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Viktoria Spaiser: Neue Partizipationsmöglichkeiten?

Cover Viktoria Spaiser: Neue Partizipationsmöglichkeiten? Wie Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund das Internet politisch nutzen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 355 Seiten. ISBN 978-3-7799-2461-6. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Jugendforschung.
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Thema

Mit dem Aufkommen und dem Siegeszug neuer Informations- und Kommunikationstechnologien seit den 1980er Jahren waren immer wieder Hoffnungen verbunden, sie (vor allem aber das Internet) würden, wie die Verfasserin des vorliegenden Bandes schreibt, „die Demokratien beleben und im Sinne einer größeren Beteiligung der Menschen an Politik weiterentwickelt werden. Das Internet, als flexibles Netz von Netzen, sollte das Fundament für einen virtuellen diskursiven öffentlichen Raum sein, der allen Weltbürgern zugänglich ist – ein Raum in dem Informationen frei und uneingeschränkt ausgetauscht werden und in dem Bürger und Bürgerinnen durch Einforderung von Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht die Staatsmacht herausfordern könnten“ (S. 11).

Diesen Mitsprache- und Mitgestaltungsrechten spürt Viktoria Spaiser „an der Schnittstelle von E-Partizipation und politischer Nutzung des Internets“ nach: Die politische Nutzung des Internets im Besonderen durch junge Bürger/innen in Deutschland „unter Berücksichtigung ihrer Zugehörigkeit zur Mehrheit bzw. zu diversen Minoritäten (Menschen mit Migrationshintergrund)“ steht im Mittelpunkt, insbesondere auch deshalb, weil „in der bisherigen E-Partizipationsforschung politisch marginalisierte Minderheiten-Gruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund eher unzureichend hinsichtlich ihrer politisch motivierten Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien untersucht wurden“ (S.11).

Autorin

Dr. Viktoria Spaiser war 2008 bis 2010 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Interdisziplöinäre Konflikt und Gewaltforschung der Universität Bielfeld tätig. 2012 wurde sie mit der vorliegenden Untersuchung an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology promoviert. Seitdem ist sie als Postdoc am Institute for Futures Studies (Departement of Sociology der Universität Stockholm) tätig. Sie war mit Jürgen Mansel Autorin des Bandes „Ausgrenzungsdynamiken. In welchen Lebenslagen Jugendliche Fremdgruppen abwerten“, Weinheim und Basel 2013, vgl. die Rezension.

Aufbau und Inhalt

„Die vorliegende Arbeit soll die Frage aufgreifen, ob das Internet dazu beiträgt, dass junge Menschen an politischen Prozessen teilnehmen und diese mit der Frage verknüpfen, welche Möglichkeiten insbesondere junge Menschen mit Migrationshintergrund haben, das Internet politisch zu nutzen“ (S. 11f). Dabei beabsichtigt Viktoria Spaiser zu erklären, „vor welchem Hintergrund das Internet von den unterschiedlichen Gruppen politisch genutzt wird, d. h., welche demografischen, kontextuellen und anderen Faktoren Einfluss auf die politische Internetnutzung haben“ (S. 15), was mittels quantitativer Querschnittsdaten aus einer Befragung unter 2.082 jungen Menschen zwischen 14 und 27 Jahren zu deren politischer Internetnutzung (ergänzt um qualitative Daten aus Interviews) geschieht.

Die Autorin stellt nach einer Einführung (S. 11 – 16)

  • im 2. Kapitel („Politische Beteiligung und die Rolle des Internets“) zunächst den Forschungsstand auf der Basis relevanter Befunde zum allgemeinen politischen Engagement und zur politischen Internetnutzung bei jungen Menschen und bei Menschen mit Migrationshintergrund dar (S. 17 – 77).
  • Hierauf fußend werden im 3. Kapitel („Politische Internetnutzung aus theoretischer Perspektive“) die theoretische Basis der Untersuchung entwickelt, die zentralen Begriffe und Konzepte (z. B. „das Politische“ „politische Internetnutzung“) bestimmt und vor dem handlungstheoretischen Hintergrund erläutert, das soziologische Rational-Choice- und das Ressourcen-Model als Basis der empirischen Untersuchung dargestellt und die Hypothesen der Studie vorgestellt (S. 78 – 120): 1. „Wie wird das Internet politisch von jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund genutzt? Gibt es Unterschiede in der Art und Ausprägung der politischen Internetnutzung zwischen jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund? Wenn ja, welche Unterschiede sind das?“ Und 2.: „Was sind die Hintergründe für politische Internetnutzung? Gibt es Unterschiede bzgl. der Hintergründe politischer Internetnutzung zwischen jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund? Wenn ja, welche Unterschiede sind das und worauf sind sie zurückzuführen?“ (S. 15)
  • Das Forschungsdesign, das Sample, das methodische Vorgehen und die Auswertungsmethoden der qualitativen und der quantitativen Untersuchung sind Gegenstand des 4. Kapitels (S. 121 – 159).
  • Im 5. Kapitel („Politische Unternetnutzung und ihre Hintergründe bei jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund“) erfolgt die ausführliche, datengesättigte Präsentation der Ergebnisse aus (vor allem) der quantitativen und der (ergänzenden) qualitativen Untersuchung. Die Verfasserin stellt die deskriptiven Ergebnisse, verknüpft mit einer multivariaten Zusammenhangsanalyse, vor, nimmt eine Bewertung der Befunde vor und ordnet sie in den Forschungszusammenhang ein (S. 160 – 327). Gemeinsamkeiten und Differenzen in der politischen Nutzung des Internets zu politischen Zwecken zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind feststellbar. Hierzu entwickelt Viktoria Spaiser eine Typologie politischer Internetnutzung (S. 198 – 245, auch S. 318f): differenziert in die die „Nichtaktiven“ („politisch in keiner Form aktiv …, auch nicht im Internet“ [S. 207]), die „Interessierten“ („eine nicht unbedeutende Minderheit von jungen Menschen, die das Internet für politische Partizipation nutzt, obwohl sie öffentlich so gut wie nie politisch aktiv geworden ist“ [S: 212]), die „Engagierten“ (zum einen solche, die sich „regelmäßig politisch engagieren“ und dafür „zumindest gelegentlich auch das Internet nutzen“, zum anderen solche, „die offline ‚nur‘ gelegentlich politisch aktiv werden“, aber dann „hin und wieder das Internet nutzen“ [S. 220f]) und die „Internetaffinen Aktivisten“ („die besonders Engagierten …, die das Internet vielfältig und intensiv für ihre politische Arbeit nutzen“ [S. 231]). Anschließend entwickelt sie hierzu ein (vor allem auf quantitative Verfahren gestütztes) Erklärungsmodell (S. 246 – 327). Ihre Studie zeige, „dass Menschen sich nur dann beteiligen, wenn sie sich an etwas stören, insbesondere wenn sie selbst davon betroffen sind“ (S. 332).
  • Das abschließende 6. Kapitel („Abschließende Überlegungen für Wissenschaft und Politik“) enthält einen Ausblick auf weiterführende Forschungsfragen sowie einige – eher allgemeine – Folgerungen für die (insbesondere politische) Praxis (S. 328 – 335). Dabei greift die Autorin nochmals auf Aussagen aus ihrer qualitativen Teilstudie zurück.

Zielgruppen

Ganz zweifellos ist jede Dissertation in erster Linie und zunächst an die scientific community adressiert; zu fragen bleibt freilich, inwieweit sich eine Veröffentlichung dieser wissenschaftlichen Qualität auch an die Fachpraxis – z. B. medienpädagogische Fachkräfte (etwa in der Kinder- und Jugendarbeit) – richtet: Die zum Abschluss des 5. Kapitels zusammengefassten Ergebnisse freilich sind zu abstrakt, um unmittelbar anschlussfähig für die Fachpraxis zu sein, die Schlussfolgerungen (s. u.) sind zu allgemein, um in der Praxis eine Rolle zu spielen. Insoweit dokumentiert auch der vorliegende Band ein typisches Dilemma akademischer, insbesondere Dissertationsforschung: den wissenschaftlichen Verwertungskritierien unterworfen zu sein und damit oft kaum praktische Anschlussfähigkeit zu entwickeln.

Diskussion

Die vorliegende Studie repräsentiert gutes wissenschaftliches Handwerk. Sie ist gründlich konzipiert und exakt realisiert worden; vor allem die besondere Hinwendung zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die in der Diskussion zu Partizipation zwar in der Regel mitgedacht werden, aber nur selten auch wirklich im Fokus stehen, verdient Anerkennung. Im Ergebnis sind die Befunde der Untersuchung als weitere Bausteine zu begreifen, Chancen und Schwierigkeiten politischer Partizipation – hier im Medium von ePartiztipation junger Menschen – zu verstehen. Die von der Verfasserin formulierte Typologie bringt empirisch auf den Punkt, was in der Partizipationsarbeit als subjektive Erkenntnis bereits weit verbreitet ist. Hilfreich hätte an dieser Stelle auch eine intensivere Kontextualisierung bzw. Einordnung der Befunde zu Teilhabe und Nicht-Teilhabe in qualitative (Erklärungs-) Modelle und Deutungsansätze – z. B. der SINUS-Jugendmilieustudien – sein können.

Auch dass Menschen sich engagieren, wenn sie persönlich betroffen sind (S. 332), ist kein neuer Befund, den Spaiser durch ihre Studie ermittelt, sondern sie bestätigt, was als Allgemeingut der Engagementförderung verankert sein dürfte. „Das bedeutet nicht“, lautet ihre Schlussfolgerung, „dass eine Regierung ihre Bürger erst provozieren muss, um Partizipation zu generieren. Vielmehr gilt es den Bürger/innen zu zeigen, warum eine Angelegenheit sie etwas angeht“. Die Autorin denkt in diesem Zusammenhang zum Beispiel über ein schulübergreifendes Pflichtfach, „in dem Kompetenzen im Umgang mit Computertechnologien vermittelt werden“, nach. „Wichtig“ sei auch, „zu erkennen, wie man bestimmte Gruppen erreichen kann, gerade jene, die wenig oder gar nicht partizipieren, wie man sie überhaupt darüber in Kenntnis setzen kann, dass ihr Feedback oder Input gewünscht ist“ (S. 332).

Die Schlussfolgerungen sind doch etwas allgemein gehalten, zum Beispiel: „Was das Internet in Zukunft für die Gesellschaft und Politik bedeuten wird, wird davon abhängen, wie das Internet heute gestaltet wird und welche Akteure daran mitwirken können“. Nicht weniger allgemein heißt es weiter: „Die Politik sollte ein Interesse daran haben, gerade die zukünftigen Bürger- und Bürgerinnen, also die Jugend, für diesen Gestaltungsprozess, aber auch für andere politische Gestaltungsprozesse zu gewinnen, denn sie werden am ehesten die Leidtragenden von ggf. falschen politischen Entscheidungen sein“ (S. 331).

Es sind solche Formulierungen, die den doch sonst so guten Eindruck der vorliegenden Veröffentlichung schmälern. Nicht, dass es allein darum geht, zu problematisieren, wie sich Partizipation „generieren“ lässt (was schwerlich möglich und auf dem Wege der regierungsamtlichen Provokation wohl unmöglich sein dürfte, handelt es sich bei Partizipation doch wohl eher um das autonome Handeln freier Subjekte), es geht auch darum, das Verständnis in Zweifel zu ziehen, dass politisches (internetgestütztes) Engagement von Belehrung abhängt. Die „Abschließenden Überlegungen“ sind zu wenig konkret; sie formulieren eher (unausgesprochene) Fragen, wie mit den vielfältigen empirischen Argumenten umgegangen werden könnte, die Spaiser in ihrer Studie zusammenträgt. Hier wären tiefere Überlegungen sicher hilfreich gewesen, das Material, das in der sonst so gelungenen Studie steckt, der beruflichen Praxis zugänglicher zu machen.

Fazit

Die Arbeit von Spaiser ist zweifellos empirisch sehr gehaltvoll, doch es wäre der Autorin anzuraten, in populärerer Form die anspruchsvollen Ergebnisse ihrer Untersuchung für die medienpädagogische und jugendbildnerische Praxis anschlussfähig zu gestalten und auch die angebotenen Schlussfolgerungen umsetzungsorientierter zu formulieren, z. B. im Form eines Fachbeitrages in einem der beruflichen Praxis zugänglichen Medium. Ansonsten liegt mit „Neue Partizipationsmöglichkeiten?“ ein für die fachwissenschaftliche Diskussion sehr aufschlussreicher Band vor.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 05.05.2015 zu: Viktoria Spaiser: Neue Partizipationsmöglichkeiten? Wie Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund das Internet politisch nutzen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2461-6. Reihe: Jugendforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15896.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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