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Karl-Heinz Meier-Braun, Reinhold Weber (Hrsg.): Deutschland Einwanderungsland

Cover Karl-Heinz Meier-Braun, Reinhold Weber (Hrsg.): Deutschland Einwanderungsland. Begriffe - Fakten - Kontroversen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 255 Seiten. ISBN 978-3-17-022326-4. 19,90 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-031864-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema und Aktualität

Deutschland hat eine lange Geschichte als Ein- und Auswanderungsland. Leider wurden die Themen Einwanderungs- und Integrationspolitik oft für innenpolitische Zwecke missbraucht. Demografische Veränderungen Deutschlands fördern jetzt die Bereitschaft, sich diesen Themen aus neuen Perspektiven zu nähern. Insofern kann man den Autoren nur zustimmen, wenn sie schreiben, dass sich in den letzten Jahren nur wenige Politikfelder so dynamisch entwickelt haben, neue politische Instrumentarien und Institutionen geschaffen und ideologische Gräben teilweise zugeschüttet wurden (S. 13).

Es waren wohl insbesondere Ideologien, die dazu führten, dass in Deutschland die notwendige gesellschaftliche Auseinandersetzung um Einwanderung und Integration nicht stattfand und heute oft mit Erstaunen festzustellen bleibt, wie wenig Wissen über Einwanderer und bewährte Integrationsmaßnahmen strukturiert vorliegt. Dieser Umstand zeugt von schweren und parteiübergreifenden politischen Versäumnissen. Insbesondere weil, so Meier-Braun (S. 17) „die politisch Verantwortlichen in den Ministerien sich schon in den 1960er-Jahren durchaus bewusst waren, dass Einwanderung stattfindet und damit Integrationsprobleme verbunden sein würden.“

Umso interessanter ist der Ansatz der Herausgeber, zahlreiche Autoren (unter denen nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ zu finden sind) aus unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Bereichen zu versammeln und um Beiträge zu Stichworten zu bitten. Das Ergebnis ist ein interdisziplinäres und sehr lesenswertes Buch, das zahlreiche aktuelle gesellschaftspolitische Debatten in Deutschland aufgreift. Dabei ist es insbesondere die Behandlung von Flüchtlingen, die verdeutlicht, wie sehr notwendige Diskussionen auch über gesellschaftliche Werte und Verantwortung zu führen sind (S. 26 f.).

Ziel des Buches ist es, so die Herausgeber, gesellschaftliche Debatten, praktische Politik „auf allen Ebenen“ und über berufliches bis ehrenamtliches Engagement hinweg für differenzierte Information zu sorgen (S. 13). Damit verbinden Herausgeber und Autoren die Hoffnung, dass Informationen zu einer Versachlichung öffentlicher Diskussionen beitragen.

Autoren und Autorinnen

Angesichts von 46 Autoren, die an den 63 Abschnitten des Buches mitwirkten, werden hier lediglich die Herausgeber und die Autoren der behandelten Abschnitte vorgestellt.

Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun ist Honorarprofessor für Politikwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Leiter der Fachredaktion SWR International beim SWR und Integrationsbeauftragter des Senders sowie Vorstandsmitglied im Rat für Migration.

Dr. Reinhold Weber ist Mitglied im Rat für Migration, Publikationsreferent bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und Lehrbeauftragter am Seminar für Zeitgeschichte der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Dr. Marina Liakova ist stellvertretende Direktorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Transdisziplinäre Sozialwissenschaften der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Dr. Hans Dietrich von Loeffelholz ist Chefökonom und Leiter des Forschungsfeldes zu Wirtschaftswissenschaftlichen Zusammenhängen der Migration und Integration beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Prof. Dr. Jochen Oltmer ist Professor für Neueste Geschichte und Vorstand des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber wählten einen innovativen Ansatz zur Annäherung an das Thema, indem sie eine breite Palette an Autoren zur Mitwirkung einluden. Damit war es ihnen möglich, der Vielschichtigkeit der Diskussion gerecht zu werden.

Nach dem Stichwortverzeichnis (das sehr angenehm an den Anfang der Publikation gelegt wurde), einem Vorwort der Herausgeber und der Einleitung (Karl-Heinz Meier-Braun) ist das Buch in folgende Kapitel gegliedert: „Grundlagen und Geschichte“, „Zuwanderergruppen“, „Wirtschaft und Recht“, „Gesellschaft und Religion“, „Integrationspolitik und politische Teilhabe“, „Begriffe und Kontroversen“, eine Vorstellung der Autoren und Autorinnen sowie einem Abbildungsnachweis.

Die Kapitel sind in 63 relevante thematische Abschnitte gegliedert und reichen von A wie „Ältere Migranten in Deutschland“ (Cüneyt Özadali) bis Z wie „Zuwanderung und Integration im demokratischen Verfassungsstaat“ (Dieter Oberndörfer). Im Rahmen dieser Rezension können weder die Abschnitte einzeln aufgeführt, noch alle Autoren vorgestellt werden. Im Übrigen gestattet die Strukturierung eine thematische Erweiterung im Rahmen folgender Auflagen. So bieten sich z.B. die Integration von Einwanderern in peripheren Räumen oder adäquate politische Kommunikation als integrationspolitische Themen an.

Ausgewählte Inhalte

Exemplarisch behandelt werden die drei Abschnitte „Migrationstheorien“ (Marina Liakova), „Arbeitsmarkt, Fachkräftemangel und Anerkennungsgesetz“ (Hans Dietrich von Loeffelholz) und „Einwanderungsland Bundesrepublik Deutschland“ (Jochen Oltmer).

Migrationstheorien“ (Marina Liakova)

Die Autorin vermittelt einen sehr komprimierten Überblick über unterschiedliche theoretische Erklärungsansätze – und verdeutlicht damit gleich, woran es diesen Theorien fehlt: Sie sind in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen verankert und eben nicht interdisziplinär. Menschen entscheiden aber nicht nach Wissenschaftsdisziplinen und – im Regelfall – auch nicht monokausal. „Wer nur einen Hammer hat, sieht aber überall nur Nägel“ ist eine Erkenntnis, die vor Wissenschaftlern nicht Halt macht. Die Differenziertheit von Migrationsmustern kann deshalb nur begrenzt aus Sicht einer Wissenschaftsdisziplin verstanden werden.

Am Beispiel des makroökonomischen Ansatzes lässt sich die Begrenzung verdeutlichen. So vernachlässigt die Betrachtung von „Ungleichheiten zwischen den Arbeitsmärkten einzelner Länder“ (S. 35), wie z.B. Arbeitslosenquote, Bruttoinlandsprodukt, Reallohndifferenzen den sozialen Kontext der Wanderungsentscheidung. Für Migranten kann es aber sowohl von Bedeutung sein zu wissen, um wie viel höher der eigene Lohn ist, als auch, ob der mitreisende Partner ebenfalls Arbeit findet, die Kinder einen Ausbildungsplatz erhalten oder wie stark sich die Lebenshaltungskosten von Herkunfts- und Zielgesellschaft unterscheiden. Denn was hilft eine individuelle Lohnsteigerung, wenn sie durch den Verlust des Partnereinkommens, deutlich höhere Lebenshaltung oder gesteigerte Transaktionskosten (Sprachkurse, Anpassungsqualifikationen, Verwaltungskosten usw.) überkompensiert werden? Menschen entscheiden schließlich im Rahmen konkreter sozialer Kontexte. Ein solches Entscheidungsverhalten eignet sich nur begrenzt für monokausale Erklärungen (S. 37).

Arbeitsmarkt, Fachkräftemangel und Anerkennungsgesetz“ (Hans Dietrich von Loeffelholz)

Der Beitrag ist schon allein dadurch eine Bereicherung, dass er zeigt wie viel stärker, verglichen mit der Herkunftsgesellschaft, geschlechtsspezifische Unterschiede auf die Erwerbstätigkeit wirken. Es ist für die Aufnahme einer abhängigen Beschäftigung also eher nachrangig, wo jemand herkommt, als vielmehr welches Geschlecht er oder sie hat.

Aus dem Umstand, dass der Autor dem Preis als Knappheitsindikator eine Regulierungsfunktion auf Märkten zugesteht (S. 100), können sich jedoch noch große Probleme für strukturschwache Regionen ergeben. Denn als Folge der Binnenwanderung leiden diese Räume und die in ihnen vorwiegend ansässigen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) am stärksten unter einem Mangel an Fachkräften und sind kaum in der Lage, diesen Wettbewerbsnachteil gegenüber strukturstarken Räumen oder Großunternehmen über höhere Löhne auszugleichen.

Auch das vom Autor angeführte Beispiel des Gesundheitssektors mit seinen überwiegend unattraktiven Arbeitsbedingungen (Lohnniveau, Arbeitszeiten, physische und psychische Belastungen) zeigt, dass allein Lohndifferenzen kaum geeignet sind, Fachkräfte zur Einwanderung zu bewegen. Gleichwohl sind ausländische Fachkräfte notwendig, um neben anderen Maßnahmen (z.B. Erhöhung des Renteneintrittsalters, Wiedereingliederung Arbeitsloser usw.) einen Beitrag zum Fachkräftemangel in Gesundheitsberufen zu leisten (vgl. Ostwald et al. 2010).

Insbesondere für KMU und periphere Räume Deutschlands sind dabei neue Anwerbe- und Integrationsstrategien zu entwickeln, um ein wirtschaftliches und soziales Auseinanderdriften unterschiedlicher Regionen zu lindern und die Transformationserfolge im vereinigten Deutschland zu festigen.

Einwanderungsland Bundesrepublik Deutschland“ (Jochen Oltmer)

Sehr aufschlussreich differenziert der Autor zu Beginn seines Beitrags die Begriffe „Einwanderung“, „Zuwanderung“ und „klassisches Einwanderungsland“. Er verdeutlicht damit die ideologische – und oft wirklichkeitsfremde – Nutzung der Begriffe. Denn bereits „die Römischen Verträge von 1957 formulierten … das Ziel der Freizügigkeit aller Bürger der Mitgliedsstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ (S. 226).

Unabhängig davon entschieden unterschiedlichste Bundesregierungen gegen das proklamierte Ziel „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ (S. 225) indem sie z.B. Aussiedler, Spätaussiedler, jüdische Kontingentflüchtlinge, ungarische (1956) oder vietnamesische (1979/80) Flüchtlinge aufnahmen.

Diskussion

Die facettenreiche Annäherung an die Themen Einwanderung und Integration sind eine Bereicherung für dringend nötige gesellschaftspolitische Diskussionen. Es ist ein besonderer Verdienst zahlreicher Autoren, auf die Inkonsistenz deutscher Einwanderungspolitik und der politischen Kommunikation hinzuweisen.

Es scheint, als hätte die Dramatik demografischer Veränderungen den Handlungsdruck auf gesellschaftspolitische Akteure verschärft und diese längst überfällige Debatte befeuert.

Dabei, so Meier-Braun (S. 25), geht es „…nicht darum, Migranten ‚einen Gefallen zu tun‘, sondern es geht um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft“. Und dazu leistet dieses Buch einen Beitrag. Welche Werte unsere Gesellschaft verbinden, entscheidet sich nämlich auch daran, wie wir mit Flüchtlingen umgehen (zumal, wenn sie in Folge von auch durch uns verursachten Klimaveränderungen zu uns kommen).

Der von den Herausgebern gewählte breite thematische Ansatz vermittelt einen Eindruck vom Facettenreichtum dieses Politikfeldes und lädt zu ständiger – auch wissenschaftstheoretischer – Weiterentwicklung ein.

Fazit

Die Einschätzung (Meier Braun, S. 25), dass Deutschland die Bedeutung einer Willkommenskultur unter- und seine Attraktivität als Einwanderungsland überschätzt, bestätigen zahlreiche Autoren und Autorinnen aus dem konkreten Blickwinkel ihrer Kompetenzen voll und ganz. Es bleibt zu wünschen, dass sich dieser Erkenntnisprozess nach langen Lernschleifen bis zu verantwortlichen Politikern und anderen gesellschaftlichen Multiplikatoren durchsetzt. Denn nur so kann der wünschenswerte und notwendige Zusammenhalt unserer Gesellschaft verbessert werden (S. 25).

Literatur

  • Ostwald, Dennis/ Tobias Ehrhard/ Friedrich Bruntsch/ Harald Schmidt/ Corinna Friedl 2010: Fachkräftemangel. Stationärer und ambulanter Bereich bis zum Jahr 2030. PriceWaterhouseCoopers (Hrsg.). Frankfurt a. M.

Rezension von
Dr. Andreas Siegert
Fachhochschule für Ökonomie und Management (Studienort Berlin)


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Zitiervorschlag
Andreas Siegert. Rezension vom 27.01.2014 zu: Karl-Heinz Meier-Braun, Reinhold Weber (Hrsg.): Deutschland Einwanderungsland. Begriffe - Fakten - Kontroversen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-022326-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15894.php, Datum des Zugriffs 14.04.2021.


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