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Ewald Frie, Mischa Meier: Aufruhr - Katastophe - Konkurrenz - Zerfall

Cover Ewald Frie, Mischa Meier: Aufruhr - Katastophe - Konkurrenz - Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften. Mohr Siebeck (Tübingen) 2014. 320 Seiten. ISBN 978-3-16-152757-9. D: 60,00 EUR, A: 61,70 EUR, CH: 79,00 sFr.

Reihe: Bedrohte Ordnungen - 1.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Welt und die in unterschiedlichen Regionen geltenden Ordnungssysteme ändern sich beständig. Stichworte dieser Veränderungsprozesse sind wirtschaftlich getriebene Globalisierung, Freihandelsabkommen (z.B. TTIP), aber auch daraus resultierende geopolitische Konflikte (z.B. Russland/ Ukraine, „arabischer Frühling“, das Aufstreben der VR China, Verlust der Vormachtstellung der USA). Diese Veränderungen entfalten einen teilweise erheblichen Anpassungsdruck auf Gesellschaften und ihre Mitglieder. Insofern sind das zerfasernde Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland oder das außerparlamentarische Artikulieren von Widerstand (Bsp.: PEGIDA) gegen Veränderungen zwei Seiten der gleichen Medaille.

Bislang haben die etablierten Parteien Deutschlands (und auch in anderen EU-Ländern) keine überzeugenden Antworten gefunden, um den Ängsten protestierender Bürgerinnen und Bürger zu begegnen. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass Spannungen, die sich aus immer stärkerer Ungleichheit der Einkommens- und Bildungschancen ergeben, nach bewährten Mustern des Politikbetriebs behandelt werden: Verzögerung, Intransparenz, Delegation, … Gleichwohl bleibt die Frage, ob die sich aus diesen Spannungen ergebenden Herausforderungen neu sind und welche anderen Formen der Lösung gesellschaftlicher Konflikte bestünden.

Patzold stellt fest (S. 43): „Wer heute die frühen Arbeiten der mediävistischen Konfliktforschung liest, wird … bald ins Grübeln kommen: Von Mediatoren begleitete Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien; außergerichtliche Lösungen; Frieden statt Recht als Maxime für Regionen, die von gewaltreichen inneren Konflikten zerrüttet sind; eine hohe Bedeutung öffentlicher Gesten; die öffentliche Inszenierung von Konfliktbeilegungen, die der Selbstverpflichtung der Parteien dienen soll – all das beschreibt genauso gut unsere Gegenwart.“

Aus dieser Beobachtung leiten sich die Arbeitshypothesen des Tübinger Sonderforschungsbereichs (SFB 923) ab (S. 44): „Was in Ordnungen im Zustand der Bedrohung geschieht, …wird … im wesentlichen durch andere Variablen beeinflusst [und wichtige] … Unterschiede zwischen bedrohten Ordnungen können generiert werden (a) durch die Herkunft der Bedrohung im Verhältnis zur von ihr betroffenen Ordnung; und (b) durch die Form, in der Akteure über das kommunizieren, was sie von der bedrohten Ordnung sehen.“

Herausgeber/ Autoren

Ewald Frie ist Professor für Neuere Geschichte und Leiter der Teilprojekte B04 „Sand- und Staubstürme als Bedrohung industriegesellschaftlicher Ordnungen. Sowjetunion/ Russland, China und Australien seit den 1940er Jahren“ und D03 „Adel und Bürgertum. Arme Adlige zwischen konkurrierenden Gesellschaftsordnungen 1700-1900“ und Sprecher des SFB 923, Universität Tübingen.

Mischa Meier ist Professor für Alte Geschichte und Leiter der Teilprojekte B01 „Erdbeben als Bedrohung sozialer Ordnungen. Bedrohungskommunikation in Literatur – Bedrohungskommunikation als Literatur (5. Jh. v. Chr. – 6. Jh. Chr.)“ und C01 „Die Bedrohung des Oströmischen Reiches um 500 n. Chr.“ Und stellvertretender Sprecher des SFB 923, Universität Tübingen.

Den Herausgebern ist es gelungen, eine Anzahl interessanter Autorinnen und Autoren für diese Publikation zu gewinnen und damit sowohl eine große thematische Breite und Tiefe, als auch unterschiedliche Facetten des Forschungsansatzes abzudecken. Nähere Angaben zu den Autorinnen und Autoren würden (leider) den Rahmen der Rezension sprengen.

Aufbau

Gegliedert ist die Publikation – nach Vorwort und Einleitung – in die Abschnitte

  • I („Forschungsfelder“) und
  • II („Perspektiven“).

Der Abschnitt I umfasst die Kapitel

  1. „Bedrohte Ordnungen, mediävistische Konfliktforschung, Kommunikation: Überlegungen zu Chancen und Perspektiven eines neuen Forschungskonzeptes“ (Kapitel 1; Steffen Patzold),
  2. „Katastrophen. Vom kulturellen Umgang mit (außer)alltäglichen Bedrohungen“ (Kapitel 2; Jan Hinrichsen/ Reinhard Johler/ Sandro Ratt),
  3. „Ordnungszersetzung: der Fall der späten römischen Republik“ (Kapitel 3; Uwe Walter) sowie
  4. „Ordnungskonkurrenz: Polemik und Feindbild in konkurrierenden Ordnungen. Der platonische Philosoph Porphyrios und sein Kampf gegen die Christen“ (Kapitel 4; Irmgard Männlein-Robert).

Abschnitt II besteht aus den Kapiteln

  1. „We are gambling with our survival. Bedrohungskommunikation als Indikator für bedrohte Ordnungen.“ (Kapitel 1; Fabian Fechner/ Tanja Granzow/ Jacek Klimek/ Roman Krawielicki/ Beatrice von Lüpke/ Rebekka Nöcker),
  2. „‚Bedrohte Ordnungen‘ als Kategorie mediävistischer Literaturwissenschaft: Überlegungen zum Tristanroman Gottfrieds von Straßburg“ (Kapitel 2; Klaus Ridder),
  3. „‚Maycomb was itself again‘: Wandel und Resilienz einer ungerechten Ordnung“ (Kapitel 3; Astrid Franke/ Nicole Hirschfelder),
  4. „‚Und jetzt ist Meer, wo vorher Land war‘. Wahrnehmungen von Beschleunigung und Verdichtung in unruhigen Zeiten.“ (Kapitel 4; Jonas Borsch/ Sara Sophie Stern),
  5. „Western Interventions and Occupations as Threatened Orders“ (Kapitel 5; Roger Petersen) sowie
  6. „Revolution“ (Kapitel 6; Mike Rapport).

Ausgewählte Inhalte

Exemplarisch wird aus drei Kapiteln je ein Abschnitt vorgestellt.

Aus dem Abschnitt I („Forschungsfelder“), der Artikel „Bedrohte Ordnungen, mediävistische Konfliktforschung, Kommunikation: Überlegungen zu Chancen und Perspektiven eines neuen Forschungskonzepts“ (Steffen Patzold):

Der Autor zeigt die Grenzen mediävistischer Konfliktforschung auf, indem sie Konflikte eines Defizits an – gedachter – Staatlichkeit analysiert. Ferner tendiert dieser Ansatz dazu, Ordnungen holistisch und nicht konzeptionell zu interpretieren. Das Forschungskonzept des SFB 923 zielt darauf ab, so der Autor, diese Begrenzungen aufzuheben. Zu diesem Zweck bedarf, so Patzold, der Begriff der „Bedrohungskommunikation“ einer weiteren Schärfung, wobei der Autor vier Aspekte betont: (a) Kommunikation und die aus ihr entstehende Dynamik ist abhängig von materiellen und technischen Rahmenbedingungen (Übertragungsgeschwindigkeiten, Komplexität, Preis und Offenheit der Kommunikation usw.); (b) Bedrohungskommunikation lässt sich nur über ihre Form definieren. Hierbei empfiehlt Patzold den Rückgriff auf die Kriterien „Emotionalität“, „Zeit“ und „Bedeutsamkeit“; (c) eine Differenzierung zwischen institutionalisierten Bedrohungsdiskursen einerseits und spontaner Bedrohungskommunikation bietet sich, so der Autor, an, weil Bedrohungsdiskurse „zeitstabil“ sind; (d) Bedrohungskommunikation ist Teil sozialer Ordnungen und „darf deshalb nicht als Variable konzeptionalisiert werden, die unabhängig von der bedrohten Ordnung selbst“.

Aus dem Abschnitt II („Perspektiven“), die Artikel „‚We are gambling with our survival.‘ Bedrohungskommunikation als Indikator für bedrohte Ordnungen.“ (Fabian Fechner, Tanja Granzow, Jacek Klimek, Roman Krawielicki, Beatrice von Lüpke und Rebekka Nöcker) sowie „‚Maycomb was itself again‘: Wandel und Resilienz einer ungerechten Ordnung“ (Astrid Franke und Nicole Hirschfelder).

„We are gambling …“ (Fechner et al.): Die Autoren gehen davon aus, dass Bedrohungskommunikation den Akteuren die Option eröffnet, sich über den Status quo zu verständigen und „weitgehend übereinstimmende Interpretationsweisen zu schaffen“ (S. 168). Auf dieser Grundlage lassen sich verfügbare Handlungsoptionen abwägen, um Ordnungen zu erhalten, zu modifizieren oder abzuschaffen und durch neue zu ersetzen. Mögliche Konsequenzen bewerten Akteure, so die Autoren, unter individuellen Nutzen- und Nachteilserwartungen (a.a.O.). Allerdings neigen Akteure nach Auffassung der Autoren dazu, auf etablierte Routinen zur Krisenbewältigung zurückzugreifen, während die Notwendigkeit bestehen kann, neue Verhaltensweisen zu entwerfen und umzusetzen.

Ziel der Autoren ist es, in ihrem Beitrag „ein analytisches Hilfsmittel zur Beschreibung einer Bedrohungskommunikation im Rahmen sozialer Ordnung“ (S. 171) zu liefern. Dazu konzentriert sich der Beitrag auf die Komponenten Status quo, Szenario und Handlungsempfehlung. Fechner et al. stellen fest (S. 172), dass einer sozialen Ordnung das Merkmal ‚bedroht‘ zukommt, „wenn eine konkrete, auf die Ordnung bezogene Bedrohungskommunikation etabliert ist. Dieses Verständnis …macht … den Verständigungsprozess zur zentralen heuristischen Kategorie, die es ermöglicht, aus sozialen Zusammenhängen Fälle bedrohter Ordnung auszuwählen und auf inhaltliche Kriterien hin zu befragen.“ In ihren Fallbeispielen zeigen sie, dass sich der von ihnen gewählte Ansatz für eine Systematisierung der Verlaufsprozesse von Situationen und Phasen eignet. In ihrem Fazit stellen Fechner et al. fest (S. 173), dass „Bedrohungen …erst in der Kommunikation erzeugt [werden], als unter ‚Bedrohung‘ kein konkretes Ereignis und keine Entität verstanden [wird], sondern vielmehr ein Selektions- und Deutungsprozess zur Voraussetzung einer Bedrohungskommunikation gemacht wird.“

„Maycomb was itself …“ (Franke und Hirschfelder): Am Beispiel der Rassendiskriminierung in den USA betrachten die Autoren die Resilienz dieses Ordnungssystems: „So wird, wer sozialen Wandel untersucht, irgendwann auch verstehen müssen, warum sich bestimmte Ordnungen nicht oder nur wenig verändern“ (S. 197). Franke und Hirschfelder zeigen am Beispiel zeitgenössischer Literatur, „in welcher Weise das letztlich soziologische Instrumentarium der bedrohten Ordnungen dazu dienen kann, politische und kulturelle Veränderungen …zu beschreiben und in ihrer Wirkungsmächtigkeit einzuschätzen“ (S. 200) und leiten daraus die Frage ab: „Was also bedeutet es, Rassebeziehungen als eine Ordnung zu beschreiben?“ (S. 201) Dazu greifen sie auf die Studie von Elias und Scotson (1965) zurück in der die Beziehungen zwischen Etablierten und Außenseitern eines Gemeinwesens untersucht wurden. Anhand dieses Beispiels zeigen sie die Folgen ungerechter Machtbeziehungen.

Spannend ist auch der Ansatz der Autorinnen, den Forschungsansatz „bedrohter Ordnungen“ zur Analyse eines Romans („To Kill a Mockingbird“) sowie der Funktionsweise des US-amerikanischen Rechtssystems („Bayard Rustini“ und „Treyvon Martin“) als Formen zeitgeschichtlicher Erzählungen zu verwenden. Ein solches Narrativ wird in seinen Konsequenzen für kollektive Erinnerungen und Identitätsbildungen regelmäßig unterschätzt.

Das Fazit der Autorinnen ist, dass die (S. 228) „Bemühungen um größere Gerechtigkeit im juristischen Feld … begrenzt [sind], wenn es um die Konsequenzen einer so weitreichenden Ordnung wie der Rasseordnung geht. In einer solchen Situation kann dann leicht der Stolz auf einen idealisierten Nationalhelden wie Martin L. King und die in ein nationalisiertes Narrativ …eingeschriebene Bürgerrechtsbewegung … dazu dienen, die andauernde Präsenz und die Resilienz der Rasseordnung zu verdecken.“

Diskussion

Der Ansatz des SFB 923 ist spannend und hoch aktuell. Denn die (wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich) notwendige Anwerbung ausländischer Fachkräfte wie auch die Liberalisierung weltweiter (Arbeits-)märkte stellen für viele Menschen Bedrohungsszenarien dar.

Bisherige gesellschaftspolitische Narrative der beiden deutschen Volksparteien waren: Deutschland ist ein homogen bevölkertes Land, „wir“ sind kein Einwanderungsland und es gäbe eine Flüchtlingsschwemme. Dass diese Annahmen wahrheitswidrig sind, störte die Erzähler nicht. Zudem wurden Erzählungen von – durchaus positiv verlaufenen – Wanderungsgeschichte(n) wie z.B. der Integration der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg ausgeblendet.

Im Ergebnis entstand eine in weiten Teilen unbegründete und zum Teil irrationale Furcht vor „dem Fremden“. In Zeiten fehlender Fachkräfte und der massiven Entvölkerung ländlicher Räume rächt sich die populistische Vergangenheit. Denn Deutschland ist verglichen mit anderen Einwanderungsländern relativ unattraktiv für Fachkräfte.

Wenngleich die Autoren in weiten Teilen historisches Material auswerten oder Kontexte anderer Gesellschaften analysieren, so bleibt ihr Ansatz doch auch für die deutsche Gesellschaft hoch aktuell.

Fazit

Der Forschungsansatz „bedrohte Ordnungen“ zeigt, dass bestimmte Grundkonflikte über Zeit und Raum vergleichbar sind – und dies auch für mögliche Ansätze der Konfliktlösung gilt. Insofern bietet sich eine Übertragung auf aktuelle Themen deutscher Gesellschaftspolitik an. Das Buch kann deshalb auch als eine Einladung verstanden werden, den Ansatz auf zahlreiche bedrohte Ordnungen der Gegenwart zu übertragen.

Literatur

  • Elias, Norbert/ Scotson, John L. 1965: The Established and the Outsiders. A Sociological Enquiry into Community Problems. London
  • Harper, Lee 1999: To Kill a Mockingbird, 40th Anniversary Edition. New York

Rezension von
Dr. Andreas Siegert
Fachhochschule für Ökonomie und Management (Studienort Berlin)


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Zitiervorschlag
Andreas Siegert. Rezension vom 13.01.2015 zu: Ewald Frie, Mischa Meier: Aufruhr - Katastophe - Konkurrenz - Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften. Mohr Siebeck (Tübingen) 2014. ISBN 978-3-16-152757-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15899.php, Datum des Zugriffs 14.04.2021.


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