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Matthias Jung: Gewöhnliche Erfahrung

Cover Matthias Jung: Gewöhnliche Erfahrung. Mohr Siebeck (Tübingen) 2014. 234 Seiten. ISBN 978-3-16-152483-7. 49,00 EUR.
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Thema

Wissenschaftler kennen das Phänomen: In jahrelanger Ausbildung darauf geschult nach wissenschaftlichen Standards zu beobachten, zu analysieren und auszuwerten, werden Erfahrungen des Alltags nicht besonders geschätzt. Sie gelten als unwissenschaftlich, wirken störend in ihren Befunden und lassen sich – falls überhaupt – nur schwer mit Denk- und Erklärungsmustern der akademischen Welt vereinbaren. Gleichwohl bleiben „gewöhnliche Erfahrungen“ Bestandteil der gleichen Welt, in der sich auch Academia bewegt. Von diesem Punkt ausgehend nähert sich der Autor den Fragen einer zunehmend komplexer erscheinenden Welt: „Wie verhält sich unser Wissen über die Welt zu den Werten, die unser Leben bestimmen…? Welche Rolle sollten die Wissenschaftler in einem demokratischen Gemeinwesen spielen?“ (S. IX) Als Bezugspunkt wählt er dabei William James und John Dewey und deren Einsicht, dass „…der kognitive Weltzugang eine Teilfunktion des Handelns darstellt, mit einer kraftvollen Aufwertung dessen, was den Lebensvollzug ganz gewöhnlicher Menschen bestimmt“ (S. X). Denn, so Jung, Menschen streben „handelnd nach Kontrolle über die natürlichen Bedingungen unserer Existenz und müssen deutend darauf reagieren, dass diese Kontrolle an der Kontingenz des Lebens eine Grenze findet“ (S. XI).

In Zeiten, in denen Millionen Menschen direkt und indirekt von komplexen Globalisierungsprozessen, Transformationsphasen, Migration oder (militärischen) Verteilungskämpfen betroffen sind, bekommt dieser zunächst sehr abstrakt wirkende Ansatz Gewicht. Denn die genannten Aspekte (und weitere) des Alltags sind geeignet, Menschen zu verunsichern und ihnen Orientierung oder Gewissheit zu nehmen.

Dem Autor liegt nun daran, gewöhnliche und „ins Handeln verflochtene Erfahrungen“ aufzuwerten (S. 2). Dabei verweist er u.a. auf Schnittstellen, in denen Wissenschaft ohne subjektive Erfahrungen in ihrem Wert und ihrer Aussagekraft eingeschränkt wird, wie dies z.B. bei Neuro-, Geistes- und Kulturwissenschaften der Fall ist (S. 3 f.).

Autor

Matthias Jung studierte Philosophie und Theologie, lehrte in Frankfurt, Chemnitz, Jena, Erfurt, Bochum, Atlanta und St. Louis. Seit 2010 ist er Professor für Moral- und Rechtsphilosophie an der Universität Koblenz-Landau.

Aufbau und Inhalt

Gegliedert ist die Publikation in die Abschnitte

  • „Die Struktureinheit gewöhnlicher Erfahrung“,
  • „Wissen“,
  • „Werte“,
  • „Weltanschauung“ sowie in
  • einen Schlussteil („Die Würde gewöhnlicher Erfahrung“).

Das erste Kapitel widmet sich den Themen „Grundidee“, „Wonnen der Gewöhnlichkeit“ und „Wesentliche Strukturmerkmale“. Das zweite Kapitel konzentriert sich auf „Beziehungen des Gebrauchs und Genusses und Objekte des Wissens“, „Kluft zwischen Wissenschaft und gewöhnlicher Erfahrung“ und „eine evolutionstheoretische Perspektive“. Der dritte Teil beschäftigt sich mit „Werte[n] in gewöhnlicher Erfahrung“, dem „Pluralismus gewöhnlicher Erfahrung und die Rolle von Normen“ sowie „demokratischen Werte[n] und die Bedeutung der Wissenschaft“. Im vierten Abschnitt werden „Qualitatives Erleben und Generalisierung“, „Weltanschauung als Optionen“ und „Wissenschaft und Weltanschauung“ behandelt.

Exemplarisch wird aus drei Kapiteln je ein Abschnitt vorgestellt.

Zu Kapitel 1 „Die Struktureinheit gewöhnlicher Erfahrung“, 1.1. „Die Grundidee“

Aus dem einleitend skizzierten Argumentationsstrang ergeben sich, so Jung, Implikationen für den Alltag. Gewöhnliche Erfahrung hat ihm zu Folge „komplementär zu ihrer erkenntnistheoretischen Pointe, auch … sozial- und moralphilosophischen Sinn: Was zählt, sind die Bedeutungen, die alle im Durchleben ihrer ganz normalen, gewöhnlichen Lebensformen erfahren können, nicht nur das, was bestimmten Eliten als wichtig erscheint.“ Folglich muss, wenn „die Erfahrungen aller Gesellschaftsmitglieder wichtig sind, …auch die politische Form der Gesellschaft bottom-up und nicht top-down bestimmt werden“ (S. 6).

Anhand von Beispielen belegt der Autor, dass aus seiner Sicht etwas „vom Rand in den Mittelpunkt des Interesses [gerückt wird]: die Ausdrucksformen und Lebensinteressen gewöhnlicher, in ihre Alltagsangelegenheiten verstrickter Menschen. Diese langfristigen Entwicklungen, die Entdeckung der kognitiven Rolle des Gewöhnlichen und die normative Aufwertung aller Individuen als Träger von Werten gehen Hand in Hand“ (S. 8).

Zu Kapitel 3 „Werte“, 3.2. „Der Pluralismus gewöhnlicher Erfahrung und die Rolle von Normen“

In diesem Kapitel betrachtet der Autor die Bedeutung von Werten, Beziehung von Werten und Fakten einerseits und gewöhnlichen Erfahrungen andererseits sowie Wertepluralismus und die Bedeutung übergreifender Normen.

Das Werte und Normen, und die aus ihnen erwachsende verbindliche Ordnung, innerhalb gesellschaftlicher Gruppen und Milieus unterschiedlich interpretiert werden, ist weitgehend akzeptierte Erkenntnis. Gleichwohl gibt es Normen, die allgemeinverbindlich sind und sein müssen (z.B. Menschenrechte). Deren Bedeutung besteht, dem Autor zu Folge, nun darin, „von allen Kontexten zu abstrahieren und deshalb als normativer Rahmen fungieren zu können… Werte spezifizieren das Gute im Rahmen meiner/unserer Erfahrung, Normen begründen das für alle Rechte/Richtige“ (S. 151). Aus der Diskrepanz zwischen Wertepluralismus und gesellschaftlichen Normen entsteht nun ein Spannungsverhältnis „geteilter Wirklichkeit gewöhnlichen Lebens“ (S. 152). Jung verdeutlicht dies am Beispiel des gesellschaftlichen Eheverständnisses, das sich im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert hat (weitere plastische Beispiele liefert Fischer 2014). Der Autor begründet damit einen „Reartikulationsdruck“, dessen produktive Wirkung darin besteht, den Prozess der Wertegeneralisierung in Gang zu setzen.

Zum Schlusskapitel: „Die Würde gewöhnlicher Erfahrung“

Ausgehend vom antiken Verständnis der Erkenntnis leitet Jung über zu Alltagserfahrungen heutiger Menschen, denn „…gleichzeitig sind in der Moderne Wertehaltungen und Normensysteme in Moral und Recht entwickelt worden, die dem Leben eines jeden Menschen eine unverlierbare Würde und seinen Überzeugungen ein demokratisches Mitspracherecht zuerkennen“ (S. 213). Dabei sieht er durchaus, dass ein solches Mitspracherecht noch nicht Realität ist. Allerdings, so Jung, ist es als Handlungsbegründung durchaus wirkungsmächtig. Auch deshalb sind gewöhnliche Erfahrungen aufzuwerten.

Diskussion

„Alles Gute…liegt auf der Straße“ leitet der Autor den letzten Abschnitt ein (S. 213) und zitiert dabei Emerson (1996). Dieses Zitat ist gut gewählt. Denn tatsächlich gelingt es Jung mit umfangreicher Literatur und vielfältigen, einleuchtenden Beispielen, das Ziel seiner Publikation zu erreichen, die Würde gewöhnlicher Erfahrungen deutlich zu machen. Der von ihm gewählte „handlungs- und erfahrungstheoretische Rahmen“ (S. 215) ermöglicht es, „zwei unterschiedliche Entwicklungen auf einen gemeinsamen Ausgangspunkt zu beziehen: die wissenschaftskonstitutive Ausdifferenzierung des kognitiven Weltzugangs aus Handlungsinteressen und die normativ konstitutive Aufwertung gewöhnlicher Erfahrung“ (ebd.).

Wenngleich der Autor teilweise sehr abstrakt argumentiert, so gelingt es ihm immer wieder anhand von Beispielen den Bezug zum Hier und Jetzt herzustellen. Und in der Tat sind es konkrete Fragen gesellschaftlicher Normen und Werte, die diskutiert werden müssen, um einen gesellschaftlichen Konsens zu finden: Wie können Bürger und Bürgerinnen an komplexen und weitreichenden politischen Entscheidungen teilhaben? Wie gerecht ist das Vermögen in unserer Gesellschaft verteilt? Sichern wir die Menschenwürde in unserer Gesellschaft? Welche Folgen für gesellschaftliche Werte und Normen ergeben sich aus den technischen Möglichkeiten des Gesundheitswesens? Inwiefern beeinflussen internationale Handelsabkommen den Alltag von Menschen (z.B. in Bezug auf Gesundheit, Freiheiten, Rechte) und welche Möglichkeiten der Einflussnahme haben sie? Wie wirken weitreichende Überwachungsmaßnahmen anderer Staaten (z.B. der USA) auf unser Normensystem (Stichwort: Schutz von Privatsphäre und Meinungsfreiheit) ein? Welche Folgen hat die genetische Veränderung von Lebensmitteln in anderen Ländern für unser Leben?

Fazit

„Gewöhnliche Erfahrung … kann durch methodische Erfahrung nicht überholt und nicht abgelöst werden, muss aber lernen, wissenschaftliche Erkenntnis in deren Bereich als überlegen anzuerkennen und ihre gegenläufigen Alltagsintuitionen entsprechend revidieren“ (S. 216).

Diesem Thema widmet sich der Autor mit Hingabe – und erfolgreich. Es gelingt ihm immer wieder, die Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen und den Leser in seinem Perspektivwechsel mitzunehmen. Dabei betont Jung sowohl die Bedeutung der Wissenschaft für unseren Erkenntnisfortschritt, als er auch die Bedeutung von Alltagserfahrungen „gewöhnlicher Menschen“ für die Wissenschaft hervorhebt. Es ist besonders dieser Aspekt, der in unserer technisierten Welt oft zu kurz kommt und zu Vertrauensverlusten führen kann. Deshalb, so Jung, muss die „… normative Aufwertung des gewöhnlichen Lebens … also mit einer Rehabilitierung der wirklichkeitserschließenden Kraft gewöhnlicher Erfahrung verbunden sein, wenn die beiden wichtigsten Innovationen der Moderne – verknappt formuliert: Menschenwürde und Wissenschaft – nicht in Konflikt geraten wollen“ (S. 217).

Es kann nicht überraschen, dass der Autor am Ende zu dem Ergebnis kommt, dass die „…Wertschätzung des gewöhnlichen Lebens … vielleicht die bedeutendste kulturelle Innovation seit Beginn der Neuzeit…“ (S. 213) ist. Einschränkend ist nur noch hinzuzufügen: bei uns. Denn, dass es sich dabei um eine allgemeingültige Norm handelt, ist (leider) nicht festzustellen. Das ändert jedoch nichts daran, dem Autor zuzustimmen, dass „gewöhnliche Erfahrungen“ nichts Gewöhnliches sind, sondern – auch oder gerade in der Wissenschaft – in ihrer Bedeutung oft unterschätzt werden.

Literatur

  • Dewey, John (1916): Democracy and Education, The Middle Works of John Dewey 1899 – 1924, Bd. 9, Carbondale and Edwardsville 1985
  • Emerson, Ralph Waldo (1996): Essays and Poems, London/ Vermont
  • Fischer, Thomas (2014): Was regiert die Welt, DIE ZEIT, Nr. 34, S. 38
  • James, William (1956): The Will to Believe, New York
  • James, William (1981): Pragmatism, Indianapolis/ Cambridge

Rezension von
Dr. Andreas Siegert
Fachhochschule für Ökonomie und Management (Studienort Berlin)


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Zitiervorschlag
Andreas Siegert. Rezension vom 02.10.2014 zu: Matthias Jung: Gewöhnliche Erfahrung. Mohr Siebeck (Tübingen) 2014. ISBN 978-3-16-152483-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15900.php, Datum des Zugriffs 14.04.2021.


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