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Oliver Hormann: Das soziale Netz der Familie

Rezensiert von em. Prof. Dr. Süleyman Gögercin, 03.01.2014

Cover Oliver Hormann: Das soziale Netz der Familie ISBN 978-3-531-19752-4

Oliver Hormann: Das soziale Netz der Familie. Eine Praxeologie familiärer Hilfebeziehungen. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 336 Seiten. ISBN 978-3-531-19752-4. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
Reihe: Research.

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Thema und Entstehungshintergrund

In Folge des soziodemographischen Wandels verändern sich auch die Familien in ihrer personellen Zusammensetzung, in ihrer Stellung im Gefüge der sozialen Beziehungen, die sie umgeben; sie verändern sich also in ihrer Lebenssituation, aber auch in ihren Möglichkeiten und Grenzen um die Sorge ihrer Mitglieder.

Beim vorliegenden Buch über „Das soziale Netz der Familie“ handelt es sich um eine leicht überarbeitete Fassung der Dissertation des Autors, die an der Universität Bremen entstand und 2012 abgeschlossen wurde. Der Autor untersucht darin die konkreten Hilfebeziehungen von Familien in der Verwandtschaft sowie im außerverwandtschaftlichen Netzwerk. Er zieht hierfür repräsentative Daten des Deutschen Alterssurveys heran und versucht auf folgende Fragen eine Antwort zu geben (S. 15): Welche Hilfebeziehungen ergeben sich im sozialen Netz der Familie im Allgemeinen, und speziell mit nahen Familienangehörigen? Wie gestaltet sich die Arbeitsteilung in „persönlichen Gemeinschaften“? In welcher Beziehung stehen die sozialen Logiken in den Familienbeziehungen zur Arbeitsteilung im Beziehungsnetzwerk? Wie werden die persönlichen Gemeinschaften subjektiv wahrgenommen?

Autor

Dr. Oliver Hormann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Braunschweig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch eröffnet mit je einem Inhalts-, Abkürzungs- und Tabellenverzeichnis, gliedert sich dann nach einer Einleitung in fünf Hauptkapitel auf und schließt mit einem Literaturverzeichnis ab.

In Kapital 1 werden der gesellschaftliche Wandel und seine Bedeutung für die „gelebte“ Familie zunächst anhand empirischer Befunde aufgezeigt, und zwar sowohl hinsichtlich der grundlegenden Sichtweisen auf die aktuellen Familienverhältnisse als auch der Literatur zu den sozialen Mechanismen, die die soziodemografischen Veränderungen in die Familie „hineintragen“. Dann werden die Folgen des Strukturwandels der Familie anhand der Demoralisierungs- und Demokratisierungsthesen erklärt und es wird der Frage nach den möglichen Beziehungen zwischen dem soziodemographischen Wandel und den gelebten Beziehungen in der Familie nachgegangen. Diskutiert wird dabei u.a., „ob den traditionellen Bindungen zwischen Eltern und ihren Kindern (auch noch) in modernen Arbeitsgesellschaften wie der Bundesrepublik eine unverwechselbare Qualität anhaftet und worin diese bestehen könnte.“ (S. 17)

Im zweiten Kapitel der Arbeit geht es um die Familie im Netz sozialer Beziehungen. Die vielfältigen Kontakte der Familie mit Personen und Gruppen außerhalb des Verwandtschaftssystems bilden den Hauptgegenstand dieses Kapitels. Der Autor geht hierbei folgenden Fragen nach: „Was“ leisten traditionelle Familien(teil)netzwerke für ihre Angehörigen und „wer“ erfüllt die traditionell familienbezogenen Aufgaben im sozialen Unterstützungsnetz; wie wirkt der gesellschaftliche Wandel auf die Strukturen der Unterstützungsbeziehungen aus, die ältere Menschen mit verschiedenen sozialen Primärgruppen unterhalten, und welche Rolle spielen die familienbezogenen Handlungslogiken für die Koordination der Beziehungen (S. 105). Bei der Suche auf Antworten auf diese Fragen greift der Autor unter anderem auf drei Modelle zur sozialen Arbeitsteilung im Netzwerk zurück: Das Modell der hierarchischen Kompensation, das aufgabenspezifische Modell sowie das additive Modell. Im Rahmen des folgenden Modellvergleichs sowie in der Auseinandersetzung mit der Diversität der sozialen Netzwerkstrukturen und ihren vorab thematisierten Ursachen entwickelt Hormann 32 Hypothesen, die er nachfolgend überprüfen will.

Das dritte Kapitel ist der Methode und Datenbasis des folgenden empirischen Teils der Arbeit gewidmet. Hierbei wird zunächst die egozentrierte Netzwerkanalyse als Methode zur Identifizierung sozialer Unterstützungsarrangements zwischen verwandtschaftlichen, freundschaftlichen und nachbarschaftlichen Rollenbeziehungen eingeführt. Der Autor beschreibt dann die Untersuchungsmethode, das Erhebungsinstrument sowie die Stichprobenmerkmale. Im letzten Teil erfolgen Angaben zu den Analyseinstrumenten und zur Konstrukterstellung.

Im vierten Kapitel der Arbeit erfolgt Die Analyse: Das soziale Netz der Familie. Analysiert werden hierbei auf der Grundlage des Alterssurveys die Selektionsprozesse, durch die sich verschiedene soziale Beziehungen sowie die Muster der Arbeitsteilung zwischen ihnen etablieren. Begonnen wird mit einer clusteranalytischen Klassifikation der Strukturmerkmale. Die anschließende Darstellung und Diskussion erfolgt anhand von fünf Netzwerkclustern, die die Beziehungen in den informellen Hilfenetzen charakterisieren: „Die Verwandtschaftsorientierten“, „die Funktionalisten“, „die Nicht-Familienmenschen“, „die Netzwerker“ und „die Generationensolidarischen“. Im folgenden Teil werden die Entstehungsbedingungen dieser Netzwerkcluster geprüft sowie die Beziehungslogiken der Netzwerktypen und clusterspezifischen Netzwerkunterschiede in der erlebten sozialen Einbindung näher betrachtet.

In der abschließenden Zusammenschau der Ergebnisse und im Ausblick werden die Ergebnisse der Studie noch einmal zusammengestellt.

Diskussion

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um eine sehr komplex und hervorragend konzipierte Studie, deren Fragestellung präzise, sehr gut hergeleitet, eingegrenzt und begründet ist. Die Gliederung ist stringent und zielführend.

Der Forschungsstand zu familiären Hilfebeziehungen wird umfassend und fundiert rezipiert. Die Literatur wird ausgezeichnet eingebunden. Die bestehenden Forschungsergebnisse werden sehr präzise in die Ergebnisse der eigenen Forschung eingebettet. Durch ein aufwändiges und methodisch sehr anspruchsvolles Untersuchungsdesign ist der Autor den Fragen/Hypothesen seiner Studie nachgegangen. Die Qualität seiner Analysen und die Informationsverarbeitung sind von hoher Qualität. Weitergehende Analysen von Einflussgrößen wären möglich und wahrscheinlich auch erkenntnisgewinnbringend wie z.B. Berücksichtigung der ethnischen Herkunft.

Die vielfältigen Ergebnisse der Studie, die im Diskussionsteil im Wesentlichen resümiert werden und deshalb hier nicht weiter ausdifferenziert werden, sind wissenschaftlich sehr interessant und gesellschaftlich sowie familienpolitisch höchst relevant.

„Dass die Position und Rolle der Familie im Kontext der persönlichen Netzwerke keineswegs einheitlich beschrieben werden kann“ (S. 309), ist der zentrale Befund der Arbeit von Hormann und sicher nicht überraschend. Die Vielfalt der Netzwerkbeziehungen kommt in den vom Autor sehr zutreffend bezeichneten fünf Netzwerktypen (sind oben unter „Netzwerkcluster“ genannt) zum Ausdruck, die auch für die Folgen des soziodemografischen Wandels der Familienstrukturen aussagekräftig sind.

Mir scheint neben der Tatsache, dass Verwandtschaftsbeziehungen unabhängig von Netzwerktypen unterschiedlich ge- und erlebt werden, der Befund der Untersuchung besonders erwähnenswert, dass der Wandel der Familienstrukturen nicht zwangsläufig zu einer Erosion des Unterstützungsnetzes geführt hat, wie manche skeptischen „Demoralisierungstheoretiker“ beobachtet zu haben glauben, sondern zu einer Verlagerung der Tauschaktivitäten auf außerverwandtschaftliche Beziehungen. In der Arbeit wird eindrucksvoll aufgezeigt, welche Rolle außerverwandtschaftliche Beziehungen für das Wohlbefinden der Familienmitglieder spielen.

Der Hinweis scheint mir hierbei angebracht zu sein, dass die Vertreter der Demoralisierungsthese diese Rolle nicht vernachlässigen bzw. unterschätzen sollten.

Fazit

Abgesehen von formalen Kleinigkeiten (z.B. sind die Angaben der Kapitel in der Einleitung sowie auf der einführenden Seite des zweiten Kapitels insofern verwirrend, dass die dort genannten Kapitelzahlen nicht mit den tatsächlichen übereinstimmen) bietet die vorliegende Publikation sehr interessante Ansatzpunkte zur Diskussion und zur weiteren Beschäftigung mit dem Einfluss des gesellschaftlichen Wandels auf das Familienleben.

Die Arbeit ist vor allem für Dozierende und Studierende relevant und empfehlenswert, die sich mit der Familiensoziologie/Gerontologie beschäftigen.

Rezension von
em. Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
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Es gibt 108 Rezensionen von Süleyman Gögercin.

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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 03.01.2014 zu: Oliver Hormann: Das soziale Netz der Familie. Eine Praxeologie familiärer Hilfebeziehungen. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-19752-4. Reihe: Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15966.php, Datum des Zugriffs 29.05.2024.


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