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Maria Steudel: Verhaltenstraining mit erlebnispädagogischen Elementen

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Michl, 11.12.2013

Cover Maria Steudel: Verhaltenstraining mit erlebnispädagogischen Elementen ISBN 978-3-86924-477-8

Maria Steudel: Verhaltenstraining mit erlebnispädagogischen Elementen. Ein multimethodaler Ansatz am Beispiel "Training mit aggressiven Kindern". AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2013. 149 Seiten. ISBN 978-3-86924-477-8. D: 39,90 EUR, A: 41,02 EUR, CH: 69,50 sFr.
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Thema

Die Erlebnispädagogik hat in den letzten 30 Jahren einen Siegeszug angetreten, vor allem in der Arbeit mit schwierigen – und das heißt auch: aggressiven – Kindern und Jugendlichen. Zahlreiche Publikationen, ein breites Angebot an Aus- und Weiterbildungen, Expertinnen und Experten in den Hilfen zur Erziehung und vor allem in der Heimerziehung haben diese Methode in diesem Feld der sozialen Arbeit nachhaltig verankert. Peter Flosdorf, eine Koryphäe der katholischen Heimerziehung, bezeichnete die Erlebnispädagogik als eine letzte pädagogische Oase in Zeiten des Total-Quality-Managements. Maria Steudels Publikation ist vermutlich eine Bachelor- oder Masterarbeit. Eine direkte Auskunft ist zwar nicht zu finden, aber der Dank im Vorwort an den betreuenden Professor ist ein Indiz. Die Gestaltung des Buches mit unterstrichenen Überschriften ist ein weiterer Hinweis. Der Preis für 149 Seiten, nicht 154 Seiten, wie der Verlag angibt, denn die Leerseiten sollten wir nicht mitzählen, ist stattlich.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in neun Kapitel unterteilt.

Zuerst geht es um die pädagogischen Grundlagen und um Lerntheorien. Dann folgen Ausführungen zur Entwicklungspsychologie der Kindheit und Anmerkungen zum Phänomen der aggressiven Kinder. Anschließend wird ein Training für aggressive Kinder beschrieben. In einem langen Kapitel setzt sich die Autorin mit der Erlebnispädagogik auseinander. Schließlich werden die Leitfragen diskutiert, und mit einem kurzen Fazit endet das Buch. Es folgen ausführliche Literaturangaben und ein Abbildungs- und Tabellenverzeichnis.

Pädagogische Grundlagen, Lerntheorien, Entwicklungspsychologie. Auf nur drei Seiten sollen die pädagogischen Grundlagen untergebracht werden. Das kann nur Bruchstück sein. Schon der Begriff paideia ist mit „das Kind führen“ (S. 12) unzureichend beschrieben. Ansonsten ist es schon schwierig zu begründen, warum welche Grundlagen der Pädagogik hier beschrieben werden sollen. Auch die Ausführungen über ostensives , repräsentatives und direktes Zeigen können kaum in den Gesamtzusammenhang eingeordnet werden. Bevor es mit den Lerntheorien beginnt (S. 16 ff), versucht sich die Autorin vorher schon an einer Definition des Begriffs (S. 14). Bei den Lerntheorien konzentriert sich Maria Steudel vor allem auf die sozial-kognitive Theorie von Albert Bandura, der Konstruktivismus, das handlungsorientierte Lernen und vor allem die Ergebnisse der Hirnforschung spielen eine marginale bis keine Rolle. Dagegen wird das „Erfahrungslernen“ sowohl im Kapitel 3.2 als auch im Kapitel 3.4.1 als Titelüberschrift verwendet. Einige Beispiele aus der Praxis der Autorin, die theoretische Ausführungen veranschaulichen sollen, werden kursiv gesetzt. Die durchaus lobenswerte Zusammenfassung des Kapitels (S. 31) bezieht sich ausschließlich auf die Ausführungen zur Lerntheorie Banduras. Das Kapitel zur Entwicklungspsychologie des Kindes gerät mit drei Seiten, in denen es um das Selbstkonzept der Kindheit und um die Entwicklung des Sozialverhaltens geht, etwas zu kurz.

Aggressive Kinder und Anti-Aggressions-Training. Was Aggression ist und wie Kultur und Gesellschaft sie formen, kanalisieren, akzeptieren, fordern oder vermeiden, darüber gibt es seit den 70er Jahren des letzten Jahrhundert eine heftig geführte Diskussion. Ist das aggressive Verhalten angeboren, wie die Verhaltensforscher um Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt postulierten, oder muss man es als eine durch gesellschaftliche Frustration ausgelöste Verhaltensweise einordnen? Nach Definitionsversuchen und Phänomenologie der Aggression beschreibt Maria Steudel das Selbstkonzept aggressiver Kinder, bringt diagnostische Hilfestellungen und listet Ursachen und Erklärungen von aggressivem Verhalten auf. Die Abbildung 1 (S. 43) soll einige Erklärungen liefern, allerdings ist die eingescannte Vorlage unscharf und grau hinterlegt, was die Leselust hemmt. Beim Prozessmodell aggressiven Verhaltens nach „Kaufmann“ (S. 28) darf man zwar auch aus der Sekundärliteratur zitieren, allerdings sollte der Leser schon erfahren, wer dieser „Kaufmann“ war. Im nächsten Anschnitt geht es um das Training mit aggressiven Kindern von Franz und Ulrike Petermann, das 1978 entwickelt wurde. Leider bleibt es bei einer allgemeinen Beschreibung. Irgendwie hatte man als Leser gehofft, dass das Trainingskonzept an einer konkreten Zielgruppe angewandt und überprüft wird.

Erlebnispädagogik. Dieses Thema wird umfangreich behandelt, in 60 Seiten werden viele Facetten der Erlebnispädagogik dargestellt. Ohne Zweifel hat die Autorin gut recherchiert und die aktuelle Fachliteratur berücksichtigt. Nach einer Begriffsanalyse macht sie eine historische Exkursion, befasst sich mit dem Menschenbild in der Erlebnispädagogik und beschreibt einige Merkmale von erlebnispädagogischen Aktionen. Bei diesem Thema ist sie nicht immer auf dem aktuellen Stand, denn die Diskussion und natürlich auch die Qualität der Experten nimmt derzeit fast beängstigende Maßnahmen an. Die Diskussionen zum Thema Sicherheit in der ERCA (European Ropes Course Association), im BE (Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik), bei den großen Trägern, sind ausgesprochen differenziert. Sicherheitsmanuale von großen Anbietern sind heutzutage mehrere hundert Seiten dick. Die weitere kritische Frage wäre dann, ob das Thema Sicherheit wirklich unter dem Gliederungspunkt „7.4 Merkmale einer erlebnispädagogischen Aktion“ behandelt werden soll oder ob das nicht doch eine grundlegende Voraussetzung ist. Ansonsten muss man der Autorin attestieren, dass sie Veröffentlichungen und Forschungsergebnisse bestens zu einem ansprechenden Lesetext zusammengefügt hat. Was gesagt werden soll, aber sie nicht unbedingt wissen kann, sind die historischen Wurzeln des Flow-Begriffs. Schon Immanuel Kant fordert in seiner Schrift „Was ist Erziehung“: „Der Mensch muß auf eine solche Weise okkupieret sein, daß er mit dem Zwecke, den er vor Augen hat, in der Art erfüllt ist, daß er sich gar nicht fühlt.“ Der Kulturhistoriker Johan Huizinga hat in seinem Klassiker „Homo ludens“ (1938) auf das Phänomen der Ergriffenheit verwiesen und der Ethnologe Ad. E. Jensen, heute vergessen, früher berühmt, hat 1942 in „Paideuma“ einen Beitrag mit dem Titel „Spiel und Ergriffenheit“ veröffentlicht. Mihaly Csíkszentmihályi hat den Begriff dann bestens vermarktet. Gelegentlich hätte die Autorin darauf verweisen können, woher sie die Informationen hat. Das ist nicht immer klar. Die Ausführungen zu „7.5.2.3 Metaphorisches Modell“ sind etwas dünn. Hier fehlt der Bezug zu Stephen Bacon, zu Simon Priest und Michael Gass und zu Jan Hovelynck und Cornelia Schödlbauer – und somit die wichtigen Bestandteile der Theorie des metaphorischen Lernens. Hervorragend sind die Ausführungen zur Kritik an der Erlebnispädagogik (S. 116 ff).

Leitfragen, Fazit. Im achten Kapitel werden die zu Beginn gestellten Leitfragen nochmals diskutiert, und Ergebnisse werden zusammengefasst. Dann folgt ein kurzes Fazit.

Fazit

Ohne Zweifel liegt hier eine Fleißarbeit vor, aber trotzdem fehlt es an inneren Zusammenhängen. Viele Inhalte sind zwar für sich spannend, aber man weiß nicht genau, wie man das unter das Generalthema einordnen soll. Auch vermisst man einen konkreten Anlass, eine Zielgruppe, oder ein Projekt, zum Einsatz des Trainingskonzepts von Petermann und Petermann. Und irgendwie stehen sehr viele Kapitel für sich wie einzelne, vereinsamte Inseln. Dabei muss man der Autorin zugestehen, dass sie mit großem Fleiß die vorhandene Literatur gesichtet und sie immer wieder auf ansprechendem Niveau diskutiert hat.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Michl
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Es gibt 37 Rezensionen von Werner Michl.

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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 11.12.2013 zu: Maria Steudel: Verhaltenstraining mit erlebnispädagogischen Elementen. Ein multimethodaler Ansatz am Beispiel "Training mit aggressiven Kindern". AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2013. ISBN 978-3-86924-477-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15936.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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