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Wolfram Gießler, Karin Scharfenroth u.a.: Aktive Personalentwicklung im Krankenhaus

Cover Wolfram Gießler, Karin Scharfenroth, Thomas Winschuh: Aktive Personalentwicklung im Krankenhaus. Grundlagen und Praxis der aufgabenbezogenen Qualifizierungsbedarfsanalyse. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 177 Seiten. ISBN 978-3-17-021939-7. 39,90 EUR.
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Thema

Veränderungen in sozialen Systemen, der Gesundheitsversorgung wie auch der demografische Wandel, erzwingen Veränderungen z.B. in betrieblicher Organisation oder neue Qualifikationen. Dadurch, dass immer größere Teile der Gesellschaft immer älter werden, gilt dies umso stärker für den Bereich der Gesundheitsversorgung, die wie im Brennglas gesellschaftliche Probleme verdichtet: Immer weniger Personal muss sich um immer mehr pflegebedürftige Patienten kümmern. Ein Gesundheitssystem in dem keine direkte Kundenbeziehung aufgebaut wird, weil Patienten nicht für Leistungen zahlen und Leistungserbringer von Dritten entlohnt werden, lädt dazu ein, Verträge zu Lasten Dritter zu schließen. Und natürlich spiegeln sich darin auch gesellschaftliche Machtverhältnisse, wenn die physisch und psychisch schwere Pflege- und Betreuungsarbeit schlecht bezahlt wird, unter großem Arbeitsdruck erledigt werden muss und geringe gesellschaftliche Anerkennung erfährt.

Wer erhält eine menschenwürdige Pflege und Betreuung? Wie verteilen sich begrenzte Ressourcen zwischen den Anbietern der Gesundheitswirtschaft? Welche Generation erhält überproportional soziale Leistungen und welche Generationen zahlen dafür? Wie können verfügbare Mittel so effizient wie möglich für die Bevölkerungsmehrheit eingesetzt werden?

Gerade der letztgenannte Punkt führt dazu, dass die zuverlässige Erledigung komplexer Arbeitsabläufe im Gesundheitswesen ein viel diskutiertes Thema öffentlicher Debatten ist. Insofern bringen sich die Autoren mit ihrem Ansatz der aktiven Personalentwicklung (Qualifizierungsbedarfsanalyse, QBA) in Krankenhäusern in die aktuellen Diskussionen ein. Denn natürlich verändert dieser gesellschaftliche Prozess auch Anforderungen in Krankenhäuser (S. 13) und bedarf einer vorausschauenden Personalbedarfsplanung (ebd.).

Autoren und Autorin

Wolfram Gießler ist Lehrer für Pflegeberufe, BBA, Dozent und Berater am Bildungsinstitut im Gesundheitswesen in Essen.

Dr. Karin Scharfenroth arbeitet als Organisationsberaterin und Trainerin.

Dr. Thomas Windschuh ist Hochschullehrer an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Köln und Organisationsberater.

Aufbau

Gegliedert ist die Publikation in acht Kapitel:

  1. Personalentwicklung im Krankenhaus auf dem Weg ins Rampenlicht,
  2. Aktive Personalentwicklung als Rahmen für Qualifizierungsbedarfsanalysen,
  3. Mitarbeiter entdecken, was sie brauchen – die QBA in der Praxis,
  4. Lernen fördern und begleiten – Kernaufgabe aktiver Personalentwicklung,
  5. Veränderung der Personalentwicklung durch die QBA,
  6. Wege der QBA-Einführung – Vielfalt mit System,
  7. Praxisbeispiele und
  8. Ausblick: Mitarbeiter als Experten ihrer persönlichen Entwicklung am Arbeitsplatz.

Ausgewählte Inhalte

Exemplarisch werden zweit Kapitel vorgestellt.

Kapitel 1: Personalentwicklung im Krankenhaus auf dem Weg ins Rampenlicht. Die Autoren verdeutlichen anhand ausgewählter Parameter die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche (S. 17) und bisherige, weitgehend konventioneller, Personalstrategien befragter Krankenhäuser. Demografie, Feminisierung und generationelle Aspekte stellen, so zitieren die Autoren den Geschäftsführer eines Krankenhauses (S. 18), neue Herausforderungen dar. Damit kommen bisher übliche Personalentwicklungskonzepte an ihre Grenzen. Denn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erfassen sie nicht [ausreichend] (S. 18 ff.). Darüber hinaus sieht sich auch die Führungsorganisation von Krankenhäusern einem enormen Anpassungsdruck ausgesetzt. Personalentwicklung befindet sich dabei, so die Autoren, an der Nahtstelle „individuellen Lernens und dessen Einbindung in den organisationalen und strategischem Kontext eines Krankenhauses“ (S. 20). Schlüsselqualifikationen (z.B. Kommunikations-, Lern-, Problemlösungsfähigkeit) kommt daher eine immer größere Bedeutung zu, um Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu befähigen, sich ständig weiter entwickelnde Herausforderungen zu bewältigen (S. 22). Ein solcher Prozess der ständigen Weiterentwicklung ist durch adäquates Wissensmanagement und Maßnahmen zur Förderung der Persönlichkeitsbildung zu organisieren (S. 27 ff.).

Kapitel 3: Mitarbeiter entdecken, was sie brauchen – die QBA in der Praxis. In diesem Kapitel stellen die Autoren drei „Eckpunkte“ ihres Ansatzes vor: Selbstbewertung, Teambezug und Aufgabenorientierung (S. 42 ff.), die eine Balance zwischen Komplexität und Umsetzbarkeit ermöglichen sollen. Das Schema zur Kompetenzbewertung (S. 44) wirkt handhabbar und überzeugend, wie auch der Ansatz, sich der Herausforderung aus Sicht des Teams zu nähern. Hierzu bietet das Kapitel eine Anzahl von praktischen Handreichungen.

Diskussion

Die Autoren greifen ein aktuelles betriebswirtschaftliches Thema auf, das sich aus gesellschaftlichen Veränderungen ableitet. Umso erstaunlicher ist, dass einige gesellschaftliche Rahmenbedingungen ausgeblendet bleiben:

Der Anspruch „Kompetenzentwicklung und Persönlichkeitsförderung“ (S. 20) von Mitarbeitern durch QBA zu unterstützen ist richtig, erscheint aber vor dem Hintergrund oft schwieriger Arbeitsbedingungen (die sich tendenziell nicht verbessern) etwas illusorisch. Dieser Ansatz geht implizit auch von der Beibehaltung vorhandener Versorgungsstrukturen aus, die aber vor allem in ländlichen Räumen künftig überhaupt nicht gesichert erscheinen (Landesregierung Sachsen-Anhalt 2012; Ostwald et al. 2010). Im ländlichen Raum wirken sich zudem der Abbau und die Vernachlässigung von Infrastruktur nachteilig aus, die die Gesundheit ihrer Bewohner beeinträchtigt. Die Argumentation der Autoren vermittelt aber zuweilen den Eindruck, dass das System Gesundheitspersonal und Krankenhaus sich selbst genügt und Patienten als naturwissenschaftliche Objekte mit In- und Output-Relationen verstanden werden. So findet der Umstand, dass in strukturschwachen Regionen Krankenhäuser nur noch durch eine sehr breite kulturelle Vielfalt der Ärzteschaft aufrecht erhalten werden können (Siegert et al. 2013), überhaupt keinen Eingang in die Argumentation der Autoren. Gerade hieran aber ließe sich verdeutlichen, wie wichtig spezifische Weiterbildungen bei Fachkräften sind, die aus einem anderen kulturellen, sozialen, religiösen usw. Umfeld kommen. Selbstverständlich ergeben sich daraus zahlreiche Fragen nicht nur in Bezug auf Inhalt und Methodik notwendiger Qualifizierungen, sondern auch hinsichtlich der Teambildung oder der betrieblichen Organisation. Bereits jetzt ist absehbar, dass diese Fragen mittelfristig in noch weit drängenderem Umfang auch für Pflegepersonal gelten werden.

Auch, dass immer mehr Kinder in sozial prekären Verhältnissen aufwachsen und nur unter großen Schwierigkeiten ausbildungsfähig sind, gehört in den gesellschaftlichen Kontext. Wie können diese Heranwachsenden befähigt werden, den komplexen Vorstellungen der Autoren im Rahmen ihrer pflegerischen Tätigkeit gerecht zu werden? Wünschenswert wäre zu wissen, ob und wie sich das von den Autoren propagierte QBA-System an diesen gesellschaftliche Rahmen anpassen lässt.

Fazit

Ausgehend vom bestehenden Gesundheitssystem denken die Autoren über Möglichkeiten und Notwendigkeiten organisatorischer Anpassungen und anderer Ansätze des Personalmanagements nach. Das ist gut, richtig und wichtig. Allerdings bestehen eine Reihe gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die – zumindest nicht erkennbar – in den Ansatz der QBA integriert wurden. Dazu gehören interkulturelle und soziale Aspekte einer sich strukturell wandelnden Gesellschaft. Dies würde ganz andere Formen von Anpassungsqualifikationen und möglicherweise sogar geänderte Anerkennungsverfahren erfordern. Vielleicht können diese Punkte in einer neuen Auflage berücksichtigt werden.

Literatur

  • Landesregierung Sachsen-Anhalt 2012: Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage. Bedeutung der Gesundheitswirtschaft in und für Sachsen-Anhalt. Landtag von Sachsen-Anhalt. Drucksache 6/1731 vom 20.12.2012
  • Ostwald/ Ehrhard/ Bruntsch/ Schmidt/ Friedl 2010: Fachkräftemangel. Stationärer und ambulanter Bereich bis zum Jahr 2030. PriceWaterhouseCoopers (Hrsg.). Frankfurt a. M.
  • Siegert et al. (2013): Transaktionskosten und Fachkräftewerbung. Ein Erklärungsansatz auf Grundlage der Institutionenökonomik, IWH Discussion Papers, Nr. 11, Halle (Saale)

Rezension von
Dr. Andreas Siegert
Fachhochschule für Ökonomie und Management (Studienort Berlin)


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Zitiervorschlag
Andreas Siegert. Rezension vom 22.05.2014 zu: Wolfram Gießler, Karin Scharfenroth, Thomas Winschuh: Aktive Personalentwicklung im Krankenhaus. Grundlagen und Praxis der aufgabenbezogenen Qualifizierungsbedarfsanalyse. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-021939-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15904.php, Datum des Zugriffs 14.04.2021.


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