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Sylke Werner: Praxishandbuch Demenzbegleitung

Cover Sylke Werner: Praxishandbuch Demenzbegleitung. Menschen mit einer Demenz aktivieren, begleiten und unterstützen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. 273 Seiten. ISBN 978-3-456-85137-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Die Novellierung des Pflegeversicherungsgesetzes 2008 führte u. a. zur Einführung eines neuen Aufgabenfeldes, der Alltagsbegleitung Demenzkranker. Die neuen Betreuungsmitarbeiter arbeiten nach diesem Konzept ergänzend zu den Pflegenden und den anderen Mitarbeitergruppen (siehe Richtlinien nach § 87b Abs. 3 SGB XI). Für die neue Tätigkeit sind keine beruflichen Vorerfahrungen erforderlich, persönliche Eignung und das Interesse am Umgang mit Demenzkranken reichen als Eingangsvoraussetzungen aus. Die Qualifikation der Betreuungsmitarbeiter besteht aus einem Orientierungspraktikum, der theoretischen Schulung (160 Unterrichtsstunden) und regelmäßigen Fortbildungen. Die vorliegende Publikation wird als „Praxishandbuch“ für die Demenzbegleiter bezeichnet.

Autorin

Die Autorin ist examinierte Altenpflegerin mit einer weiteren Ausbildung im Gesundheits- und Pflegemanagement (BSc), die in Berlin als Dozentin für Pflege tätig ist.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in elf Kapitel und einen Anhang unterteilt.

Kapitel 1 (Was heißt es, Menschen mit Demenz zu begleiten – Seite 17-33) enthält auf der Grundlage der Richtlinien über die Alltagsbegleitung knappe Ausführungen über die Bedeutung der Demenzbegleitung, die Stellung der Begleitung im Pflegeprozess und die Position des Demenzbegleiters im Pflegeteam.

In Kapitel 2 (Was heißt es, an Demenz erkrankt zu sein – Seite 35-59) werden die allgemeinen Fakten bezüglich der Demenz angeführt: Definition, Symptomatik, Stadien und Formen der Demenz. Des Weiteren wird u. a. über Diagnose und Behandlung referiert. Zum Schluss beschreibt die Autorin den so genannten „personenzentrierten Ansatz“ von Tom Kitwood.

Kapitel 3 (Bedeutung der Lebensaktivitäten bei Menschen mit Demenz – Seite 61-181) beinhaltet die Darstellung der Alltagsaktivitäten Demenzkranker auf der Grundlage des Modells von Monika Krohwinkel, dem so genannte „ABEDL-Strukturmodell“ („Aktivitäten, Beziehungen und existentiellen Erfahrungen des Lebens“), das in 13 Kategorien unterteilt ist:

  • „Kommunizieren“
  • „Sich bewegen“
  • „Vitale Funktionen des Lebens aufrechterhalten“
  • „Sich pflegen“
  • „Sich kleiden“
  • „Ausscheiden“
  • „Essen und Trinken“
  • „Ruhen und Schlafen“
  • „Sich beschäftigen“
  • „Die eigene Sexualität leben“
  • „Sichere und fördernde Umgebung“
  • „Soziale Bereiche und Beziehungen sichern“
  • „Mit existentiellen Erfahrungen des täglich Lebens umgehen“

In Kapitel 4 (Wesentliche Erkrankungen im Alter – Seite 41-96) werden die Alterskrankheiten beschrieben, wobei besonders auf die Herz-Kreislauf-Erkrankungen (u. a. Arteriosklerose, koronare Herzkrankheit und Schlaganfall), Diabetes mellitus und die Erkrankungen des Bewegungsapparates (Arthrose und Osteoporose) eingegangen wird.

Kapitel 5 (Selbstpflege in der Begleitung von Menschen mit Demenz – Seite 191-202) enthält Ausführungen über die Belastungssituationen der Betreuenden im Umgang mit den Demenzkranken, wobei u. a. auch auf die Stressphysiologie und die Kompetenzförderung eingegangen wird. Anschließend erläutert die Autorin Selbstpflegestrategien im Rahmen eines Selbstpflegemanagements und Strategien in der Bewältigung des Ablebens der Demenzkranken.

In Kapitel 6 (Hygiene im Alltag mit Menschen mit Demenz – Seite 203-207) werden auf wenigen Seiten die Hygienestandards im Heimbereich vorgestellt.

Kapitel 7 (Rechtliche Grundfragen – Seite 209-221) weist auf die rechtlichen Rahmenbedingungen im Heimbereich hin: Heimgesetz, Pflegeversicherung, Betreuungsrecht, Patientenverfügungen und rechtliche Regelungen zur Unterbringung und freiheitsentziehender Maßnahmen.

Kapitel 8 (Ethische Aspekte der Demenzbegleitung – Seite 223-225) thematisiert sehr knapp die Bedeutung einer Berufsethik und die ethische Kompetenz in der Demenzbegleitung.

In Kapitel 9 (Demenzbegleitung im ambulanten Bereich – Seite 227-228) wird stichpunktartig die Betreuung Demenzkranker im häuslichen Bereich beschrieben.

Kapitel 10 (Wohnformen für Menschen mit Demenz – Seite 229-232) besteht aus der knappen Beschreibung der Wohn- und Versorgungsformen Demenzkranker jenseits des Pflegeheimes: Betreutes Wohnen, Demenzwohngemeinschaften, Hausgemeinschaften, das Leben im Quartier und die Pflegeoase.

In Kapitel 11 (Fortbildungsinhalte und Beispiele zur Ausbildung von Demenzbegleitern – Seite 233-235) geht die Autorin nochmals auf die Rahmenbedingungen für die Ausbildung von Demenzbegleitern ein. Sie kritisiert den Sachverhalt, dass die äußerst kurze Ausbildung kaum ausreichend sein wird, um Demenzkranke mit ihren Verhaltensauffälligkeiten und Krankheitssymptomen angemessen begleiten und betreuen zu können.

Diskussion

Ein „Praxishandbuch“ für Demenzbegleiter hat nach Auffassung des Rezensenten vordringlich Aufgaben zu erfüllen, die zur Optimierung und auch Erleichterung der Betreuung und Begleitung durch alltagsnahe Konzepte und Strategien führen. Zusätzlich sollten das Verstehen der demenzspezifischen Verhaltensweisen und die Logik der entsprechenden Umgangsformen verständlich gemacht werden, denn Verhaltenssicherheit der Begleiter ist eine Grundvoraussetzung für den Umgang mit Demenzkranken im mittelschweren Stadium. Diesem Anspruch wird jedoch das vorliegende Buch aus folgenden Gründen nicht gerecht:

  • Die Ableitung des Alltagsverhaltens auf der Grundlage neuropathologischer Abbauprozesse zur Erklärung demenzspezifischer Verhaltensweisen wird nicht geleistet, denn die Begleiter benötigen einen praxisnahen Orientierungsrahmen für die Einschätzung des Verhaltens. So fehlen Ausführungen über die krankhaft abnehmende Person-Umwelt-Passung u. a. in Gestalt der Desorientierungsphänomene und anderer Realitätsverluste.
  • Die Autorin beschränkt sich auf zwei theoretische Zugangswege und Strukturprinzipien, die für die Pflege und Betreuung Demenzkranker im mittelschweren Stadium u. a. aufgrund des fehlenden Wirksamkeitsnachweises geradezu kontraproduktiv sind: das Modell von Tom Kitwood und das Strukturmodell von Monika Krohwinkel. Beide Erfassungsmodelle können weder die Komplexität des demenzspezifischen Verhaltens erklären noch angemessene Umgangsformen offerieren.
  • Die Autorin muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie letztlich ein „Pflegebuch“ und kein „Betreuungsbuch“ verfasst hat, denn bis auf wenige Abschnitte werden in Kapitel 3, das vom Umfang her fast die Hälfte des Textes ausmacht, pflegerische Fakten und Handlungsanweisungen dargestellt.
  • Es fehlen Ausführungen über die Bedeutung der Betreuung als Ergänzung zu den Pflegemaßnahmen. Die Funktionalität der Betreuung im Kontext der Tagesstrukturierung und Milieustabilisierung im Sinne von genuinen Kompensationsleistungen wird nicht dargestellt. Es fehlt somit der Nachweis, warum alltagsbegleitende Leistungen unverzichtbar sind.

Fazit

Das vorliegende „Praxishandbuch“ Demenzbegleitung wird vom Inhalt her dem Gegenstandsbereich nicht gerecht. In der Schule wird in solchen Fällen die Beurteilung „Thema verfehlt“ verwendet. Demenzbegleiter werden somit in diesen Ausführungen keine hilfreichen Anregungen und Perspektiven finden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 30.06.2014 zu: Sylke Werner: Praxishandbuch Demenzbegleitung. Menschen mit einer Demenz aktivieren, begleiten und unterstützen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. ISBN 978-3-456-85137-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15950.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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