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Elke Kleinau, Dirk Schulz u.a. (Hrsg.): Gender in Bewegung

Rezensiert von Prof. Dr. Barbara Ketelhut, 14.02.2014

Cover Elke Kleinau, Dirk Schulz u.a. (Hrsg.): Gender in Bewegung ISBN 978-3-8376-2269-0

Elke Kleinau, Dirk Schulz, Susanne Völker (Hrsg.): Gender in Bewegung. Aktuelle Spannungsfelder der Queer und Gender Studies. transcript (Bielefeld) 2013. 320 Seiten. ISBN 978-3-8376-2269-0. 33,99 EUR.
Reihe: Gender Studies.

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Herausgeberinnen und Herausgeber

Die HerausgeberInnen sind Mitglied des Rates (Elke Kleinau), Geschäftsführer (Dirk Schulz) sowie wissenschaftliche Leiterin und geschäftsführende Direktorin (Susanne Völker) von GESTIK.

Entstehungshintergrund

„Initialzündung zu diesem Sammelband war die Gründung von GESTIK – Gender Studies in Köln als eine zentrale, wissenschaftliche Einrichtung der Universität zu Köln im Sommer 2012.“ (S. 9) Die HerausgeberInnen erläutern einleitend, dass sie den vorliegenden Band als „eine Plattform für eine ‚kollektive Selbstreflektion‘“ mit dem Anspruch „Heterogenität und Fülle“ möglich zu machen, sehen (S. 11 f.).

Aufbau

1. Gender Studies in Köln. Hochschulpolitische Akteur_innen/Stadt/Land/Hochschulen

2. Dubiose Dualismen. Gesellschaftliche Herausforderungen der Gender Studies

  • 2.1 Geschlechtergerechtigkeit und Hochschule: Gleichstellung
  • 2.2 (Ge-)Schlecht in der Schule: Lernen
  • 2.3 Geschlechter(un-)ordnung: Transformationen

3. Differenzierte Differenzen. Normierungen und Subversion als Forschungsgegenstand der Gender Studies

  • 3.1 Körperlichkeiten und Inszenierungen: Diversität und Differenz
  • 3.2 Männlichkeiten und Grenzziehung: Positionierung und Differenz
  • 3.3 Queer Theory und Medienanalyse: Performativität und Differenz

Inhalt

In Kapitel 1 werden sieben 2seitige Statements von Personen und VertreterInnen verschiedener Institutionen dokumentiert, die GESTIK – so die HerausgeberInnen in der Einleitung – „maßgeblich vorangetrieben und/oder begleitet haben“ (S. 14).

Elke Kleinau leitet Kapitel 2.1 mit ihrem Beitrag über die Entwicklung des Frauenstudiums in (West-)Deutschland seit Beginn der Zulassung von Studentinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Hierzu unterzieht sie i. W. zwei empirische Studien (Kirchhoff 1897 und Anger 1960) zur Einstellung von Hochschuldozenten (und wenigen Hochschuldozentinnen in der Studie von Anger) zum Frauenstudium einer kritischen Reflexion. Claudia Nikodem fragt nach der Relevanz der Frauenbewegung bei der Etablierung von Gleichstellungsbeauftragten (seit über 20 Jahren) und nach ihrer Kooperation mit Genderforschung. Sie bezieht sich dabei auf die Entwicklungen an der Universität Köln. Auch wenn die „Implementierung von Frauenbeauftragten“ angesichts der politischen und wissenschaftlichen Ziele, die die Frauenbewegung (z.B. mit den „Methodischen Postulaten der Frauenforschung“ von Maria Mies) entwickelt hat, aufgrund der „Verrechtlichung“ heftig umstritten war, wäre sie „nicht ohne die Ideen und das politische Eingreifen der Frauenbewegung realisierbar gewesen.“ (S. 53) Nikodem verdeutlicht die Grenzen des Konzeptes von Gleichstellungsbeauftragten und die Not-Wendigkeiten, deren Arbeit an den Ergebnissen aktueller Genderforschung (wie dem Konzept der Intersektionalität) zu orientieren, wenn es um „strukturelle Benachteiligungen“ u.a. auch von Verwaltungsangestellten und Wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen geht (vgl. S.58). Britt Dahmen und Annelene Gäckle beschreiben, wie sich die Machtdimensionen und Anforderungen für Gleichstellungsbeauftragte an der Universität Köln im Kontext der „exzellenzgesteuerten Hochschulentwicklung“ und zusätzlicher Themenfelder, wie „diversity“ verändern (S. 64). Maike Hellmig analysiert, inwiefern die „Konstruktion von Exzellenz“ Gleichstellung an Universitäten strukturell unterstützt bzw. ihr entgegenwirkt (S.76). An Hand von drei „Instrumenten zur Bewertung wissenschaftlicher Leistungen“: dem Peer Review-Verfahren, den Drittmittelquoten und von bibliometrischen Verfahren verdeutlicht Hellmig den zirkulären Prozess, z.B. der finanziellen Unterstützung von Universitäten, die bereits vor der Antragstellung, u.a. durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft Unterstützungen erfahren haben. Einerseits werde Gleichstellung gefördert, indem sie Bestandteil des Antrags und der Entscheidungsfindung sei, andererseits trage die Exzellenzinitiative durch die Vergabe zeitlich befristeter Drittmittel dazu bei, zunehmend befristete Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen, also einen Trend zu unterstützen, von dem überwiegend Frauen betroffen sind. Abschließend fragt Hellmig, inwiefern „doing excellence und doing gender aus einer intersektionalen Perspektive“ zu sehen seien (S. 85).

Die Beiträge in Kapitel 2.2 befassen sich mit Gender an Schulen: Ausgehend von einem Zusammenhang zwischen „Prototyp und Selbstbild“ (S. 94) im Rahmen von Identitätsentwicklung Jugendlicher gibt Ursula Kessels einen Überblick über aktuelle Ergebnisse empirischer Forschung. Demnach charakterisieren Schüler und Schülerinnen die sogenannten Mint-Fächer, wie z.B. Mathematik und Physik „im Durchschnitt als weniger gut zu Mädchen als zu Jungen passend“ (S. 95). Zudem sei „(eine bestimmte Form von) Männlichkeit mit schulischem Engagement schwer vereinbar“ (S. 100). Andrea Gutenberg setzt sich mit der Frage auseinander, wie es dazu kommt, dass „gender“ im Fremdsprachenunterricht kaum eine Rolle spielt und entwickelt erste Vorschläge dieses durch eine „gendersensible und -kompetente“ Fremdsprachendidaktik zu verändern (S. 117). Weitergehende Vorschläge entwickeln Andreas Barnieske und Andreas Seidler, indem sie sich mit Studien zum geschlechtsspezifischen Leseverhalten und zum Umgang von Mädchen und Jungen mit Medien auseinandersetzen. Sie erläutern die Schwierigkeit der Falle zu entkommen, Jungen überhaupt erst zum Lesen anzuregen ohne ihnen solche Texte anzubieten, in denen von ihnen favorisierte traditionelle Männerbilder vorkommen. Dem setzen sie die „Möglichkeit zur Reflexion und auch zur Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht“ (S. 127) entgegen. Letztlich ginge es im Deutschunterricht um Sprachgebrauch, Sprachreflexion und Auseinandersetzungen mit Geschlechterrollen als Ansatz, um Reproduktionen von Stereotypen zu durchbrechen. Silke Kragl berichtet von der Gründung einer „inklusiven Praxisschule in der deutschen Lehramtsausbildung nach internationalem Vorbild, der Inklusiven Universitätsschule Köln“ (S. 137), deren Beginn für 2014 geplant ist, mit dem Ziel einer „Erhöhung von Geschlechtergerechtigkeit und den Ausschluss von Sexismus“ (S. 144).

In Kapitel 2.3 geht es um Disability Studies, „freie Liebe“ und Veränderungen in der Bedeutung von Erwerbsarbeit. Anne Waldschmidt erläutert die Notwendigkeit „differenzierter Theorieansätze“ auf Basis der Feminist und der Queer Disability Studies sowie der Intersektionalitätsforschung zu entwickeln, um die komplexen Zusammenhänge zwischen gender und disability besser erfassen zu können. Im Rahmen einer empirischen Studie hat Karla Verlinden narrative Interviews mit Frauen und Männern aus der 68er Bewegung geführt, die sie einer „(tiefen-)hermeneutischen Analyse“ unterzieht. Sie entwickelt daraus u.a. die These: Dass sich „‚ das 68er_innen‘-Projekt ‚ freie Liebe‘ nicht durchsetzte, kann auf die Beharrlichkeit, mit der immer noch an traditionellen Geschlechterzuschreibungen festgehalten wird, begründet werden.“ (S. 176 f.) Angesichts der ökonomischen, sozialen und globalen Krisen setzt sich Susanne Völker u.a. mit der „Prekarisierungsdebatte“ auseinander und mit der Annahme, dass „Erwerbsarbeit auch künftig dominanter Integrationsmodus für soziale Einbindung bleiben wird“ (S. 184 f.). In Anlehnung an Judith Butler sieht sie das „erzwungene, unfreiwillige Herstellen von Relationen“ als „soziale Produktivität“ der Akteur_innen (S. 188). Sie bezieht die Ergebnisse von zwei empirischen Studien ein, die die Erfahrungen von Menschen in der Erwerbsarbeit und deren Auswirkungen auf ihre Lebenslagen analysieren. Sie entwickelt (selbst Autorin einer der beiden Studien) die Frage: „Wie geht das Leben weiter, wenn es nicht mehr weitergeht wie bisher?“ (S. 191). Einige der Befragten, so ein Ergebnis, identifizieren sich zunehmend weniger mit der Erwerbsarbeit und gehen auf Distanz. Zudem verändere sich „die Verknüpfung von Geschlecht mit Erwerbsarbeit und Arbeitsteilungen“ (S. 190).

Das Kapitel 3.1 zeigt implizit auf, wie unterschiedlich der Stand der Forschung in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern sein kann. Auf der Basis einer quantitativen Inhaltsanalyse der abstracts von sportmedizinischen Fachbeiträgen kommen Ilse Hartmann-Tews und Bettina Rulofs mit Blick auf die Art und Weise, wie die Geschlechter darin (nicht) vorkommen u.a. zu dem Ergebnis, dass oftmals „Frauen als abweichend“ von „einer männlichen Norm“ gesehen werden (S. 253). Beate Neumeier analysiert die Bedeutung von Monstrosität im Theater der Frühen Neuzeit für die Aufrechterhaltung einer Geschlechterordnung bzw. deren Veränderungen. Katharina Deserno richtet ihren analytischen Blick u.a. auf die Aufzeichnungen der ersten weiblichen Cellistin, der Französin Lise Christiani, die nicht nur erfolgreiche Konzerte in vielen europäischen Städten gab, sondern die sich zudem im Alter von 21 Jahren auf die für die damalige Zeit (1849) ungewöhnlich weite Reise nach Sibirien aufmachte und damit „alle“ Grenzen überschritt. Monika E. Schoop weist hingegen nach, welche Möglichkeiten in den Performances von Popularmusikerinnen wie Lady Gaga und Annie Lennox stecken, symbolische Ordnungen zu unterminieren oder zu überschreiten.

Suizid, Homosexualität und ein amerikanischer Mythos sind die Themen in Kapitel 3.2. Wolfgang Gippert nimmt die aktuellen Diskussionen um Überforderungen an Gymnasien und die hohe Selbstmordrate von Gymnasiasten im Deutschen Kaiserreich zum Anlass den „Überbürdungsdiskurs“ im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu analysieren. Markus Hoffmann stellt Teile seines Dissertationsprojektes vor, in dem er mit Hilfe narrativer Interviews, die er mit Lehrern und Lehrerinnen geführt hat, u.a. der widersprüchlichen Anforderung nachgeht, z.B. Themen wie Homosexualität im Rahmen des Sexualkundeunterrichts „in einem positiven Unterrichtsklima thematisieren“ zu sollen, obwohl „die klassenöffentliche Ablehnung für Jungen eine hohe Bedeutung“ hat (S. 276). Dominik Ohrem analysiert den Mythos der „frontier“, die „das Aufeinanderprallen der sich ausbreitenden amerikanischen Zivilisation und der rohen Kräfte einer noch ‚ ungezähmten‘ Wildnis“ hervorhob und seine Bedeutung für die Konstruktion „weißer amerikanischer Männlichkeiten“ (S. 290).

Die drei Beiträge in Kapitel 3.3 kritisieren bisherige Perspektiven und Lesweisen von bekannten Filmen und Romanen und entwickeln alternative Ansätze. So stellt Claudia Liebrand die These auf, die sie mit Filmausschnitten belegt, dass die beiden Sex Comedies „Pillow Talk“ (von 1959) und „That Touch of Mink“ (von 1962) eben keine Heteronormativität reproduzieren, sondern „mit Konfusionen und Alternativen“ spielen. Nachdem Johannes Breuer den Schwerpunkt von Queer Theory auf die Prozesshaftigkeit legt, die somit erfasst werden kann (vgl. S. 324), richtet er den Blick auf „prozessuale Momente zwischen Norm und Abweichung“ (S. 325) bei seiner Analyse von „The Rocky Horror Picture Show“ sowohl was den Inhalt als auch was die Rezeption des Films betrifft. Abschließend kritisiert Dirk Schulz bisherige wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Romanen: „The Picture of Dorian Gray“ (Oscar Wilde) und „Mrs Dalloway“ (Virginia Woolf) u.a. in Bezug auf ihre „biografischen Rückgriffe“ (S. 339). Er kommt durch seine Analyse u.a. basierend auf theoretischen Ansätzen von Michel Foucault und Judith Butler zu dem Ergebnis: „Beide Romane führen vor, wie jede Erfahrung von Wirklichkeit und Sinnhaftigkeit durch Sprache bestimmt und unser Verständnis von Realität folglich per se künstlich produziert wird.“ (S. 344)

Diskussion

In Zeiten wie diesen, in denen viele Studierende davon ausgehen, dass Frauen bereits emanzipiert seien und es nichts weiter zu tun gäbe, ist es nicht immer leicht, Frauen- und/oder Genderthemen in Lehrveranstaltungen, Modulen oder Forschungseinrichtungen an Hochschulen explizit zu verankern. Insofern kommt einem Sammelband, wie dem vorliegenden, der einen Überblick über viele offene Fragen und damit auch über verschiedene wissenschaftliche Herangehensweisen vermittelt eine besondere Position zu. Eine solche verschiedene Fachdisziplinen überschreitende Bündelung von Fragen, Analysen und Kritiken stellt eine gute Möglichkeit dar, sich nicht nur über Fragen zu vergewissern und auszutauschen sondern auch eine Basis für potentielle Kooperationen zu schaffen.

Kennzeichnend für alle Beiträge ist, dass sie von den jeweils ca. 15 Seiten (in den Kapiteln 2 und 3) gesehen knapp gehalten sind. Hier zeigen sich auch Nachteile, die in der Kürze und im Überblickscharakter der einzelnen Beiträge liegen können, wenn z. B. kein Raum für eine nachvollziehbare Darstellung vorhanden ist, um für die LeserInnen zu klären, wie es möglich ist, dass Unsicherheit (insbesondere im Erwerbsleben), wie Susanne Völker in ihrem Beitrag schildert, zur Ressource werden kann (vgl. S. 190). Weitere empirische Beispiele wären hier nützlich gewesen insbesondere, da es sich um einen der wenigen Beiträge im vorliegenden Band handelt, der sich auf ökonomische Entwicklungen und soziale Fragen bezieht.

Fazit

Die Gründung der wissenschaftlichen Einrichtung für Gender Studies in Köln (GESTIK) wird hier von den HerausgeberInnen zum Anlass genommen eine Bestandsaufnahme von wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungsfragen zum Thema Gender im Kontext der Universität Köln zu dokumentieren. Verschiedene Fachrichtungen von den Literatur- bis hin zu den Sportwissenschaften erhalten hier eine Plattform und liefern einen ersten Eindruck von der Heterogenität verschiedener Arbeitsweisen, Ergebnisse und dem Ausmaß offener Fragen im Kontext von Genderforschung und/oder Queer Studies.

Rezension von
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbaraketelhut@aol.com
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Es gibt 13 Rezensionen von Barbara Ketelhut.

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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 14.02.2014 zu: Elke Kleinau, Dirk Schulz, Susanne Völker (Hrsg.): Gender in Bewegung. Aktuelle Spannungsfelder der Queer und Gender Studies. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2269-0. Reihe: Gender Studies. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15956.php, Datum des Zugriffs 07.12.2022.


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