Jörg Maywald: Sexualpädagogik in der Kita
Rezensiert von Prof.´in Dr. Anja Henningsen, 09.09.2014
Jörg Maywald: Sexualpädagogik in der Kita. Kinder schützen, stärken, begleiten.
Verlag Herder GmbH
(Freiburg, Basel, Wien) 2013.
143 Seiten.
ISBN 978-3-451-32642-4.
D: 19,95 EUR,
A: 20,60 EUR.
Reihe: Fachwissen Kita.
Thema
Sexualpädagogik bedeutet für viele pädagogische Fachkräfte unbekanntes Terrain. Das distanzierte und kritische Beäugen mag an der Brisanz liegen, die dem „Sexuellen“ per se zugesprochen wird – insbesondere in der Arbeit mit Kindern. Diese Tabuisierungstendenz von Sexualität wird ergänzt durch eine weitere Dimension – nämlich die Gewalt. Pädagogische Fachkräfte wurden durch die Debatte um sexualisierte Übergriffen an und durch Kinder/Jugendliche vielfach mit ihren Unsicherheiten konfrontiert aber ebenso dringlich zur pädagogischen Bearbeitung aufgefordert. In dieses Themenspektrum pflanzt Jörg Maywald seine Publikation „Sexualpädagogik in der Kita. Kinder schützen, stärken, begleiten“. Es handelt sich dabei um ein Fachbuch aus der Reihe Fachwissen Kita des Herder Verlags. In diesem Verständnis richtet sich das Buch primär an pädagogische Fachkräfte im elementarpädagogischen Bereich, daneben ist es durchaus für Eltern und interessierte Laien zugänglich gestaltet.
Autor
Der Autor Dr. Jörg Maywald ist sowohl Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind als auch Professor an der FH Potsdam mit dem Schwerpunkt internationale Kinderrechte. Zudem amtiert er als Sprecher der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland. In die Debatten um Kinderschutz und Schutz vor sexualisierter Gewalt bringt er seine langjährigen Erfahrungen in der Kinder- und Jugendhilfe ein.
Aufbau
In sieben Kapiteln wird der Bogen von den grundsätzlichen Fundamenten der Sexualpädagogik über ihren vielseitig präventiven Charakter bis hin zur konkreten Bearbeitung von sexualisierten Übergriffen durch ein Krisenmanagement gespannt.
Die Relevanz sexualpädagogischer Arbeit in Kindertagesstätten erläutern die ersten beiden Kapitel. Hier wird die Sexualität von Kindern als zentrale Quelle der Identitätsbildung herausgestellt und die Förderung der psychosexuellen Entwicklung von Kindern durch rechtliche Rahmenbedingungen der UN-Kinderechtskonventionen als auch deutsche Gesetzeslage befürwortet. Die daraus abzuleitenden Standards zur Sexuellen Bildung, Gender Mainstreaming und Schutz vor sexualisierter Gewalt werden auf der Ebene des fachlichen Status Quo abgebildet, bevor dann die Konkretion in der alltäglichen elementarpädagogischen Arbeit erfolgt. Grenzgänge zwischen Doktorspielen und sexuellen Übergriffen sind ebenso praxisorientiert erläutert, wie Ansätze zur Entwicklung eines Schutzkonzepts sowie Diagnostik und Intervention im Falle eines tatsächlichen Übergriffs. Das Buch endet mit einigen relevanten Verweisen auf Kontaktadressen, die auf Sexualität sowie sexualisierte Gewalt spezialisiert sind.
Ansprechend sind die vielen Kurzzusammenfassungen, die eine Lesefreundlichkeit stark erhöhen und das schnelle Nachschlagen ermöglichen. Zudem ist das Werk sprachlich an die Zielgruppe angepasst, sodass es dem Anspruch der leichten Zugänglichkeit und der Nutzbarkeit für den Praxisalltag gerecht wird.
Inhalt
Im Sinne einer weiten Definition von Sexualität als umfassende „Lebensenergie“ erstreckt sich diese über „[k]örperliche, seelische, geistige und soziale Prozesse“ und beeinflusst damit maßgeblich die „Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und sexuelle Orientierung“ (S. 7). Hier wird an die Position der emanzipatorischen Sexualpädagogik angeschlossen und damit die Dringlichkeit einer geschlechtersensiblen und sexualpädagogischen Arbeit in der Kita verdeutlich. Die Schilderung der psychosexuellen Entwicklung des Kindes, den Dimensionen des Geschlechts sowie die Entwicklung einer Geschlechtsidentität und -rolle runden die sexualwissenschaftliche und -pädagogische Einleitung ab.
Systematisch schildert Maywald in seinem zweiten Kapitel die Bandbreite von der übergeordneten UN-Kinderechtskonvention bis zum Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung. Dabei fällt erneut die Diskrepanz auf, die sexualpädagogische Bemühungen in der Praxis oftmals hindert. Kinder werden laut UN-Kinderrechtskonventionen als Träger von Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechten gesehen, bei Sichtung der gesetzlichen Lage aber vornehmlich nur als Schutzträger definiert: Schutz der Kinder vor Gewalt in der Erziehung (Bürgerliches Gesetzbuch) sowie sexuellem Missbrauch (Strafgesetzbuch). Auf diese Schräglage macht Maywald nicht aufmerksam, sondern konzentriert sich lediglich auf die Wiedergabe der gesetzlichen Lage. Die seit 2012 durch das Bundeskinderschutzgesetz festgeschriebene Intention holistische Prävention zu betreiben, erhält bedauerlicher Weise nur wenig Aufmerksamkeit dafür findet eine umfassendere Bearbeitung des § 8a SGB VIII zum „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“ statt.
Die pädagogisch fachlichen Konsequenzen werden im dritten Kapitel auf Basis der bisher zusammengetragenen Aspekte ausdifferenziert. Maywalds Plädoyer lautet auf eine ganzheitliche Sexualpädagogik in Kitas. „Sexuelle Bildung und Schutz vor sexualisierter Gewalt als zwei zusammengehörende Seiten einer Medaille anzusehen bedeutet, beide Aspekte einem gemeinsamen Ziel zuzuordnen: Die Stärkung der sexuellen Identität und der sexuellen Selbstbestimmung jedes Kindes“ (S. 54). Um diese Ziel zu verfolgen bedarf es Sexueller Bildung sowie Schutz vor sexualisierter Gewalt. Maywald betont bei der Sexuellen Bildung weniger als Sielert (2008), auf den er sich allerdings bezieht, die „lernförderlichen Impulse“ und mehr die „Selbstformung“ der Kinder (S.52). Dabei geht es um die Gralsfrage: eher tun lassen oder aktives Fördern. Damit nuanciert Maywald den Begriff neu, folgt allerdings der großen Linie der fördernden sexualpädagogischen Unterstützung von Kindern in ihrem sexuellen Findungs- und Erlebensprozess. Sexualpädagogik impliziert zudem Anteile einer geschlechterbewussten oder auch geschlechtergerechten Pädagogik. Das Leitprinzip der Geschlechtergerechtigkeit wird in mehreren Passagen ausgeführt und knüpft erfreulicher Weise die aktuellen Debatten um sexuelle und geschlechtliche Vielfalt an. Offen bleibt hier ein direkter Bezug zur Prävention von sexualisierter Gewalt, der durchaus herzustellen ist. Die Konkretion der Standards durch die BZgA (2011) und die Analyse der Bildungsrahmenpläne bieten einen gelungenen Anknüpfungspunkt für die Überprüfung der pädagogischen Arbeit in Kitas.
Das vierte Kapitel hält einen reichhaltigen Fundus an Reflexionsmöglichkeiten zur individuellen sexualitätsbezogenen Haltung, zur Kommunikation im Team und dem professionellen Umgang mit Eltern vor. Hierin liegt eine große Stärke des Fachbuchs. Das „Konzept abgestufter Zonen von Intimität“ (S. 76) bietet eine hilfreiche Diskussionsschablone für Erzieherinnen und Erzieher auf den Weg zu einer „körperfreundlichen Kita“ (S. 76). Auf die in der pädagogischen Praxis immer wiederkehrenden Fragen nach dem Umgang mit sich selbstbefriedigenden Kindern und dem Sprechen über Sexuelles wird ebenso grundlegend eingegangen. Die Ziele und Maßnahmen zur Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit und die Schritte zu einem sexualpädagogischen Konzept stellen sich als nützliche konkrete Empfehlungen dar.
Der kurzen Einleitung in Kapitel fünf zur Lernförderlichkeit von Doktorspielen folgen Beispiele für sexuelle Übergriffe unter Kindern sowie die notwendigen Konsequenzen aufseiten der Fachkräfte. Die herangezogenen Fallbeispiele dienen ausschließlich der Diagnostik übergriffiger Situationen. Maywald weist in diesem Kontext mehrfach auf die Aufsichtspflicht, jedoch weniger auf das Recht der Kinder auf Intims- und Privatsphäre hin. Eine kleine Ergänzung zu diesem Handlungsdilemma in der Kita-Praxis wäre wahrscheinlich hilfreich für Fachkräfte gewesen. Statt dessen erhalten die Lesenenden viele Anregungen zum Vorgehen bei betroffenen Kindern und ihren Eltern.
Ein sexualfreundliches Konzept benötigt eine Kontextualisierung durch eine förderliche Gesamtkonzeption, so die Aussage des sechsten Kapitels. Dieses bildet sich vor allem an der „(1) Stärkung der Kinder und Förderung ihrer Persönlichkeitsbildung, (2) Entwicklung eines Schutzkonzepts gegen sexualisierte Gewalt sowie (3) Verankerung des Kinderrechtsansatzes in Leitbildung und Konzeption der Kita“ aus (S. 113). Die synergetische Verzahnung mit grundsätzlichen Positionen zu Prävention und Kinderschutz wird vollzogen sowie inhaltlich konkretisiert.
Eine abschließende Fundierung erfährt das Buch im siebten und letzten Kapitel. Neben der Zusammenfassung des statistischen Vorkommens von sexueller Gewalt an und durch Kinder werden auch traumatisierende Folgen erläutert. Des Weiteren wird ein ausführlicheres Krisenmanagement – auch in noch bestehenden Gefährdungssituationen konstruiert. Um professionelle Arbeit zu gewährleisten braucht es eine Vernetzung mit spezialisierten Einrichtungen sowie einer Vorgehensweise, um Übergriffe auch durch kitaeigenes Personal zu verhindern.
Diskussion
Die Verhinderung von sexualisierter Gewalt darf erstens nicht zu einer Vereinseitigung der pädagogischen Bemühungen führen – in etwa durch Vermeidungsstrategien gegenüber allem Sexuellen, der Ausblendung aller gefährdenden Momente oder deren Überbetonung. Zweitens ist Sexualpädagogik wesentlich mehr als die Prävention sexualisierter Gewalt und sollte nicht unten Instrumentalisierungsdruck geraten. Aus eben diesen Gründen stellt Maywald sein Werk auf breite Säulen. Er integriert die aktuellen Debatten geschickt und führt die roten Fäden von Prävention und Intervention in den Hauptlinien der Sexualpädagogik, ihren geschlechtergerechten Anteilen sowie des Kinderschutzes zusammen. Die Grundpositionen werden fundiert dargelegt und nachvollziehbar erläutert.
Gleichzeitig ist das Ziel, den „zwei Seiten der Medaille“ oder auch dem Spagat zwischen Prävention oder Förderung und Intervention gerecht zu werden, ein ehrgeiziges Ziel. Eine ausgewogene Balance gelingt überwiegend. Die sexualitätsbezogene Interaktion von Kindern in Form von Doktorspielen erfährt allerdings eher eine kritische Betrachtung. Die Fallbeispiele werden herangezogen, wenn es gibt regulierend zu wirken. Ergänzend wären Situationen für einen förderlichen, ermutigenden Umgang im Falle von Fragen der Kinder zu Liebe, Freundschaft oder Schwangerschaft/Geburt hilfreich, denn auch dies mag Fachkräfte mit Schwierigkeiten konfrontieren.
Die Abgrenzung von förderlichen und destruktiven Elementen im sexualitätsbezogenen Verhalten von Kindern stellt häufig eine Herausforderung für Erzieherinnen und Erzieher dar. Die Grenzen zwischen Zustimmung und Ablehnung, zwischen neugierigem Spiel und machtvollem Durchsetzen eigener Interessen verlaufen also fließend und nicht immer eindeutig oder klar erkennbar. Diese Erkenntnis fordert eine hohe Sensibilität und Handlungssicherheit aufseiten der Professionellen. Das Buch liefert Anregungen sich diesen potentiellen Unsicherheiten zu nähern und ermutigt einen aktiven Umgang zu üben.
Fazit
Das Buch liefert wichtige Impulse und damit neue Perspektiven für die konkrete Einbindung sexualpädagogischer Praxis in die Kita. Für die anvisierte Zielgruppe bildet es einen wertvollen Überblick über den aktuellen Staus Quo sowie komprimiertes Fachwissen zu weiteren pädagogischen Fachkontexten. „Sexualpädagogik in der Kita. Kinder schützen, stärken begleiten“ ist daher ein empfehlenswertes Werk für Erzieherinnen und Erzieher.
Rezension von
Prof.´in Dr. Anja Henningsen
Juniorprofessorin für Sexualpädagogik mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention, Institut für Pädagogik, Abteilung Sozialpädagogik, Christian-Albrechts-Universität Kiel
Website
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