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Helga Pelizäus-Hoffmeister: Zur Bedeutung von Technik im Alltag Älterer

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 08.04.2014

Cover Helga Pelizäus-Hoffmeister: Zur Bedeutung von Technik im Alltag Älterer ISBN 978-3-658-02137-5

Helga Pelizäus-Hoffmeister: Zur Bedeutung von Technik im Alltag Älterer. Theorie und Empirie aus soziologischer Perspektive. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 453 Seiten. ISBN 978-3-658-02137-5. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 75,00 sFr.
Reihe: Alter(n) und Gesellschaft - Band 24. Alter(n) und Gesellschaft.

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Thema und Autorin

Die vorliegende Publikation widmet sich dem viel beachteten Thema Alter und Technik, das mit dem demografischen Wandel besondere Brisanz erhält. Die meisten wissenschaftlichen Arbeiten nähern sich schwerpunktmäßig aus einer technikorientierten Sicht dieser Thematik und vernachlässigen soziale, individuelle und ethische Aspekte. Zudem fehlt eine Analyse der Wechselbeziehungen zwischen technischen und sozialen Bedingungen im Alltag Älterer.

Dieser Neuorientierung in der Herangehensweise an die Thematik hat sich die Autorin des Bandes, Dr. habil. Helga Pelizäus-Hoffmeister, Professorin an der Universität der Bundeswehr München, die hiermit ihre Habilitationsschrift vorlegt, verschrieben.

Aufbau

Das Buch ist nach einem Vorwort in vier inhaltliche Teile mit weiteren 15 Kapiteln und Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

Zu Teil I

Teil I „Einführung in das Thema“ wird mit dem ersten Kapitel „Einleitung“ begonnen. Hier wird die Systematik des Buches vorgestellt, wesentliche Begriffe geklärt und das Forschungsdesign beschrieben. Im Mittelpunkt der empirischen Untersuchung stehen die folgenden Forschungsfragen: 1. Wie realisieren Ältere den Umgang mit Technik im Alltag? 2. Herausarbeitung von konkreten Problemgruppen und -lagen. 3. Wie können diese Defizite abgebaut werden?

Kapitel zwei „Altern und Technisierung im Kontext der Modernisierung“ wird mit der Definitionsklärung, die sehr verständlich ist und der Verortung der Thematik eingeführt und es wird ein kurzer Überblick über die Entwicklung der Technisierung der Gesellschaft gegeben. Ein sehr hohes Alter zu erleben würde zur kollektiven Erfahrung generiert, so dass die Menschen aus dem eigenen Selbst Gewissheit, Kontinuität und Sinn schöpfen könnten (S. 38). Resümierend sollte festgehalten werden, dass sowohl das Altern als auch die Technisierung die individuelle und gesellschaftliche Wirklichkeit maßgeblich geprägt hätten, wobei allerdings beide Prozesse in der Wissenschaft unabhängig voneinander betrachtet würden.

Zu Teil II

Im Teil II „Internationales Forschungsfeld Alter und Technik“ soll geprüft werden, in welcher Art und Weise die Themen Alter und Technik in der Forschung, die bisher noch stark technikorientiert ist, miteinander verknüpft werden und wie letztlich erreicht werden kann, dass der Einsatz technischer Geräte die Selbstbestimmtheit und eine lange gesellschaftliche Partizipation Älterer ermöglichen kann.

Kapitel drei ist mit dem Thema „Technik als Hilfsmittel für Ältere“ überschrieben. Das Forschungsfeld Alter und Technik wurde in vier Zeitabschnitte unterteilt, die sich im Forschungsfokus stark voneinander unterscheiden. Die Frühphase in der Auseinandersetzung mit der Thematik hätte in den 80er Jahren begonnen und beschäftigte sich mit dem möglichen Einsatz von Technik zur Kompensation altersbedingter Einschränkungen. Die zweite Phase beträfe die Gerontotechnik, die zu Beginn der 90er Jahre etabliert wurde und das Bild des erfolgreichen Alters in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückte. Mitte der 90er Jahre begänne die dritte Phase, die auf den technischen Fortschritt der Informations- und Kommunikationsmedien zurückzuführen sei. Ab etwa dem Jahre 2000 könnte die Gerontotechnik als ein ausgereifter Forschungszweig bezeichnet werden (S. 94).

Zu Teil III

Im dritten Teil „Soziologische Perspektiven auf Alter und Technik“ soll mit Hilfe soziologischer Theorien ein umfassender konzeptueller Rahmen entwickelt werden, der den komplexen Charakter des technischen Handelns im Alltag Älterer verdeutlichen soll.

So folgt Kapitel vier zu „Theorieangebote und Techniksoziologie“, in dem zunächst der enge und weitere Technikbegriff geklärt wird. Grundlegend für Probleme von Technik im Alter sei das Verständnis von Technik als einer „sozialen Institution“ (als technisches Gerät, zu realisierendes Handlungsmuster verstanden), denn Technik wird einerseits sozial konstruiert (harte Handlungsumgebungen) und andererseits als sozial einwirkend beschrieben (S. 133).

Das fünfte Kapitel widmet sich der Thematik „Theorieansätze aus der Alter(n)ssoziologie“. Hier wird versucht zu erklären, wie sich die spezifischen Altersbilder auf die alltäglichen Handlungspraxen der Älteren und damit auf ihren Umgang mit Technik auswirken.

Das sechste Kapitel ist überschrieben mit „Ungleichheitssoziologische Perspektiven auf Alter und Technik“, in dem diskutiert wird, ob ein erfolgreicher Umgang mit Technik als eine „neue“ ungleichheitsrelevante Dimension konzeptualisiert werden könnte. Es wird darauf verwiesen, dass Lebenslagen eingeschränkte Spielräume zur Realisierung von Lebenschancen seien zu denen grundlegende Qualifikationen im Umgang mit Technik gehörten, die mit darüber entscheiden, ob die Anforderungen des alltäglichen Lebens effektiv gestaltet werden können (S. 152). Ein nicht erfolgreicher Umgang mit Technik könnte als neue Determinante sozialer Ungleichheit verstanden werden.

Das Konzept alltäglicher Lebensführung (ALF)“, das im siebenten Kapitel thematisiert wird, dient als so genanntes „missing link“, um Makro- und Mikroebene zu verknüpfen, in dem das technische Handeln Älterer „eingelassen“ sei. Mit diesem Konzept sei es möglich, die Vermittlung zwischen Struktur- und Handlungsebene sichtbar zu machen.

Das Rahmenkonzept“ wird auf einer Seite im achten Kapitel vorgestellt, das dazu dienen soll, empirische Untersuchungen zu ermöglichen, die darauf abzielen, Anhaltspunkte für eine bessere Integration von Technik im Alltag Älterer zu eruieren.

Zu Teil IV

Mit dem IV. und damit letzten Teil „Neue Perspektiven auf Alter und Technik“ wird beginnend mit Kapitel neun „Konzeption der empirischen Untersuchung“ das gesamte Forschungsdesign der Habilitationsschrift vorgestellt. Insbesondere geht es um den Wohnalltag und hier um die Bereiche Gesundheit/Pflege, Freizeit/Kommunikation und Haushalt/Wohnen. Das Forschungsdesign besteht aus Experteninterviews von Sozialen Experten (N = 10) aus der Praxis und narrativen Interviews mit Älteren (w = 18, m = 13).

Im Kapitel zehn folgen dann die „Ergebnisse der Expertenbefragung“. Es wird festgestellt, dass es innerhalb der Gruppe Älterer wesentlich größere Unterschiede hinsichtlich der Technikkompetenz als zwischen jüngeren und älteren Menschen gibt. Verblüffend ist das Ergebnis, Frauen verfügten in diesem Forschungssample über eine höhere Technikkompetenz als Männer, wobei die Autorin selbst die Möglichkeit eines systematischen Bias in der Befragtengruppe thematisiert.

Die „Verjüngung des Alters durch Technik“ wird in Kapitel 11 in den Blickpunkt genommen. Diese These wird durch zwei gegensätzliche Prozesse gestützt: einerseits fühlen sich Ältere vom chronologischen Alter her etwa zehn Jahre jünger, andererseits erleben sie sich bezüglich der Technikanwendung als alt. Verjüngung des Alters meint auch, dass die Altersprobleme vorverlegt werden und zwar in eine Lebensphase, in der sie sich selbst noch nicht zu den Alten zählen, obgleich es ihr chronologisches Alter anzeigt. Insofern wird mit der Technik von heute ein hoher Betreuungsbedarf Älterer assoziiert, weil sie sich der neuen Technik unterlegen fühlten (S. 216). Daraus entstehe ein neues Abhängigkeitsverhältnis zu den Kindern auch aus schwer zu erreichenden Beratungsangeboten von professioneller Seite (Händler, Produzenten) her, so dass vorschnell argumentiert werde, sie brauchten diese neue Technik nicht.

Das 12. Kapitel widmet sich der „(Ent-)Strukturierung des Alltags durch Technik“. Hier werden durchaus gravierende Unterschiede in der technischen Nutzung zwischen Jung und Alt thematisiert. Das zeige sich insbesondere an der Ausweitung sozialer Netzwerke, am Gebrauch von Handys etc. Mit entstrukturierter Technik, die ergebnisoffen ist, weil sie nicht einer eindeutigen Verwendung (beispielsweise wie der Kühlschrank) verpflichtet ist, lehnen Ältere ab. Sie unterscheiden immer zwischen der alten Technik, die sie selbst bedienen können, indem sie die Gebrauchsanweisung lesen und neuer Technik, die sich nur aus letzteren nicht mehr erschließen lässt (S. 281). Ältere benötigten Technik, die eine bessere Kontrolle des Alltags ermöglichen, während sie bei Jüngeren soziale Bedürfnisse befriedigen sollte. Auch hinsichtlich der Genderproblematik eruiert die Autorin interessante Effekte aus der empirischen Studie. Perspektiven wie der unterschiedlichen Nutzung von Technik entsprochen werden kann, gibt es viele. Sinnvoll wäre ein „Design for All“ bzw. das „Universal Design“, besser verständliche Bedienungsanleitungen, die eine knappe und längere Version enthalten sollten und in der ungefähre Zeitangaben für die Einarbeitungszeit enthalten sein sollten. Des Weiteren sollten kostengünstige Hotlines existieren, die auch Fragen von technisch weniger Kompetenten beantworten können. Ein Gerät sollte immer von Nutzern selbst abgeschaltet werden können, um dem Kontrollbedürfnis der Älteren zu entsprechen. Die sinnhafte Struktur neuer Technik sollte besser an die Wissensbestände der Älteren anknüpfen, um ihr einen konkreten Sinn und Zweck zuordnen zu können. Es sollte auch darauf verwiesen werden, dass neue Technik nicht vollständig durchschaut werden muss und dass der höhere Unterstützungsbedarf auf die Komplexität der Geräte zurück zu führen sei und nicht auf eine mögliche Überforderung der Älteren. Neue Technik ließe sich dann in den Alltag integrieren, wenn sie sich problemlos an bestehende Strukturen anpassen lässt und auch für kleinere Wohnungen geeignet sei (S. 293).

Kapitel 13 „Handlungsorientierungen beim Technikeinsatz“ verschreibt sich der Thematik, welche Handlungsorientierungen darüber entscheiden, ob Ältere Technik einsetzen und welche Deutungsmuster darüber entscheiden. Aus der empirischen Studie lassen sich verschiedene Cluster zur Typenbildung bilden, die Palizäus-Hoffmeister auf zunächst zwei reduziert: ein Typus nennt sich „Herrschaft über Technik“, der andere „Technik als Leidenschaft“, Beide verfügten über einen ziemlich spezifischen Zugang zur Technik (S. 335).

Das 14. Kapitel „Technisches Handeln und Genderlogik“ widmet sich geschlechtsspezifischen Differenzierungen im Umgang mit Technik. Die zentrale Aussage dabei dürfte sein, dass heute nicht mehr die klassische Genderlogik allein Bestand habe, sondern dass von De-Gendering-Prozessen auszugehen ist. Dennoch seien in Partnerschaften lebende Frauen technikferner, so dass Technik spezifisch für ältere Frauen, die lange alleinlebend sind, entwickelt werden sollte.

Im letzten und 15. Kapitel „Alter und Technik: ein Resümee“ werden die Ziele, die mit der Habilitationsschrift verbunden waren, noch einmal verdeutlicht. Auf zwei Phänomene ist diesbezüglich hinzuweisen: auf das zunehmende Altern und auf die Bedeutung der Technisierung in spätmodernen Gesellschaften, wobei beide Phänomene als Domestizierungsprozesse – als das Zähmen bzw. Optimieren der Möglichkeiten, die uns Natur und Körper bieten – gedeutet werden (S. 385). Es werden eine Reihe von Interventionsmöglichkeiten benannt, die zum erfolgreichen Technikeinsatz Älterer beitragen könnten.

Fazit

Die vorliegende Habilitationsschrift hält, was sie verspricht. Obgleich sie einem wissenschaftlichen Sprachhabitus verpflichtet ist, sind die gesamten Ausführungen sprachlich außerordentlich verständlich, so dass auch weniger wissenschaftlich ambitionierten Lesern der Zugang erleichtert wird. Dazu tragen die klaren Strukturierungen bei – zunächst vor jedem Kapitel eine Einführung, die auf die spezifischen Forschungsfragen vorbereiten soll, danach theoretische Erörterungen zum Thema und letztlich neue Perspektiven, die in einem Fazit enden. Hervorzuheben sind auch die zusammenfassenden Grafiken, die das Rahmenkonzept bilden und den technischen Einsatz von bestimmten wissenschaftlichen Artefakten verdeutlichen sollen. Diese Publikation wartet mit vielen unkonventionellen empirischen Ergebnissen auf, kann der Techniksoziologie neue Impulse verleihen und kann letztlich vielen technisch interessierten Menschen ein gewisser Ratgeber sein, die Scheu vor neuer Technik auch bei Älteren abzubauen.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 199 Rezensionen von Gisela Thiele.

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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 08.04.2014 zu: Helga Pelizäus-Hoffmeister: Zur Bedeutung von Technik im Alltag Älterer. Theorie und Empirie aus soziologischer Perspektive. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-02137-5. Reihe: Alter(n) und Gesellschaft - Band 24. Alter(n) und Gesellschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15889.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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