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Jürgen Ritsert: Wert. Warum uns etwas lieb und teuer ist

Cover Jürgen Ritsert: Wert. Warum uns etwas lieb und teuer ist. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 116 Seiten. ISBN 978-3-658-02193-1. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 25,00 sFr.
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Pfade in der Sumpflandschaft des akademischen Wertdiskurses

Gibt man in eine Suchmaschine den Begriff „Wert“ ein, werden einem mehr als 30 Millionen Einträge ausgewiesen. Sie reichen von alltäglichen Wertvorstellungen, bis hin zu philosophischen, psychologischen Normbegriffen und individuellen bis universellen Wertediskussionen. Als Wert wird bezeichnet, „wonach ein Mensch strebt, was ihm teuer ist oder in irgendeiner subjektiven oder objektiven Weise in seinem Denken und Handeln ausgezeichnet erscheint“ (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8464.php). Interessant dabei ist, dass der Wertebegriff im wissenschaftlichen Diskurs überwiegend seit dem 17. Jahrhundert im Rahmen des ökonomischen Diskurses die traditionellen, philosophischen (antiken) Zuordnungen zum (moralisch) „guten Leben“ abgelöst hat. Nicht das moralische, sondern das materielle Sein bestimmt das Bewusstsein, das gilt seitdem als Maxime ( vgl. dazu auch: Rahel Jaeggi / Daniel Loick, Hrsg., Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis, Suhrkamp Tb/W, 2013, 518 S., siehe dazu auch die Rezension www.socialnet.de/rezensionen/15989.php). Im so genannten „Werturteilsstreit“ (1904 / 1909) ging es um die vehemente Frage, ob die Soziologie als Wissenschaft neben der Tatsachenbeschreibung und -analyse auch eine Tatsachenbewertung vornehmen dürfe oder nicht (Max Weber und seine Konkurrenten). Diese Auseinandersetzungen um die Wert-Bewertung haben erneut in den 1960er Jahren mit dem Positivismusstreit (zwischen Popper und Adorno) ihre Entsprechungen gefunden – und sie dauern bis heute an, betrachten wir z. B. die Auseinandersetzungen um die Allgemeingültigkeit oder Relativierbarkeit der globalen Ethik der Menschenrechte.

Entstehungshintergrund und Autor

Über Werte nachzudenken und sich um allgemeinverbindliche und akzeptierte Wertvorstellungen zu bemühen, die Individualismus, Hegemonie und Egoismus menschlichen Denkens und Handelns in die Schranken verweisen und überwinden lassen, gehört zu den anthropologischen Herausforderungen, für alle Menschen auf der Erde ein gutes, gelingendes, gerechtes, also humanes Leben zu gewährleisten. Dass wir von diesem Idealzustand noch weit entfernt sind, bedarf keiner besonderer Erwähnung.

Der Soziologe (em.) der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt/M., Jürgen Ritsert, legt ein Essay vor, in dem er Bestandteile und Bausteine aus seinem Lehr- und Forschungsleben zusammen trägt, die als Wegweiser dienen könnten, „ein wenig bei einer zügigen Durchquerung des Sumpfes (zu) helfen“. Die Bezeichnung „Sumpf“, als gefährliches, tückisches und trügerisches Landschaftsgebilde legt erst einmal die Vermutung nahe, dass diese intellektuelle Bewältigung ein risikobehaftetes Unternehmen darstellt; weil aber der „Sumpf“ gleichzeitig in seiner Naturwüchsigkeit wunderbare Pflanzen hervorbringt und Lebewesen einen ausgezeichneten Lebensraum ermöglicht, lässt sich das „sumpfige“ Vorhaben auch als Brücke begehen.

Aufbau und Inhalt

Eine Reflexion über Werte in der Form eines Essays muss zwangsläufig „kurzschrittig“ und „bedacht“ vorgenommen werden. Ritsert gliedert seine Überlegungen in sieben Kapitel. Im ersten stellt er „einige Dimensionen und Implikationen des Wertbegriffs“ vor; im zweiten reflektiert er die „Grundstruktur von Tatsachenaussagen und Werturteilen“, im dritten werden „Problemfelder bei der Verhältnisbestimmung von Werturteilen und Tatsachenaussagen“ diskutiert, im vierten „Grundvorstellungen von der Wertentstehung“ thematisiert, im fünften „einige Kriterien an der Dichothomiethese und ihrer Struktur“ verdeutlicht, im sechsten die Frage nach der „Wertbeziehung der Wissenschaft“ gestellt, im sieben Kapitel „Kulturprobleme, Interessen und Perspektiven“ thematisiert, und in der Zusammenfassung „ein wissenssoziologisches Kreislaufmodell“ vorgestellt.

Es ist der Dreischritt eines Wertdenkens und -handelns, der erst einmal einen Zugang zu der Fragestellung bietet: „Etwas ist ein Wert“ – „Etwas hat einen Wert“ – „Etwas genießt Wertschätzung“. Damit lässt sich dann die Frage danach stellen, wie Werturteile sich bilden, zustande kommen, veranlasst werden und wirken, etwa indem die Searlesche Sprechakttypologie (GSG) zu Hilfe genommen wird. Deutlich dabei wird, bei Berücksichtigung von theoretischen Formaten, etwa der „Hume-These“, wie sich das Verhältnis von tatsächlichen, also objektiven Werteigenschaften zu vermeintlichen und subjektiven Wertschätzungen bestimmen lässt und der Wahrheitsfindung dient. Die in der Sozialphilosophie und Wirtschaftstheorie entwickelten Formen und Erklärungen zur Wertgenese werden vom Autor historisch und wissenschaftslogisch aufgezeigt. Angesichts der divergierenden, theoretisch verfassten und praktisch ausgeübten unterschiedlichen Wertvorstellungen ist es verdienstvoll, dass Ritsert einige Dichotomien (H. Putnam / A. Sayer)dazu thematisiert. Die erst einmal dichotomische Frage, wozu Wissenschaft als Wert- und Wahrheitsfindungs-Institution eigentlich gut sei und wirksam werden könne, wird historisch und aktuell, wissenschaftstheoretisch und praktisch immer wieder neu gestellt, gefordert und verneint (Yehuda Elkana / Hannes Klöpper, Die Universitäten im 21. Jahrhundert. Für eine neue Ethik von Lehre, Forschung und Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11785.php).

Fazit

Damit „Interessen“ sich im Wertediskurs nicht als egoistische, ethnozentrische oder individualistische (Leit-) Linien und Wegweiser auf den Pfaden durch den „Sumpf“ der Wertbenennungen, -auffassungen und -benennungen etablieren und gewissermaßen „urwüchsig“ werden, ist eine wissenssoziologische Betrachtung hilfreich. Sie formuliert der Autor mit seinem „Kreislaufmodell“, dessen Grundlagen philosophische, soziologische und lebensweltliche Paradigmen und historisch Gedachtes sind. Es sind die Wertideen, die unseren Alltag bestimmen und allgemeine und besondere Problemsituationen bewältigen lassen; und es ist das Erkenntnisinteresse in Theorie und Praxis , das Menschen leitet, denken und handeln lässt, die den Begriff des „Werts“ so nachfragenswert, reflexionswürdig und diskussionsfähig werden lässt.

Jürgen Ritsert adressiert sein Essay insbesondere an SozialphilosophInnen, GesellschaftstheoretikerInnen, SoziologInnen, ÖkonomInnen, PolitologInnen und KulturwissenschaftlerInnen in Ausbildung und Tätigkeit.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.12.2013 zu: Jürgen Ritsert: Wert. Warum uns etwas lieb und teuer ist. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-02193-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15972.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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