socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wiltrud Dümmler, Winfried Sennekamp: Recovery im psychiatrischen Wohnheim

Cover Wiltrud Dümmler, Winfried Sennekamp: Recovery im psychiatrischen Wohnheim. Chancen und Grenzen des Konzepts bei Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. 90 Seiten. ISBN 978-3-86226-226-7. D: 18,80 EUR, A: 18,80 EUR, CH: 21,00 sFr.

Reihe: Perspektiven sozialer Arbeit in Theorie und Praxis - Band 3.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Recovery ist ein in Deutschland ziemlich neuer Begriff in der Sozialpsychiatrie, der im Zusammenhang mit psychischer Erkrankung Hoffnung, Zuversicht und Wiederfinden eines möglichst normalen Alltags beinhaltet. Es wird untersucht, wie weit das mit diesem Begriff verbundene Konzept im psychiatrischen Wohnheim zur Anwendung kommen kann.

Autorin und Autor

Wiltrud Dümmler ist Sozialpädagogin, Absolventin des Studiengangs Soziale Arbeit mit psychisch Kranken und Suchtkranken an der Hochschule Villingen-Schwenningen. Winfried Sennekamp ist Arzt für Psychiatrie und Leiter dieses Studiengangs.

Entstehungshintergrund

Vermutlich handelt es sich um die Weiterführung und den Ausbau der Abschlussarbeit von Frau Dümmler.

Aufbau

Nach einer umfassenden und sorgfältigen Begriffsklärung und Einführung in die Fragestellung wird auf die rechtliche Situation und die soziale Lage von Bewohnern psychiatrischer Wohnheime eingegangen und die Anwendbarkeit des Recovery-Konzepts unter diesen Bedingungen untersucht.

Inhalt

Schizophrenie und Stigmatisierung. Die Autoren gehen zunächst vom bio-psycho-sozialen  Verständnis der Schizophrenie aus. Hierbei machen sie schon deutlich, dass nie der ganze Mensch erkrankt ist, sondern dass immer vom Vorhandensein von gesunden Fähigkeiten und Möglichkeiten auszugehen ist. Durch Stigmatisierung und entsprechende Selbst-Stigmatisierung entstehen aber immer noch Hemmnisse und soziale Einschränkungen, die eigentlich nichts mit der Krankheit zu tun haben.

Recovery. Einen zentralen Hauptteil bildet die Auseinandersetzung mit dem Recovery-Konzept. Dabei geht es vor allem darum, dass Patienten so weit wie möglich aus der Krankenrolle heraustreten und so viel wie möglich, ihr Leben selbst in die Hand  nehmen. Viele  aktuelle und in den letzten Jahrzehnten in der Sozialpsychiatrie aufgetauchten Begriffe werden in diesem Zusammenhang definiert und erläutert:

  • Salutogenese,
  • Kohärenzgefühl,
  • Resilienz,
  • Empowerment,
  • Gesundheitsförderung.

Dieses Kapitel wird mit zwei Recovery-Geschichten abgeschlossen, die sich in Großbritannien und in den Niederlanden abgespielt haben.

Psychiatrisches Wohnheim. Wer lebt heute in einem psychiatrischen Wohnheim? Was sind die Aufgaben des Personals? Welche Bedürfnisse haben die Bewohner? Wie entsteht Chronifizierung und in Verbindung damit Hoffnungslosigkeit? Je länger Patienten im Wohnheim leben, umso mehr verlieren sie an Veränderungswíllen und Zuversicht auf ein selbständiges Leben, wohingegen die Zufriedenheit zunimmt, einen sicheren Ort im Leben zu haben – so eine ausführlich dargestellte Untersuchung.

Die rechtlichen Grundlagen für das Leben im Heim. Die Autoren benennen hier die entscheidenden Rechtsgrundlagen, wie sie einerseits das Grundgesetz und die UN-Konvention bieten, andererseits die Sozialgesetzbücher. Was die Finanzierung des Wohnheimaufenthalts betrifft, deutet sich hier schon das Dilemma an, dass die Maßnahmepauschale vonseiten des Sozialhilfeträgers umso höher ausfällt, je größer der Hilfebedarf des Bewohners ist. Dass das Folgen hat, wird im nächsten Kapitel deutlich.

Chancen und Grenzen der Anwendbarkeit des Recovery-Konzepts. Obwohl viele Wohnheim-Konzepte ressourcenorientiert, ganzheitlich und personenzentriert sind, gibt es eine Reihe von gesellschaftlichen und  strukturellen Grenzen, die die Autoren sichtbar machen:

  • Es gibt kaum externe Arbeitsmöglichkeiten für Wohnheimbewohner.
  • Immer noch steht das stark gegliederte Sozialsystem einer bedürfnisabhängigen Finanzierung der Unterstützungshilfen entgegen.
  • Wohnheime müssen sich über die Defizite der Klienten finanzieren und bei den Leistungsträgern die schwachen und nicht die starken Seiten des Klienten betonen.
  • Der Grundsatz „Jedem nach seinem Maß und in seiner Zeit” kann nicht verwirklicht werden.
  • Wohnheime können abhängig und unselbständig machen.
  • Dennoch bestehen Chancen, Autonomie und Entwicklung im Sinne von Recovery auch im psychiatrischen Wohnheim zu unterstützen. Ob das gelingt, hängt stark davon ab, wie weit die Betreuer die Balance finden zwischen Fürsorge und Emanzipation, Hilfe und Kontrolle, Überfordern und Unterfordern; wie weit es gelingt, den Bewohnern wirkliche Entscheidungsspielräume zur Verfügung zu stellen; wie weit die Betreuer dafür ausgebildet und dazu bereit sind, partnerschaftlich und auf Augenhöhe mit ihren Klienten zu verhandeln.

Diskussion

Dieses kleine aber feine Buch führt nicht nur in aktuelle Begrifflichkeiten der Sozialpsychiatrie ein, sondern bietet auch eine gute Einführung in das Konzept Recovery. Es macht deutlich, wie wichtig dieser Ansatz ist, wenn es darum geht, bei Patienten, die von Chronifizierung bedroht sind, Entwicklungen und Veränderungen zu begünstigen.

Manchmal gelingt es einem neuen Begriff, auch das Denken neu anzustoßen. Das gelingt auch den Autoren mit ihrem Buch. Dass es diese Ansätze auch schon lange vor dem Auftauchen des Wortes Recovery gab, soll nur am Rande noch erwähnt werden. Interessant wäre deswegen vielleicht gewesen, statt der Beispielsgeschichten aus England und Holland an einem Beispiel aus unserer Psychiatrielandschaft zu zeigen, wie und unter welchen Bedingungen Recovery verlaufen kann. 

Fazit

Es handelt sich um eine gelungene und gut lesbare Einführung zum Thema Recovery, d. h. zu einem Hoffnung vermittelnden Ansatz für die Arbeit mit von Chronifizierung bedrohten Patienten in psychiatrischenn Wohnheimen. Es eignet sich als Lektüre für Studierende der Sozialen Arbeit, Mitarbeiterinnen in Wohnheimen und – last but not least – warum nicht auch für Bewohner von Heimen?


Rezension von
Prof. Dr. Marianne Bosshard
E-Mail Mailformular


Alle 7 Rezensionen von Marianne Bosshard anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Marianne Bosshard. Rezension vom 06.01.2014 zu: Wiltrud Dümmler, Winfried Sennekamp: Recovery im psychiatrischen Wohnheim. Chancen und Grenzen des Konzepts bei Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-86226-226-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16014.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung