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Harald Walach: Psychologie

Cover Harald Walach: Psychologie. Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. 3., überarb. und erweiterte Auflage. 425 Seiten. ISBN 978-3-17-022937-2. 39,90 EUR.
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Thema

Nicht erst seit John Cacioppos Diktum über die Psychologie als „hub science“ (2007) zeigt sich, dass die wissenschaftstheoretische Fundierung dieser Disziplin fragwürdig ist und ihre Verortung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften einen Sonderfall darstellt. Harald Walach bezieht zu dieser Fragestellung einen innovativen Standpunkt: „Psychologie muss sowohl Natur- als auch Geisteswissenschaft sein“ (S. 76). Um diese kontroverse Annahme zu rechtfertigen, präsentiert er in dem vorliegenden Lehrbuch klassische wie zeitgenössische Konzepte aus der psychologischen Philosophie sowie der akademischen Psychologie und leitet aus ihnen seinen Vorschlag, in dessen Zentrum der Gedanke der „Komplementarität“ von natur- und geisteswissenschaftlicher Perspektive steht, ab.

Autor

Harald Walach wurde 1991 zu Basel in Psychologie und 1995 zu Wien in Philosophie promoviert, bevor er 1998 die venia legendi in Psychologie zu Freiburg erwarb. Seit 2010 bekleidet er den Lehrstuhl für Kulturwissenschaften und Komplementäre Medizin an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), wo er das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften leitet. Er publiziert vorwiegend zum Themenkreis alternativer Medizin und Kritik medizinischer Verfahren.

Entstehungshintergrund

Das Lehrbuch wurde bei Kohlhammer als ein Einführungs- und Grundlagentext veröffentlicht (www.kohlhammer.de/wms/instances/KOB/appDE/Psychologie/Einfuehrungen-Grundlagen/), wird allerdings nicht von weiteren Bänden wie etwa in der „Reihe Grundriss der Psychologie“ flankiert. Thematisch steht die theoretische Psychologie also zwar der Allgemeinen Psychologie nahe, wird in Walachs wissenschaftstheoretischem Format jedoch eher dem klassischen Kanon an Einführungen ergänzt, als zu ihm zu gehören. Nach der Erstveröffentlichung 2005 und der zweiten Auflage 2009 wurde 2013 die vorliegende dritte, überarbeitete Ausgabe veröffentlicht, die u. a. um Betrachtungen zur Phänomenologie ergänzt wurde.

Aufbau

Das Lehrbuch liegt in 15 Kapiteln vor, die in drei Abschnitte geordnet sind:

Teil I: Das Wesentliche

  • 1. Was ist Wissenschaft? – oder: Die Detektivgeschichte als Modell für die empirische Wissenschaft
  • 2. Wissenschaft im historischen und sozialen Kontext
  • 3. Psychologie: (mindestens) zwei Gesichter einer Wissenschaft

Teil II: Philosophiehistorisches Propädeutikum, oder: Im Galopp durch die Philosophiegeschichte

  • 4. Themenvorgabe in der Antike
  • 5. Spätantike, Neuplatonismus und Augustinus
  • 6. Vom Mittelalter zur Neuzeit
  • 7. Beginn der Neuzeit
  • 8. Newton, Hume, Kant und die Folgen

Teil III: Geschichte der Psychologie im deutschsprachigen Raum, Wissenschaftstheorie, Ethik

  • 9. Von der Philosophie zur Psychologie
  • 10. Wissenschaftstheorie
  • 11. Das Leib-Seele-Problem
  • 12. Hermeneutik
  • 13. Introspektion und Phänomenologie
  • 14. Ethik
  • 15. Bausteine für eine Wissenschaftstheorie der Psychologie

Jedes Kapitel schließt mit dem Exzerpt der zentralen Thesen und Literaturempfehlungen. Des Weiteren liegen ein Personen- sowie Sachwortverzeichnis vor. Die Anzahl der Kapitel bietet die Anwendung des Lehrbuchs im Lehrbetrieb an, wobei sich das 15. Kapitel eher als ein Ausblick oder Resumé anbietet.

Inhalt

Der erste Abschnitt des Lehrbuchs widmet sich einer propädeutischen Darstellung des Anliegens von Wissenschaftstheorie sowie deren Bedeutung für die wissenschaftliche psychologische Arbeit. Walach betont dabei früh, dass Wissenschaft „ein sich selbst steuernder, sich selbst begründender, sich selbst reformierender und sich selbst reflektierender Prozess“ (S. 16) sei. Diesen Prozess geschichtlich und methodologisch zu explizieren, ist gleichermaßen das Programm des gesamten Bandes, wie im Besonderen das vornehmliche Anliegen des ersten Abschnitts. Dieser präsentiert die logische Grundlage von Forschung (Kapitel 1), d. h. die drei Schlussverfahren Abduktion, Deduktion und Induktion, die einflussreichsten Konzepte zur Beschreibung wissenschaftlichen Fortschritts (Kapitel 2), namentlich Collingwood, Fleck und Kuhn, und die Sonderstellung der Psychologie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften (Kapitel 3), wobei der Autor maßgeblich auf sein „Komplementarität“ genannten Erklärungsansatz eingeht. Komplementarität sei begrifflich der Quantenphysik entlehnt und bezeichne, „dass es dort nämliche Größen gibt, die zwar gemeinsam zur Beschreibung einer Sache nötig, aber nicht gleichzeitig mit beliebiger Präzision feststellbar sind“ (S. 73). Auf die Psychologie übertragen spricht Walach davon, dass es sich wie bei den Quanten auch beim Menschen um ein „Doppelwesen“ (S. 74) handele, das als Naturwesen materiell und als Kulturwesen geistig sei, und die Psychologie diesem Umstand Rechnung tragen müsse, was indes die Verwendung natur- wie geisteswissenschaftlicher Methoden verlange.

Im folgenden zweiten Abschnitt widmet sich der Autor einem chronologischen Abriss der Philosophiegeschichte, die „für Psychologen, und vor allem für Psychologen, die im Rahmen einer ganz jungen Wissenschaft tätig sind, […] von größter Bedeutung“ (S. 89) sei. Hierbei werden epochenweise Schlüsselkonzepte anhand prominenter Autoren vorgestellt: Von den Vorsokratikern bis zum Stagiriten erfolgt die Berücksichtigung der Antike (Kapitel 4), bevor die spätantike und frühchristliche Philosophie expliziert wird (Kapitel 5). Es schließen jeweils ein Beitrag zum Mittelalter (Kapitel 6) und zur Neuzeit (Kapitel 7). Der sowohl der psychologischen Wissenschaftstheorie als auch der Gegenwart am nächsten stehende Abschnitt wendet sich dem klassischen Empirismus und der kantischen Transzendentalphilosophie zu (Kapitel 8). Selbige sei „historisch gesehen der Geburtsmoment der modernen Psychologie“ (S. 184) gewesen. „Denn wenn es nicht mehr möglich ist, über die Natur des Seelenlebens durch reines rationales Nachdenken Klarheit und neues Wissen zu erlangen, dann muss dies durch empirische Forschung geschehen“ (ebd.).

Der letzte Abschnitt bezieht die philosophiegeschichtlichen Aspekte auf den Kontext der gegenwärtigen Forschung, indem die Sollbruchstellen und paradigmatischen Probleme aufgezeigt werden. Der fulminante erste Teil dieses Abschnitts zeichnet hierzu eine Skizze der Geschichte der akademischen Psychologie zwischen Neukantianismus und Kognitivismus (Kapitel 9). Es folgt in vergleichbarem Umfang ein Überblick über die einflussreichsten Konzepte der Wissenschaftstheorie, insbesondere Positivismus und Kritischen Rationalismus einschließlich ihrer Kritiken (Kapitel 10). Seine Darstellung kulminiert dabei in einer holistischen Definition der Wissenschaft per se: „Wissenschaft ist der Versuch aus menschlicher Erfahrung systematisch und methodisch Wissen zu generieren und vor Irrtum zu sichern“ (S. 270). Im Anschluss an diese beiden panoptischen Kapitel präsentiert Walach einige markante Streitpunkte der jüngsten Wissenschaftsgeschichte. Zunächst nennt er das Leib-Seele-Problem (Kapitel 11), dessen klassische und innovative Positionen er vor dem Hintergrund der vorherigen Abschnitte kontrastiert. Dann kommt er auf alternative methodische Zugänge zum Gegenstand der Psychologie zu sprechen, namentlich Hermeneutik (Kapitel 12) und Phänomenologie (Kapitel 13). Der Band schließt mit Anmerkungen zur Ethik im Wissenschaftsbetrieb (Kapitel 14) sowie einem Ausblick auf die Möglichkeit einer psychologischen Wissenschaftstheorie der künftigen akademischen Forschung und Lehre (Kapitel 15).

Diskussion

Die Unternehmung, der kontinuierlichen naturwissenschaftlichen Adaptation durch die Psychologie allem neurowissenschaftlichen Optimismus zum Trotz zu opponieren, scheint zunächst kühn und mag den Interessenten mit der Vermutung eines verlorenen Postens von der Lektüre abhalten. Walachs fortissimo vorgetragene Idee einer komplementären Integration von Natur- und Geisteswissenschaft verdient jedoch eine nicht bloß ideelle Berücksichtigung im Kontext des aktuellen Streits um die methodologische Grundlegung der Psychologie. Fragwürdig allein bleibt die pragmatische Nützlichkeit von Aufbau und Struktur des vorliegenden Lehrbuchs, das mit dem Vorhaben einer vollständigen Berücksichtigung der nicht bloß abendländischen Geistesgeschichte nicht nur das Wohlwollen philosophisch desinteressierter Leser, sondern auch die argumentatorische Relevanz riskiert.

Der erste und wichtigste Schwerpunkt der Beurteilung muss sich dem Inhalt zuwenden. Die vorliegende Abhandlung verfolgt zwei Zwecke. Zunächst bietet sie Studenten und Wissbegierigen eine Einführung in klassische und zeitgenössische, philosophische und genuin psychologische Entwürfe der Psychologie. Dieses Vorhaben hat der Autor in einer minutiösen Ausführlichkeit verfolgt, die gleichermaßen philologische Urtexte wie kontroverse Gegenwartstheorien integriert. Walachs Darstellung der Wissenschaftsgeschichte ist indes nicht von eingestandenen „Verzerrungen von historischen Positionen“ (S. 91) frei. Die von ihm eingenommene Perspektive ist gleichsam von einem prononcierten Antipositivismus motiviert: „Auch wenn der Determinismus als Idealfigur einer positivistischen Wissenschaft noch stark in den Köpfen vieler Forscher auch innerhalb der Psychologie herumspukt, so ist kaum zu übersehen, dass die Psychologie und vermutlich die gesamten Sozialwissenschaften keine vollständig deterministische [sic] Gesetzmäßigkeiten formulieren können“ (S. 282). Dennoch leitet sich das Urteil über dieses zunächst als Lehrtext verstandene Buch nicht aus der eingeschränkten Neutralität der Darstellung ab, denn dieser Maßstab verfehlte den durchaus geisteswissenschaftlichen, resp. kontroversen Anspruch des Gesamttexts. Vielmehr handelt es sich um bei dem vorgelegten Lehrtext um eine wertvolle Rarität, insofern die historische Darstellung nicht ex cathedra vorgetragen wird, sondern den Leser zu einer eigenständigen Stellungnahme anregt. Hierin unterscheidet sich Walachs Beitrag entschieden von vergleichbaren, meist auf das Bachelorstudium ausgelegten Veröffentlichungen. Vor diesem Hintergrund sollte auch der zweite inhaltliche Zweck des Textes verstanden werden. Dass der Autor seine eigene quantenphysikalisch inspirierte Interpretation der Wissenschaftsgeschichte vorträgt, mag vom Standpunkt idealer Objektivität aus in Frage gestellt werden. Gerade weil an zahlreichen Stellen die Allgemeingültigkeit wissenschaftlicher Theorien grundsätzlich angezweifelt wird, handelt es sich bei den im Entwurfstatus vorgetragenen Theoremen zur Komplementarität der psychologischen Methodik um die Feuerprobe des Textverständnisses, insofern die methodische Skepsis auch auf diese konzeptuellen Offerten anzuwenden ist. Werden die Lehraussagen des Textes ernst genommen, handelt es sich bei Walachs eingebrachten Hypothesen nicht um etwaige Indoktrination, sondern um das erste Anwendungsbeispiel methodischen Zweifelns.

Der Form nach steckt der Band hohe Maßstäbe: „Hierbei geht es je nach Wissenschaftstradition um die Quantität, manchmal aber leider immer seltener – um die Qualität dieser Publikationen. Da aber Quantität immer leichter und schneller zu bewerten ist als Qualität, ist in moderner Zeit eher die Tendenz zu beobachten, die Quantität zu bewerten und die Qualität aufgrund einfacher bibliometrischer Kennzahlen zu quantifizieren“ (S. 64). Dass diese eingeforderte Qualität auch für die Amalgamierung natur- wie geisteswissenschaftlicher Veröffentlichungsstile eingeholt wird, stellt eine zusätzliche Herausforderung dar. Dem strebsamen Vorhaben zum Trotz muss deswegen deutlich gemacht werden, dass es sich beim vorliegenden Lehrbuch eher um eine Bewegung von der Naturwissenschaft weg auf die Geisteswissenschaft zu, als umgekehrt handelt. Dieser Eindruck entsteht nicht erst ob der ausführlichen biographischen und systematischen Einordnung diverser klassischer Philosophen im zweiten Abschnitt, sondern auch angesichts des Mangels einer methodologischen Würdigung jüngster wissenschaftlicher Entwicklungen in der als reduktionistisch skizzierten (S. 285f) streng empirischen Psychologie. Aber auch für die praktische Anwendung im Lehrbetrieb kann bemängelt werden, dass die ungleichmäßige Kapitellänge keine verlässliche Größe für die Gestaltung von Vorlesungen ist. So handelt es sich beim fünften Kapitel um sieben, beim zehnten Kapitel um 72 Seiten. Zugleich muss aber betont werden, dass das Lehrbuch dem Anspruch eines wissenschaftstheoretischen Propädeutikums gerecht wird, d. h. insbesondere dort, wo andere Einführungen vergessen, dem Leser das selbstständige Mitdenken zu überlassen.

Fazit

Es handelt sich um einen gemeinhin unterschätzten Luxus, auf die Expertise eines philosophisch ausgebildeten Psychologen zurückgreifen zu können, sobald die methodologischen Grundlagen der modernen Psychologie auf dem Prüfstand stehen. Mit Harald Walachs Lehrbuch wird eine Perspektive bezogen, die die kaum 150 Jahre alte Geschichte der Psychologie mit der Weisheit des Abendlandes kontrastiert, um eine Kritik der gegenwärtigen Wissenschaftstheorie zu ermöglichen. Auch wenn hierbei durchaus auf Wissen zurückgegriffen wird, das für den zeitgenössischen Lehrbetrieb untypisch geworden ist und deswegen an einen verlorenen Posten erinnert, lohnt sich die Lektüre, weil neben dem Auftrag der akademischen Lehre, Wissen zu akkumulieren, die wichtigere Pflicht, zur Mündigkeit – selbstständigem Denken – zu erziehen, nicht vernachlässigt wird.


Rezensent
Alexander N. Wendt
M.Sc. (Psychologie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 01.10.2014 zu: Harald Walach: Psychologie. Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. 3., überarb. und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-17-022937-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15964.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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