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Gabriele Jähnert (Hrsg.): Kollektivität nach der Subjektkritik

Cover Gabriele Jähnert (Hrsg.): Kollektivität nach der Subjektkritik. Geschlechtertheoretische Positionierungen. transcript (Bielefeld) 2013. 380 Seiten. ISBN 978-3-8376-2354-3. D: 32,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 38,90 sFr.

Reihe: GenderCodes - Band 16.
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Kollektivitätsverständnis

Im philosophischen und gesellschaftswissenschaftlichen und -kritischen Denken wird die Spannweite zwischen distributiven und kollektiven Einstellungen immer wieder kontrovers diskutiert. Während erstere Haltung, abgeleitet vom lateinischen distributive – jedem Einzelnen für sich – der individualisierte und eher egoistische Gedanke zugrunde liegt, wird „collective“ verstanden als „alle zusammen genommen“. Ein Kollektivbewusstsein wird demnach bestimmt, gehen wir auf die aristotelische Interpretation ein, von der „politeia“, die eine rechtlich-soziale, ökonomische und sittliche Ordnung in einem Gemeinwesen ermöglicht. Denn der Mensch ist ein zôon politikon“, ein politisches Lebewesen, weil er vernunft- und sprachbegabt ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden vermag und danach strebt, ein gutes, gelingendes Leben in Gemeinschaft zu führen (vgl. dazu: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, 640 S.). In der abendländischen, anthropologischen Denktradition wird dieser Gedanke über die Jahrtausende hinweg immer wieder neu gewendet, interpretiert und formuliert, jedoch in seiner grundsätzlichen Bedeutung nicht angezweifelt. Weil aber die Wirklichkeiten der Herrschaftsverhältnisse, der gesellschaftlich gemachten und gewordenen Strukturen und der subjektiven Alltagspraktiken immer auch in Abhängigkeit des Subjekts von der Herrschaft von anderen Personen, Institutionen und Verhältnissen stehen, bedarf es eines Blickwechsels, der im poststrukturellem Bewusstsein wegführt von einem „Kollektivitätsverständnis im Sinne einer weitgehend homogenen Solidar- und Interessengemeinschaft“.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Diese Perspektivenerweiterung provoziert gleichsam eine Reihe von Fragen zur Beziehungshaftigkeit des Subjekts: „Inwiefern lässt sich das Eingewobensein in soziale Bezüge in einem stärkeren Sinn als Form kollektiver Bindung verstehen? – Um welche Art von Kollektiven handelt es sich dabei? – In welchem Verhältnis stehen derartige Kollektivitätsverständnisse zu jenen, die in der feministischen Intersektionalsitätsdiskussion eine Rolle spielen? – Wenn das eine Subjekt im Vielen seiner Beziehungen aufgeht, wenn das einheitliche Selbst einer Vielzahl von Stimmen weicht, muss dann nicht in einem neuen Anlauf diese Pluralität selbst zum Untersuchungsgegenstand werden?“.

Diese Fragen stellten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den interdisziplinären Bereichen der Politischen Theorie, der Politischen Philosophie, der Sozialtheorie, der Rechtstheorie, der Soziologie, der Literatur- und Kulturwissenschaft, der Erziehungs- und Religionswissenschaften. Sie kamen vom 28. bis 30. Juni 2012 am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin zusammen, um sich im wissenschaftlichen Diskurs damit auseinander zu setzen, wie „sich Gemeinschaften denken lassen und wie Kollektivität vorgestellt werden kann, wenn die scheinbar zentrale Kategorie zur Vergemeinschaftung, die Kategorie der Identität, zum kritischen Projekt geworden ist“. Die Germanistin und Geschäftsführerin des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin, Gabriele Jähnert, die Philosophin Karin Aleksander und die Soziologin Marianne Kriszio, legen die deutschsprachigen Beiträge der Konferenz „Kollektivität nach der Subjektkritik“ vor.

Kritisches wissenschaftliches Arbeiten ist dadurch bestimmt, dass es den Blick und das Bewusstsein weitet, wie sich gesellschaftliche und politische Entwicklungen vollziehen, mit dem Ziel, Veränderungen hin zu einem guten, gelingenden Leben für alle Menschen in der jeweiligen Gesellschaft und weltweit mit bewirken zu helfen (Beate Binder / Friedrich von Bose / Katrin Ebell / Sabine Hess / Anika Keinz, Hrsg., Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Innovationen ethnographisch und gendertheoretisch, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15279.php) – und vor allem die Schnittstellen von Herrschaftskritik, alltäglicher Lebenspraxis und gesellschaftlicher, institutioneller Entwicklung zu verdeutlichen (Ellen Bareis / Christian Kolbe / Marion Ott / Kerstin Rathgeb / Christian Schütte-Bäumner, Hrsg., Episoden sozialer Ausschließung. Definitionskämpfe und widerständige Praktiken, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15142.php).

Aufbau und Inhalt

In den interdisziplinären, wissenschaftlichen, theoretischen und praktischen Auseinandersetzungen zur Vitalität und Vielfalt des Diskurses um Kollektivität in seiner definitorischen, historischen und aktuellen Entwicklung vollzieht sich ein Turn, besonders in der feministischen Theoriebildung und Geschlechterforschung. Es sind insbesondere intrakategoriale Aspekte, mit denen Formen von Ungleichheit, Ausschließung und Diskriminierung in gesellschaftlichen Prozessen thematisiert werden: „Mit Blick auf Fragen der Kollektivität verweisen Intersektionalität bzw. Interdependenzen damit darauf, dass zwischen (feministischer) Gemeinschaft und Individuum durchaus ein großes Spannungsfeld liegen kann“. Die einzelnen, interdisziplinären Beitrage werden in vier Themenbereiche gegliedert:

  1. Im ersten Teil geht es um „Kollektivität jenseits von (Geschlechter-)Identitäten“,
  2. im zweiten um „Ontologie und Kollektivität“,
  3. im dritten um „Affektivität und Kollektivität“ und
  4. im vierten um „Kollektive Praktiken“.

Die einzelnen Texte werden vom Rezensenten jeweils mit einem charakteristischen Zitat gekennzeichnet.

Die Soziologin, Frauen- und Geschlechterforscherin von der Technischen Universität Berlin, Sabine Hark, setzt sich mit der Frage „Wer wir sind und wie wir tun“ mit Identitätspolitiken und den Möglichkeiten kollektiven Handelns auseinander. „Das Unterfangen, sich selbstmächtig zu definieren und zu benennen und im Namen dieser Identität politisch zu agieren, ist … eine höchst ambivalente Angelegenheit… denn die historische Aufgabe besteht gerade nicht darin, Differenzen zu Identitäten zu verdinglichen, (sondern) … die soziale Produktion von Identitäten zu verstehen als den fortwährenden und unbarmherzigen Prozess der hierarchisierenden Differenzierung der …differenziellen Verteilung von Prekarität“.

Die Richterin am Bundesverfassungsgericht und Rechtswissenschaftlerin der Humboldt-Universität, Susanne Baer, formuliert mit ihrem Beitrag „Der problematische Hang zum Kollektiv und ein Versuch, postkategorial zu denken“ eine Position, die davon bestimmt ist, dass Gruppismus… nicht nur ein psychologisches und auch nicht nur ein soziales Problem (ist)“, sondern auch ein rechtliches Dilemma darstellt. Sie stellt drei Reformulierungsansätze vor und schlägt vor, „auf der Suche nach Möglichkeiten über strukturelle Ungleichheit, unter der … jeweils Individuen je individuell leiden, postkategorial nachzudenken… (und) anstatt von Kategorien von Kategorisierungen sprechen würden, und wenn wir uns darauf konzentrieren, Ungleichheiten konkret zu benennen“., würden wir uns eher in die Lage versetzen können, irgendwann Abschied vom Kollektiv zu nehmen.

Die Juristin und wissenschaftliche Mitarbeiterin Nora Markard, die bei dem von der Universität Bremen, der Jacobs University Bremen und der Universität Oldenburg getragenen interdisziplinären Sonderforschungsbereich „Staatlichkeit im Wandel“ tätig ist, diskutiert mit ihrem Beitrag „Queerness zwischen Diskretion und Cocktail“ Aspekte von Anerkennungskämpfen und Kollektivitätsfallen beim Migrationsrecht. Am Beispiel der Rechtssprechung des britischen Supreme Courts thematisiert die Autorin die Frage, ob Flüchtlingen der Flüchtlingsstatus zuerkannt werden solle, wenn sie in ihren Herkunftsländern Verfolgung wegen ihrer Homosexualität erleiden. „Der Entwurf von Homosexualität als Identität und als Schicksal spiegelt sich in den Stereotypen wider, mit denen Flüchtlinge beim Kampf um Anerkennung konfrontiert sind“. Ihr Vorschlag, das gruppistische Dilemma zu überwinden, „die individuelle freiheitsrechtliche Dimension der Realisierung je eigener sexueller oder romantischer Vorstellungen und Bedürfnisse (zu) betonen, die nicht durch diskursive und rechtliche Zwangskollektivierungen unterlaufen werden darf“.

Rosine Judith Kelz, Politikwissenschaftlerin an der Fakultät für Politik und Internationale Beziehungen der Universität Oxford, beschäftigt sich in ihrem Beitrag „Der Anspruch auf Gemeinschaft und das nicht-souveräne Subjekt“ mit der Frage, ob die politische Handlungsfähigkeit des Einzelnen von der Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft abhängt. Sie schlägt ein Modell der „offenen Gemeinschaft“ vor, das bestimmt ist vom „Verständnis des politischen Handelns, das nicht von einem Wunsch nach Hegemonie geprägt ist und das kein vorgefasstes Ziel anstrebt, (sondern) … als ein Akt der Solidarität mit Anderen, ein Akt, der sich aus der Erkenntnis der gemeinsamen Verletzlichkeit und der Begrenztheit des Wissens speist“.

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Universität Flensburg, Christine Thon, stellt fest: „Kollektivität braucht radikale Demokratie“. Anhand von Analysen und Beobachtungen aus dem geschlechterpolitischen Alltag fragt sie nach dem Kontext, wie Subjekte von Politik gedacht werden, welche Probleme dabei auftreten und welche Alternativen diskutiert werden. „Die Stabilität oder auch Instabilität eines Diskurses ist dadurch bedingt, wie er sich zu einem Außen verhält. Über die Abgrenzung von einem konstitutiven Außen wird die Identität und Einheitlichkeit des Diskurses gewährleistet… (denn) radikale und plurale Demokratie, die Kontingenz anerkennt und die den ‚leeren Ort der Macht‘ als ihre Voraussetzung begreift, verzichtet gleichzeitig darauf, vorgängige Identitäten einzufordern und zu zementieren“.

Christiane Bausch, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen, diskutiert „Kollektive Identität und politische (Selbst-)Repräsentation am Beispiel von Migrant_innenvertretungen“. Es sind die zunehmenden ethnisch-kulturellen Pluralisierungen und Entgrenzungen, die eine politische Inklusion von Menschen mit Migrationshintergrund in den Gesellschaften erforderlich machen. „Die postkoloniale Perspektive schärft den Blick für die Hervorbringung und Verfestigung von Kollektiven durch Repräsentation, auf denen Abwertungen und Marginalisierungen aufbauen. Eine nachdrückliche Betonung von politischer Repräsentation als einem Akt der Darstellung und die Einleitung eines entsprechenden, die politische Arbeit der Gremien flankierenden Diskurses könnte sich … in der Praxis als hilfreich erweisen, wenn man den durch Essentialismus herbeigeführten Exklusionen von Subgruppen entgegenwirken möchte“.

Den zweiten Teil „Ontologie und Kollektivität“ beginnt der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität, Rico Hauswald, mit dem Schärfungs- und Bestimmungsversuch, das in den Sozialwissenschaften unklare Konzept „Kollektive Identität“ zu explizieren und eine analytische Rekonstruktion des Begriffs und der Ausprägungen vorzunehmen. „Die Herausbildung einer kollektiven Identität setzt… eine soziale Pluralität ( ) voraus, mit der Subjekte sich identifizieren… Wenn unter Bedingungen gemeinsamen Wissens für eine große Zahl von Personen eine Sache besonders wichtig ist, so liegt es nahe, dass diese Situation als politisch bedeutsam erkannt und von politischen Akteur_innen entsprechend adressiert wird“.

Heiner Koch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der Universität Tübingen, reflektiert „Gemeinsame antipatriarchale Kämpfe und die Ontologie von Gender und Herrschaft“. Es geht um die Unterscheidung von verschiedenen Geschlechterrollen und Herrschaftsverhältnissen aus philosophisch-ontologischer Perspektive. Der Autor betrachtet die Situationen, bei denen gemeinsame, geschlechtertheoretische und -praktische Auseinandersetzungen geführt werden. Es sind die Ebenen „Ursachenzusammenhang – Normengleichheit – Wirkungseinheit“, die bei konkreten gesellschaftspolitischen Kämpfen bedeutsam sind. Die Differenz zwischen den klassischen und intersektionalen Herrschaftsformen macht deutlich, dass es nicht ausreicht, „von dem Patriarchat oder der weiblichen Geschlechtsrolle zu reden… Eine Kritik auf der Grundlage der intersektionalen Theorie stellt gemeinsame Kämpfe nicht grundsätzlich in Frage. Sie ist eher die Grundlage dafür, um einen genaueren Blick auf die tatsächlichen gesellschaftlichen Strukturen zu eröffnen“.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der LMU in München, Galia Assadi, formuliert mit ihrem Beitrag „Das gebundene Selbst“ theoretische Möglichkeitsbedingungen für ein postsouveränes Kollektivkonzept. Sie weist darauf hin, dass es bei der Suche nach (neuen) Kollektivitätskonzepten nicht genügt, „das subjektzentrierte Denken zu verabschieden und durch das vermeintlich subjektlose, inkludierende Kollektivitätsdenken zu ersetzen. Um postsouveräne, postidentitäre Kollektivitäts- und Subjektivitätsformen denkbar zu machen, muss …die bestehende Theoriebildung daraufhin untersucht werden, in welchen Formen Kollektivität und Subjektivität sowie die Verbindung zwischen beiden gedacht werden…(und gezeigt werden), inwiefern Kollektiven eine doppelte Funktion in Hinblick auf die Konstitution und die Veränderung von Subjektivitätsformen zukommt“.

Den dritten Teil „Affektivität und Kollektivität“ eröffnet die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hugo von Sankt-Viktor-Institut für mittelalterliche Quellenkunde an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Ffm, Britta Müller-Schauenburg, mit ihrem Beitrag „Person, Sammlung, Kollektivität“. Sie interpretiert die Bildgeschichte der „Schutzmantelmadonna“, wie sie in der christlichen bildenden Kunst insbesondere im 12. und 13. Jahrhundert häufig auftrat. Was kann die (veraltete, unattraktive) eingeführte und benutzte Bezeichnung „persona ecclesiae“ der lateinischen Theologie des Mittelalters als Kollektivkonzept Hier und Heute noch bedeuten bzw. als exemplarische Eigenschaft darstellen? Dies beantwortet die Autorin an einigen Denk- und Interpretationsübungen. „Tatsächlich macht … die enge Verknüpfung von vergesellschaftlichtem Körperbild und einem, wenn man die göttlichen Personen nimmt, ebenfalls nicht geschlechtslosem Gottesbild das in diesem Beitrag vorgestellte Konzept der persona als Ergebnis von Sammlung (collecta) für die Re-Lektüre möglicherweise spannenden denn je, und dies nicht im Sinne einer neokonservativen Wendung“.

Katrin Pahl von der Johns Hopkins University in Baltimore unternimmt mit ihrem Beitrag „Nicht ganz so menschliche Geselligkeit und der Kaffeter“ eine Literaturanalyse des Romans „Das Leben der Hochgräfin Gitta von Rattenzuhausbeiuns“, den Gisela von Arnim in den 1840er Jahren geschrieben hat. In dieser Textmischung aus Bildungsroman und Märchen kritisiert Gisela von Arnim die zwei in jener Zeit vorherrschenden Postulate: Individuation und Reifung und plädiert für Pluralisierung und Kollektivierung. „Wenn plurale Subjektivität und nicht ganz so menschliche Geselligkeit auf den ersten Blick wie eine bloße Spinnerei wirken, so bieten sie doch einen gangbaren Ausweg aus der Sackgasse, in die das organische Bildungskonzept das Subjekt geführt hat“.

Die Ostasienwissenschaftlerin und Fotokünstlerin Isabel Seliger lädt mit dem Blickwechsel weg von eurozentrierten, feminististen Kollektivitätstheorien und hin zu transkulturellen Perspektiven zu einer Umorientierung ein, um „feministisches Denken als eine transkulturelle, diachronische und globale Form von Wissensproduktion zu verstehen und zu artikulieren“. In ihrem Beitrag „Konfuzianisch- und buddhistisch-feministische Modelle von Kollektivität“ setzt sie sich mit den asiatischen Denk- und Handelskategorien „relationale Menschlichkeit“ (rén) und „Bedingtes Entstehen“ (pratïtyasamutpãda) (Sonderzeichen) auseinander. Sie führt das konfuzianisch-feministische Denken auf die Tradition des Verständnisses vom Selbst als Zentrum und Knotenpunkt von Beziehungen zurück und erklärt: „In der konfuzianischen Denktradition wird eine generativ-unterstützende universale Ordnung beschrieben, in der alle Dinge interaktiv und auf sich gegenseitig anerkennende und fördernde Weise existieren und deren innere stimmige Verhältnismäßigkeit und Harmonie Handlungsräume für das Individuum schaffen“.

Der Dozent am Department for Communication, Culture and Media an der Nottingham Trent University in Großbritannien, Hongwei Bao, zeigt mit seinem Beitrag „Die konfuzianische Familie, sozialistische Kollektivität und postsozialistische Queere Politik“ die Notwendigkeit auf, den Begriff „tongzhi“ (Genoss_in) zu überdenken und „das radikale Potential dieses Begriffs für eine gegenwärtige linke Politik aufzuzeigen“. Die „Queere Sozialität“ und der „Queer Comrade“ als gesellschaftlicher Perspektivenwechsel in China „sollte nicht als eine Nebensächlichkeit betrachtet werden, die nur eine kleine Zahl von Leuten betrifft. Sie sollte in den … geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext gesetzt werden – mit besonderem Fokus auf die Auswirkungen des transnationalen Kapitalismus, die neoliberale Ideologie, die zählebige und sich doch ändernde Staatsmacht und Gouvernementalität und die ineinander verflochtene Klassen- und Sexualpolitik“.

Die geschäftsführende Leiterin des Zentrums für Frauen- und Geschlechterstudien der österreichischen Alpen-.Adria-Universität Klagenfurt, Kirstin Mertlitsch, plädiert für einen Paradigmenwechsel „Von der Schwesterlichkeit zu einer Politik der Freund_innenschaft“ . Mit Hannah Arendt und Jacques Derrida argumentiert sie für eine „Politik von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen„; denn eine „Politik der Freund_innenschaft beruht auf individueller und freier Wahl, d. h. Zusammenschlüsse und Bündnisse unterliegen keinem exklusiven familiären Pflichtgefühl und keiner Loyalität der Schwesterlichkeit (Feminismus) bzw. Brüderlichkeit gegenüber, sondern Freund_innenschaft eröffnet vielfältige politische Verbindungen“.

Im vierten Kapitel werden kollektive Praktiken vorgestellt. Die Berliner Theaterwissenschaftlerin Renate Ullrich weist mit ausgewählten Texten von Volker Braun auf „Dimensionen des Verhältnisses von Kollektivität und Individualität“ hin. In den in der Staatsdoktrin und in der gesellschaftlichen Praxis der ehemaligen DDR grundgelegten Unterscheidungen von Kollektivität als soziales, zwischenmenschliches Verhalten und Kollektiv als Organisationsform von Arbeit und Freizeit verdeutlichte sich auch die Gesellschaftspolitik und Ideologie der Wunsch nach „Abschaffung der Klassen“, von Gleichheit und der Errichtung einer alternativen, kommunistischen Gesellschaft. In der Literatur, den Theaterstücken und im künstlerischen Schaffen von Volker Braun artikulieren sich die Prozesse der Dialektik von Individualität, Kollektivität, Subjektwerdung und Gesellschaftsgestaltung, bis hin zu Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen: „Interessant ist, dass Braun sich wiederholt von Ereignissen und/oder Kunstwerken anregen ließ, in denen auf exemplarische Weise deutlich wird, wie in früheren Jahrhunderten und anderen gesellschaftlichen Verhältnissen versucht wurde, den andauernden Widerspruch von Individualität und Kollektivität zu händeln“.

Der Berliner Soziologe Sebastian Scheele, setzt sich mit seiner Frage „Wie subjektkritisch ist der Privilegiendiskurs?“ mit Privilegiertheit, Bündnissen und Kollektivität auseinander. Jenseits der ökonomisch Bevorzugten und gesellschaftlich Privilegierten kommt es bei den „allies“ darauf an, an der Seite der Unterdrückten und Benachteiligten gegen privilegierende Herrschaftsverhältnisse tätig zu werden. Der so verstandene Privilegiendiskurs zeigt sich deshalb darin, „sich auf eine bestimmte Art zu seinen Privilegien zu verhalten und besonders (in der) Zuspitzung, seine Privilegien abzulegen“ und somit ein „souveränes Subjektverständnis“ zu zeigen.

Die Berliner Geschlechterforscherin und Lateinamerikanistin Julia Roth fragt „Ein legible face auf Facebook?“. Sie diskutiert Politiken und Praktiken von Gender und von De/Kolonialität im Cyberspace. Sie zeigt die Strukturen und Konzepte auf, wie sich Subjektivität, Identität und Körperlichkeit im WorldWideWeb darstellen und fragt nach den Konsequenzen für kollektives Handeln im politischen und emanzipatorischen Zusammenhang. „Eine postkoloniale oder dekoloniale Perspektive auf den Cyberspace fragt nach den Möglichkeiten von Kollektivitäten auch jenseits von Identität, Erfahrung und Subjektivität“. Zugänge dazu eröffnen sich durch Konzepte wie „Critical Whiteness“ und „kritischer Okzidentalismus“.

Die an der Universität in Graz tätige Erziehungswissenschaftlerin Rosemarie Ortner und die Wiener Kunst- und Kulturpädagogin Marion Thuswald beschließen den Tagungsband mit der Frage: „Wer ist jetzt eigentlich Wir?“, indem sie über heterogene Kollektivität in Forschungs-Bildungsprozessen nachdenken. Am Beispiel des Projektes „Facing the Differences“ und mit der Forschungsmethode der „Kollektiven Erinnerungsarbeit“ referieren die Autorinnen die Erfahrungen und Ergebnisse ihrer Arbeit mit Schülerinnen und Schülern: „Durch eine vielfältige Adressierungspraxis werden unterschiedliche und wechselnde Identifizierungen, Positionierungen, Allianzen und Abgrenzungen ermöglicht und die Zuschreibungen und damit auch die Verteilung von Sprech- und Handlungsmacht weniger fixiert“.

Fazit

Die vielfältigen, interdisziplinären, auch kontroversen Zugänge zu Fragen und Entwicklungen im wissenschaftlichen Kollektivitätsdiskurs nehmen die Tatsache auf, dass Formen von Kollektivität in nahezu allen Lebenslagen und gesellschaftlichen Bezügen der Menschen wirksam sind. Die Frage, „wie sich Gemeinschaften denken lassen und wie Kollektivität vorgestellt werden kann, wenn die scheinbar zentrale Kategorie zur Vergemeinschaftung, die Kategorie der Identität, zum kritischen Projekt geworden ist“, lässt sich weder als Ordre Mufti, noch als Ideologie beantworten. Mögliche Antworten und Lösungsansätze ergeben sich jedoch im interdisziplinären Dialog. Die Herausgeberinnen stellen fest, dass die Beiträge zusammen gelesen von der Vitalität und Vielfalt der gegenwärtigen Auseinandersetzung um Kollektivität im Umfeld der Geschlechterforschung künden. Sie erhoffen sich, dass aus diesen Auseinandersetzungen wichtige Impulse für die feministische Theoriebildung ausgehen, aber auch auf den wissenschaftlichen Diskurs in anderen Fächern und Disziplinen. Diese Hoffnung teilt der Rezensent gerne!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.11.2013 zu: Gabriele Jähnert (Hrsg.): Kollektivität nach der Subjektkritik. Geschlechtertheoretische Positionierungen. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2354-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15958.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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