach 2007). Im wissenssoziologischen Kontext liegt es nahe, die (Re)Produktion von Ungleichheiten akteurs- und handlungsorientiert über Prozesse der Wissensvermittlung und -aneignung sowie die in diesen Prozessen wirksamen Leistungsdeutungen und Bildungsaspirationen (Meulemann 1979; Kurz/Paulus 2008) aufzuschlüsseln. Da dieses Forschungsfeld als ‚gut bestellt‘ zu bewerten ist, seien die Arbeiten von Laura Behrmann zur Wissenskonstruktion von Lehrkräften, von René Krieg zu Bildungsentscheidungen, von Karin Schittenhelm über Bildungsbiografien in der Migration sowie von Daniel Houben zur Bedeutung von ‚Gatekeepern‘ und ‚Facilitatoren‘ für Bildungslaufbahnen hier nur erwähnt.

Die Publikation wird im V. Teil durch drei Beiträge beschlossen, die symbolische und soziale Grenzziehungen sozialer Ungleichheit thematisieren. Steffen Amling untersucht in seinem auf Gruppendiskussionen gestützten Beitrag milieutypische Normalitätsentwürfe, die für Anerkennungspraxen in jugendlichen Peer-Groups von besonderer Relevanz sind.

Mit seiner „gesellschaftlichen Kritik des Geschmacksurteils“ (1987) hat Pierre Bourdieu bekanntlich eine ungleichheitsanalytische Perspektive eingebracht, die es ermöglicht, kulturelle Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Vorlieben in ‚feinen‘ Differenzierungen auf bestimmte soziale Gruppen und Positionen im Raum der Lebensstile sowie auf Funktionen der sozialen Identitätsbildung (distinktive Praxen) zu beziehen. Die Relevanz dieses Ansatzes für die soziologische Forschung zu Phänomenen des Kulturkonsums folgend, nimmt Oliver Berli seine qualitativen Studien zu „musikalischen Geschmacksurteilen“ zum Anlass, die im Hören von Musik wirksamen sozialen Differenzen einer Prüfung zu unterziehen. Dies erfolgt im methodologischen Rahmen der ‚Grounded Theory‘ mit dem Ergebnis, dass die mit groben Genrebegriffen operierenden Klassifikationen des Musikgeschmacks aufgelöst und in eine mehrdimensionale „Theorie des unterscheidenden Hörens“ (376ff.) überführt werden.

Gegen den Mainstream der aktuellen Jugend- und Jugendkulturforschung, die weitgehend individualisierungstheoretische Argumentationsmuster präferiert, behauptet Nora Hoffmann die analytische Relevanz sozialstruktureller Faktoren. Auch ihre Untersuchungen zum habituellen Stil als „Ausdrucksform sozialer Ungleichheiten in Jugend-Szenen“ sind unverkennbar in dem Bourdieu´schen Koordinatensystem angesiedelt, ersetzen die dort angelegte Klassenbindung aber durch ein Ungleichheitskonzept, das – gestützt auf Gruppendiskussionen – soziallagenabhängige Codes in jugendkulturellen (Selbst)Stilisierungen herausarbeitet.

Diskussion

In ihrer Einleitung „Das Problem der Wissenssoziologie“ skizzieren Berger/Luckmann die fundamentale Rechtfertigung des Interesses der Soziologie an der Problematik von ‚Wirklichkeit‘ und ‚Wissen‘: Es ist die Tatsache der gesellschaftlichen Relativität, es sind offenkundige Unterschiede bzgl. dessen, was als ‚Wissen‘ gilt und wie ‚gewusst‘ wird, in welchen Strukturen und nach welchen Regeln Wissen verteilt ist und zugemessen wird. Mit anderen Worten: „Die Wissenssoziologie hat die Aufgabe, die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit zu analysieren.“ (Berger/Luckmann 1974: 3) Und im Vergleich all jener Aggregationsformen, in denen uns Wissen begegnet: Kenntnissen und Können, Meinungen, Einstellungen und Werthaltungen, Deutungen, Typisierungen und Orientierungen, Weltbildern, Ideen und Ideologien, Bräuchen, Mentalitäten und Mythen, um nur die üblichen zu nennen, „muss sich die Wissenssoziologie zu allererst fragen, was ‚jedermann‘ in seinem alltäglichen, nicht- oder vortheoretischen Leben ‚weiß‘. Allerweltwissen, nicht ‚Ideen‘ gebührt das Hauptinteresse der Wissenssoziologie, denn dieses ‚Wissen‘ eben bildet die Bedeutungs- und Sinnstruktur, ohne die es keine menschliche Gesellschaft gäbe.“ (ebda.: 16) Man muss sich dieser Grundkonfiguration der Wissenssoziologie erinnern, Thomas Luckmann folgend, den frühen (und lange Zeit vergessenen) Inspirationen zur „Lebenswelt des Alltags“ durch Alfred Schütz nachspüren und von hier aus, auf vertrauten Pfaden über Vertreter des symbolischen Interaktionismus und der Ethnomethodologie (Mead, Thomas, Goffman, Blumer, Garfinkel, Strauss), den Weg zu Foucault und Bourdieu zu finden – erst hier, am Endpunkt einer solchen Reise durch das Wissen der Wissenssoziologie und mit der Einsicht, dass Wissen und Sozialstruktur eine dialektische Einheit bilden, kann die Lektüre des von Berli/Endreß herausgegebenen Bandes Erkenntnisse generieren.

Die Schwäche dieser Publikation, nämlich weitgehend unverbundenes und zugleich voraussetzungsvolles Sammelwerk zu sein, dessen Elemente einer eher gewollten als inhaltlich überzeugenden Systematik untergeordnet werden, wird in der konkreten Verwendung zur Stärke: Sie fordert zum Nach- und Neulesen von Klassikern und Adepten heraus, sie inspiriert zu eigenen terminologischen Variationen im rezensierenden Schreiben, … weshalb Abfassung dieser Rezension auch etwas länger gedauert hat als vom Kollegen Kähler wohl erhofft. Und sie ermöglicht eigene gedankliche Brückenschläge: beispielsweise zu dem von Michel Foucault (1974) ins Spiel gebrachten Begriff der ‚episteme‘; zur Rezeption Bourdieus, etwa in den Streifzügen und Studien Sieghard Neckels; zum Konzept der Lebenslage, dessen programmatisches Versprechen, nämlich die mit den „äußeren Bedingungen in wechselseitiger Abhängigkeit sich entwickelnden kognitiven und emotionalen Deutungs- und Verarbeitungsmuster“ (Amann 1983) zu analysieren, auch nach 30 Jahren kaum eingelöst ist; oder zur Theorie und Empirie der politischen Kulturforschung, die sich mit politischem Alltagswissen (Berking/Hitzler/Neckel 1992), Ungleichheits- und Gerechtigkeitsorientierungen (Mau 1997, Lippl 2003, http://isjp.de/), der Akzeptanz von Ungleichheit und staatlicher Umverteilung (Dallinger 2007, 2009) oder Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat (Sachweh/Burkhardt/Mau 2009) auseinandersetzt.

In Anbetracht der hier nur exemplarisch skizzierten Brückenschläge, theoretischen Verknüpfungen und disziplinären Grenzüberschreitungen, aber auch angesichts der Unschärfen des Wissensbegriffs stellt sich die Frage nach den disziplinären Trennlinien der Wissenssoziologie, denn tatsächlich führen die in dem Buch aufgeführten Literaturverweise, folgt man ihnen nur lange genug, ad infinitum. Als Begrenzung fungiert eine doppelte Bestimmung: der theoretische Rekurs auf die o.g. Vertreter der Wissenssoziologie sowie, davon nicht zu trennen, die Festlegung auf qualitative sinnerschließende Methoden. Damit ist der konzeptionelle Rahmen hinreichend geschlossen, um die hier aufgeführten Analysen zu versammeln, aber auch offen genug, um Erweiterungen und Akzentverschiebungen anzuregen: vor allem eine wissenssoziologisch gefasste ‚Kritik des Alltagslebens‘ (Henri Lefebvre 1976). Eine solche Kritik könnte in drei Richtungen entfaltet werden:

  1. über eine verstärkte Beschäftigung mit sozialen Situationen, in denen Auseinandersetzungen über Deutungsfiguren und Legitimationshoheiten konflikthaft ausgetragen werden
  2. über Analysen zur Verwandlung subjektiver Wirklichkeiten, die sich vor allem „dem Problematischen“ (Schütz/Luckmann 1975: 27fff.) zuwenden, also der empirischen Fragestellung, unter welchen Bedingungen Plausibilitätsstrukturen zerfallen und (theoretische) Optionen eine „Neuauslegung (…) fragwürdig gewordener Horizonte“ (32) ins Bewusstsein treten
  3. über eine Forschungsausrichtung, welche die bei Berger/Luckmann aus der marxistischen Theoriebildung aufgenommene „Frage nach der Verdinglichung der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ (94) aufnimmt. Bourdieus Begriff der ‚symbolischen Gewalt‘ (Moebius/Wetter 2011) folgend, zielt ein solcher Forschungsansatz auf eine Dechiffrierung ökonomischer und sozialer Ungleichheiten. Deren bloß reflexhafte Skandalisierung ist analytisch wenig hilfreich. Erkenntnisleitend ist vielmehr die Frage, wie sich Botschaften, Codes und Ideologeme der Anerkennung oder Verschleierung von Herrschaftsverhältnissen in alltagsweltlichen Wissensbeständen einrichten und interaktiv reproduzieren.

Fazit

Aus der Sicht eines ‚Wissensvermittlers‘, der in den Untiefen einer sich sozialarbeitswissenschaftlich gerierenden Ausbildungspraxis sein Auskommen sucht, bietet der von Berli/Endreß herausgegebene Band im empirischen Teil vor allem methodologische Referenzpunkte. An diesen bestätigt sich eindrücklich, dass qualitative Sozialforschung über das Illustrieren mit „O-Tönen“ oder das Paraphrasieren von Interviewmitschnitten hinausgeht und ohne Referenztheorien nur reproduziert, was vorher schon gewusst oder gewollt wurde. Die Vermittlung wissenssoziologischer Referenztheorien dürfte indes oberhalb der Qualifikationsanforderungen liegen, welche die ‚Dublin Descriptors‘ für den Abschluss des ersten Zyklus (B.A.) vorsehen. Insofern ist die Publikation mir vor allem Aufforderung zur akademischen Selbstvergewisserung und zur disziplinären Standortbestimmung im alltäglichen „doing social work education“.


Rezension von
Prof. Dr. Dipl.-Soz. Joachim Döbler
Ostfalia, Fakultät Soziale Arbeit, BA-Studiengang „Soziale Arbeit“, MA-Studiengänge „Sozialmanagement“ und „Präventive Soziale Arbeit: Kriminologie & Kriminalprävention“
Homepage www.doebler-online.de


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Zitiervorschlag
Joachim Döbler. Rezension vom 12.05.2014 zu: Oliver Berli, Martin Endreß (Hrsg.): Wissen und soziale Ungleichheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2910-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15887.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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