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Marcel Baumann: Schlechthin böse? (Terrorismus)

Cover Marcel Baumann: Schlechthin böse? Tötungslogik und moralische Legitimität von Terrorismus. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 348 Seiten. ISBN 978-3-531-17333-7. 49,99 EUR.
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Thema

Handlungen werden in der Regel begründet. Nicht immer handelt es sich dabei um gute Gründe (good reasons), die ins Feld geführt werden. Dass es für eine Sache oder Handlung außerdem auch mehrere Gründe geben kann, hat uns bereits Hegel gelehrt. Und die Sozialpsychologie kennt die selbstwertdienlichen Verzerrungen (self-serving bias, Miller & Ross, 1975), mit dem Akteure ihre Handlungserfolge oder –mißerfolge immer vor dem Hintergrund eines positiven Selbstbildes zu erklären versuchen.

So wundert es nicht, und „jedermann weiß, wenn er auch sonst nichts weiß“ (Marx, 1977, S. 62), dass auch terroristische Akte im Speziellen und der Terrorismus im Allgemeinen erklärt und begründet werden. Vornehmlich jene, die terroristische Aktionen verüben, also die terroristischen Akteure, scheinen bemüht zu sein, ihre Handlungen zu legitimieren, also „gute“ Gründe zu äußern und der Öffentlichkeit mitzuteilen, um ihre Taten zu rechtfertigen. Das gilt sowohl für die „nichtstaatlichen“ als auch für die „staatlichen“ Akteure. Terroristen sind eben nicht schlechthin böse, sondern sie wissen – in der Regel – was sie warum tun und wie sie ihr Tun legitimieren können. Mit diesen – wie Marcel Baumann (S. 5) formuliert – „Strategien der legtimitätssuchenden Selbstverständigung“ beschäftigt sich das Buch. Zwei Fragestellungen stehen dabei im Fokus: „1. Wie können die bewaffneten Gruppen den Legitimitätsglauben hervorbringen? 2. Wie funktioniert die legitimitätssuchende Selbstverständigung der Gewaltakteure?“ (S. 5).

Autor

Marcel Baumann ist Politikwissenschaftler und hat 2008 an der Humboldt-Universität zu Berlin (unter Betreuung von Herfried Münkler) promoviert. Momentan arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Aufbau und Inhalte

Marcel Baumann spannt seine Argumentationslinien im Feld zwischen Politischer Philosophie, verstehender Soziologie und Moralphilosophie auf, um Antworten auf die o.g. Fragestellungen zu finden. Die Lektüre ist also keine einfache – zumal der Autor gezielt die „roten Fäden“ wechselt, quellenreich argumentiert und stellenweise auch die Leserin/den Leser zu provozieren versucht. Acht Kapitel und ein umfangreiches Quellenverzeichnis umfasst das Buch.

Im Kapitel 1 entwirft der Autor seinen Fahr- bzw. Schreibplan und skizziert (wirklich sehr) knapp den Forschungsstand zu Gewalt, Krieg und Terrorismus. Eine der spannenden Thesen finden die Leser bereits in diesem Kapitel: Um das Denken von Gewaltakteuren verstehen zu können, müsse man sich von der „Verwendung des Terrorismusbegriffs lösen“ (S. 33). Diejenigen Wissenschaftler/innen, die sich mit dem Terrorismus beschäftigen, kennen das dahinterliegende Problem: Versuche, Terrorismus zu definieren, scheitern wegen den „semantischen Verwirrspielen politischer Akteure“, wie Münkler (2002) betont.

Im Kapitel 2 setzt sich der Autor mit der populärwissenschaftlichen Auffassung auseinander, „der Mensch sei biologisch dazu verdammt, Gewalt anzuwenden oder Kriege zu führen“ (S. 34). Die Argumente, die gegen diese Auffassung vorgebracht werden, sind hinlänglich bekannt. Sinn macht dieses Kapitel eigentlich nur, um den Haupttitel des Buches zu begründen. Aber: Lohnt es sich aus – wohlbemerkt - wissenschaftlicher Sicht tatsächlich noch, die Frage nach dem „schlechthin Bösen“ der terroristischen Akteure zu stellen? Wissen wir aus zahlreichen psychologischen Studien nicht längst, dass eine solche Frage nur eine rhetorische sein kann (vgl. auch Kruglanski & Orehek, 2011)?

Im Kapitel 3 betreibt der Autor seine eigentliche Begriffsarbeit. Hier werden die Gründe geliefert, die deutlich machen sollen, warum es eben schwierig ist, Gewalt, Krieg und Terrorismus ohne Wertungen zu definieren; warum der Terrorismusbegriff „analytisch ins Leere führt“; und warum die Akteure des Terrorismus und Anti-Terrorismus ihre jeweiligen Aktionen legitimieren, also mit legitimitätssuchenden Selbstverständigungen versehen müssen.

Die Rahmenbedingungen derartiger legitimitätssuchender Selbstverständigungen werden im Kapitel 4 analysiert und mit Fallbeispielen illustriert. Die Beispiele stammen aus dem Nordirland-Konflikt, beziehen sich auf den Kampf des ANC in Südafrika zur Zeit der Apartheid und zitieren die z.T. kriegerische Auseinandersetzung zwischen der ETA und der spanischen Regierung. Die Lektüre der aus diesen Beispielen ableitbaren Strategien, mit denen die Akteure (und ihre jeweiligen Widerparts) ihren Kampf zu legitimieren suchen, lohnt sich: Legitimität durch Rückgriff auf die Geschichte, Legitimität durch Verweis auf die eigene moralische Überlegenheit oder auf die „gerechte Sache“, für die es sich zu kämpfen lohnt, Legitimität durch den Anspruch, sich gegen den „Terrorismus“ verteidigen zu müssen.

Das Material, auf das der Autor in seinen Analysen zurückgreift, stammt in den meisten Fällen aus der Sekundärliteratur, aber auch aus Interviews, die er in Nordirland, Südafrika und Mazedonien selbst geführt hat. Eine erste Konsequenz der bisherigen Analysen findet sich dann im Kapitel 5: Der Staat ist „immer schon und in gleicher Weise wie die nichtstaatlichen Akteure zum Terrorismus und zum Terror fähig“ (S. 190).

Kapitel 6 trägt den bedeutungsschweren Titel „ Moralphilosophische Querschüsse“. Und auf die „Einschläge“ müssen sich die Leserinnen und Leser gefasst machen. Der Rezensent zitiert an dieser Stelle nur Beispiele aus dem Kapitel, um einerseits zur eigenen Lektüre anzuregen und andererseits auch auf die gewagten Vergleiche des Autors zu verweisen.

  • Beispiel 1: „Wenn alle Getöteten und die, die getötet haben, Opfer sind und es damit keine Täter mehr gibt, stellt sich die Frage nach dem Sinn und Zweck des Opferbegriffs“ (S. 199). Mag sein, dass die Moralphilosophie, wenn sie denn ans „Große und Ganze“ denkt, zu solchen Schlussfolgerungen kommen mag, was der unwissende Rezensent bezweifelt. Im „Kleinen“ und in vielen Einzelfällen führt eine solche Schlussfolgerung aber zwangsläufig zur Missachtung der Opfer und zu dem, was Sozialpsychologen „blaming the victim“ nennen. Der Rezensent denkt dabei nicht nur an antisemitische Sprachfiguren, sondern auch an die Opfer des NSU-Terrors.
  • Beispiel 2: „Wir sind alle Terroristen“ (S. 241). Der Autor verweist darauf, dass eine solche Schlussfolgerung, wie im Beispiel 2 genannt, „ein hohes Maß an Selbstreflexion innerhalb der Wissenschaft, Politik und in der Gesellschaft“ erfordere. Der Rezensent gesteht, über dieses Maß nicht zu verfügen, versteht aber durchaus den kritischen Impetus des Autors.

Im Kapitel 7 („Die globale Dimension der legitimitätssuchenden Selbstverständigung: die al-Qaida und das Alte im neuen Terrorismus“) führt der Autor den (durchaus schlüssigen) Nachweis, dass die populäre Sprachregelung „neuer Terrorismus“ analytisch ins Leere führe. Auch der „neue Terrorismus“ verkörpere nicht das „schlechthin Böse“. Das sieht der Rezensent ebenso, auch wenn er meint, alles zu verstehen, bedeutet nicht, alles zu verzeihen.

Dass die „Terrorismusversteher“ und „Terrorismusexperten“ (Kapitel 8) eine sehr fragwürdige Spezies sind und ihr Expertenwissen meist nur aus medialer Inszenierung besteht, ist quasi die Schlussfolgerung, mit der das Buch fast endet. Die eigentliche „Konklusion“ sieht der Autor aber vor allem in der Alternative „entweder einen Dialog zu riskieren oder in der Zukunft noch viele Anti-Terror-Kriege führen zu müssen“ (S. 319). D´accord!

Fazit

Das Buch ist im hohen Maße theoriehaltig. Die zahlreichen Beispiele, mit denen der Autor seine Argumentation „empirisch“ illustriert, sind lesenswert. Dass sich Leserinnen und Leser dabei mühen müssen, um den Argumentationen folgen zu können, liegt auf der Hand. Aber es lohnt sich, diese Mühe aufzubringen. Dem Rezensenten schwand aber, dass nicht jede und jeder die Argumentationen des Autors zu akzeptieren vermögen.

Zitierte Literatur

  • Kruglanski, A.W. & Orehek, E. (2011). The role of the quest for personal significance in motivating terrorism. In J. Forgas, A. W. Kruglanski, & K. Williams (Eds.), The Psychology of Social Conflict and Aggression. (pp. 153-166). New York: Psychology Press.
  • Marx, K. (1977). Das Kapital, Bd. 1, MEW, Band 23. Berlin: Dietz Verlag.
  • Meggle, G. (2003). Terror & Gegen-Terror. Einleitende Reflexionen. In G. Meggle (Hrsg.), Terror & Krieg gegen ihn. Öffentliche Reflexionen. Paderborn: mentis.
  • Miller, D. T. & Ross, M. (1975). Self-serving biases in the attribution of causality: Fact or fiction? Psychological Bulletin, 82, S. 213-225.
  • Münkler, H. (2002). Die neuen Kriege. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 02.05.2014 zu: Marcel Baumann: Schlechthin böse? Tötungslogik und moralische Legitimität von Terrorismus. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-17333-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16013.php, Datum des Zugriffs 23.10.2021.


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