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Kerstin Ziemen: Kompetenz für Inklusion

Cover Kerstin Ziemen: Kompetenz für Inklusion. Inklusive Ansätze in der Praxis umsetzen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2013. 136 Seiten. ISBN 978-3-525-70166-9. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Die Praxis und Theorie von (schulischer) Inklusion ist vorbereitet durch internationale emanzipatorische Bewegungen um Bürger- und Menschenrechte. Sie ist sowohl ein institutionalisierter Ausdruck der revolutionären „Konstitution von Freiheit“, als auch der Bewältigung von Folgen, wie sie aus der „Furcht vor der Freiheit“ entstanden sind (Kriege, Ausnahmezustände usw.). Sie ist ein verhandelbares und zu verhandelndes Gesellschaftskonzept und folglich mehr als eine vorübergehende „Mode“ oder „Kampagne“ im Zuge einer seit März 2009 auch in Deutschland zur Umsetzung anstehenden UN- Behindertenrechtskonvention.

Inklusion und damit auch inklusive Bildung in ihrer schulischen Ausprägung ist alles andere als eine „Worthülse“, ein „Schlagwort“ oder „Etikett“, das man beliebig auf alles kleben könnte, was mit „irgendwie Dabeisein“ oder „Vielfalt“ zu tun hat. Inklusion kann nicht „gemacht“ oder „umgesetzt“ werden, sie ist ein gemeinsam geteiltes Geschehen, das allerdings auf den Begriff zu bringen wäre; ein Erleben, das symbolisch in Erfahrung verwandelt werden sollte. Inklusion beginnt in den Köpfen…und davon handelt auch die von Kerstin Ziemen verfasste Studie.

Aufbau und Inhalt

Die Studie entfaltet sich aus dem Begriff oder der Kategorie der „Kompetenz“ heraus.

Die Bedeutung von Kompetenz überschreite deren landläufige Fassung als „Merkmal“, „Eigenschaft“, oder auch „Gütesiegel“ von Personen oder Institutionen: „Kompetenzen sind im Unterschied zu Fähigkeiten letztlich auf die Anerkennung durch andere angewiesen, wenn sie ertragreich sein sollen“ (vgl. Klappentext). Mit anderen Worten: Das Erkennen der Fähigkeiten eines Menschen wird um das Anerkennen seiner Zuständigkeiten erweitert. Die Autorin zeigt anhand exemplarischer und zusammenfassender Darstellungen auf, wie insbesondere die Eltern behinderter Kinder die Zuerkennung und Verweigerung ihrer Kompetenzen erleben und zum Ausdruck bringen. Dabei wird deutlich, dass Eltern behinderter Kinder nach wie vor auch integrativ- inklusive Bemühungen zum gemeinsamen Lernen einfordern und anstoßen.

Das 2. Kapitel referiert Erfahrungen mit Inklusion (das Beispiel Reutte) und reflektiert Untersuchungsergebnisse problemzentrierter Interviews um „Bilder, Vorstellungen und Konstruktionen von Behinderung“. Dabei wird deutlich, dass das Wahrnehmungsspektrum von Behinderung noch eine Fülle „habitualisierter“ exkludierender Momente (Infantilisierung, Leistungsminderung, Unglück/Tragik/Strafe, auf Natur reduziert usw.) aufweist; diese jedoch durch „aktuelle Erfahrungen und Erlebnisse in Familie, Freundschaft, Nachbarschaft, in Ausbildung und ehrenamtlicher Tätigkeit“ (S. 76) zunehmend infrage gestellt werden.

Das 3. Kapitel geht auf (praktisch erprobte) Konzepte und Modelle (vgl. etwa das kanadische Modell der „methods- and resource-teams“) ein, die belegen, wie eine Schule für alle Kinder gelingen und diagnostisch- didaktische Kompetenzen für (schulische) Inklusion bis zu einer „reflexiven Didaktik“ hin aussehen könnten.

Zielgruppen

Lehrende und Studierende der Regel- und Sonderpädagogik; an schulischer Inklusion interessierte Eltern, Lehrerinnen, Therapeutinnen sowie bildungspolitisch Verantwortliche

Fazit

Inklusive Bildung beginnt bei einer/m jeden von uns, wenn wir es verstehen, unsere grundlegenden Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit wechselseitig wahrzunehmen, anzuerkennen und unsere Fähigkeiten gemeinsam handelnd zu organisieren. Sie beginnt damit, dass wir uns als Lernende und Lehrende, als Selbstbildende und Selbsterziehende wechselseitig „verstören“, neu entdecken und erfinden; uns in Prozessen gegenseitiger Hilfe wechselseitig voran bringen. Essenziell sind unsere Haltungen und Werte, dann erst unsere Interessen und Nützlichkeitserwägungen.

Wenn Bildung in Schule und Leben inklusiv sein will, wenn sie Bildung für alle und jede/n sein will, muss sie der Entwicklung inklusiver Lernkulturen, Strukturen und Praktiken Raum geben. Vielleicht könnte der Prozessverlauf ja auch dem „Vision summit“ (Berlin 21013) zur „Schule im Aufbruch“ nachempfunden werden, der folgende Stationen nannte: Einer fängt an- Träume und Stärken werden erzählt und erkannt- Gemeinschaft entsteht und findet sich- Informationen werden gesammelt- in ihrer Essenz verdichtet- in eine projektives Design überführt- umgesetzt- gefeiert- und an den durchlaufenen Prozessen und den Ergebnissen entlang weiter gelernt.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 23.12.2013 zu: Kerstin Ziemen: Kompetenz für Inklusion. Inklusive Ansätze in der Praxis umsetzen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2013. ISBN 978-3-525-70166-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16002.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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