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Alice Schwarzer (Hrsg.): Prostitution - ein deutscher Skandal!

Cover Alice Schwarzer (Hrsg.): Prostitution - ein deutscher Skandal! Wie konnten wir zum Paradies der Frauenhändler werden? Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2013. 332 Seiten. ISBN 978-3-462-04578-9. 9,99 EUR.

Reihe: KiWi - 1347. Emma-Buch.
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Thema

Prostitution als immer selbstverständlicher werdendes Thema in der Gesellschaft steht im Fokus des Sammelbandes „Prostitution. Ein deutscher Skandal. Wie konnten wir zum Paradies der Frauenhändler werden?“. Die deutsche Gesetzgebung wirkt begünstigend, während eine sehr viel restriktivere Haltung in anderen europäischen Ländern verfolgt wird. Förderlich erscheint das deutsche Prostitutionsgesetz auch hinsichtlich des Menschenhandels aus osteuropäischen Ländern. Als Leitfrage wird formuliert: „Was muss getan werden, um das skandalöse Elend von Hunderttausenden von Armuts- und Zwangsprostituierten zu beenden?“ (Klappentext)

Alice Schwarzer hat einen Sammelband mit Artikeln von Journalist_innen und Redakteur_innen von der Zeitschrift EMMA herausgegeben, die der oben gestellten Leitfrage nachgehen. Die Artikel sind zum Teil bereits in früheren Ausgaben von EMMA publiziert worden.

Herausgeberin

Alice Schwarzer ist Journalistin und Essayistin. Seit 1977 ist sie zudem Verlegerin und Herausgeberin von EMMA. Weiterhin ist sie als Buchautorin tätig, ihre letzten Publikationen als Herausgeberin sind u.a. „Es reicht! Gegen Sexismus im Beruf“ (2013) und „Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus“ (2010).

Entstehungshintergrund

Bereits 1949 wurde durch die Vereinten Nationen in der Konvention „zur Unterbindung des Menschenhandels und Ausnutzung der Prostitution anderer“ die Bestrafung von Freiern aber auch von allen, die davon profitieren, gefordert (S. 7). Schwarzer versteht Prostitution als ein „Massenphänomen“ (S. 8), dass Suchterkrankungen mit sich bringt, um den Alltag ertragen zu können. Als Konsequenz fordert Schwarzer eine „Welt ohne Prostitution“ und eine Bekämpfung der für sie daraus resultierenden „weißen Sklaverei“ (S. 13).

Aufbau und Inhalt

Das Buch von Alice Schwarzer beinhaltet einen Einleitungsteil und vier Kapitel, die wiederum in einzelne Beiträge eingeteilt sind. Schwarzer beginnt mit dem Vorwort, dem schließt sich ein Interview mit zwei Frauen an, die sich freiwillig prostituiert haben. Bettina Flitner berichtet über ihre Fotoreportage in einem sog. ‚Wellness-Puff‘. Im nächsten Artikel berichtet ein Ehepaar über ihren Umgang mit den Bordell-Erfahrungen des Ehemannes, während Alexandra Eul über ihre heimliche Recherche im Großbordell „Pascha“ berichtet.

Das erste Kapitel trägt den Titel „Die Folgen der Reform – und der Widerstand“ und beinhaltet vier Artikel von Chantal Louis, zwei Artikel von Fred Grimm und drei nicht namentlich gekennzeichnete Beiträge. Louis berichtet über die Folgen des Prostitutionsgesetzes von 2002, ihren Besuch in der Einrichtung „La Strada“, die Unterstützung für Prostituierte anbietet, sowie über das Phänomen ‚Loverboys‘, junge Männer, die mittels Liebesbekundungen Frauen zur Prostitution drängen, um mit einem Überblick über das europäische Vorgehen gegen Prostitution zu schließen. Grimm schreibt über die Bestrebungen der Gewerkschaft ver.di, Prostituierte für sich zu gewinnen, und „Modelwohnungen in Rostock“. Die weiteren, nicht namentlich gekennzeichneten Beiträge handeln von Prostituiertenhilfseinrichtungen als „Pro-Prostitutionsfront“, den Erfahrungen von Polizeikommissar Hohmann mit dem Prostitutionsmilieu und Bürger_innen-Initiativen, die sich gegen Prostitution einsetzen.

Es folgt das zweite Kapitel unter der Überschrift „Ich will nicht länger lügen – Prostituierte reden“, zuerst folgt ein Interview mit der französischen Aktivistin Rosen Hicher unter der Überschrift „Wir sind alle Missbrauchsopfer“. Anschließend kommt Schwarzer mit „Ein Besuch im Domina-Studio“ zu Wort und berichtet über den Arbeitsalltag einer Domina. Ihre Erfahrungen im Gespräch mit Prostituierten kann Schwarzer mit ihrem Beitrag über den Besuch bei Domenica fortführen, der sich daran anschließt. Abschluss findet das Kapitel mit einem namentlich nicht gekennzeichneten Beitrag mit dem Titel „Als Prostituierte musst du dich belügen“.

Das dritte Kapitel ist mit „Reicher Sextourist und arme Prostituierte“ überschrieben, es beginnt mit dem Bericht einer Zwangsprostituierten, die sich neun Tage lang in der Gewalt von Menschenhändlern befand. Weitergeführt wird das Thema von Verena Mayer in dem Artikel über „Menschenrechtsopfer mitten in Berlin“, um durch Rita Knobel-Ulrichs „Reise in die Heimat der Zwangsprostituierten“ und Cornelia Filters „Reise in das Land der Vampire“ fortgeführt zu werden. Das Kapitel endet mit einer Reportage von Cornelia Filter und Bettina Flitner über ihre „Reise ins Sextourismus-Paradies Pattaya“.

Im vierten und letzten Kapitel wird ein „Blick zurück – und ein Blick nach vorn“ gerichtet. Schwarzer beginnt mit einem Artikel zur Frage „Macht Prostitution frei?“, während Rosemarie Giesen und Gunda Schumann einen Blick auf „Feministinnen und Prostitution“ werfen. Reinhild Kassing und Christa Paul berichten über „Bordelle für Häftlinge in KZs“, während Chantal Louis das Thema unter „Vor dem gelben Stern war der gelbe Schein“ fortführt. Sabine Constabel beendet das Kapitel mit „Was Politik und Gesellschaft tun müssen“.

Am Ende des Buches finden sich ein Verzeichnis der Autor_innen und eine Chronik von 1871 bis 2013 zur Entwicklung der Prostitution.

Diskussion

Alice Schwarzer möchte mit ihrem Sammelband die aktuelle Situation der Prostitution in Deutschland darstellen, dazu kombiniert sie Artikel mit Interviews, die in der überwiegenden Mehrzahl bereits von EMMA veröffentlicht wurden. Dabei greift sie auf Beiträge zurück, die teilweise über 30 Jahre alt sind (z.B. „Feministinnen und Prostitution“ (1979), „Macht Prostitution frei?“ (1980), „Ein Besuch bei Domenica“ (1988), „Reise ins Sextourismus-Paradies Pattaya“ (1993)). Ob mit solch alten Quellen tatsächlich ein aktuelles Bild gezeichnet werden kann, bleibt fraglich, da sich rechtliche Grundlagen, aber auch gesellschaftliche Bedingungen von Prostitution im Laufe der Jahre verändert haben. Ebenso lassen sich Redundanzen zwischen verschiedenen Artikeln finden, z.B. zwischen S. 86 und 155, S. 147ff. und 166ff. oder dem Artikel von Alexandra Eul und S. 70. Es werden bestimmte Bilder stetig bemüht, z.B. und damit – gerade in Bezug auf Frauen aus Osteuropa oder Asien rassistische Bilder bezüglich scheinbarer Hilflosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit bedient (z.B. „Reise in das Land der Vampire“ oder „Reise in das Sexparadies-Tourismus Pattaya“). Weitere Fragen entstehen, wenn Zahlen angeführt werden, z.B. über die Anzahl von Frauen aus dem Ausland in der deutschen Prostitution (S.74) oder von Prostituierten im Allgemeinen (S.8), zu denen keine Quellen angegeben sind, so dass nicht nachvollziehbar erscheint, woher sie stammen.

Der Fokus des Sammelbandes liegt auf der Situation von ‚Zwangsprostituierten‘ in Deutschland, auch wenn die Definition des Begriffes je nach Kontext unterschiedlich ausfallen kann. Ihre Lage wird beleuchtet und Forderungen zu einer Veränderung des Systems an der Stelle formuliert. Allerdings bleiben Prostituierte, die sich bewusst für diese Tätigkeit entschieden haben, außen vor, ihre Einstellungen finden keinen Platz. Stattdessen wird Prostitution als (fast auf alle Prostituierten zutreffende) Folge von Missbrauch (S. 10) und „als Verhurung der Emanzipation“ (S. 82) dargestellt. Ebenso erfolgt keine Auseinandersetzung mit Sexualassistent_innen, die sexuelle Dienstleistungen speziell für Menschen mit Behinderung oder ältere Menschen anbieten. Freiwilligkeit als Prinzip von Prostitution, in dem Kontext als ‚Sexarbeit‘ bezeichnet, bleibt somit unerwähnt und unsichtbar.

Fazit

Eine ausgewogenere Mischung der Beiträge mit einer weniger vorgefertigten Meinung wäre wünschenswert gewesen. Prostitution stellt ein durchaus kontroverses Thema unserer Zeit dar. Die Auseinandersetzung mit der rechtlichen Lage nach über 10 Jahren mit dem Prostitutionsgesetz in Deutschland ist notwendig. Allerdings bietet das Werk von Alice Schwarzer nur eine Seite der Diskussion, so dass es nicht dazu beitragen kann, als alleinige Lektüre zur Meinungsbildung beizutragen. Gerade bei Auseinandersetzungen im wissenschaftlichen Bereich sollte das Buch mit Vorsicht eingesetzt werden, da es über wenige bis keine Quellenangaben verfügt. Zur kritischen und umsichtigen Auseinandersetzung mit dem Thema Prostitution mag es einen kleinen Beitrag leisten, aber dazu muss es stets im Kontext mit anderen Veröffentlichungen betrachtet und bewertet werden.


Rezension von
Dr. Karoline Klamp-Gretschel
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Zitiervorschlag
Karoline Klamp-Gretschel. Rezension vom 26.02.2014 zu: Alice Schwarzer (Hrsg.): Prostitution - ein deutscher Skandal! Wie konnten wir zum Paradies der Frauenhändler werden? Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2013. ISBN 978-3-462-04578-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15951.php, Datum des Zugriffs 20.09.2020.


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