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Robert Bernhardt, Stefanie Rinck-Muhler u.a. (Hrsg.): Fördern will gelernt sein

Cover Robert Bernhardt, Stefanie Rinck-Muhler, Joachim Schroeder (Hrsg.): Fördern will gelernt sein. Pädagogische Praxisprojekte - ein innovatives Element universitärer Ausbildung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 194 Seiten. ISBN 978-3-7815-1951-0. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 27,50 sFr.

Reihe: Klinkhardt forschung.
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Herausgeber

Dr. Robert Bernhardt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sonderpädagogik und Leiter der Praxisprojekte und Förderschullehrer für Erziehungshilfe und Lernhilfe.

Stefanie Rick-Muhler, Förderschullehrerin und Geschäftsführerin der Arbeitsstelle.

Dr. habil. Joachim Schröder, Mitbegründer der Arbeitsstelle und deren langjähriger Leiter, Professur für Pädagogik und Didaktik bei Beeinträchtigungen des Lernens in an der Universität Hamburg.

Weitere Autorinnen und Autoren

Aloysia Abraham, Berufsschullehrerin und Grundschullehrerin, Fachberaterin beim Hessischen Kultusministerium, seit 2008 Mitarbeiterin der Arbeitsstelle.

Martina Hehn-Oldiges, Förderschullehrerin, seit 2009 Mitarbeiterin der Arbeitsstelle.

Marina Müller, Dipl.Päd. und Studium des Lehramts an Förderschulen, 2009-2012 Mitarbeiterin der Arbeitsstelle, seit 2012 Arbeit an einer Dissertation „Schulen der Sozialpädagogik“.

Entstehungshintergrund

Das Buch beschreibt pädagogische Praxisprojekte für Studierende aller Lehrämter und in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen zur Förderung für Schülerinnen und Schüler. Diese schulbezogenen und sozialpädagogischen unterschiedlichen Angebote, Konzepte und Arbeitsweisen der Umsetzung von Förderungsansätzen werden im vorliegenden Buch ausführlich dargestellt und ausgewertet. Sie werden darüber hinaus auch im Rahmen der Schulentwicklung kritisch reflektiert. Angeregt, entwickelt und begleitet wurden und werden diese innovativen Lehr-Lernformate im Rahmen der universitären Ausbildung von der Arbeitsstelle für Diversität und Unterrichtsentwicklung – Didaktische Werkstatt der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachbereich Erziehungswissenschaften. Begonnen wurde damit bereits 2004, nun liegt mit diesem Buch eine Auswertung vor. Gegenwärtig werden neue Praxisprojekte umgesetzt, in denen etwa 120 Studierende ungefähr 500 Schülerinnen und Schüler pro Jahr fördern, wobei das Spektrum sich auch auf außerschulische Bildungsangebote und Hilfen im Alltag erstreckt. Förderung will den jeweils individuellen Bedarf erkennen, Ziele formulieren, entsprechende Lern- und Entwicklungsangebote ermöglichen und deren Wirkung klären. Hinzu kommt die entsprechende Organisation von Kleingruppenförderung dergestalt, dass Kinder und Jugendliche nicht zum Objekt der eigenen Förderideen werden, sondern dass mit ihnen in ein Dialog eingetreten wird.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel, die von zwei einordnenden Texten gerahmt werden. Zu Beginn ist dies eine Beschreibung der Ansprüche an gute Förderung so wie die Autoren sie verstehen und am Ende, nach dem dritten Kapitel, die Notwendigkeit des Ausbaus dieses Ansatzes im Rahmen der weiteren Gestaltung von Schule und Schulentwicklung. Die einzelnen Kapitel sind jeweiligen Schwerpunkten zugeordnet, so beschreibt Kapitel 1 den Problemaufriss Förderung und die Pädagogischen Praxisprojekte, Kapitel 2 widmet sich den Reflexionen zu schulbezogenen Praxisprojekten in Kleingruppen und Kapitel 3 lenkt den Blick auf Reflexionen zu sozialpädagogischen Praxisprojekten in Einzelförderung. Diese Kapitel geben jeweils sehr genau die Praxisprojekte und ihre Reflexion bzw. Auswertung wieder.

Kapitel 1: Problemaufriss und Beschreibung der Pädagogischen Praxisprojekte (Joachim Schröder) Förderung als eigenes pädagogisches Handlungsfeld wird in diesem Kapitel argumentativ begründet und im Rahmen der Lehrerausbildung verortet. Dabei werden die Anforderungen und Vorteile von Einzel- und Kleingruppenförderung dargelegt. Schröder argumentiert dafür, dass es sich hier um ein neues wichtiges schulisches Handlungsfeld handelt, das einen eigenen spezifischen didaktischen Handlungstypus darstellt. Dieser muss sich dann in der Lehrerausbildung wiederfinden. Er begründet dies hochschuldidaktisch eingeordnet mit dem Angebot an Hospitationen, Exkursionen usw. als zusätzliche Elemente der Lehrerbildung. Die an der Goethe-Universität entwickelten Praxismodule, um die es in diesem Buch geht, sind strukturiert durch eine Modulstruktur, indem sie als zweisemestriges Wahlmodul angeboten werden, für die Förderarbeit erhalten die Studierenden eine Vergütung, das Modul ist offen für alle erziehungswissenschaftlichen Studiengänge, die Praxisprojekte können zu jedem Zeitpunkt des Studiums frei gewählt werden (Durchmischung der Semesterstufen). Sie sind ein Teil der Praxisforschung und zielen auf Verstetigung ab. In der Übersicht über die Pädagogischen Praxisprojekte und ihre Themen (Stefanie Rinck-Muhler, Aloysia Abraham, Robert Bernhardt, Martina Hehn-Oldiges, Annika Pahlke, Julia Schulz, Ulrike Suntheim) werden schulbezogene Praxisprojekte beschrieben, dazu gehören Leseförderung in der Grundschule, Rechenförderung in der Grundschule, Leseförderung in der Sek I, Vorbereitung zur Haupt- und Realschulprüfung, Unterstützende Kommunikation. Als sozialpädagogische Praxisprokjekte werden angeführt Wahrnehmung und Beeinflussung von Entwicklungsprozessen, das Präventionsprojekt für Grundschüler „Balu und Du“, ffm, Übergangsbegleitung Grundschule/weiterführende Schule, Alltagsbegleitung-Begleitung von Jugendlichen in ihrem erschwerten Alltag. Das letztgenannte Praxisprojekt fokussiert z.B. den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt für Jugendliche aus benachteiligenden Lebenswelten. Diese werden identifiziert bei Jugendlichen aus Haupt- oder Förderschulen mit den Schwerpunkten Lernen sowie soziale und emotionale Entwicklung, bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, bei Kindern und Jugendlichen aus Kriegs- und Krisengebieten. Das Praxisprojekt bietet eine mindestens einjährige außerschulische Begleitung, die Studierenden sollen Mittler sein zwischen den Kulturen und Lebenswelten und werden fachlich angeleitet. Der erste Strang der Praxisprojekte dient der Erweiterung schulischer Kompetenzen im Lesen, Rechnen und Schreiben, hat ein festgelegtes Seminarkonzept mit fachlich spezifischen Inhalten und einem vordefinierten Ziel. Der sozialpädagogische Strang verfolgt eine offene Konzeption, Schwerpunkte und Themen werden durch die Studierenden und die Jugendlichen im Erfahrungskontext bestimmt. Kritische Fragen dazu werden selbst gestellt: Ist dies von Studierenden ohne Praxiserfahrung leistbar? Können sie außerschulische Problemfelder erkennen? Diese kritische Fragestellung zu allen Praxisprojekten zeichnet das Buch aus. Die Reflexion über die Ansätze ist stetiger Begleiter und damit Motor der Weiterentwicklung und Verbesserung. Der 3. Abschnitt des Kapitels, „Die unterschiedlichen Akteure: Interessens- und Rollenkonflikte“ (Robert Bernhardt, Aloysia Abraham, Annika Pahlke, Stefanie Rick-Muhler, Julia Schulz, Ulrike Suntheim) geht näher auf die unterschiedlichen Ebenen ein, die von Relevanz sind. Dabei wird unterscheiden zwischen der individuell/persönlichen Ebene und der institutionellen Ebene. Darunter werden jeweils die Akteure mit ihren jeweiligen Interessenslagen beleuchtet. Dies sind die Akteure Schülerinnen und Schüler, Studierende, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Schule, Arbeitsstelle/Universität, Stiftungen, Schulämter, Kultusministerium, kulturelle Institutionen. Diese differenzierte und kritische Betrachtung zu jedem Praxisprojekt ist sicher eine Stärke des vorliegenden Buches, das damit eine anregende und weiterführende Diskussion anstößt. Vertieft geschieht dies in Kapitel 2: „Reflexionen zu schulbezogenen Praxisprojekten in Kleingruppen“ und in Kapitel 3: „Reflexionen zu sozialpädagogischen Praxisprojekten in Einzelförderung.“

In Kapitel 2 werden ausgewählte Aspekte teils auch mit Fallschilderungen differenziert analysiert. Dazu gehören die Begleitung der Studierenden, die subjektive Sicht der Studierenden auf Praxisprojekte am Beispiel Leseförderung in der Grundschule, die Übergangsbegleitung Grundschule/weiterführende Schule, vom Unterrichtsprojekt zur Schulentwicklung sowie die Evaluation von schulbezogenen Praxisprojekten. Diese jeweiligen Schwerpunkte der Fragestellungen werden intensiv und konkret dargestellt und diskutiert.

Kapitel 3 soll hier näher beschrieben werden. In seinem Beitrag beschreibt Robert Bernhardt die Fokussierung der Förderprojekte dieser Gruppe hin auf eine Stärkung sozialen Kapitals. Dies unter dem Aspekt der Vernetzung und Aktivierung von Ressourcen, die benachteiligten Jugendlichen und ihren Familien nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Die im Rahmen der Praxisprojekte tätigen Studierenden können hier als Mittler auftreten, Orientierung bietet hierbei das Patenmodell, das bereits in vielen Städten praktiziert wird. Die Studierenden sind aber in diesen Projekten auf kontinuierliche Begleitung, auf Fallgespräche und Beratung angewiesen. Der Einblick in die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen kann sehr belastend sein, bietet nach Bernhardt aber auch die Chance, als Schnittstelle Spaltungs- und Entfremdungsprozessen entgegen zu wirken. Die Projekte basieren auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und der Einzelfallarbeit, es gibt keine explizite formale Rahmung. Neben dem Beziehungsaufbau ist auch die Auftragsklärung in diesem sozialpädagogischen Kontext für Lehramtsstudierende eine besondere Herausforderung. Denn hier fehlt der sichere Rahmen der Institution Schule: Aufgaben, Übungen, Stundenverpflichtung, Hierarchie. „Die Identifikation multipler Problemkonstellationen, die Wahrnehmung biografischer Realitäten, die Analyse von Lebenslagen und Lebenswelten, die zudem aus der eigenen, bürgerlichen Perspektive heraus fremd und unverständlich scheinen, stellen die Studierenden in diesen Projekten vor enorme Herausforderungen.“ (S. 142) Ein Möglichkeit der Dokumentation der dabei stattfindenden Prozesse ist das Lerntagebuch zur Selbstvergewisserung und Reflexion über die eigenen Lernprozesse. Dazu ist ein Auszug aus einem Lerntagebuch abgedruckt. Bernhardt thematisiert abschließend den Aspekt der Kolonialisierung von Lebenswelten und plädiert für die Grundhaltung des Nicht-Verstehens zur Annäherung an fremde Lebenswelten.

Im zweiten Absatz des Kapitels 3 thematisiert Joachim Schroeder die disziplinäre Entgrenzung im Schulsystem, die die Praxisprojekte bieten. Die Trennschärfe von Schulpädagogik, Sonderpädagogik und Sozialpädagogik verwischt angesichts der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen. Die Anforderung ist nach Schroeder vielmehr die Entwicklung eines multiprofessionellen Teams aus unterschiedlich qualifizierten Pädagoginnen und Pädagogen – Regellehrkraft, Sonderschullehrkraft, sozialpädagogische Fachkraft. Den Vorteil der in dem Buch dargestellten sozialpädagogischen Praxisprojekte sieht er in der Erkundung von Lebenslagen, wodurch Schlagworte wie Bildungsbenachteiligung, prekäre Lebenslage u.ä. erfahrbar werden. In diesem Zusammenhang plädiert er für die Anreicherung des Lehramts mit sozialpädagogischen Elementen, Verstehens- und Handlungszugängen, wie z.B. in Form der Lebenslagenanalyse, die dann in lebenslagenorientierte und zielgruppenspezifische Erziehungs- und Bildungskonzepte münden können. Sozialpädagogik wird zu einem wichtigen Arbeitsfeld an allen Schulen, Sozialpädagogik sollte ein „normaler“ Bestandteil moderner Schulpädagogik sein und sozialpädagogisches Handeln eine Basiskompetenz des Lehrerhandelns, für die folgende inhaltlichen Schwerpunkte gelten können: Anfertigung von Lebenslagenanalysen für das Kinder- und Jugendalter, biografische Rekonstruktionen zum schulischen und beruflichen Werdegang unter Einbeziehung möglichst vieler Alltagsbereiche, Hilfeplanerstellung und Methoden der Jugendberufshilfe, Paten- oder Mentorenschaften, Reflexion hinsichtlich der Konsequenzen für die Unterrichtsgestaltung, konstruktive Wendung einer schulkritischen Perspektive der Sozialpädagogik.

Der 3. Abschnitt trägt die Überschrift „Begleitung der Alltagsbegleitung“und ist eine Mischung aus Bezügen auf methodisches Vorgehen sowie einer Einordnung des Einführungsseminars und des Reflexionsseminars. Methodisch stehen Lebensordner, Genogramm, Soziales Netzwerk/ecomap, Zielvereinbarungen im Vordergrund. Im Einführungsseminar, für das Studierende der Sonderpädagogik bereits das Pflichtmodul „Biografische Skizzen“ absolviert haben, werden nachfolgende Seminarbausteine bearbeitet: Materialien wie die Hefte „Durchblick im Alltag“ mit Hilfen zur Alltagsbewältigung, Texte wie hauptsächlich Thiersch und seine alltagsorientierte Sozialpädagogik sowie Alltagsschilderungen mit authentischen Einblicken. Die Seminare dienen der Selbstüberprüfung über das vorhandene Wissen und über vorhandene Festlegungen, die die Kommunikation erschweren sowie Fragen, die sich bei den Studierenden selbst ergeben. Das Reflexionsseminar gibt ergänzend Gelegenheit, Erfahrungen während der Alltagsbegleitung zu reflektieren, Irritationen, Ängste, Konfrontationen zu besprechen. Dies geschieht vorwiegend im Muster der kollegialen Fallbearbeitung. Die Beschreibung der einzelnen Unterstützungsschritte ist sehr konkret mit Praxisbezug und Praxisbeispiel, unter anderem ist eine Fallstudie (S. 162f.) präsentiert. Im Seminar „Biografische Skizze“ nähern sich die Studierenden den Bereichen Bildungsbenachteiligung, Lerngeschichten, Lebensverhältnisse und Lebenswelt. Sie protokollieren und reflektieren selbstkritisch den persönlichen Annäherungs-, Beobachtungs- und Beschreibungsprozess.sowie selbstgewählten vertiefenden Aspekten wie z.B. Mobbing. Es folgen Beispiele aus dem Auswertungsseminar Biografische Skizzen. Der letzte Abschnitt des Kapitels betrachtet Eltern, Familie, Lebenswelt am Beispiel des Mentorenprojekts „Balu und Du“. Hier geht es um die Bedeutung der Eltern in den Praxisprojekten, die Erfahrungen mit Eltern in außerschulischen Praxisprojekten, die konkrete Elternbeteiligung im Mentorenprojekt, sowie die Chancen und Herausforderungen der Interaktion mit Eltern im Rahmen von Praxisprojekten. Bei schulischen Praxisprojekten ist die Interaktion mit den Eltern relativ gering, hier steht die Interaktion mit Fachlehrern im Mittelpunkt, anders verhält es sich bei den außerschulischen Praxisprojekten, die in der Lebenswert verortet sind und eine intensive Begegnung mit den Eltern bedeuten. Hier soll es gelingen, die familiare Lebenswelt zu verstehen und als Anknüpfungspunkt aufzugreifen. Ressourcen sollen entdeckt und genutzt oder zur Verfügung gestellt werden. Der Elternkontakt, die Art der Interaktion und die eigene Rollenfindung sind Anforderungen an die Studierenden. In den außerschulischen Praxisprojekten ist die Nähe zu Angeboten der öffentlichen Jugendhilfe sehr groß. Hier kommt es auch zu Begegnungen in der Alltagskultur und Alltagsstruktur der Familien, der Frage der Kommunikation (restringierter vs. elaborierter Sprachcode) und damit der Konfrontation einer bürgerlichen Sozialisation mit prekären Lebensverhältnissen. Dies ist eine große persönlich und fachliche Herausforderungen an die Studierenden, die ihre Standpunkt- und Werteüberprüfung vornehmen müssen. Im Rahmen des Projekts „Balu und Du“ erfahren die Studierenden hierbei sehr konkrete Hilfen in Form von Struktur (z.B. Feste) als auch mit strukturierten Fragebogen. Die Chancen dieses Ansatzes sehen die Autoren im ressourcenorientierten Ansatz und den informellen Zugängen. Rollenfindung und Abgrenzung sind Herausforderungen an die Studierenden, für die eine Begleitung nötig ist. Ziel soll die Etablierung einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft sein, in der die Studierenden eine Mentorenfunktion innehaben.

Im letzten Abschnitt (Robert Bernhardt, Stefanie Rinck-Muhler, Joachim Schroeder) des Sammelbandes wird unter der programmatischen Überschrift „Blick zurück nach vorne“ eine Einordnung und Bewertung der Praxisprojekte vorgenommen. Deutlich ist den Autoren, dass jedwede Förderung voraussetzt, dass Schülerinnen und Schüler als förderwürdig identifiziert werden müssen. Dies ist immer eine Form der Stigmatisierung und der damit verbundenen Stigmatisierungseffekte, der die Autoren durch eine Etablierung als normales Handlungsfeld entgegenwirken wollen. Förderung möchten sie als eigenständiges Regelformat verstanden wissen in den verschiedenen Passagen der Lerngeschichten von Schülerinnen und Schülern. Sie plädieren daher für eine allgemeine Förderkultur womöglich an jeder Schulform. Dabei soll Förderung auch zu einem Bestandteil der Schulentwicklung werden und nicht nur zum integralen Bestandteil der Lernbiografie von Studierenden.

Diskussion

Die erweiterte Aufgabe von Schule im Rahmen individueller Förderung ist Gegenstand des Buches. Wie diese Aufgabe mit Praxisprojekten als innovativen Lernkonzepten gelöst werden kann, zeigen die vielfältigen Beispiele. Dabei aber wird auch kritisch reflektiert und vor einer Dominanz alleiniger Förderkultur gewarnt. Diese wird eingeordnet in eine entsprechende Schulentwicklung, die sich den lebenslagenorientierten und nicht nur den lehrplanorientierten Aufgaben und Herausforderungen stellt. Auch die Stigmatisierungseffekte werden thematisiert und Zuschreibungen kritisch hinterfragt. Die Begegnung mit anderen Lebenswelten steht für die Studierenden im Mittelpunkt und ihre Sensibilisierung für einen respektvollen Umgang damit. Es geht um Bündnisfähigkeit mit den Adressaten, was vor allem Arbeit am Selbst voraussetzt und eine Perspektivenerweiterung verlangt. „Den Blick erweitern“ nannte Franz Christian Schubert seinen Beitrag zur ökologischen Perspektive in der Sozialarbeit. Diese ökologische Perspektive wird hier im Rahen der Lehrerinnenbildung und -ausbildung aufgegriffen. Interdisziplinäres Arbeiten als zukunftsweisende Möglichkeit eines lebensweltorientierten Zugangs. Dabei zeigen die unterschiedlichen Beispiele die Vielfalt der Möglichkeiten auf, die aber alle kontextualisiert werden in einen Bezug des erweiterten Förderverständnisses unter Einbeziehung der Lebenslagen der Adressaten und derer Lebenswelt.

Fazit

Ein spannendes Buch, weil es mit offenen Karten spielt: Die Praxisprojekte werden detailliert beschrieben und genau im Ablauf dargestellt. Und sie werden kritisch hinterfragt und weiterentwickelt. Ein Buch mit innovativen Elementen: Nicht nur eine Verbesserung der Lehrerausbildung sondern auch eine ökologische Perspektive wird hier umgesetzt. Bronfenbrenners Plädoyer für interdisziplinäre Forschung und Arbeit wird hier im Praxisbereich und in der Forschungsperspektive nachvollziehbar. Eine Bereicherung für alle Lehramtsstudierenden und auch für Sozialpädagogen in der Zusammenarbeit mit dem Schulbereich.


Rezension von
Dipl.Päd. Werner Glanzer
Dipl.Soz.päd./Sozialarbeiter, Supervisor, Lehrbeauftragter an der ASH Berlin, Arbeitsfeld Schulsozialarbeit
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Zitiervorschlag
Werner Glanzer. Rezension vom 02.04.2014 zu: Robert Bernhardt, Stefanie Rinck-Muhler, Joachim Schroeder (Hrsg.): Fördern will gelernt sein. Pädagogische Praxisprojekte - ein innovatives Element universitärer Ausbildung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-1951-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15991.php, Datum des Zugriffs 26.01.2020.


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ISSN 2190-9245

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