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Alf Trojan, Waldemar Süß u.a.: Quartiersbezogene Gesundheitsförderung

Cover Alf Trojan, Waldemar Süß, Christian Lorentz, Stefan Nickel, Karin Wolf: Quartiersbezogene Gesundheitsförderung. Umsetzung und Evaluation eines integrierten lebensweltbezogenen Handlungsansatzes. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 224 Seiten. ISBN 978-3-7799-1574-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Gesundheitswissenschaften.
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Thema und Entstehungshintergrund

In dem Sammelband werden Hintergründe und Ergebnisse des Gesundheitsförderungsprogramms „Lenzgesund – Vernetzte frühe Hilfe rund um Schwangerschaft, Geburt und erste Lebensjahre“ berichtet. Das Projekt, seit 2007 ein bundesweit anerkanntes Modell, lief über insgesamt 12 Jahre in einem benachteiligten Hamburger Quartier mit ca. 3000 Einwohnern. Das Projekt wurde vom Institut für Medizin-Soziologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

AutorInnen

Alf Trojan, Mediziner und Soziologe, ist emeritierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Medizin-Soziologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Zusammen mit Waldemar Süß war er Projektleiter der Evaluation des Gesundheitsförderungsprogramms „Lenzgesund“, über das in der rezensierten Publikation berichtet wird.

Waldemar Süß und Stefan Nickel sind wissenschaftliche Mitarbeiter, Karin Wolf wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizin-Soziologie des UKE. Christian Lorentz, ehemals beim Gesundheitsamt Hamburg-Eimsbüttel an der Entwicklung und Durchführung des Projektes „Lenzgesund“ beteiligt, ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter auf Honorarbasis ebenfalls am Institut für Medizin-Soziologie des UKE beschäftigt.

Aufbau

Auf insgesamt 426 Seiten finden sich gegliedert in sieben Hauptkapiteln 29 Einzelbeiträge von jeweils 7-37 Seiten Länge, die von den AutorInnen in unterschiedlicher Konstellation, teils mit Beteiligung weiterer Co-AutorInnen, verfasst sind. Ergänzend zu den Inhalten im Buch sind darüber hinaus im Web-Archiv des Instituts für Medizin-Soziologie umfangreiche Materialien zum Gesundheitsförderungsprogramm und zu dessen Evaluation verfügbar.

Inhalte

Das Kapitel 1 behandelt die „Gesundheitsförderung in sozialräumlichen Settings“ und kann als Einführung in die Thematik gelesen werden.

Im ersten Beitrag beschreiben Trojan/Süß (S. 14-25) kurz und treffend Grundlagen zur gemeindeorientierten Gesundheitsförderung. Nach Erläuterungen u.a. zum Begriff der community und dem Setting-Ansatz gehen die Autoren auf Forschungs- und Entwicklungsbedarf ein.

Lorentz/Trojan (S. 26-36) erläutern „die Rolle des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) in Gesundheitsförderung und Prävention“. Nach einer informativen Skizze der Geschichte und der Wurzeln des ÖGD in Preußen und der Weimarer Republik gehen sie auf die Ottawa-Charta ein, die Prävention und Gesundheitsförderung als Aufgaben des ÖGD formuliert.

Im dritten Beitrag von Trojan/Lorentz/Süß (S. 37-47) folgt eine allgemeine Darstellung der Ziele der wissenschaftlichen Begleitung und der Umsetzung in Kooperation mit der Praxis und dem ÖGD sowie der Zielgruppe des Projektes.

Im Kapitel 2 („Quartiersbezogene Gesundheitsförderung in der Lenzsiedlung und ihre Evaluation“) finden sich detailliertere Angaben zum betreffenden benachteiligten Quartier als Setting des Projekts, zum Programm „Lenzgesund“ selbst sowie zur Evaluation des Programms.

Süß/Wolf/Trojan (S. 50-64) stellen das benachteiligte Quartier Lenzsiedlung im Sinne einer Quartiersdiagnose vor und gehen dabei detailliert unter anderem auf die Bevölkerungs- und sozialökonomische Struktur, das Bildungsniveau, die Versorgungssituation und Netzwerkstrukturen ein.

Lorentz/Trojan (S. 65-101) stellen im folgenden Beitrag das Handlungskonzept und die Umsetzung des Programms „Lenzgesund“ vor und gehen dabei auf dessen 11 Handlungsbereiche ein (S. 75f.). Abschließend ziehen sie eine Bilanz einzelner Maßnahmen innerhalb des Programms, nehmen Stellung hinsichtlich deren Erfolg und ihrer Nachhaltigkeit.

Im letzten Beitrag des Kapitels 2 beschreiben Trojan/Süß/Wolf/Nickel (S. 102-111) „die Evaluationsaufgabe in der Lenzsiedlung“ und gehen dabei besonders auf die Problematik der Messung von gesundheitsfördernden Interventionen ein. Vor dem Hintergrund des durch die Quartiersbezogenheit notwendigen komplexen, weil kontextabhängigen, ‚Interventions-Mix‘ und der Schwierigkeit der Messung der Wirksamkeit desselben schlagen sie vor, Gesundheitsförderungsprogramme weniger als evidenz-basiert als vielmehr „evidenz-informiert“ (S. 104) zu sehen und anhand der Studienlage eine informierte Auswahl von Maßnahmen zu treffen.

Im Kapitel 3 wird die „kleinräumige Gesundheitsberichterstattung (GBE)“ hinsichtlich ihres Nutzens „für Situationsanalyse und Evaluation komplexer sozialraumbezogener Interventionen“ (S. 113) diskutiert. Nach einer einführenden Erläuterung zur Methode der zuvor schon angesprochenen Quartiersdiagnose als mehrperspektivischer Ansatz mit quantitativen und qualitativen Anteilen von Wolf/Süß (S. 114-122) folgen detaillierte Darstellungen möglicher Datenquellen, die im Programm „Lenzgesund“ genutzt wurden: Schuleingangsuntersuchungen (Wolf, S. 123-131), schulzahnärztliche Reihenuntersuchungen (Tüger, S. 132-142), Todesursachen- und Geburtenstatistik (Wolf/Süß, S. 143-155) sowie Experteninterviews zur Kindergesundheit (Wolf/Kohler/Trojan, S. 156-165). Abschließend fassen Wolf/Süß/Lorentz/Nickel/Trojan (S. 166-180) die oben genannten Datenquellen zusammen und enden mit Empfehlungen für ein durchaus elaboriertes Indikatorenset für die kleinräumige GBE, das insbesondere auf den Seiten 174f. übersichtlich zusammengefasst ist.

Das Kapitel 4 widmet sich der „Evaluation ausgewählter Einzelinterventionen des Präventionsprogramms Lenzgesund“.

Süß (S. 182-190) gibt einführend einen Überblick über die zehn wichtigsten Einzelinterventionen, die besonders große Resonanz im Quartier fanden oder besonders nachhaltig waren, sowie einen Überblick über die „Evaluationsphilosophie“. Danach steht weniger die Evaluation der Gesundheitswirkungen, sondern vielmehr die Evaluation der Prozess- und Konzeptqualität des Programms „Lenzgesund“ im Vordergrund.

Im daran anschließenden Beitrag geht Süß (S. 191-208) auf die Evaluationsergebnisse der Einzelinterventionen Familienhebamme, „Baby-Führerschein“ (eines 12-wöchigen Kurses für werdende Eltern) und Gesundheitsscout (der Zugang zu Angeboten ermöglichen und neue Angebote, orientiert am Bedarf im Quartier, initiieren soll) ein. Diese Interventionen wurden jeweils im Rahmen studentischer Abschlussarbeiten evaluiert (die im Übrigen im Web-Archiv im Volltext verfügbar sind). Durchgeführt wurden diese Evaluationen anhand von Good-Practice-Kriterien und des Instruments „Kapazitätsentwicklung im Quartier“ (KEQ), auf das die Autoren im Kapitel 5 näher eingehen.

Abschließend geben Süß/Wolf/Nickel/Trojan (S. 209-215) einen zusammenfassenden Überblick über die vorgestellten Interventionen und gehen dabei insbesondere auf die Erfüllung der Good-Practice-Kriterien und jeweilige Probleme ein. Hinsichtlich ersteren wurden die zehn Interventionen insgesamt positiv bewertet, hinsichtlich letzteren halten die Autorin und die Autoren beispielsweise fest, dass zum Teil der Aufwand beim Einwerben finanzieller und anderer Ressourcen nicht im Verhältnis zu den erzielten Ergebnissen stehe.

Das Kapitel 5 beschäftigt sich mit dem Instrument der „Kapazitätsentwicklung im Quartier (KEQ) als intermediäres Erfolgsmaß“ und erläutert „Methode und Anwendungsergebnisse in der Lenzsiedlung und anderen Quartieren“. Unter Kapazitätsentwicklung wird dabei im Wesentlichen die Schaffung von Strukturen, die Empowerment und Partizipation ermöglichen, verstanden.

Trojan/Nickel (S. 218-227) gehen zunächst auf den Konstruktionsweg des KEQ ein und erläutern die fünf zentralen Dimensionen des Instruments: Bürgerbeteiligung, verantwortliche lokale Führung, vorhandene Ressourcen, Vernetzung und Kooperation sowie die Gesundheitsversorgung, operationalisiert in 51 Items und 15 offenen Fragen, werden in einer schriftlichen (Voll-)Erhebung von professionellen Akteuren im Quartier und engagierten, gut informierten BewohnerInnen bewertet.

Nickel (S. 228-239) nimmt für „methodisch interessierte und versierte Leser“ (S. 226) Stellung zu den psychometrischen Eigenschaften des KEQ. Objektivität und Reliabilität (Cronbachs alpha von 0,82-0,94) werden als gut, die Validität als eingeschränkt beurteilt.

Anschließend stellen Nickel/Trojan (S. 240-246) die Ergebnisse der KEQ-Befragungen vor und konstatieren kurz nach Auslaufen des Projekts nachhaltige Konsolidierung in allen fünf Dimensionen des KEQ. Berechtigt merken sie an, dass die Befragung involvierter Akteure zu subjektiven Verzerrungen führen kann.

Hervorzuheben ist weiterhin der letzte Beitrag in diesem Kapitel, in dem Nickel/Süß/Wolf/Trojan (S. 257-268) u.a. das Problem der unterstellten Wirkung der „komplexen Interventionen im Quartier“ auf die mit KEQ gemessenen Dimensionen thematisieren und im Hinblick auf die Erfolgsmessung weiteren Forschungsbedarf attestieren. Sie kommen zu dem Schluss, dass KEQ eher als Instrument der Qualitätsentwicklung und Steuerung von Gesundheitsförderungs- und Präventionsprogrammen gesehen werden muss.

Im Kapitel 6 wird der Stellenwert von „Partizipation in der quartiersbezogenen Gesundheitsförderung und -forschung“ besprochen. Auch hier führt der erste Beitrag von Trojan/Nickel/Wolf/Süß (S. 270-279) in die Thematik ein, gefolgt von Analysen der Implikationen von Bewohnern eines Quartiers (Nickel/Wolf/Schäfer/Süß/Trojan, S. 280-294) und Akteuren (Trojan/Nickel, S. 295-303) als wesentliche Bezugsgruppen von Partizipation. Der Beitrag von Trojan (S. 304-316) beendet das Kapitel mit einer Betrachtung zu „Chancen und Problemen der Partizipationsmaxime“ und warnt vor der „Verabsolutierung“ derselben.

Im letzten Kapitel 7 werden im Wesentlichen Ergebnisse und ein „Ausblick zur quartiersbezogenen Gesundheitsförderung und ihrer Evaluation“ gegeben. Trojan (S. 318-329) beschreibt die Ergebnisse einer kategorisierenden Analyse der Interventionen, die im Projekt „Lenzgesund“ umgesetzt wurden und leistet damit einen Beitrag zur Systematisierung von Ansätzen zur Gesundheitsförderung. Im Weiteren ziehen Trojan/Nickel (S. 330-359) eine kritische Bilanz der Evaluation des Projekts, beginnend mit einer Übersicht über Evaluationsergebnisse amerikanischer und europäischer Gesundheitsförderungs- und Präventionsprogramme, gefolgt von einem Beitrag von Lorentz/Wolf/Trojan (S. 360-383), die den „Runden Tisch Lenzgesund“ als ‚Zentralorgan‘ des Gesundheitsförderungsprogramms abschließend bilanzieren. Lorentz/Trojan (S. 384-398) gehen auf Chancen und Probleme hinsichtlich der Nachhaltigkeit von „Lenzgesund“ ein, nachdem die Förderphase des Projekts im Sommer 2012 endete. Im letzten Beitrag des Bandes (S. 399-426) erörtern Trojan/Lorentz/Nickel/Süß/Wolf Chancen und Probleme eines Transfers der Erkenntnisse und Ergebnisse des Projekts und plädieren u.a. für institutionalisierte Kooperation von Praxis und Forschung in Gesundheitsförderungsprogrammen, zumal Evaluation als Bestandteil der Qualitätssicherung keine Aufgabe sei, die einzig in den Bereich der Wissenschaft, sondern ebenso den der Praxis falle.

Diskussion

Die AutorInnen haben eine Veröffentlichung vorgelegt, die nicht nur als Ergebnisbericht eines Projekts, sondern auch als ‚Handbuch‘ für quartiersbezogene Gesundheitsförderung gelesen werden kann. Die sorgfältige Abstimmung der thematischen Schwerpunkte der einzelnen Kapitel und Beiträge macht Redundanzen zwar unvermeidlich, ermöglicht den LeserInnen aber eine gezielte Lektüre spezifischer Aspekte des Gesundheitsförderungsprogramms. Ergänzt durch die Materialien des Web-Archivs steht ein Wissensfundus zur Verfügung, der für viele an der Umsetzung gesundheitsfördernder Programme beteiligte Akteure von Interesse sein dürfte. PraktikerInnen können hier Anhaltspunkte für die Planung neuer oder stärkere Systematisierung schon bestehender Projekte finden. Für WissenschaftlerInnen kann der elaborierte Ansatz der Evaluation des Projekts interessant sein, zumal die kenntnisreiche und (selbst)kritische Diskussion als besonders positiv herauszustellen ist.

Fazit

Der eben schon angesprochene Nutzen für Praxis und Wissenschaft spricht für eine Empfehlung der Lektüre des rezensierten Bandes an sowohl PraktikerInnen als auch WissenschaftlerInnen. Darüber hinaus erscheint beispielsweise die Verwendung in der Lehre in gesundheits- und pflegewissenschaftlichen Studiengängen als interessante Option, um etwa den Ansatz der kleinräumigen GBE oder der Quartiersdiagnose anhand der Materialien im Web-Archiv praxisnah zu vermitteln.


Rezension von
Matthias Brünett
MSc. Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP), Köln
Homepage www.dip.de
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Zitiervorschlag
Matthias Brünett. Rezension vom 13.05.2014 zu: Alf Trojan, Waldemar Süß, Christian Lorentz, Stefan Nickel, Karin Wolf: Quartiersbezogene Gesundheitsförderung. Umsetzung und Evaluation eines integrierten lebensweltbezogenen Handlungsansatzes. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-1574-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15944.php, Datum des Zugriffs 10.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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