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Christoph Schefold: Das Regime verkehrter Toleranz

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann, 07.08.2014

Cover Christoph Schefold: Das Regime verkehrter Toleranz ISBN 978-3-428-14120-3

Christoph Schefold: Das Regime verkehrter Toleranz. Untersuchungen zu John Rawls, Rainer Forst und aktuellen Fragen. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2013. 641 Seiten. ISBN 978-3-428-14120-3. D: 68,90 EUR, A: 70,90 EUR, CH: 89,00 sFr.
Reihe: Beiträge zur politischen Wissenschaft - Band 177.

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Thema

Es geht primär um die Beschäftigung mit den Schriften von John Rawls und dessen liberal orientierter Moralphilosophie, die der Autor wiederum an den Überlegungen von Nikolaus von Kues und Jaques Maritain misst. Dabei stellt Schefold sich die Frage, ob das was exponierte Vertreter der Moralphilosophie zum Beispiel zur Toleranz zu sagen haben auch tatsächlich mit dem diesbezüglichen Denken der Bürger deckungsgleich ist, oder ob letztere einfach nur umzudenken haben? Seine offenkundig recht kritische Haltung gegenüber Rawls wie auch gegenüber Forst entzündet sich wiederum an dem von ihm zugespitzten Toleranz-Begriff. Zudem werden schließlich aktuelle Fragen im Zusammenhang mit der Denkweise der beiden Moralphilosophen aufgeworfen.

Autor

Christoph Schefold ist habilitierter Jurist speziell bezüglich der Rechtsphilosophie und der Methoden der Rechtswissenschaften; er lehrte als Professor sowohl an der Juristischen Fakultät der LMU München wie auch an der Hochschule für Politik in München und an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg. Schefold erhielt zudem den Theodor-Körner-Förderpreis.

Entstehungshintergrund

Das Buch geht offensichtlich auf eine gewisse Unzufriedenheit mit der moralphilosophischen Auseinandersetzung mit der modernen Demokratie hinsichtlich deren Ideen und Prinzipien zurück. Dabei hat der Autor insbesondere die Wertvorstellungen bezüglich Gerechtigkeit und Toleranz, aber auch von Gleichheit und Freiheit im Visier.

Aufbau

Schefolds Werk gliedert sich in drei Hauptteile auf.

  1. Der erste Teil wendet sich den von ihm so genannten Konsensmethoden des politischen Liberalismus von John Rawls und den alternativen Vorstellungen bezüglich einer ‚einwandfreien Demokratie‘ bei Nikolaus von Kues (1401 – 1464, Philosoph, Theologe und Mathematiker; er gilt als einer der ersten deutschen Humanisten und wurde zum Kirchenfürsten) und Jaques Maritain (1882 – 1983, französischer, vorwiegend in den USA lehrender Philosoph und dem Gedankengut von Thomas von Aquin verpflichtet) zu.
  2. In einem zweiten Teil geht es einerseits um ein ‚Forum der Vernunft‘, zum einen bezogen auf die Gerechtigkeitsargumentation von Ilmar Tammelo zum anderen die Konzeption politischer Werte bei John Rawls und alternativer Vorstellungen betreffend; andrerseits werden die Kontexte und Konstrukte einer diskursethischen Toleranztheorie von Rainer Forst (Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M.) und mögliche Alternativen dazu untersucht.
  3. Im dritten und letzten Teil der Arbeit unternimmt es der Autor im Zusammenhang mit einer sogenannten Rechtfertigungsdemokratie Untersuchungen zu Forst und sich daraus ergebenden Fragen vorzunehmen.

Den Abschluss bilden ein auf eine vermeintlich ‚gerechte‘ Toleranz bezogener Ausblick, sowie ein Literatur- und Sachwortverzeichnis.

Inhalt

Im Zusammenhang mit der Deklaration einer sogenannten ‚einwandfreien Demokratie‘ wendet sich der Autor im ersten Teil des Buches den Konsensmethoden des ‚politischen Liberalismus‘ bei John Rawls zu, indem er dessen Hauptwerk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ hinsichtlich dessen Gerechtigkeitstheorie untersucht. Nach einer ausführlichen Darlegung der diese Theorie tragenden Prinzipien unternimmt es Schefold die Vertragstheorie (insbesondere hinsichtlich der Annahme eines ‚Urzustandes‘ seitens Rawls) zu zerpflücken. Er nennt den ‚Urzustand‘ „ein reines Modell hauptsächlich von zwingenden Anfangsbedingungen für einen erstmaligen, einvernehmlichen und allgemeinverständlichen Beschluß zur Gerechtigkeit“ (S. 27) – und trifft damit wohl die tatsächliche Intention von Rawls. Er sieht aber zugleich die Akteure des ‚Urzustands‘ als „Puppen“, die aus einer von „reiner Selbstlosigkeit und kruder Selbstsucht gereinigten Rationalität agieren“ (ebd.). In kritischer Manier werden die einzelnen Prinzipien der Rawls´schen Gerechtigkeitstheorie im weiteren Verlauf der Arbeit beleuchtet und auf deren methodische Fragwürdigkeit verwiesen.

Des weiteren geht es um die idealen Möglichkeiten hinsichtlich der Toleranz, um die Frage nach den Gegebenheiten und den Bedingungen einer Konsensfindung, um Konkordanz, Pluralismus, oder darum, warum bei Rawls das Ungleichverhältnis zwischen reinster Theorie und rauer Wirklichkeit besteht; es werden Alternativen zu einem übergreifenden Konsens gesucht und auf die Angreifbarkeit einer quasi „immunisierten Theorie“ (S. 144) hingewiesen. Weiterhin verweist der Autor darauf, dass es bereits Jaques Maritain gewesen sei, der bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang mit der Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen darauf hingewiesen habe, dass für den modernen Pluralismus ein übergreifender Minimalkonsens nötig sei, somit die Rawls´sche theoretische Überlegung nicht neu sei (S. 160).

In einem zweiten Teil des Werkes gründet der Autor quasi ein ‚Forum der Vernunft‘ um am besten der Frage nach der Gerechtigkeit nachgehen zu können. „Gerechtigkeit ist ein schönes Wort … Thesen zu ihr treffen nur ausnahmsweise den Nagel auf den Kopf.“ (S. 178) Schefold glaubt, dass man sich über Gerechtigkeit am ehesten mit Hilfe von Argumentation in einem Forum der Vernunft klar wird. Und so greift er die Argumentation zur Gerechtigkeit bei Ilmar Tammelo (1917 – 1982, Professor für Rechtsphilosophie an der Universität Salzburg und einer der Begründer der Rechtslogik und der Rechtsinformatik im deutschsprachigen Raum) wie auch – zumindest in der Kapitelüberschrift – die Argumentation bei Rainer Forst auf.

Hinzu treten Darstellung und Alternativen des Forums der vernünftigsten Konzeption politischer Werte bei Rawls, indem unter anderem sowohl ein Basiskonsens wie auch „fragwürdige Notbehelfe“ (S. 193) eruiert werden; des weiteren werden politische Werte an den tatsächlichen Verfassungsinhalten gemessen. Im Hinblick auf nichtpolitische Werte (die Schefold wohl im Zusammenhang mit sozialen und ökonomischen Problemen sieht), also Werte, die nach Ansicht des Autors u. a. auch bei übergeordneten Maßstäben der Kultur des Landes und seiner Verfassung (vgl. S. 217) zur Geltung gebracht werden müssten, erkennt er eine Notwendigkeit hinsichtlich einer angemessenen Orientierung, einer Beschränkung einer Freiheit rücksichtslosen Dominierens und einem In-die-Schranken-weisen der rechtlich festgelegten Kompetenzen des Staates. Der Autor befasst sich des weiteren mit einer manipulierenden Wertverwendung im Zusammenhang mit der Abtreibungsproblematik, indem er Rawls in gewisser Weise Scheinheiligkeit in dessen Argumentation zu diesem Thema, insbesondere zur Forderung nach politischer Gleichheit, unterstellt (S. 239 ff.). Im weiteren Verlauf des zweiten Teils kommen weitere Gedanken zur Fragwürdigkeit der Verwendung des Mehrheitsprinzips, zu disponiblen Grenzen des öffentlichen Vernunftgebrauchs bei Rawls, oder zur Frage nach der Ersatzmoral in einem vernunftorientierten Handeln des Verfassungsgerichts zum Ausdruck.

Schefold wendet sich einem dritten Kapitel schließlich den Kontexten und Konstrukten einer diskursethischen Toleranztheorie bei Rainer Frost zu. Er arbeitet unter anderem heraus, dass sich das Denken der beiden Philosophen grundsätzlich dadurch unterscheidet, dass Rawls beispielsweise seiner Gerechtigkeitskonzeption eine politische Orientierung verleiht, während Forst hingegen seinem Gerechtigkeitsverständnis eine zutiefst moralische Qualität zuweist. Unter Abwägung der liberalphilosophischen Vorstellungen von Rawls und den diskursethisch geprägten Überlegungen von Forst werden anschließend diverse Facetten – als da beispielsweis sind: Pluralismus, Wertschätzung, Akzeptanz, oder aber Diskriminierung – zum Toleranzbegriff abgehandelt.

Der letzte Teil des Werkes beschäftigt sich auf der Basis von Untersuchungen zu Rainer Forst mit der sogenannten ‚Rechtfertigungsdemokratie‘. Auch wenn der Mensch ein vernunftbegabtes, mit Sprache ausgestattetes Wesen sei, so sei er aber auch mit Mängeln ausgestattet und ein ‚politisches‘ Wesen (vgl. S. 488), das deshalb als ein „Rechtfertigungswesen“ angesehen werden müsse. Der Mensch werde zur zweifachen Rechtfertigungsfigur, die sowohl dem ethisch Guten und dem moralisch Richtigen gerecht zu werden habe. Den Rahmen für das Ganze bildet eine Rechtfertigungsordnung, also wohl im Sinne einer Rechtfertigungsdemokratie.

Auch hier spielen im Zusammenhang mit der diskursethischen Orientierung von Forst unter anderem die Menschenrechte wie auch die Menschenwürde eine – nach Schefold - vereinnahmende Rolle.

Das zweite Kapitel dieses Teils nennt Eigenwilligkeiten einer politisierten Diskursethik, zweifelt zum Beispiel an der Objektivität einer „Diskurs-Chimäre“ (S. 527) oder geißelt die Begründungsmacht von Rechtfertigungsautoritäten ebenso wie es eine verkürzte Sichtweise des Sozialen, der Würde und der Moral zu erkennen glaubt, indem etwa eine Reduzierung der sozialen Gerechtigkeit auf das Emanzipatorische postuliert wird. Es folgt unter anderem eine Auseinandersetzung mit den „Folgen einer Denkweise der Rücksichtslosigkeit“, indem zunächst auf die ruinösen Auswirkungen auf den Verfassungsstaat infolge einer permanenten Revision gerade im Hinblick auf die diskursethischen Thesen von Forst hingewiesen wird; zudem wendet er sich abschließend gegen einen zumindest bei Forst im Gegensatz zu Rawls nach Auffassung des Autors durchscheinenden ‚pejorativen Paternalismus‘ im Sinne einer entwürdigenden Bevormundung, wenngleich für Schefold offensichtlich die Modernisierung im Sinne von gesellschaftlicher Emanzipation bzw. moralischer Modernisierung das größere Übel gegenüber dem Paternalismus darzustellen scheint (vgl. S. 586 ff.).

Diskussion

Ausgehend von dem sicher ungewöhnlichen Titel des Werkes baut sich eine gewisse Erwartungshaltung auf, noch dazu, wo es um Untersuchungen zu John Rawls – aber auch zu Rainer Forst – geht, die mit bestimmten Alternativtheorien anderer Denker, wie etwa Nikolaus von Kues oder Jaques Maritain konfrontiert werden. Allerdings wird schnell eine grundlegende Ablehnung der theoretischen Konzepte des Neoliberalisten Rawls sehr deutlich erkennbar, wobei nicht selten die jeweilige Begründung wegen mangelnder Stringenz und übermäßiger Argumentationsfülle zu verwirren vermag. Oftmals beeinträchtigen lange und überfrachtete Sätze, zusätzlich zu den Fußnoten im Text eingefügte Hinweise sowie eine durchaus komplizierte Stilführung sowohl die Lesbarkeit wie auch die Verständlichkeit des Werkes, was sich wiederum auf die Nachvollziehbarkeit der inhaltlichen Gestaltung erschwerend auswirkt. Eine adäquate Bewertung des Werkes wird dadurch keineswegs erleichtert.

Fazit

Das Buch von Schefold ist keine leichte ‚Kost‘; es wirkt aufgrund der Materialfülle ziemlich überfrachtet und vermittelt deshalb den Eindruck, dass eine straffere und klarere Argumentationsführung sowohl der Themenbearbeitung wie auch der inhaltlichen Ausführung förderlicher wäre. Dennoch bietet es gerade deshalb für all jene Leser, die vertieft in die Materie eindringen möchten, genügend Stoff, um sich mit Rawls und Forst etc. intensiver auseinandersetzen zu können.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor (em.) für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Es gibt 85 Rezensionen von Peter Eisenmann.

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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 07.08.2014 zu: Christoph Schefold: Das Regime verkehrter Toleranz. Untersuchungen zu John Rawls, Rainer Forst und aktuellen Fragen. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2013. ISBN 978-3-428-14120-3. Reihe: Beiträge zur politischen Wissenschaft - Band 177. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15891.php, Datum des Zugriffs 19.06.2024.


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