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Stefan Faas: Berufliche Anforderungen und berufsbezogenes Wissen von Erzieherinnen

Rezensiert von Prof. Dr. Hilde von Balluseck, 06.01.2014

Cover Stefan Faas: Berufliche Anforderungen und berufsbezogenes Wissen von Erzieherinnen ISBN 978-3-658-03407-8

Stefan Faas: Berufliche Anforderungen und berufsbezogenes Wissen von Erzieherinnen. Theoretische und empirische Rekonstruktionen. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 319 Seiten. ISBN 978-3-658-03407-8. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
Reihe: Forschung und Entwicklung in der Erziehungswissenschaft. Research.

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Autor

Stefan Faas ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen. Die Arbeit wurde als Dissertation an der Universität Bamberg angenommen.

Zielsetzung und Aufbau

Der Autor strebt eine Rekonstruktion der beruflichen Anforderungen an frühpädagogische Fachkräfte im Bereich sprachlicher Bildung an.

Das Buch enthält acht Kapitel, von denen – nach einer Einleitung - drei den theoretischen Ausführungen und zwei der eigenen empirischen Untersuchung gewidmet sind. Die Diskussion der Ergebnisse und die Schlussfolgerungen schließen die inhaltliche Auseinandersetzung ab. Im Anhang sind die Unterlagen für die empirische Untersuchung abgedruckt.

Inhalt

Nach der Einleitung stellt der Autor im zweiten Kapitel die Kompetenzen dar, die sich bei Kindern entwickeln müssen, damit sie zur sprachlichen Kommunikation fähig sind. Unterstützende Maßnahmen für die Entwicklung der einzelnen Kompetenzen werden umrissen.

Im dritten Kapitel geht der Autor auf berufliche Anforderungen im Kontext sprachlicher Bildung und Förderung ein und gibt einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu den Zielen beruflichen Handelns, zu den beruflichen Aufgaben und zum Anspruch professionellen Handelns. Im vierten Kapitel konzentriert sich Stefan Faas auf die Frage, was Wissen ist, was es berufsbezogen, und hier auch auf pädagogische Berufe bezogen, bedeutet. Auch diese Ausführungen werden mit Ergebnissen empirischer Untersuchungen belegt. Gleichzeitig wird die fehlende Empirie zum sprachförderbezogenem Wissen von Fachkräften dargelegt, um die eigene empirische Untersuchung zu begründen.

Diese Untersuchung besteht in 30 Experteninterviews bei Erzieherinnen (zum Untersuchungsdesign: 5. Kapitel). Erfragt wurden die Einstellungen der Erzieherinnen zur Bildungs- und Förderungsfunktion der Kita allgemein, zur sprachlichen Bildung und Förderung in einem weiten (z.B. unter Einbeziehung des Raums) und in einem engeren Sinne (im Kontext von Interaktionen mit den Kindern), sowie zur Planung und Reflexion pädagogischer Maßnahmen und zur Zusammenarbeit mit Eltern und Familien.

Fragen und Ergebnisse der Studie sind primär am Vorhandensein und der Anwendung von Wissen ausgerichtet. Dabei werden auch die Differenzen – soweit vorhanden – zwischen Erzieherinnen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Bildungsbiografien und unterschiedlicher Funktionen in der Kita beleuchtet. Ein großer Teil der Ergebnisse (6. Kapitel) ist nicht überraschend, dazu zwei Beispiele:

  1. Erzieherinnen fokussieren bei der sprachlichen Bildung auf Handlungsweisen im direkten Kontakt mit den Kindern (S. 245),
  2. Erzieherinnen verwenden „in der Regel Wissensaspekte bzw. mit direktem Bezug zur konkreten Handlung“ (S. 247).

Aber es gibt auch überraschende Erkenntnisse:

  • Es liegt keine einheitliche Vorstellung bei den Erzieherinnen vor, was eine gute Fachpraxis ausmacht (S. 245),
  • bei der Elaboriertheit des aktualisierten Wissens lassen sich keine bedeutsamen Differenzen zwischen den unterschiedlich ausgebildeten Erzieherinnen erkennen (S. 249).

Für die Weiterentwicklung der frühpädagogischen Ausbildungslandschaft empfiehlt der Autor in seinen Schlussfolgerungen (8. Kapitel) die Beschreibung guter Fachpraxis und die Entwicklung professioneller Standards. Er gibt Hinweise für eine bessere Verknüpfung von Theorie und Praxis und eine Verbesserung der Lernbedingungen in der Praxis.

Diskussion

Der Autor legt eine Expertise zum Spracherwerb und zu den Möglichkeiten der Sprachförderung durch Fachkräfte vor und liefert insofern einen weiteren Baustein für die entsprechende Diskussion.

Die Arbeit ist darüber hinaus eine theoretisch fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie frühpädagogisches Wissen erworben und in Handeln umgesetzt wird. Dabei hat sie allerdings einen gravierenden Mangel. Denn damit Wissen im pädagogischen Handeln fruchtbar werden kann, bedarf es einer pädagogischen Haltung, die auch Empathie beinhaltet. Die Frage ist dann, wie Lehre und Praxis diese pädagogische Haltung provozieren bzw. fördern können. Diese Aspekte blendet der Autor aus.

So gründlich die Gedanken zum Wissen und seiner Anwendung im Handeln ausgeführt werden, so wenig originell erscheinen sie an vielen Stellen. Dass „die Gestaltung des pädagogischen Geschehens in Tageseinrichtungen für Kinder nicht durch eine Gleichförmigkeit der beruflichen Tätigkeit gekennzeichnet ist, sondern vielmehr durch die Verschiedenheit möglicher Handlungsformen“ (S. 96) dürfte wohl eine eher triviale Feststellung sein.

Die ersten Kapitel geben jedoch einen guten Überblick zur Literatur für die einzelnen Themen. Die Einzelergebnisse der Experteninterviews (6. Kapitel) bieten reichhaltiges Anschauungsmaterial und können zum Beleg von Einstellungen frühpädagogischer Fachkräfte gut verwendet werden.

Die Diskursentwicklung in der Frühpädagogik zu Aus- und Weiterbildung wird allerdings unvollständig darstellt. So fehlt neben der Bezugnahme auf Arbeiten von Ursula Rabe-Kleberg die Erwähnung des Orientierungsrahmens der Robert Bosch Stiftung, der die geforderten „Anknüpfungspunkte für eine an den Erfordernissen des praktischen Handelns und an theoretischen und empirischen Erkenntnissen orientierte Curriculumentwicklung“ (S. 268) enthält.

Fazit

Ein Buch für WissenschaftlerInnen, die sich mit Ausbildungsfragen und mit sprachlicher Bildung in der Frühpädagogik befassen. Leider fehlen wichtige Aspekte.

Literatur

  • Rabe-Kleberg, Ursula (1996): Professionalität und Geschlechterverhältnis oder: Was ist „semi“ an den traditionellen Frauenberufen. In: Combe, Arno, Helsper, Werner (Hrsg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 276-302
  • Robert Bosch Stiftung (Hrsg., 2008): Frühpädagogik studieren – ein Orientierungsrahmen für Hochschulen, Stuttgart: Eigenverlag 2008.

Rezension von
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de

Es gibt 42 Rezensionen von Hilde von Balluseck.

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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 06.01.2014 zu: Stefan Faas: Berufliche Anforderungen und berufsbezogenes Wissen von Erzieherinnen. Theoretische und empirische Rekonstruktionen. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-03407-8. Reihe: Forschung und Entwicklung in der Erziehungswissenschaft. Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16017.php, Datum des Zugriffs 29.05.2024.


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