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Harald A. Mieg, Christoph Heyl (Hrsg.): Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch

Cover Harald A. Mieg, Christoph Heyl (Hrsg.): Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2013. 335 Seiten. ISBN 978-3-476-02385-8. D: 64,95 EUR, A: 66,80 EUR, CH: 88,00 sFr.
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Thema

So ganz allmählich öffnen sich die klassischen Disziplinen des Städtebaus und der Stadtplanung bzw. der Stadtentwicklung, insbesondere die Architektur, den anderen disziplinären Zugängen zur Stadt als Lebensraum. Sie haben zwar immer gewusst, dass die Stadt mit Kultur, Kommunikation, der Gestaltung des Sozialen, der Zivilisation und spezifischen Erfahrungen des Urbanen verbunden ist, haben aber immer geglaubt, dass der Zugang zu diesen Themen nachrangig ist gegenüber den gestalterischen Elementen des Städtebaus, der Stadtraumgestaltung oder der Raumplanung.

In vielen Großstädten machen sich inzwischen Stadtentwickler an die Frage nach der Philosophie des Zusammenlebens – eines integrativen Zusammenlebens unter den Bedingungen kultureller Heterogenität und Vielfalt und sozialer Differenzen. Und mehr und mehr suchen sie die Zugänge anderer Disziplinen zur Stadt, zu ihrer Geschichte, zu ihrer eigenen sozialen Kerndynamik von Integration und Ausgrenzung, zu ihrer Urbanität als Lebensstil und zu der Frage nach den Integrationspotentialen ihrer Stadt bei gleichzeitiger verstärkter Segregation, die über das hinausgeht, was städtebauliche Gestaltung und Architektur dazu sagen können. Es scheint also nicht nur akademisch interessant zu sein, in interdisziplinären Kontexten zu denken – es wird immer mehr zum (sozial)politischen und praktischen Erfordernis.

Herausgeber

Dr. Harald A. Mieg ist Professor für Forschung und Innovation der FG Potsdam und Gründungsmitglied des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung der Humboldt-Universität zu Berlin.

Dr. Christoph Heyl ist Professor für Britische Literatur und Kultur an der Universität Duisburg-Essen

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren stammen aus dem Hochschul- und Forschungsbereich und vertreten die Disziplinen Archäologie und Geschichte, Stadtsoziologie, Städtebau, Sozialgeographie, Ethnologie, Klimatologie und Kunst- und Bildungswissenschaften.

Aufbau

Das Handbuch gliedert sich nach einer Einleitung in zwei große Teile mit neun bzw. acht Kapiteln, die im Wesentlichen die verschiedenen Disziplinen vertreten:

  1. Teil I: Die Stadt als Feld multidisziplinärer Forschung
  2. Teil II Die Stadt als kultureller Raum

Zur Einleitung: Perspektiven der Stadtforschung

Harald A Mieg steckt zunächst den Bezugsrahmen ab, in der die Stadt immer diskutiert wird: Stadt und Land, Stadt und Staat, Stadt und Wirtschaft. Der Stadt-Land-Unterschied war schon immer etwas, was in der Stadtgeschichte Bedeutung hatte; das Verhältnis zum Staat ist geprägt durch Subsidiarität und Aufgabenteilung, in der Geschichte auch durch Macht und Herrschaft und der Emanzipation von ihnen und für Max Weber war die Stadt schon immer durch den Markt geprägt als das ökonomische Zentrum der Stadt.

Danach gibt Mieg einen Überblick über Großthemen der interdisziplinären Stadtforschung, die da wären: die Wissensgesellschaft im Kontext des wirtschaftlichen Handelns, der cultural turn, der deutlich machen soll, wie der Stadtraum zum kulturellen Raum durch Konstruktionen der Akteure wird, Governance als eine neue Form der politischen Steuerung über Aushandlungsprozesse und nachhaltige Stadtentwicklung, die zugleich integrative Stadtentwicklung ist.

Des Weiteren erörtert Mieg einige Stadtdefinitionen.

Grau unterlegt werden dann Begriffe der Stadtpsychologie erläutert und im weiteren Verlauf sieben Begriffe aus der interdisziplinären Stadtforschung wie Governance, unterschiedliche Stadttypen, Habitus, kommunale Autonomie, Palimpsest, Segregation und Stadtentwicklung.

Die Zukunft der Stadt wird dann an Begriffen wie Stadt und Region, Stadt und Weltgesellschaft, Stadt und Innovation und Stadtsystemanalyse erörtert.

Zu Teil I: Die Stadt als Feld multidisziplinärer Forschung

Mieg führt überblicksartig in diesen Teil ein und stellt die einzelnen Kapitel kurz vor.

1. Architektur: Stadtplanung und Städtebau (Johannes Cramer)

Eigentlich war die Stadt schon immer eine geplante Stadt und die Repräsentation durch öffentliche Bauten und die Gestaltung öffentlicher Räume, die die europäische Stadt bis heute ausmachen, waren auch immer eine Herausforderung für die Architektur.

Cramer stellt einige Leitbilder des Stadtbaus vor wie die ganzheitliche Inszenierung durch Schönheit und Regelmäßigkeit, dann aber auch das Leitbild von Ordnung und Kontrolle der absolutistischen Stadt, aber auch von Funktionserfüllung und Lebensqualität, von sozialer Kohäsion, Gesundheit und Wohnen. Weiter geht es um das Modell der unterhaltenden Stadt, um Mobilität und Wettbewerb, der sich vor allem in der Dimension der Einkaufs- und Erlebnisqualität der Innenstädte ausprägt.

Im weiteren Verlauf wird die Stadt unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit diskutiert, Aspekte des Stadtwachstums und der Stadtplanung werden thematisiert wie die gewachsene und geplante Stadt, die gewordene und umgebaute Stadt und die wuchernde Stadt (Megacities). Dann geht es um Stadtfunktionen, um Stadtidentität und Stadtinszenierung. Und es geht um Stadttechnik, Smart City und Stadtboden.

2. Stadtgeographie (Christof Parnreiter)

Parnreiter leitet das Kapitel mit vier zentralen Begriffen ein: Geographie, Raum, Stadt, Stadtgeographie. Es geht um geographisches Denken und das Raumverständnis der Geographie, auch um unterschiedliche Raumauffassungen.

Dann diskutiert er Themen der deutschsprachigen Stadtgeographie wie Verstädterungsprozesse in Europa und in der dritten Welt (Megacities), Stadttypen, Stadtstrukturmodelle, deren zentrales Thema Segregation ist, die Stadt als Wirtschaftsstandort, Zentralitätsforschung als Thema der Stadtgeographie, Stadtsysteme und Städtehierarchien. Weitere Forschungsfelder sieht der Autor in Bereichen der Stadtplanung und des urban governance, der Immobilienwirtschaft als Wohnraumversorger, in der städtischen Nachhaltigkeit, in Umwelt und Klima, Sub- und Reurbanisierungsprozesse, in schrumpfenden Städten oder Stadtentwicklung durch Events.

Anschließend diskutiert Parnreiter die Theorien der deutschsprachigen Stadtgeographie ausführlich und erörtert das nicht ausgeschöpfte Potential der Stadtgeographie.

3. Stadtsoziologie (Christine Hannemann)

Hannemann geht zunächst auf die Entstehungsgeschichte der Stadtsoziologie ein, die sehr stark mit der Entfaltung der Chicagoer Schule verbunden ist, eine der damals führenden soziologischen Schulen im angelsächsischen Raum. Nach 1945 wird auch die Stadtsoziologie in Deutschland theoretisch interessant, das erläutert Hannemann ausführlich. Die Stadtsoziologie erfährt dann aber auch eine Stagnationsphase in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, erschließt sich dann aber neue Themenfelder. Die veränderten Lebensverhältnisse in den Städten und Regionen, die aufkommende Armut und sozialräumlichen Deprivationen als Thema der sozialpolitischen Diskurse und die Entwicklung benachteiligter Stadtquartiere und das Leben darin haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Stadtsoziologie einen Aufschwung erfahren hat.

Die Autorin geht dann auf einige aktuelle Themenfelder ein wie die soziale Segregation mit der Gefahr der Exklusion, auf die Gentrifizierung und Aufwertung von Quartieren mit Folgen für die angestammte Bewohnerschaft, auf Urbanität als Lebensstil unter den Bedingungen sozialräumlich homogener Quartiere, kultureller Heterogenität und Vielfalt und sozialer Differenzen und Disparitäten.

Die europäische Stadt ist immer noch eine gut funktionierende Stadt mit ihrer kommunalen Sozialstaatlichkeit und anderen Merkmalen wie ihrer Emanzipationsgeschichte, der Präsenz ihrer Geschichte, ihrer Urbanität, die Stadt als politisches Subjekt und die Stadtentwicklung vor dem Hintergrund des Wachstums.

Dann geht es der Autorin um die Stadtpolitik, um schrumpfende Städte, um städtische Kreativität, um die Eigenlogik der Städte im Wettbewerb um ihre Profilierung gegenüber anderen Städten und dann um Wohn- und Architektursoziologie als besondere disziplinäre Ausprägungen der Stadtsoziologie.

Schließlich erörtert die Autorin noch den Stellenwert der Stadtsoziologie im Kontext von Soziologie und Stadtforschung.

4. Stadtökonomie (Guido Spars)

Der Autor beschreibt nach einer kurzen auch historischen Hinführung den ökonomischen Blick auf die Stadtentwicklung. Es geht um Immobilienmärkte, um Standtortvorteile und um Nutzung. In einer schematischen Darstellung werden Theorieansätze vorgestellt, um dann ausführlicher auf Agglomerations- und Clustertheorien einzugehen, wo es hauptsächlich um Fragen der räumlichen Ballung als Kriterium der Stadtentstehung geht und auf die New Economic Geography.

Weiter diskutiert Spars Städte als privilegiertes Innovationsfeld der Wissensproduktion und er gibt noch einen kurzen Ausblick.

5. Stadtökologie (Wilfried Endlicher)

Endlicher erklärt einleitend den Begriff der Stadtökologie, die sich mit den urbanen Ökosystemen und Stadtlandschaften in ihren Beziehungen zu den Stadtbewohnern beschäftigt. Anschließend kommt der Autor zu bestimmten Traditionslinien der stadtökologischen Forschung und erläutert ihre Methoden.

Die Geosphäre der Stadt als besonders wichtiges Teilsystem beschäftigt sich einmal mit der Atmosphäre, also dem Stadtklima, der Luftqualität, der Hydrosphäre, den ober- und unterirdischen Gewässern und mit der Pedosphäre, also mit Stadtböden, und die Biosphäre beschäftigt sich mit der städtischen Pflanzen- und Tierwelt. Schließlich kommt der Autor zu der wichtigsten Sphäre: der Anthroposphäre, wo es um die Menschen geht. Es geht um nachhaltige und resiliente Stadtentwicklung, der Art urbaner Flachennutzung (Stadtparks Gärten); es geht weiter um Erfahrung und Wahrnehmung der Natur in der Stadt, um Gesundheit und Lebensqualität.

Aktuelle Herausforderungen sind für Spars das Klima, der Konsum von Gütern und Energie (ökologischer Fußabdruck), um urbane Ökosystemdienstleistungen und um Umweltgerechtigkeit.

6. Stadt in der Geschichtswissenschaft (Dieter Schott)

Welche Rolle spielt die Stadt und die städtische Lebensweise in der Geschichtswissenschaft? Dieter Schott zeichnet zunächst die Entwicklungslinien der Stadtgeschichtsforschung nach, nennt Namen und Theorieansätze und diskutiert sie ausführlich bis in die heutige Zeit. Er beschreibt die Krise der Städte in der Mitte der 1970er Jahre, die ja eingebettet ist in die krisenhafte Entwicklung der fortgeschrittenen Industriegesellschaften des Westens.

Anschließend gibt der Autor einen Überblick zur Urbanisierung und Stadtgeschichte in den 1980er Jahren, nimmt Stellung zur Internationalisierung der Forschungslandschaft nach 1990 und erörtert Tendenzen und Rahmenbedingungen der deutschen Stadtgeschichtsforschung seit 1990.

In einem weiteren Teil seines Beitrags nimmt sich der Autor der europäischen Stadt an und gibt einen ausführlichen Überblick zur europäischen Stadtgeschichte, wobei er gründlich die Literatur bearbeitet, die diese Geschichte dokumentiert. Dabei ist vor allem noch einmal die Stadtgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit für den Autor relevant, wo in der Tat entscheidende Weichenstellungen der historischen Stadtentwicklung stattfanden.

Das wird dann auch dort deutlich, wo der Autor zentrale, Fragen des Stadtbegriffs und der Stadttypen diskutiert, die Bürgerstadt und die Entfaltung des Bürgertums durch die Stadt, aber auch die Stadt im Krieg und in der Katastrophe erörtert und auf die Stadt und ihre Umwelt, die Repräsentation von Stadt, die Selbstverwaltung und die vernetzte Stadt eingeht.

In seinem Ausblick fragt der Autor noch, ob es eine europäische Stadt gibt.

7. Archäologische Stadtforschung

Dies Kapitel enthält zwei Beiträge.

Zunächst geht es Chrystina Häuber um die Stadt Rom.

Die Stadt Rom und das gesamte Städtewesen verdankt seine Entstehung dem kulturhistorischen Stand einer herrschaftlich organisierten Agrargesellschaft, wobei sich die Herrschaft als Priesterherrschaft oder als weltliche (Burg)herrschaft ausprägte. Dies wird ausführlich begründet. Die Autorin geht auf die zentrale Bedeutung der Romforschung ein und benennt eine Reihe von Schwierigkeit der Forschung. Sie geht dann auf archäologische Bodenfunde ein und belegt damit Zusammenhänge, die über die zeitliche Verortung hinausgehen.

Die griechische und punische Welt wird von Roald Docter beschrieben.

Einleitend geht der Autor auf die Stadtbegriff und seine Problematik ein. Dann beschreibt der Autor Karthago ausführlich. Seine Urbanität, seinen Reichtum, seine Infrastruktur waren für die damalige Zeit außergewöhnlich.

Dann beschreibt Docter Athen und Piräus. Beide Städte nehmen eine Sonderstellung ein, Athen als gewachsene Stadt; Piräus war ein wichtiger Hafen – auch für Athen. Weiter erörtert der Autor Megara Hyblaia, eine frühe Ansiedlung, die als Beispiel für eine ummauerte Kolonialsiedlung gilt.

8. Stadt im Blick der Kommunalwissenschaft (Hellmut Wollmann)

Wollmann leitet zunächst seinen Beitrag ein, indem er auf die Sonderstellung der Kommune in ihrer Beziehung zum Staat und in ihrer Tradition der kommunalen Selbstverwaltung verweist. Er beschreibt dann den Handlungsspielraum der Kommunen und dessen rechtliche Regelung, geht auf die Reichweite kommunaler Autonomie ein und auf deren rechtliche Grenzen sowie auf deren Schutz in der Rechtssprechung.

Weiter diskutiert der Autor die Stellung der Kommunalverwaltung zwischen echter kommunaler Verwaltung und beauftragter staatlicher Verwaltung und nennt Varianten der Kommunalisierung staatlicher Aufgaben.

9. Stadt in der lokalen Politikforschung (Hubert Heinelt)

Auf lokaler Ebene wird die Politik immer bedeutsamer, aber die politikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Lokalen hat weder mit dem Land noch mit der Stadt unter dem besonderen Gesichtspunkt des Politischen stattgefunden. Eher war es die Kommunalpolitik auf der Ebene des politischen Gemeindebegriffs als Gebietskörperschaft, die die Politikwissenschaft interessierte. Damit setzt sich der Autor auf der Ebene der Kommunalpolitik und der Stadtpolitik ausführlich auseinander. Anschließend beschreibt er die einzelnen Phasen der politikwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der lokalen Ebene.

In seinem Ausblick diskutiert Heinelt die Eigenheiten der lokalen Politikforschung in Deutschland und vergleicht sie international. Dabei geht es auch um Raumverständnisse, und Raumbegriffe, um Beteiligung der Akteure im Raum, auch um Governance.

Zu Teil II: Die Stadt als kultureller Raum

Christoph Heyl gibt einen Überblick über die die behandelten Themen und führt in das Thema des gesamten Teils ein. Dabei spielen die Kulturwissenschaften eine zentrale Rolle, die in ihren unterschiedlichen Facetten die Stadt als kultureller Handlungs-, Erlebnis- und Funktionsraum deuten.

10. Anthropologie der Stadt: Konzepte und Perspektiven (Jens Wietschorke)

Es geht dem Autor nicht so sehr um das soziale Leben in der Stadt als um die lokalen Besonderheiten und um die spezifische Gestalt der Stadt, die sie abgrenzt zu anderen Städten als andere Figurationen der Ordnung. Die besondere Art des Zusammenlebens in der Stadt – und hier wird L. Wirth zitiert - ist ja durch Dichte, Größe und Heterogenität gekennzeichnet und das sind ja auch Rahmenbedingungen des Lebens, die besondere Erfahrungen erzeugen, auch Konstruktionen der Wirklichkeit produzieren und eine besondere Lebensweise erfordern. Das ist wohl der Text der Stadt. Auf diese Textur der Stadt wird ausführlich eingegangen. Im weiteren Verlauf der Argumentation geht Wietschorke auf die „City as a Whole“ ein und diskutiert den Weg von der Stadtforschung zur Städteforschung. Es geht um die „Eigenlogik der Städte“ (M. Löw), um die je spezifische Logik, der eine spezifische Gestalt der Stadt zugrunde liegt. Dabei bleibt die Frage, ob nicht zu jeder Stadt gehört, dass sie eine spezifische ökonomische, soziale und kulturelle Kerndynamik entfaltet, die sie nur dadurch entfalten kann, dass sie Stadt ist.

Es geht dann um Sinn und Sinnlichkeit, um Sensous Geographies und urbane Geschmackslandschaften und um die Praxologie des Stadtcharakters. Hier wird auf die Stadtanthropologie in der Diskussion eingegangen.

11. Stadt und Literatur (Christoph Heyl)

Einführend diskutiert der Autor zunächst die Stadt, die Schriftkultur und die Literatur im alten Orient als die Anfänge kultureller Zivilisation, zu der Recht und Religion gehören. Die Stadt ist die Verbindung von politischer Herrschaft, Tempel, Markt und Recht – die wichtigsten Funktionen die nur in der Stadt gebündelt auftreten.

In der Bibel kann man diese orientalischen literarischen Stadtbilder dokumentiert finden.

Weiter geht der Autor auf die Verbindung von Literatur und Stadt in der griechisch-römischen Antike ein, wobei er feststellt, dass immer wieder städtischen Leben literarisch aufgegriffen und reflektiert wurde.

Auch der Niedergang der Stadt im Früh- und Hochmittelalter und die Wiederbelebung der Stadt im Spätmittelalter werden literarisch verarbeitet, wobei ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen der Stadt und ihrer Entwicklung und der Literatur in ihren jeweiligen Stadien.

Diese Zusammenhänge werden dann auch für die Frühe Neuzeit (Utopien, warnende Satiren, Tagebücher) hergestellt, um dann die Erscheinungsformen und Themen der Großstadtliteratur im 18. Jahrhundert zu diskutieren und auf die Romantik des 19. Jahrhundert einzugehen. Schließlich diskutiert der Autor die Stadt und die Literatur ab dem frühen 20. Jahrhundert und geht auf die Moderne ein, die dann ja auch die Stadtsoziologie beschäftigt.

12. Das Bild der Stadt (Matthias Bruhn/Gabriele Bickendorf)

Der Autor und die Autorin führen in ihren Beitrag ein, indem sie die Stadt als Thema der Kunst- und Bildgeschichte erörtern. Bilder von der Stadt begleiten die Stadt seit jeher – Bilder von der Konzeption der Stadt bis zu einfachen Stadtplänen. Nachantike Entwicklungen zeigen dann eigene autonome Bilder von der Stadt – dies wird ausführlich dargestellt, wie auch die neueren Medien des Stadtbildes ausführlich diskutiert werden.

Weiter reflektieren die Autorin und der Autor die Stadt als Bildraum der Frühneuzeit, wo Stadtansichten eine bedeutende Entwicklung nehmen.

Zeugnisse des industriellen Umbruchs – die Industriestädte mit ihren Arbeiterquartieren und ihrem besonderen Charakter werden dann vorgestellt, um dann auf das Wachstum und die Grenzen der Sichtbarkeit einzugehen, die mit der Entwicklung zur Massengesellschaft in der Moderne verbunden sind.

Der ganze Beitrag ist bebildert und demonstriert augenfällig das Geschriebene.

13. Das Gedächtnis der Stadt (Kirstin Buchinger)

Es geht um das Gedächtnis des Ortes, um Erinnerungen, um ein kollektives Gedächtnis der Stadt. Mit dem Memory-Boom verweist die Autorin auf die Bedeutung der Erinnerung für die Geschichte von Orten, denn nur durch die Bedeutung, die jemandem einem Raum gibt, wird daraus ein Ort der Erinnerung.

Kirstin Buchinger geht kurz auf die Ursprünge der Gedächtnisforschung ein, diskutiert den Zusammenhang von Erinnerung und Stadt und geht dann auf die Idee einer kollektiven Erinnerung und auf das kollektive Gedächtnis ein.

Es geht um die Verortung des biographisch Erlebten, vielleicht nicht um Verräumlichung. Was nicht dazu gehört, um seine Identität durch den Ort und am Ort zu sichern, wird ausgeblendet; die Autorin macht dies am Holocaust fest und an der langen Geschichte der Judenverfolgung in den Dörfern und Städten. Ist das vielleicht die histoire croisée, in der sich Geschichten kreuzen – nicht nur Geschichten von Nationen oder Städten, sondern auch von Menschen?

14. Privatsphäre, Öffentlichkeit und urbane Modernität. London als historischer Präzedenzfall (Christoph Heyl)

London ist seit dem 17. Jahrhundert das Modell der europäischen Stadt, und zwar mit allen Facetten – den hellen und dunklen, die damalige Metropolen, dann auch Industriemetropolen ausmachte.

Heyl geht dann auf die klassische Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit ein, deren Spannungsverhältnis erst die Urbanität einer Stadt ausmachen und die eine Kleinstadt von London unterscheidet.

London war dann ein Sonderfall. Die schnelle Entwicklung einer Massengesellschaft und Londons Wachstum der Bevölkerung erzeugten damals schon Eigenschaften in der Begegnung, die Simmel dem Großstädter zuschreibt: Blasiertheit, Reserviertheit, Intellektualität als Schutzmechanismen gegenüber dem Fremden, dem Anderen im öffentlichen Raum. Anonymität wurde zum Beziehungsmuster. Dies beschreibt der Autor und geht dann auf die Wohnarchitektur ein, die auch bestimmte Sozialformen und Verhaltensmuster reproduziert. Dabei bezieht er sich auf die Zeit vor 1666, dem Great Fire, das als Katalysator für Modernisierungsprozesse gesehen wird. Dies macht der Autor an den Straßen, den squares, den Kaffeehäusern, den Parks und Theatern fest.

Der Autor setzt sich dann mit alternativen Thesen zur Genese der modernen Privatsphäre auseinander. Die bürgerliche Öffentlichkeit des 17. Jahrhunderts hat sich gewandelt, so dass in den Industriestädten die Privatsphäre notwendigerweise als Refugium begriffen werden musste, die Privatsphäre sollte vor dem Zugriff der Gesellschaft schützen. Zum Schluss geht Heyl auf die Verhaltensoptionen und Geschlechterrollen im großstädtischen Kontext ein.

15. Stadt und Performanz (Ilse Helbrecht/Peter Dirksmeier)

Wie verändert sich unser Blick auf die Stadt, wenn wir sie unter der Perspektive der Performanz wahrnehmen? (284) fragen die beiden Verfasser. Wie präsentieren wir uns im öffentlichen Raum, welche Rollen spielen wir? „Wir alle spielen Theater“ (Goffman). Dies wird zunächst ausführlich begründet. Anschließend geht es um Urbanität, um die Urban Theory, um Stadtentwicklung und Performanz. Städte sind Orte der Begegnung und der Kommunikation. Auch hier wird auf Klassiker zurückgegriffen wie auf L. Wirth und G. Simmel. Welche Aufenthaltsqualität sollen öffentliche Räume haben? fragen oft Stadtplaner. Aber es geht auch um Performanzqualität, um Darstellungsmöglichkeiten und um Rahmenbedingungen der Begegnung. Wie muss also eine Stadtentwicklungspolitik aussehen, die Performanz stärkt? Es geht um Creative City Policies, um die Attraktivität der Innenstädte als konsumtive Handlungs- und Erlebnisräume und um öffentliche Räume in Bezug auf Selbstinszenierungsmöglichkeiten etc.

16. Stadt und Religion (Stephan Lanz)

Welche religiösen Praktiken bestimmen auch die Urbanität einer Stadt, ihre urbane Lebensweise? Religiöse Bauten waren auch immer repräsentative Bauten, religiöse Praktiken waren auch immer öffentlich akzeptiert, sogar respektiert im öffentlichen Raum und Kirchen waren immer auch offen für alle. Das europäische Gemeinwesen – als Dorf oder Stadt – kann man sich ja auch ohne die Kirche nicht vorstellen.

Und alle Religionen kennen heilige Städte, damit leitet der Autor sein Kapitel über religiöse Stadt-Konzepte ein. Solche Konzepte drehen sich um Stadt-Utopien, realisierte Utopien, real existierende heilige Städte – und alle finden wir in Jerusalem.

Dann geht es aber auch um die islamische Stadt und das orientalistische Stadtmodell und seine Aktualität, die am Beispiel von Istanbul aufgezeigt wird. Die säkulare Stadt, die Industriestadt und das religiöse Labor der Frühindustrialisierung werden thematisiert und die säkulare Stadt eingeordnet in die Tradition der Stadtforschung mit ihrer zentralen Weber´schen These der Säkularisierung.

Gibt es eine Rückkehr des Religiösen in die öffentlichen Räume der postsäkularen Stadt? Dieser Frage geht der Autor nach und er verweist auf Tendenzen einer religiös erscheinenden Aneignung und Besetzung öffentlicher Räume. Weiter wird auch der Frage nachgegangen, wie in der fundamentalistischen Stadt radikale Gruppen machtvolle urbane Akteure sind.

Städtische Religion heute wird vom Autor fest gemacht an der religiösen Produktion materieller städtischer Räume, an der religiösen Transformation des städtischen Alltags und an der lokalen Verortung religiöser Netzwerke bei ihrer gleichzeitigen globalen Verankerung, wie dies an den Migrantenkulturen der türkischen oder anderer Gemeinden nachgewiesen werden kann.

Alle Beiträge enden mit einer ausführlichen Literaturliste.

Im Anhang findet man ein Personen- und Sachregister.

Diskussion

Interdisziplinarität erfordert ein systemisch-interaktives Modell, in dem sich jede Disziplin mit dem Anspruch wieder findet, einen notwendigen Beitrag zum Ganzen zu leisten, der aber nie hinreichend sein kann. Sicher gibt es ohne Architekten keine Bauten, aber die Bauten und ihre Architektur machen noch nicht die Stadt aus. Sicher ist Stadt auch Gesellschaft und Gesellschaft ist Kommunikation – aber Kommunikation alleine macht keine Ansiedlung zur Stadt.

In diesem Handbuch bemühen sich vor allem die aus der Sicht der Stadtforschung eher randständigen Disziplinen um interdisziplinäre Zugänge zur Stadt. Die klassischen Disziplinen, die bislang und eigentlich immer an der Stadt und ihrer Entwicklung dran waren – die Architektur, die Stadtplanung und der Städtebau und die sich selbst als Kerndisziplinen in diesem Kontext verstehen, sind eher verhaltener in ihrer Öffnung für andere Disziplinen und in ihrer Suche nach Interdisziplinarität.

In den Beiträgen, die sich stärker mit anderen als den zentralen und konstitutiven Dimensionen der Stadt beschäftigen, argumentieren die Autorinnen und Autoren auch eher suchend, suchend nach Ankoppelungen an diese Kerndisziplinen der Stadt. Am ehesten gelingt der Zugang zur Stadt noch den Disziplinen, die sich mit der Gestaltung des Sozialen in der Stadt beschäftigen: Die Stadtsoziologie, die Stadtforschung und andere human- und sozialwissenschaftliche Disziplinen wie z. B. die Psychologie.

Dabei umfasst dieses Handbuch hoch interessante und spannende Beiträge der Kultur- und Geschichtswissenschaften oder der Kunst- und Bildungswissenschaften, die vor allem im zweiten Teil zum Tragen kommen.

Die Frage ist, wie viele und welche Perspektiven der Stadtforschung ein Stadtplaner braucht, um eine gute Stadt zu planen. Welches Verständnis braucht er von einem gedeihlichen Zusammenleben, um zu verstehen, dass nur eine gute Planung eine Voraussetzung eines guten und gelingenden Zusammenlebens ist und ist er dabei auf andere Disziplinen angewiesen?

Die gründlich und umfassend recherchierten Beiträge sind in der Tat eine Bereicherung für den- oder diejenige, der oder die sich mit der Stadt ohnehin beschäftigen, analytisch, empirisch überhaupt wissenschaftlich. Insofern ist es ein gute und gelungene Auswahl der Beiträge, weil sie erkennen lassen, worauf man sich überhaupt einlassen muss, um eine Stadt als Sozialzusammenhang und Lebensform zu begreifen und auch hinreichend zu begreifen. Und wenn dieses Handbuch das Ziel erreicht, dem Stadtsoziologen, dem Architekten, dem Planer den Blick zu weiten für das, was alles Stadt sein kann, und wenn ein weiteres Ziel erreicht wird, den Praktiker in diesen Disziplinen zu überzeugen, dass seine Praxis nur dann eine gute Praxis ist, wenn sie mehr bedenkt, als das, was seine Disziplin hergibt – dann ist das Interdisziplinäre Handbuch gelungen.

Fazit

Ein in jedem Fall gelungenes Buch für diejenigen, die sich mit der Stadt auseinandersetzen und für diejenigen, die sich besondere Aspekte und Facetten der Stadt noch einmal gründlicher anschauen wollen.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 31.12.2013 zu: Harald A. Mieg, Christoph Heyl (Hrsg.): Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2013. ISBN 978-3-476-02385-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15996.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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