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Markus Dederich: Philosophie in der Heil- und Sonderpädagogik

Cover Markus Dederich: Philosophie in der Heil- und Sonderpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 282 Seiten. ISBN 978-3-17-023046-0. 34,90 EUR.

Reihe: Nachbarwissenschaften der Heil- und Sonderpädagogik - Band 2.
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Thema

Transdisziplinäre Professionen und Wissenschaften wie die Heil- und Sonderpädagogik müssen ihren Bezug zu ihren Nachbarwissenschaften systematisch klären, damit Anleihen aus diesen verantwortungsvoll erfolgen können. Markus Dederichs „Philosophie in der Heil- und Sonderpädagogik“ leistet genau dies, indem die philosophischen Bezüge der Heil- und Sonderpädagogik systematisch erarbeitet, aus der disziplinären Logik der Philosophie bearbeitet und mit dem aktuellen Diskurs in der Heil- und Sonderpädagogik verbunden werden. Darüber hinaus werden Erkenntnisse aus der Heil- und Sonderpädagogik fokussiert, welche blinde Flecke in der Philosophie darstellen. Damit ergibt sich eine gegenseitige Befruchtung von Philosophie und Heil- und Sonderpädagogik aus der Perspektive der Behinderungen.

Eine besondere Schwierigkeit für ein solches Unternehmen stellt der Umstand dar, dass philosophische Erkenntnisse selber problematisch sind, was in unterschiedlichen philosophischen Zugängen und manchmal unvereinbaren philosophischen Positionen zum Ausdruck kommt. Dies hat damit zu tun, dass Philosophie genau die Paradigmen problematisiert, von welchen andere Wissenschaften als dem akzeptierten Grund anheben. Dederich löst diese Schwierigkeit, indem er einerseits seine philosophischen Grundentscheidungen transparent macht und die relevanten philosophischen Ansätze für das jeweilige Thema berücksichtigt. Maßstab für die beigezogenen philosophischen Positionen ist deren Bedeutung im entsprechenden heil- und sonderpädagogischen Diskurs. Seinen präferierten phänomenologischen Zugang macht er für solche Fragen stark, wo dieser einen Erkenntnisgewinn verspricht.

Aufbau

Folgende philosophische Disziplinen werden als relevant für die Heil- und Sonderpädagogik erkannt:

  • Ontologie (in der Frage nach Gleichheit und Verschiedenheit im Blick auf das menschliche Individuum),
  • Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie,
  • Anthropologie,
  • Technikphilosophie,
  • Ethik und politische Philosophie.

Diese philosophischen Disziplinen werden konsequent aus einer heil- und sonderpädagogischen Perspektive abgeleitet. Sie strukturieren den Aufbau des Buches. Darüber hinaus einigt Dederich die behandelten philosophischen Thematiken durch den Angelpunkt der Inklusion und Partizipation von Menschen mit Behinderungen als normativer Orientierung, wie sie etwa in der UN-Behindertenrechtskonvention als globaler Konsens zum Ausdruck kommt.

Nach der Verständigung über die Philosophie als Wissenschaft und deren Bezüge zur Heil- und Sonderpädagogik in Kapitel 1 wird für die normative Orientierung an Inklusion und Partizipation die ontologische Konzeption von Gleichheit und Verschiedenheit als fundamental begründet und anhand des philosophischen Differenzdiskures bearbeitet (Kap. 2). Den Bogen zur Erkenntnistheorie schlägt Dederich über das Problem der begrifflichen Strukturierung von Erkenntnis und Wissen – dass wir nur das erkennen, wofür wir auch begriffliche Kategorien haben, wobei diese in Anschluss an Foucault auch durch politische und soziale Strukturen determiniert sind (Kap. 3). Danach wird die Frage nach dem Wissen grundsätzlich in den Blick genommen und durch die Erkenntnisposition der behinderten Person für die Philosophie fruchtbar gemacht (Kap. 4). In Kapitel 5 wird die erkenntnistheoretische Reflexion zur wissenschaftstheoretischen Reflexion der Heil- und Sonderpädagogik als Wissenschaft erweitert. Auf den ersten Blick ein Neuanfang erfolgt in Kapitel 6 mit der anthropologischen Frage nach den Menschenbildern in der Heil- und Sonderpädagogik. Dieser traditionelle philosophische Bezug der Heil- und Sonderpädagogik wird aber als wenig fruchtbar beurteilt und leitet zu den geeigneteren Zugängen zu den intendierten Problemstellungen über die Technikphilosophie (Kap. 7) und Ethik (Kap. 8-10) über. Ethische Aspekte der Heil- und Sonderpädagogik werden zunächst in der Frage des Status von Menschen mit Behinderungen als moralische Subjekte bearbeitet (Kap. 8). Danach wird die zentrale Frage nach den aus der eingeschränkten Selbstbestimmungsfähigkeit von Menschen mit kognitiven Behinderungen erwachsenden Pflichten für die Mitmenschen und die Gesellschaft über das Konzept der Stellvertretung diskutiert (Kap. 9). Ein erweiterter Ansatz aus der Perspektive von Mitmenschen und Gesellschaft wird durch das sozialphilosophische Konzept der Anerkennung gewonnen (Kap. 10). Schließlich wird in Kapitel 11 die Frage der sozialen Gerechtigkeit im Blick auf Menschen mit Behinderung als Frage der politischen Philosophie diskutiert. Damit schließt sich der Kreis zum normativen Ausganspunkt von Inklusion und Partizipation.

Inhalt

Für die Heil- und Sonderpädagogik grundlagentheoretisch zentral ist das vorausgesetzte Verständnis von Gleichheit und Verschiedenheit. Dederich zeigt auf, dass in der philosophischen Tradition Verschiedenheit als relativ zu Eigenschaften als unterscheidenden Merkmalen gedacht wird und damit den Bezug zur Gleichheit impliziert. Was so nicht gedacht werden könne, argumentiert er im Anschluss an Levinas, sei radikale Verschiedenheit und damit eigentliche Individualität. Eine Konzeption von Verschiedenheit im Rahmen der traditionellen Auffassung von Differenz als Merkmalsdifferenz werde dieser radikalen Differenz und damit der anthropologischen Tatsache, dass wir alle Individuen und damit radikal verschieden sind, nicht gerecht. Praktische Konsequenzen für die Heil- und Sonderpädagogik werden benannt und im abschließenden Kapitel in der Frage der sozialen Gerechtigkeit vertieft. Dederich argumentiert, dass der philosophische Gerechtigkeitsdiskurs genau diese radikale Verschiedenheit nicht erfassen könne, und plädiert deshalb für die gelebte Verantwortung für den und die anderen in ihrer Andersheit, um diesen blinden Fleck der klassischen Moral- und Gerechtigkeitskonzeptionen zu überwinden. Das Streben nach Gerechtigkeit müsse deshalb im Anschluss an Rorty als Kulturpolitik verstanden werden, welche die moralische Reflexion der sozialen Gerechtigkeit mit ihrer Orientierung an Prinzipien um die Berücksichtigung des Überschusses des historisch, kulturell und individuell Partikularen zu überschreiten vermöge.

Die Perspektive von Menschen mit Behinderungen vermag ebenfalls die traditionellen erkenntnistheoretischen Fragen in ein neues Licht zu rücken, indem die Abweichung von der Normalerfahrung als Möglichkeit des Weltbezugs in den Blick kommt. Denn die Tatsache des Weltbezugs und von Formen von Erkenntnis von Menschen mit kognitiven Behinderungen kann nicht geleugnet werden. Dederich nimmt diese perspektivische Erweiterung zum Anlass, das in der Erkenntnistheorie dominierende objektivierende Erkenntnisideal der dritten Person um die Erkenntnisperspektiven der zweiten und der ersten Person zu erweitern. Damit lassen sich die Erfahrung des menschlichen Gegenübers sowie die egozentrische Konstitution zumindest von individueller Erfahrung als respektable Gegenstände der Erkenntnistheorie begründen und der ethische und partiell konstruktive Anteil an Erkenntnis im Rahmen auch eines naturalistischen Weltbildes ausweisen, ohne dem in der Heil- und Sonderpädagogik oder überhaupt in den Sozial- und Praxiswissenschaften populären aber auch problematischen Konstruktivismus folgen zu müssen.

In der wissenschaftstheoretischen Reflexion nimmt sich Dederich der Folgerungen an, welche sich aus den Erschütterungen in der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts für die Heil- und Sonderpädagogik ableiten lassen. Diese Erschütterungen betreffen insbesondere die Kritik am Objektivitäts- und Rationalitätsideal, die Wahrnehmung der Wertedimension sowie die Erkenntnis der sozialen Konstitution von Wissenschaft. Dies führt aber für Dederich anstelle von Skepsis oder Beliebigkeit zur Forderung, sich verstärkt reflektiert um systematische, rational begründete und nachvollziehbare wissenschaftliche Erkenntnisse zu bemühen unter Berücksichtigung der methodischen und doktrinären Vielfalt in den Wissenschaften mit der Orientierung an der intersubjektiven Übereinstimmung.

Die Technikphilosophie, welche stark durch anthropologische Konzepte geprägt ist, bietet naheliegende Anknüpfungspunkte für die Heil- und Sonderpädagogik. Ein prägendes anthropologisches Konzept in der Technikphilosophie ist das des Menschen als Mängelwesen, welches diese Mängel technisch kompensiert. Als allgemeine Bestimmung des Menschen relativiert es den Unterschied zu Menschen mit Behinderungen und ermöglicht es, technische Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen in Einheit mit den technischen Möglichkeiten, Bedürfnissen und Gefahren für den Menschen im Allgemeinen zu verstehen. Insbesondere gewinnt die These von Behinderung als soziale oder kulturelle Konstruktion in dieser Perspektive an Plausibilität.

Ethik für die Heil- und Sonderpädagogik wird über die Grundfragestellung von deren Legitimation erschlossen. Als Legitimationsfragen stellen sich die nach den Rechten von Behinderten auf der einen Seite und die nach den Pflichten des einzelnen Menschen und der Gesellschaft und des Staates gegenüber behinderten Menschen auf der anderen Seite. Letztere Frage führt dann mit dem Problem der Gerechtigkeit in die politische Philosophie. Auf Seiten der Rechte von behinderten Menschen ist mit dem grundlegenden Recht auf Leben das vielleicht heikelste ethische Problem der Heil- und Sonderpädagogik verbunden. Dederich geht diese Frage über die Analyse und Diskussion der Begriffe von Lebenswert, Lebensqualität, Reziprozität, Menschenwürde und des Personenbegriffs an. Hier macht er nochmals die Figur der radikalen Differenz von Levinas stark, welche die Begegnung mit dem anderen als fundamentales Ereignis behauptet, das einen moralischen Anspruch des anderen impliziere. Damit umgeht er kriterielle Bestimmungen des moralischen Status und die damit implizierte Möglichkeit, dass es menschliche Wesen gibt, welche diese Kriterien nicht erfüllen.

Das zweite zentrale ethische Problem in der Heil- und Sonderpädagogik ist das der Legitimation von Handlungen ohne oder gegen die Zustimmung der betroffenen behinderten Person. Als Pflicht des Schutzes und der Fürsorge legitimiert bergen solche Handlungen immer auch die Gefahr, das Interesse der Person oder die Fähigkeit zur Selbstbestimmung zu verkennen. Dederich arbeitet einen Lösungsvorschlag über den Begriff der Stellvertretung aus. Gleichzeitig problematisiert er aber auch den vorausgesetzten Begriff des Subjekts als selbstbestimmtem Wesen. Schließlich macht er das Konzept der Anerkennung, welches in den letzten Jahren als sozialethisches Modell vor allem von Axel Honneth entwickelt wurde, für die die Heil- und Sonderpädagogik stark, da behinderte Menschen in besonderem Masse mit Formen der fehlenden oder mangelnden Anerkennung konfrontiert sind.

Fazit

Das Werk bietet aus der Perspektive der Heil- und Sonderpädagogik die fundierte philosophische Reflexion von deren zentralen philosophischen Aspekten, Fragestellungen und Problemen. Der Gegenstand der Heil- und Sonderpädagogik wird dabei systematisch erschlossen. Darüber hinaus enthält das Werk eigenständige Lösungsansätze und ermöglicht es dem Leserin und dem Leser, den aktuellen Diskurs zu den behandelten Aspekten, Fragestellungen und Problemen zu erarbeiten. Für den Philosophen und die Philosophin erweist das Werk kritisches Potential, indem es aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen auf mögliche Engführungen in grundlegenden philosophischen Konzepten und Theorien hinweist. Damit zeigt sich schön, dass Transdisziplinarität nicht einfach in der passiven Übernahme von Wissen und Expertisen aus anderen Wissenschaften besteht, sondern das wissenschaftlich systematische Einlassen auf den Gegenstand in seiner Komplexität bedingt, wo der Gegenstand die erforderliche Expertise bestimmt und sie als Wissenschaft integriert und damit auch ein Stück weit verändert. Der Heil- und Sonderpädagoge muss ein Stück weit Philosophin sein, der Philosoph sollte ein Stück weit Heil- und Sonderpädagogin sein. Dederichs „Philosophie in der Heil- und Sonderpädagogik“ ermöglicht dies für beide Seiten.


Rezensent
Prof. Dr. André Zdunek
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Zitiervorschlag
André Zdunek. Rezension vom 11.04.2014 zu: Markus Dederich: Philosophie in der Heil- und Sonderpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-023046-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16030.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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