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Regina Rätz, Wolfgang Schröer u.a.: Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe

Cover Regina Rätz, Wolfgang Schröer, Mechthild Wolff: Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe. Grundlagen, Handlungsfelder, Strukturen und Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 2. Auflage. 292 Seiten. ISBN 978-3-7799-3070-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.

Reihe: Studienmodule Soziale Arbeit.
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Thema

„Mit dem Begriff Kinder- und Jugendhilfe wird heute eine ausdifferenzierte sozialpädagogische Infrastruktur innerhalb des Sozialstaates bezeichnet“, schreibt das Autorenkollektiv zu Beginn des Vorwortes (S. 5); es handele sich um Arbeitsfeld, das „historisch gewachsen und verankert, aber auch in Bewegung und dynamisch ist“ (S. 5). Als einer der älteren Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit zählt sie in der Bundesrepublik zu den – sowohl im Blick auf ihre gesellschaftliche (Korrektur-) Funktion, ihren Stellenwert als Arbeitgeberin wie ihre ökonomische Relevanz – zu den bedeutenden Feldern Sozialer Arbeit. Das vorliegende (in der von Hans-Jürgen Dahme und anderen herausgegebenen Reihe „Studienmodule Soziale Arbeit“ erschienene) und nun in zweiter (überarbeiteter) Auflage vorliegende Lehrbuch tritt mit dem Anspruch auf, in dieses vielfältige Feld sozialer Dienstleistungen für Kinder, Jugendliche und Familien einzuführen und Grundlagen, Handlungsfelder, Strukturen und Perspektiven (so der Untertitel) darzustellen.

Autorinnen und Autor

  • Dr. Regina Rätz ist Professorin für Soziale Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin; ihre Arbeitsschwerpunkte sind gesellschaftlicher Wandel und Soziale Arbeit, Kinder- und Jugendhilfe, Biografische Forschung und Biografiearbeit.
  • Dr. Wolfgang Schröer hat die Professur für Sozialpädagogik an der Universität Hildesheim inne; seine Arbeitsschwerpunkte sind transnationale soziale Unterstützung, Kinder- und Jugendhilfe, Theorie und Geschichte der Sozialpädagogik und Sozialpolitik.
  • Dr. Mechthild Wolff ist Professorin an der Fakultät Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut. Erziehungswissenschaftliche Aspekte Sozialer Arbeit und die Kinder- und Jugendhilfe stellen ihre Arbeitsschwerpunkte dar.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch ist in vier Abschnitte mit insgesamt 15 Kapiteln gegliedert:

  1. Zunächst führt das Autorenkollektiv im ersten Teil in die „Grundlagen der Kinder- und Jugendhilfe“ ein und thematisiert dort in vier Kapitels die historischen Grundzüge des Arbeitsfeldes, die Lebenslage(n) von Kinder- und Jugendlichen, ihre Rechte und das dem Kinder- und Jugendhilfegesetz eigene Erziehungs- und Entwicklungsverständnis (S. 15 – 69).
  2. Im zweiten Teil werden die einzelnen Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe dargestellt, wobei die Darlegung – nach einer allgemeinen Einführung (S. 73 – 87) über die Zugänge zur Kinder- und Jugendhilfe als Dienstleistung mit besonderen Schutzaufgaben – im Kern dem biografischen (Normal-) Verlauf folgt: zunächst Kindertagesstätten (6. Kapitel, S. 88 – 101), dann Kinder- und Jugendarbeit sowie Jugendsozialarbeit (7. Kapitel, S. 102 – 118) und Förderung der Erziehung in der Familie (8. Kapitel, S. 119 – 138), schließlich die Hilfen zur Erziehung, geschieden zwischen ambulanten und teilstationären Hilfen (9. Kapitel, S. 139 – 162) sowie stationären Formen (10. Kapitel, S. 163 – 181). Nicht nur inhaltlich, sondern auch im Umfang der Darstellung, den das Kollektiv den einzelnen Handlungsfeldern einräumen, dürfte deren Stellenwert in der aktuellen Wahrnehmung und Diskussion über Kinder- und Jugendhilfe damit aussagekräftig abgebildet sein.
  3. Die kommunale Verfasstheit (11. Kapitel, S. 185- 214), die kooperative Trägerstruktur, Organisationsformen, Finanzierung und Fachkräfteentwicklung (12. Kapitel, S. 215 – 237) sowie Beteiligungsverfahren in der Kinder- und Jugendhilfe (13. Kapitel, S. 238 – 258) werden unter dem Titel „Organisationsformen der Kinder- und Jugendhilfe“ im dritten Teil behandelt.
  4. Im vierten Teil des vorliegenden Lehrbuches werden abschließend zentralere theoretische Ansätze insbesondere im Kontext von Lebensweltorientierung und Lebensbewältigung (14. Kapitel, S. 261 – 277) und politische Perspektiven der Kinder- und Jugendhilfe in einer globalisierten Welt (15. Kapitel, S. 278 – 290) diskutiert. Das 15. Kapitel wurde im Vergleich zur ersten Auflage um den Abschnitt „Capability approach“ (Entfaltungsmöglichkeiten vin Kindern und Jugendlichen in einer globalisierten Welt) ergänzt.

18 Seiten Literatur (aktuell im Kern bis 2012) und ein achtseitiger Serviceteil (u. a. mit ausgewählten Hand- und Wörterbüchern zur Sozialen Arbeit und Kinder- und Jugendhilfe, Kommentaren und Zeitschriften sowie Internetmaterialien und Links relevanter Institutionen und Verbände sowie Kongresse und Tagungen) runden die Veröffentlichung ab. Auch das zweiseitige Abkürzungsverzeichnis (das alle zentralen, im alltäglichen Gebrauch selbstverständliche Kürzel enthält) kann Neueinsteiger/innen in der Kinder- und Jugendhilfe hilfreiche Dienste bei der Orientierung geben.

Diskussion

Insgesamt schließt das Lehrbuch an die erreichten fachlichen Standards der Kinder- und Jugendhilfe an. Die einzelnen Kapitel enthalten Beispiele und Vertiefungen und sind jeweils auf eine Lehreinheit zugeschnitten. Stets wird eine Kernaussage vorangestellt (z. B.: „Ambulante und teilstationäre Hilfen zur Erziehung bieten Unterstützung bei besonderen Belastungen und in krisenhaften Lebenssituationen der Kinder und Jugendlichen“, S. 139), die dann zunächst noch thesenartig ausgeführt und anschließend systematisch (unterschiedlich unter Einbezug der Hilfetraditionen, Rechtsgrundlagen, methodischen Entwicklungslinien und anderen Aspekten) erläutert und besondere Aspekte präzisiert werden. Zum Ende eines Abschnitts folgen (lehrbuchgemäß) Übungsaufgaben, allerdings ohne „Lösungswege“ anzubieten. Hin und wieder mögen die Aufgabenstellungen etwas anspruchsvoll anmuten, z. B. wenn die Studierenden (im Verhältnis zu ersten Auflage nach wie vor unverändert) dazu eingeladen werden, mit Zeitzeugen Interviews zum Erleben des Nationalsozialismus zu führen und danach zu fragen, welche Berührungspunkte sie mit der Jugendbewegung bzw. der Jugendpflege hatten (S. 26). Knappe und aktuelle Literaturempfehlungen schließen jedes Kapitel ab.

Das vorliegende Lehrbuch wartet mit einer interessanten Kombination verschiedener Präsentationsformen auf: so werden zum Beispiel die Kinder- und Jugendhilfe besonders prägende Persönlichkeiten (etwa Gertrud Bäumer, S. 17, Marie Baum, S. 140f) kurz porträtiert, zentrale rechtliche Aspekte (Rechtsgrundlage der Jugendsozialarbeit, S. 109), aktuellen Aufgabenstellungen (z. B. zur Kooperation zwischen Kinder- und Jugendarbeit und Schule, S.114f, oder zum „Bündnis für Familie“, S. 131) und Schlüsselbegriffe (z. B. das „sozialpädagogische Jahrhundert“ nach Ellen Key, S. 89, „Kinderrepubliken“, S. 163, Subsidiarität, S. 227f) erklärt sowie Verweise auf besonders richtungsweisend empfundene Ansätze (z. B. „Flexi®WGs“ als erweiterter Ansatz der Flexibilisierung erzieherischer Hilfen, S. 160) gegeben. Auch historische Aspekte (z. B. „Die autoritäre Familie“, S. 126f) und für die Jugendhilfepraxis anspruchsvolle Gesichtspunkte (z. B. „Junge Elternschaft“, S. 136) werden so eingeführt. Aussagefähige Übersichten (z. B. zur Zahl der geschiedenen Ehen und der betroffenen Kinder in Deutschland 1990 – 2012, S. 128, zur Entwicklung der Hilfen zur Erziehung 1995 bis 2010, S. 137) und Grafiken (z. B. zu Bildungsorten und -modalitäten im Kindes- und Jugendalter, S. 117, oder zum jugendhilferechtlichen Dreiecksverhältnis, S. 217) stützen die Argumentation hilfreich. Was auf den ersten Blick zu sehr nach Patchwork klingen mag, dürfte freilich dem Aneignungsverhalten Studierender Rechnung tragen und darf auch deshalb als gelungen bezeichnet werden.

Erfreulich ist auch, dass sich das Autorenkollektiv auch Themen zuwendet, die sonst eher am Rande eine Rolle spielen, obgleich sie „eigentlich“ in das Zentrum der Erörterung gehören (z. B. zu den internationalen Kinder- und Jugendrechten, S. 55ff, durchaus als ergänzt um den in der zweiten Auflage neuen Abschnitt zum „Capabilty approach“ am Ende des Buches zu lesen).

Bei der Präsentation statistischer Daten (z. B. zum Ansteigen der Inanspruchnahme von ambulanten Hilfen, S. 157) ist die Argumentation (noch) auf dem aktuellen Stand (hier: Berücksichtigung der Daten des Jahres 2010), allerdings dokumentiert sich an dieser Stelle erneut (wie schon bei der ersten Auflage 2009) auch die Halbwertszeit des Materials, sind doch die entsprechenden Daten des Jahres 2014 bereits in der Aufbereitung.

An wenigen Stellen ist ein kritischer Vergleich zwischen erster und nun vorliegender zweiter Auflage notwendig: Die in der ersten Auflage als uneingeschränkt gelungen zu bezeichnende Auseinandersetzung mit den Überlegungen zu einer Neuen Steuerung in der Kinder- und Jugendhilfe und der seinerzeit (2009) noch als „neuer Trend“ bezeichnete Versuch, in eine Wirkungsorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe einzusteigen, bedarf nun (2014) sicher einer kritischeren Würdigung. Die Debatten hierzu, die in der Praxis vieler Jugendämter beobachtbaren allmählichen Absetzbewegungen vom Konzept der „neuen“ Steuerung und die Kritik an dem als bloßem Managerialismus zu bezeichnenden „Wirkungskonzept“ bilden sich in der Darstellung (S. 204 – 214) insgesamt nicht immer hinreichend ab. Nach wie vor zu knapp fällt auch der Hinweis zur Zusammenarbeit mit Freiwilligen in der Kinder- und Jugendhilfe („Die Ehrenamtlichen“, S. 233) aus; hier sollte die Darlegung vor allem die aktuelleren Entwicklungen zu einer (z. B. qua Mittelentzug erzwungenen) „Ver-Ehrenamtllichung“ bestimmter Leistungsbereiche (z. B. der Kinder- und Jugendarbeit) stärker Rechnung tragen. In der ersten Auflage noch aktuelle Bezüge (z. B. zum „Fall Kevin“, dort S. 42f) könnten sicher noch einige Aktualisierungen – im Bereich des Diskussionen zum Umgang mit dem Handlungsfeld „Kindeswohl“ ist seit 2009 einiges geschehen – vertragen. Der Diskurs um ombudschaftliche Verfahren in der Kinder- und Jugendhilfe wäre stärker zu integrieren.

Wie bereits angedeutet trägt das Lehrbuch „Kinder- und Jugendhilfe“ in der Präsentation durchaus dem aktuellen Diskurs über Kinder- und Jugendhilfe Rechnung. An dieser Stelle fällt daher erneut auf, dass der Kinder- und Jugend(sozial)arbeit eben nur noch ein nachrangiger Stellenwert in der Kinder- und Jugendhilfe (als „nur“ drittgrößtem Handlungsfeld) zufällt. Auch die Berücksichtigung von Indienstnahme-Prozessen, die sich hier insbesondere unter den Leitbegriffen „Prävention“ und „Kooperation mit Schule“ zeigen, verdiente sich eine aktualisierte Beleuchtung.

Zielgruppen

Der Band ist ausdrücklich als Studienmodul konzipiert und gestaltet: Für Studierende bietet das „Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe“ alle derzeit relevanten Informationen zu diesem zentralen Handlungsfeld der Sozialen Arbeit. Auch für jene Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, die mit der Einsozialisierung von Novizinnen und Novizen der Sozialen Arbeit in das Handlungsfeld befasst sind, bietet der Band wertvolle Informationen, die diesem Prozess weitere Gelingensperspektiven erschließen können. Selbst Lehrende, die sich der Kinder- und Jugendhilfe verschrieben haben und in sie einführen wollen, werden die eine oder andere Anregung zur Gestaltung ihrer Lehrveranstaltungen mitnehmen können.

Fazit

„Der Band kommt als Studienmodul (für Studierende des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit im 3. und 4. Semester) angemessen daher“, hieß es in meiner Rezension zur ersten Auflage 2009; er „überfordert nicht durch zu hohe (auch sprachliche) Zugangsanforderungen, ist illustrativ formuliert, abwechslungsreich gestaltet und wird Studierende zur Auseinandersetzung mit diesem Handlungsfeld anregen.“ An dieser Einschätzung hat sich auch in Bezug auf die zweite Auflage -trotz kritischer Hinweise – nichts geändert; die Darstellung ist in Bezug auf Literaturstand, Statistik und thematischer Anpassung insgesamt überzeugend aktualisiert worden. Das „Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe“ ist nach wie vor uneingeschränkt zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 11.12.2014 zu: Regina Rätz, Wolfgang Schröer, Mechthild Wolff: Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe. Grundlagen, Handlungsfelder, Strukturen und Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 2. Auflage. ISBN 978-3-7799-3070-9. Reihe: Studienmodule Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15942.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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