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Susann Huschke: Kranksein in der Illegalität

Cover Susann Huschke: Kranksein in der Illegalität. Undokumentierte Lateinamerikaner. Eine medizinsoziologische Studie. transcript (Bielefeld) 2013. 414 Seiten. ISBN 978-3-8376-2393-2. 36,80 EUR.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Thema

Menschen mit Migrationsgeschichte gehören laut WHO in Europa zu den besonders benachteiligten Gruppen. Noch dramatischer ist die Situation derer, die undokumentiert in Deutschland leben und arbeiten und – aufenthaltsrechtlich als sogenannte ‚Illegale‘ – die Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden, als ständige Begleiterin haben. Abhängig vom Wohlwollen Einzelner wird die Lage für Undokumentierte besonders prekär, wenn Krankheit auftritt, die behandelt oder Schwangerschaft begleitet werden muss. Dieses Buch verdeutlicht die Lebensumstände und Not undokumentierter Lateinamerikaner_innen in Berlin und zeigt die von Menschenrechtsorganisationen seit geraumer Zeit als unzureichend kritisierte gesundheitliche Versorgung auf.

Autorin

Die Medizinethnologin Susann Huschke untersucht im Rahmen ihrer Dissertation das Leben undokumentierter Lateinamerikaner_innen in Berlin. In der Zeit von 2008 bis 2011 führt sie qualitative Gespräche durch und wertet sie auf der Grundlage der aktuellen Literatur aus. Als Mitarbeiterin des Berliner Büros für medizinische Flüchtlingshilfe ist es ihr möglich, über das Netzwerk via Schneeballsystem Kontakte zu sehr unterschiedlichen eher nicht in Erscheinung tretenden undokumentierten Lateinamerikaner_innen aufzubauen. Ihre Spanischkenntnisse und ein dreimonatiger Aufenthalt in einem Kinderhilfsprojekt in Ecuador wirken sich beim Vertrauensaufbau mit ihnen besonders positiv aus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beschäftigt sich einerseits mit den strukturellen Bedingungen der Krankenversorgung und der Verfügbarkeit medizinischer Hilfe und andererseits mit der Bedeutung von Kranksein für sog. ‚Illegale‘. Dazu untersucht die Autorin deren Lebensalltag, der geprägt ist von vielerlei Abhängigkeiten und Unsicherheitsfaktoren. Ein zusätzliches Kapitel widmet sie ethischen Fragen der Feldforschung. Den Schluss bildet eine kritische gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit den zusammengetragenen Fakten.

1. Methodik. Susann Huschke begleitet, erlebt 35 und interviewt 19 undokumentierte LateinamerikanerInnen über drei Jahre hinweg in ihrem Alltag. Weiteres Datenmaterial liefern zusätzlich geführte Gespräche, Fokusgruppendiskussionen und Notizen von teilnehmenden Beobachtungen mit Anwält_innen, Mitarbeiter_innen von Kitas, Krankenversorgungseinrichtungen und Kirchen. Die Dialoge entfalten sich in Form von Leitfadeninterviews bis hin zu ero-epischen Gesprächen nach Roland Girtler (2001) und werden in Anlehnung an die Grounded Theorie nach Glaser und Strauss ausgewertet.

2. Ethik und Intersubjektivität: Feldforschen als sozialer Prozess. Die Autorin versucht hier die in der Forschung geforderte Transparenz zu schaffen. Sie stellt sich als handelndes Subjekt mit ihren persönlichen Intentionen und Eingebundenheiten dar und beleuchtet die emotionalen Beziehungen zu den Forschungsteilnehmer_innen: „Ich war und bin nicht nur Ethnologin, sondern auch politische Aktivistin. Im Sinne einer Verschiebung im Kontinuum von Teilnehmen und Beobachten entschied ich mich dafür, mehr Teilnehmerin im Sinne eines Sich-Einbringens in das Lebensumfeld der ForschungsteilnehmerInnen als vorrangige Beobachterin zu sein“ (Huschke 2013, S.64). Sie lässt eine bedingte Öffnung ihrer eigenen Lebenswelt zu und beschreibt ihre Ohnmachtsgefühle in einigen Momenten prekärer Lebenssituation ihrer Forschungsteilnehmer_innen. Das Thema Distanz und Nähe erhält dadurch noch einmal eine andere Dimension, so auch die moralische Verantwortung, die sie in einzelnen Situationen mit den und für die Teilnehmer_innen verspürt. Diese intensive Interaktion beeinflusst die Auswahl der Forschungsteilnehmer_innen, die Susann Huschke im Unterkapitel 2.6 ‚Sympathie, Gender und Sexualität‘ darlegt.

3. Illegalisiertes Leben: Traum und Wirklichkeit undokumentierter Migration. Die Lebenssituation in Exklusion und Rechtslosigkeit und die damit verbundenen Unsicherheiten und Abhängigkeiten, die häufig ein Ausgenutztwerden nach sich zieht, wird den meisten Migrant_innen erst nach Monaten klar. Susann Huschke bezeichnet dies als „Illegalitätsschock“. Sie stellt neben den strukturellen Migrationsursachen die Migrationswege aufgrund subjektiver Motive und die Auslöser für Migration dar und erklärt, warum ein Zurück ins Herkunftsland nicht als erste Option erscheint. Sie lässt die Forschungsteilnehmer_innen erzählen, wie sie ihren Lebensalltag erfahren, welche Strategien sie entwickeln um Lebenssituationen zu meistern und wie ambivalent sich soziale Beziehungen gestalten können.

4. Exklusion und Unsicherheit: Die Praxis der medizinischen Versorgung. Dieses Kapitel nimmt die Behandlungsmöglichkeiten und Arbeitsweisen von Einrichtungen kritisch ins Visier. Die Autorin stellt die momentane politische Einstellung und Gesetzeslage auf Bundes- und kommunaler Ebene dar und diskutiert Handlungsspielräume und Paradoxien, die sich daraus ergeben. Dabei wird deutlich, wie sehr Hilfe von der „Tagesform“ der Agierenden abhängt und wie sehr wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen.

Kapitel 5 und 6 stellen die Krise Krankheit und die persönlichen Leidenserfahrungen in den bereits aufgearbeiteten Kontext. Aufgrund der dargestellten prekären Lebenssituation und einer unsicheren medizinischen Behandlung wird eigenes Erkranken häufig so lange wie möglich ignoriert, was zu lebensbedrohlichen Situationen führen kann. Susann Huschke zeigt auf, wie stark das selbstgeschaffene Gleichgewicht aus den Fugen gerät, stellt sich eine chronische Erkrankung ein und welche Konsequenzen sich daraus für den Lebensalltag ergeben.

Diskussion

Man kennt die Anzahl undokumentierter Lateinamerikaner_innen in Berlin nicht, da sie meist mit gültigem Touristenvisum einreisen. In der Regel handelt es sich bei Lateinamerikaner_innen um sog. Arbeitsmigrant_innen, die nach Ablauf des gültigen Aufenthalts nur geringe Chancen bzgl. eines längerfristigen legalisierten Aufenthaltsstatus haben. Was bleibt ist ein Leben in der sog. ‚Illegalität‘, das – aus unterschiedlichen Lebensgründen - einer Rückkehr ins Herkunftsland (sofern überhaupt noch möglich) vorgezogen wird. Susann Huschke verdeutlicht einerseits die Vehemenz, mit der politisch am Status der Illegalität festgehalten wird und andererseits sich der deutsche Arbeitsmarkt genau derer bedient und sie damit zu einem Teil der Gesellschaft macht. Dadurch, dass sie sich auf den Prozess der Teilhabe am Leben ihrer Forschungsteilnehmer_innen einlässt, gelingt es ihr sehr eindrücklich, deren Agilität aber auch das Leiden darzustellen. Die eingeflochtenen Gesprächspassagen und Feldnotizen vermitteln ein klares Bild subjektiver Erfahrungen und Wirklichkeit. Es wird deutlich, wie stark das Leben Undokumentierter von Exklusion, Abhängigkeit und Unsicherheit bestimmt ist. Kontrovers werden die strukturellen Bedingungen und die Versorgung durch humanitäre Einrichtungen diskutiert und erläutert, dass Mitleid in Form humanitärer Hilfe Menschenrecht aushebelt.

Fazit

Susann Huschke ergänzt und erweitert die bisher vorliegenden Studienergebnisse um wertvolle und umfassende ethnografische Daten zur Lebenssituation von undokumentierten Lateinamerikaner_innen, deren Krankheitserleben und -versorgung. Gleichzeitig setzt sie sich kritisch mit der Thematik Illegalität und Kranksein in der Illegalität gesellschaftspolitisch auseinander. Differenziert trägt sie die vielfältigen Puzzleteile sozialen Lebens und Leidens zusammen und unterlegt sie wissenschaftlich profund. Die Feldnotizen und nachlesbaren Interviewanteile lassen das Ausmaß der Lebensdramatik Undokumentierter in Berlin erahnen. Ein Buch, das informiert und gesellschaftliche Diskussion anregt.

Literatur:

  • Girtler, Roland (2001): Methoden der Feldforschung. Wien: Böhlau Verlag

Rezensentin
Dr. Eva-Maria Beck
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Zitiervorschlag
Eva-Maria Beck. Rezension vom 28.02.2014 zu: Susann Huschke: Kranksein in der Illegalität. Undokumentierte Lateinamerikaner. Eine medizinsoziologische Studie. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2393-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15968.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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