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Melanie Rau: Geschlechtsbezogene Bildungsdisparitäten

Rezensiert von Prof. Dr. Constance Engelfried, 14.01.2014

Cover Melanie Rau: Geschlechtsbezogene Bildungsdisparitäten ISBN 978-3-8300-7340-6

Melanie Rau: Geschlechtsbezogene Bildungsdisparitäten. Die Bedeutung der Zuschreibung gendertypisierter Merkmale und des ambivalenten Sexismus bei Jugendlichen für ihren Bildungserfolg. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. 310 Seiten. ISBN 978-3-8300-7340-6. D: 89,80 EUR, A: 92,40 EUR, CH: 119,00 sFr.
Schriftenreihe gender studies - Band 24
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Entstehungshintergrund

Melanie Rau legt mit dieser Arbeit ihre Dissertation der Öffentlichkeit vor. Die empirischen Teile der Studie sind u.a. im Kontext von großen Forschungsprojekten entstanden, an denen sie mitgearbeitet hat.

Thema

Die Autorin Melanie Rau legt eine Publikation zum Thema geschlechtsbezogene Bildungsparitäten vor. Sie fragt nach Geschlechtsunterschieden im Bildungserfolg. Sie geht folgenden Fragen nach: wie groß sind eigentlich die Bildungsnachteile für Jungen? Sind die Nachteile für Mädchen wirklich beseitigt? Ist für Deutschland nicht eventuell eine „moral panic“ festzustellen, die wie in manch anderen Ländern auch dazu führte, Bildungsvorteile für Jungen zu unterschätzen und Bildungsnachteile öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren?

Sie fragt weiterhin nach empirischen Befunden, die rechtfertigen, dass der hohe Anteil von Frauen am Lehrpersonal für schlechtere schulische Leistungen von Jungen verantwortlich sei. Sie interessieren in diesem Zusammenhang Eigenschaften konstruktiver Vorbilder für Schüler und fragt nach einer zeitgemäßen maskulinen Genderrolle, die in höherem Masse Bildungserfolg fördern würde.

Eine öffentliche Debatte über das deutsche Schulsystem ist u.a. begründet in dem schlechten Abschneiden vieler deutscher Schüler_innen bei der PISA-Studie Anfang der 2000er Jahre und vielen weiteren vergleichbaren empirischen Arbeiten. Im Kontext des öffentlichen Diskurses geraten geschlechtsspezifische Bildungsbenachteiligungen in den Blick: Jungen werden nicht nur in Deutschland als eindeutige Bildungsverlierer wahrgenommen. Auch im englischsprachigen Raum gibt es schon länger eine dezidierte öffentliche Auseinandersetzung zum Thema. Die Fachwelt ist sich trotz empirischer Studien, die vorliegen, einig, dass in erster Linie Journalist_innen diesen Diskurs in Deutschland prägen und in ihrer Schärfe ideologisch prägen . So scheinen Benachteiligungen von Mädchen endgültig passe´ zu sein. Als eine Ursache gilt die immer wieder betonte Verweiblichung des Lehrerpersonals. In diesem Zusammenhang wird davon ausgegangen, dass Jungen insbesondere Männer als Rollenvorbilder benötigen, um erfolgreiche Bildungslaufbahnen zu absolvieren.

Melanie Raus Anliegen ist nun vor diesem Hintergrund, eine Verbindung herzustellen zwischen der öffentlichen Wahrnehmung von geschlechtsspezifischen Bildungsparitäten und den zugrundeliegenden Ursachen, Interpretationen und Erklärungsansätzen, die theoriegeleitet und empirisch fundiert sind.

Aufbau

In drei Abschnitten, zwölf Kapiteln und vielen weiteren Unterkapiteln, die an dieser Stelle nicht alle benannt werden können, beschäftigt sich die Autorin ausführlich mit den zuvor benannten Fragestellungen:

ZUSAMMENFASSUNG UND EINFÜHRUNG

  • 1. Zusammenfassung
  • 2. Einführung

THEORETISCHER UND EMPIRISCHER HINTERGRUND

  • 3. Geschlechtsbezogene Bildungsparitäten – Daten und Fakten
  • 4. Entstehung und Aufrechterhaltung von Geschlechtsunterschieden
  • 5. Die Bedeutung (des Geschlechts) der Lehrkraft für den Bildungserfolg

EMPIRISCHE STUDIEN: STUDIEN 1, 2A, 2B, 2C UND 3

  • 6. Studie 1: Zuschreibungen gendertypisierter Merkmale und Bildungserfolg
  • 7. Studie 2a: Skalenentwicklung „Ambivalenter Sexismus bei Jugendlichen“
  • 8. Studie 2b: Kreuzvalidierung der Faktorstruktur des ASI-Jug
  • 9. Studie 2c: Validität des ASI-Jug
  • 10. Studie 3: Jugendlicher Sexismus und Lehrpersonglaubwürdigkeit
  • 11. Gesamtdiskussion
  • Literaturverzeichnis
  • 12. Anhang

Inhalt

Melanie Rau beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der Rollentheorie (Wood & Eagle 1999), dem Gender-Selbst-Sozialisierungs-Modell (Tobin et al. 2010) und der Theorie des ambivalenten Sexismus (Glick & Fiske 1999) und legt somit eine theoretische Basis, um die gestellten Fragen fundiert einzubetten.

Die Autorin kommt anschließend auf der Basis der Prüfung der Daten und Fakten zum Thema zu dem Ergebnis, dass die Kategorisierungen der Jungen als Bildungsverlierer und der Mädchen als Bildungsgewinnerinnen nicht angemessen ist. Nachteile in der Bildungslandschaft sind für Mädchen keinesfalls verschwunden und gleichermaßen sind alle Jungen umfassend benachteiligt. Differenzierung ist in diesem Kontext wichtig.

Sie nimmt Effektgrößen verschiedener Indikatoren von Bildungserfolg, wie z.B. Bildungsbeteiligung, Notenvergabe, Leistungsunterschiede, in den Blick. Hier wird deutlich, dass an einigen Stellen, z.B. im Fach Mathematik, deutliche Nachteile für Mädchen sichtbar werden, die sehr kleinen Nachteilen von Jungen gegenüber stehen. Die mediale Darstellung von Bildungserfolg ist folglich verzerrt. Die Stereotype der bildungserfolglosen Jungen hat relativ wenig mit der empirischen „Realität“ zu tun.

In Studie 1 wurde anhand einer Stichprobe von Schülerinnen und Schülern aus neunten Klassen untersucht, welche Konsequenzen sich aus diesem verzerrten Bild ableiten lassen. So konnte nachgewiesen werden, dass Jungen in diesem Alter stark danach streben, sich deutlich mehr maskuline wie feminine Merkmale zuzuschreiben, einen guten Schüler allerdings als androgyn bzw. feminin einordnen. Ein bildungserfolgreicher Junge erfüllt folglich in den Augen vieler Jungen die maskuline Genderrolle nicht. Jene Jungen und Mädchen, die sich selbst mehr feminine als maskuline Merkmale zuschrieben, zeigten bessere Leistungen im Lesetest.

In den Studien 2a, 2b, 2c und 3 ging die Autorin der Frage nach, ob Jugendliche besonders gut bei gleichgeschlechtlichen Lehrkräften lernen. Sie stützt sich in diesem Zusammenhang auf empirische Arbeiten, die belegen, dass ein großer Teil der Leistungsunterschiede von Schülerinnen und Schülern auf Klassenebene mit der Lehrkraft zusammenhängen. Deutlich wird in diesem Zusammenhang, dass Jungen bei weiblichem Lehrpersonal keine schlechteren Bildungserfolge erzielen.

In der Forschung zum ambivalenten Sexismus wurde nachgewiesen, dass die wahrgenommene Kompetenz und Wärme einer Person von sexistischen Einstellungen der Person abhängt. In Studie 3 wurde dieser Perspektive folgend untersucht, inwiefern ambivalenter Sexismus bei Jugendlichen eine für Bildungserfolg wichtige Lehrendenvariable, nämlich die Wahrnehmung von Glaubwürdigkeit, beeinflusst. Um dieser Frage nachzugehen, musste zunächst ein valides Instrument entwickelt werden, da keines für Studien mit Jugendlichen bislang zur Verfügung stand.

Es wurde in Studie 2 ein Inventar zum Ambivalenten Sexismus bei Jugendlichen („ASI-Jug“) entwickelt. Die Skala wurde in den Teilstudien 2a, 2b, 2c entwickelt und validiert. Es konnten theoriegeleitete Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen nachgewiesen werden, die deutlich mit Indices zu Gleichberechtigung zusammenhing.

Die neue Skala wurde in Studie 3 zur Lehrerpersonglaubwürdigkeit eingesetzt. Es wurde deutlich, dass Sexismus für die wahrgenommene Glaubwürdigkeit bei Lehrern irrelevant ist. Feindseliger und wohlwollender Sexismus konnten jedoch die Lehrerinnenglaubwürdigkeit vorhersagen. Es konnte ein Gruppe von Jugendlichen identifiziert werden, die Lehrerinnen eine auffällig geringe Glaubwürdigkeit zuschreiben: feindselig sexistische Jugendliche.

Diskussion

Rau diskutiert am Ende ihrer Arbeit in Bezug auf Implikationen für die Praxis die Möglichkeiten der Intervention bei feindseligen sexistischen Jugendlichen. Sie begegnet der Forderung, mehr männliche Lehrkräfte für diese Personengruppe einzusetzen mit dem Argument, dass dies zu Lasten vieler Mädchen gehen könnte, da sie meist Lehrer als nicht warmherzig empfinden. Studien in anderen Ländern zeigen, dass kostenintensive Maßnahmen für mehr männliches Lehrpersonal nicht zu Erfolg geführt haben. Sie empfiehlt deshalb, abwertenden Abgrenzungstendenzen der Geschlechter gegeneinander entgegen zu treten. Lehrkräfte sollten hierfür sensibilisiert werden.

Wichtig ist ihrer Auffassung nach außerdem, eine ausgewogene Berichterstattung über Geschlechtsunterschiede bei Bildungserfolg voran zu bringen. So verfolgen insbesondere Jugendliche mit höheren kulturellen Ressourcen die Berichterstattung, die u.a. von schlauen Mädchen und dummen Jungen berichtet. So liegt es für manche Jungen nahe, den kollektiven Selbstwert durch Abwertung der Mädchen und Lehrerinnen zu erhöhen.

Die undifferenzierte Berichterstattung über Mädchen als Bildungsgewinnerinnen könnte auch dazu führen, Anstrengungen zur Reduktion der Bildungsnachteile der Mädchen – insbesondere im naturwissenschaftlichen Bereich – zurück zu fahren. Diese Entwicklung muss als bedenklich bewertet werden.

Fazit

Melanie Rau legt eine fundierte empirische Arbeit vor, die sehr differenziert die eingangs formulierten Fragestellungen bearbeitet und beantwortet. Sie beschreibt in jedem Kapitel zu Beginn nachvollziehbar das Thema und formuliert am Ende eine verständliche Zusammenfassung der Erkenntnisse. Sie bedient sich ausreichend wissenschaftlicher Literatur und zitiert wegweisende, interessante Literatur aus vielen anderen Ländern. Ihre Ergebnisse sind wichtig für die psychologische, geschlechtsbezogene Schulforschung.

Schade ist ausschließlich die enge Fokussierung auf psychologische Theorien, Studien und methodologische Zugänge. Die Arbeit hätte sicherlich gewonnen, wenn der Blick auf die Gender Studies, die Kinder- und Jugendforschung an manchen Stellen gerichtet worden wäre.

Die Lektüre ist für verschiedene Zielgruppen interessant. Studierende und Dozierende der Schulforschung, Psychologie, Jungen/Männer- und Geschlechterforschung, Pädagogik, Sozialen Arbeit und verwandter Disziplinen können sich einen fundierten Überblick über ein aktuelles, bedeutsames Forschungs- und Praxisfeld erarbeiten.

Rezension von
Prof. Dr. Constance Engelfried
Sozialwissenschaftlerin, Hochschule für Angewandte Wissenschaften München
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Es gibt 7 Rezensionen von Constance Engelfried.

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Zitiervorschlag
Constance Engelfried. Rezension vom 14.01.2014 zu: Melanie Rau: Geschlechtsbezogene Bildungsdisparitäten. Die Bedeutung der Zuschreibung gendertypisierter Merkmale und des ambivalenten Sexismus bei Jugendlichen für ihren Bildungserfolg. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-7340-6. Schriftenreihe gender studies - Band 24. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15930.php, Datum des Zugriffs 13.08.2022.


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