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Freya von Stülpnagel: Warum nur? Trost und Hilfe für Suizid-Hinterbliebene

Cover Freya von Stülpnagel: Warum nur? Trost und Hilfe für Suizid-Hinterbliebene. Kösel-Verlag (München) 2013. 159 Seiten. ISBN 978-3-466-37067-2. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Wenn ein naher Angehöriger stirbt, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Der Realität eines Verlustes ins Auge zu sehen ist in erster Linie ein Akt seelischer Prozesse und Anstrengungen, die wir im Zuge des Durchwanderns tiefen Schmerzes, Bitterkeit und Groll, Verzweiflung und Ohnmacht zu überwinden hoffen, um allmählich wieder ins Licht zu kehren. Die Realität des Verlustes ist eine grausame, weit mehr noch, wenn Suizid der Anlass für die Katastrophe ist und wir anklagend die Frage erheben: warum? Zurück bleiben offene, quälende Fragen, Schuldgefühle, die lähmen, Scham, die uns verstummen lässt und Ohnmacht, auf bestimmte Ereignisse des Lebens keinen Einfluss zu haben. Der Versuch der Bewältigung des Gefühlschaos mündet in einem Entschluss des Akzeptierens, auch wenn dies zunächst völlig undenkbar erscheint. Freya von Stülpnagel möchte mit diesen Buch Suizid-Hinterbliebenen Trost und Unterstützung zuteilwerden lassen. Sie selbst hat ein Kind auf diese Weise gehen lassen müssen, ihre Verlusterfahrungen als betroffene Mutter und ihre Einsichten aus langjährigen Trauerbegleitungen finden sich in ihren Ratschlägen wieder und zeigen Wege durch die Trauer hindurch.

Freya von Stülpnagel ist langjährige Trauerbegleiterin. Sie führt offene Trauergruppen und begleitet Angehörige, wie etwa im Verein „Verwaiste Eltern“, wo sie seit 2001 die Suizid-Gruppe begleitet. Darüber hinaus hält sie Trauergottesdienste ab, bietet Traueransprachen und die Gestaltung von Gedenkfeiern anlässlich von Todestagen und Geburtstagen von Verstorbenen an. Freya von Stülpnagel ist Autorin des Trauerbuches „ohne dich“ und als Referentin zum Thema Trauer vielerorts sehr gefragt. Einblicke in ihr Wirken und Tun gibt die Autorin auch auf der Website www.trauerlicht.de.

Aufbau und Inhalt

Nach einleitenden ersten Worten von David Althaus und einer Hinführung zum Thema setzt das Buch fort mit mehreren Hauptteilen, die die Autorin zeitlich in Abschnitte, beginnend mit der Übermittlung der Todesnachricht bis hin zu den Jahren nach dem Suizid gliedert. Zwischen den einzelnen Themen sind Gedichte und kleine Geschichten wie „seelische Ruheplätze auf diesem schweren Weg“ (S. 12) gelegt, wirkungsvoll untermalt durch Fotographien in Sepia von Wolfgang Unterricker.

Mit der Nachricht, dass ein sehr naher Angehöriger sich das Leben genommen hat, befindet sich Hinterbliebene zunächst in einem Ausnahmezustand. Die Nachricht wird zwar äußerlich vernommen, doch innerlich wird die Wucht der Ereignisse abgefedert, um Überleben zu sichern.

Erst mit dem Fortschreiten der Zeit wird die innere Tragweite des Geschehens erfasst. In der Zeit bis zur Beerdigung müssen Hinterbliebene oft noch wie in Trance funktionieren, viele Fragen in diesem Zusammenhang tauchen auf, die Trauerfeier muss vorbereitet, Abschied genommen werden.

Abschiedsbriefe der Verstorbenen, die ihre Sichtweise des Lebens und Leidens offenbaren, sind für viele Hinterbliebene die letzte Verbindung zur geliebten Person und haben oft eine entlastende Funktion, können aber auch neue Fragen aufwerfen oder mitunter Schuldvorwürfe gegen die Hinterbliebenen enthalten.

Die ersten Wochen, das erste Jahr – in vielen kleinen, unsicheren Schritten verlassen Trauerende den Schockzustand und wandeln ins alltägliche Leben zurück, den eigenen Lebensmittelpunkt und die veränderte Beziehung zum Verstorbene suchend. Dabei durchleben sie verschiedene Befindlichkeiten, Schmerz, Betroffenheit, Scham-, Schuld- und Zorngefühle, doch nicht vergleichbar mit der quälenden Frage: warum? Warum nur, warum gerade ich, warum hat er mir, uns das angetan? Warum habe ich nichts gemerkt und warum hat er keine Hilfe gesucht?

Diese Fragen sind belastend, denn man bekommt keine Antwort, man muss lernen, damit zu leben und sie als ungelöst abzulegen. Besonders Scham- und Schuldgefühle machen zu schaffen und werden als tief quälend empfunden. Es ist noch nicht so lange her, dass Angehörigen von Suizidopfern die Hand gedrückt und ihnen kondoliert wurde, sie liebevollen Beistand und Hilfe bekommen haben. Zu tabuisiert, auch heute noch, ist das Thema Suizid, für Hinterbliebene bedeutet dies oftmals eine doppelte Stigmatisierung, vom Angehörigen verraten und vom Umfeld allein gelassen. Die Scham wird bedingt durch das Gefühl, versagt zu haben, etwas falsch gemacht, etwas versäumt oder zumindest nicht verhindert zu haben. Man fühlt sich mitverantwortlich für die Tat, erhebt anklagend Schuldvorwürfe dem Umfeld gegenüber und bemerkt zunächst nicht, dass das Leben des Verstorbenen nur vom tragischen Ende her bewertet wird. Zu sehen, was in der Beziehung alles gelungen ist, trägt im Austausch mit Gleichgesinnten wesentlich zur Erleichterung bei. Schuldgefühle können überwunden, Gedanken losgelassen und sich selbst vergeben werden, dieser Gedanke tröstet. Nicht selten auch sind Wut und Verzweiflung über das ungerechte Schicksal, vielleicht auch gegenüber dem Verstorbenen, der sich so einfach aus dem Leben geschlichen hat, tonangebend. Man mag ihr oder ihn unterstellen, dass er es nicht für wichtig empfunden hat, die eigenen Probleme zu besprechen, oft genug fühlen Hinterbliebene sich narzisstisch gekränkt, oder sehen selbst keinen Sinn mehr in ihrem eigenen Leben. Gerade hier ist es überlebenswichtig, da zu sein und beizustehen.

Andere Betroffene, die ähnliche Geschichten erlebt haben, können von besonders großer Hilfe sein. Der sich ändernden, inneren Erlebenswelt sind Angehörige von Suizidverstorbenen veränderten, äußeren Rahmenbedingungen gegenübergestellt. In ihren Grundfesten erschüttert sind sie dennoch gezwungen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die in der realen Welt existieren und auch Aufmerksamkeit bedürfen. Solche Angelegenheiten sind nicht nur finanzieller Art oder verlangen Entscheidungen, wie mit Gegenständen des Verstorbenen umzugehen; vielmehr ist man dazu angehalten, Wege zu suchen, die in der Trauer behilflich sein können. Solche Maßnahmen, wie etwa Schreiben, Malen, die Beschäftigung mit spirituellen Fragen oder entsprechend geleitete Selbsthilfegruppen können eine wesentliche Stütze in dieser schwierigen Phase sein.

In dieser Zeit der Orientierung und Wahrnehmung rückt der erste Todestag oft mit einer gewissen Anspannung ins Bewusstsein. Die Autorin schlägt vor, sich auf den Tag vorzubereiten und ihn zu gestalten, „um den Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert zu sein“ (S. 111). Nach einem Jahr der Trauer sieht man sich zunächst mit der Erkenntnis des ‚Nie-wieder‘ konfrontiert, eine Endgültigkeit, die mit Vehemenz Gewissheit wird und deren Realität man zulassen muss.

Die Gefühle des Schmerzes, die man im ersten Trauerjahr durchlebt hat, mögen im zweiten Jahr womöglich ähnlich, vielleicht anders, aber immer noch begleitend sein, die Frage nach einem ‚neuem Leben‘ wird zunehmend wegweisender. Die Trauer wandelt sich, wird jedoch das Leben weiterbegleiten. Man stellt sich mehr und mehr die Frage, wie mit dieser Trauer Zeit des Lebens zu überleben. So wird auch der zehnte Todestag nochmals zum Prüfstein einer „großen äußeren und inneren Zensur“ (S. 134).

In dem Abschnitt Trauernden begegnen werden mögliche Wege des Trosts und der Hilfe vorgestellt. In der persönlichen Begegnung mit Trauernden helfen insbesondere Unmittelbarkeit, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit. Das Buch schließt mit einem Epilog, dem Glaubensbekenntnis für Trauernde, und einem Anhang mit wichtigen Adressen und Empfehlungen der Autorin.

Diskussion

Warum nur? Die Frage aller Fragen, die sich Hinterbliebenen nach dem Suizidtod eines nahen Angehörigen tief in Seele und Herz gebrannt hat; Freya von Stülpnagel hätte sie nicht einfühlsamer stellen und beschreiben können. Es sind ihre eigenen Erfahrungen, die Bilder Worte werden lassen, die Trost und Hilfe offenbaren, die ermutigen und wegweisend sind, ohne belehrend zu wirken und Antworten vorzugeben. Gefühle werden gleichsam bestätigt wie Sicherheit vermittelt, dass alles richtig und gut ist, so wie es ist. Verzweiflung, Sinnlosigkeit, tiefer Schmerz, quälende Frage und schier endlose Hoffnungslosigkeit – ihnen begegnet Freya von Stülpnagel mit Offenheit und Aufrichtigkeit, ihr tiefes Verständnis für diese Art von Schicksalsschlägen lässt unmittelbar Brücken von Hoffnung und Beistand in wunde Herzen schlagen. Das Buch ist gleichsam eine Ermutigung für Hinterbliebene von Suizidopfern, die Begegnung mit der Öffentlichkeit nicht zu scheuen, wie es umgekehrt die Öffentlichkeit einlädt, über die Art, aus dem Leben zu scheiden, nachzudenken. Es schließt Lücken, wo zuvor tiefe Krater gähnten. Insofern vermag das Buch mit Sicherheit nicht nur Betroffene und Begleitende anzusprechen, sondern befähigt auch, das gesellschaftliche Schweigen und die Tabuisierung rund um den Suizid aufzubrechen.

Fazit

Ein bemerkenswertes Buch zum Thema ‚Trauer und Suizid‘, das man so schnell nicht vergessen und immer wieder gerne zur Hand nehmen wird. Die Autorin spricht mit Worten, die, egal wo man steht, unmittelbar in der Seele berühren. Insgesamt ein sehr gelungener Band mit vielen schönen und ansprechenden Fotographien, die Geschriebenes, Gedichte und Geschichten dezent umrahmen. Ein bereicherndes, absolut empfehlenswertes Buch.


Rezension von
Dr. Doris Lindner
Institut Forschung & Entwicklung
Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 10.12.2013 zu: Freya von Stülpnagel: Warum nur? Trost und Hilfe für Suizid-Hinterbliebene. Kösel-Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-466-37067-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15978.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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