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Thomas Harmsen: Professionelle Identität im Bachelorstudium Soziale Arbeit

Cover Thomas Harmsen: Professionelle Identität im Bachelorstudium Soziale Arbeit. Konstruktionsprinzipien, Aneignungsformen und hochschuldidaktische Herausforderungen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2013. 140 Seiten. ISBN 978-3-658-03421-4. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: Edition Professions- und Professionalisierungsforschung - 4.
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Thema

Durch die Bologna-Reform hat sich das Studium Sozialer Arbeit inhaltlich und formal grundlegend verändert. Die Rolle des Bachelorstudiums für die Ausbildung einer professionellen Identität ist noch weitgehend ungeklärt. Die dem Buch zugrunde liegende Studie untersucht, inwieweit das Bachelorstudium Studierenden die Aneignung professioneller Identität ermöglichen kann und benennt auf Basis der Ergebnisse Herausforderungen für die zukünftige Ausgestaltung des Studiums Sozialer Arbeit mit Blick auf Lehre und Lehrende.

Autor

Dr. phil Thomas Harmsen ist Professor für Sozialarbeitswissenschaft an der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel. Seine Schwerpunkte sind u.a. Sozialarbeitswissenschaft, Theorien der Sozialen Arbeit und Professionsforschung.

Entstehungshintergrund

Die Basis des vorliegenden Buches bildet eine Studie, die Erfahrungen und Materialien von Studierenden im sechsten Semester des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit an der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel untersucht. Sechs Kohorten des Bachelorstudiums Soziale Arbeit wurden vom Autor mithilfe der qualitativen Forschungsmethodik der Grounded Theory im Hinblick auf professionelle Identitätsentwicklung während des Studiums beforscht.

Aufbau

Das Buch ist in sieben eigenständige Kapitel gegliedert, die professionstheoretische, forschungsmethodische und empirische Inhalte umfassen.

  1. Kapitel: Ausgangsfragestellung
  2. Kapitel: Bachelorstudium und Professionalität
  3. Kapitel: Professionelle Identität in der Sozialen Arbeit
  4. Kapitel: Terminologische Präzisierungen: Identität, Aneignung, Reflexivität
  5. Kapitel: Die Anlage der Studie
  6. Kapitel: Die Ergebnisse der Studie
  7. Kapitel: Professionstheoretische Einordnung der Ergebnisse

Inhalt

In Kapitel 1 wird die Ausgangsfragestellung benannt und präzisiert. Der Autor benennt als zentrales Zukunftsthema die Frage, wie das Studium Sozialer Arbeit modular, wie inhaltlich aufgebaut werden sollte/müsste, um Studierenden (professionelle) Identitäts- und Selbstbildungsprozesse zu ermöglichen. Professionelle Identität wird in Bezug gesetzt zu der geforderten Kompetenzorientierung des Bachelorstudiums einerseits, aber auch zu Aspekten der Berufs- undHandlungsfähigkeit mit Blick auf die Praxis Sozialer Arbeit. Dabei wird unterstellt, dass Hochschulen den Auftrag haben, einen Beitrag zur Aneignung von Professionalität zu leisten.

Kapitel 2 Bachelorstudium und Professionalität analysiert die Relevanz der Fragestellung anhand einer Untersuchung bzw. eines Vergleichs aktueller, wie zurückliegender Publikationen zum Thema Hochschulen und Professionalität (u.a. Becker-Lenz et al. 2012; Riegler et al. 2009; Schweppe 2004; Ebert 2012, Busse und Ehlert 2012). Es wird festgestellt, dass die Notwendigkeit, sich mit Fragen der professionellen Identität zu befassen von unterschiedlichen Seiten erkannt und aufgegriffen wird (z.B. Fachbereichstag Soziale Arbeit, Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit oder Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit). Zugleich weist Harmsen daraufhin, dass für Aneignungs- und Konstruktionsprozesse professioneller Identität in Bachelorstudiengängen bisher nur wenige aussagekräftige Studien vorliegen, was auf weiteren Forschungsbedarf verweist.

Kapitel 3 wiederum analysiert einschlägige Publikationen mit Blick auf professionelle Identität (in) der Sozialen Arbeit. Der Autor stellt eine zunehmende Bedeutung des Themas fest. Zugleich stellt Harmsen aber auch fest, dass es eine „allgemein zu beachtende Verunsicherung innerhalb der Profession (gibt), wenn es darum geht, sich der eigenen professionellen Identität jenseits eines pragmatisch-arbeitsfeldbezogenen Berufsverständnisses zu vergewissern.“ (Harmsen 2014: 14) Er benennt vier übergeordnete Konstruktionsprinzipien professioneller Identität: Subjektivität, Handlungsorientierung, Reflexivität und Flexibilität.

Im 4. Kapitel präzisiert Harmsen die Termini Identität, Aneignung und Reflexivität, da er unterschiedliche Zugänge zu den Begriffen, wie auch eine zum Teil unklare/unscharfe Verwendung der Begriffe konstatiert. Er greift hierbei auf die einschlägigen Publikationen/Klassiker zurück, analysiert und vergleicht diese.

In Kapitel 5 werden der Forschungsgegenstand und das Forschungsanliegen der Einzelfallstudie beschrieben. Zudem wird der Forschungsansatz der Grounded Theory überblicksartig vorgestellt , sowie der Forschungsstil dargestellt. Abschließend erläutert Harmsen die Durchführung der Studie.

Kapitel 6 stellt die Ergebnisse der Studie vor. Diese werden in verschiedenen Untergruppen zusammengefasst:

  • Annäherungen an Professionalität: Orientierung und persönliche Passung, berufliche Vorerfahrungen, Abgrenzungen und Unterscheidungen
  • Sinnlich erfahrbare Praxis: Eigene Praxiserfahrungen, Praxisformen, Praxisbezug in Lehrveranstaltungen, Qualität von Praxis
  • Kognitive Identität: Bedeutung von Theorie, Theorie-Praxis-Verknüpfung
  • Subjektive Aneignungsformen professioneller Identität: Reflexivität, Identitätsstrategien, Nichtidentität

Dieses Kapitel ist das umfangreichste des Buches. Harmsen geht differenziert und ausführlich auf die Ergebnisse der Interviews und Gruppendiskussionen ein und ordnet sie entsprechend der oben dargestellten Systematik. Am Ende jeder Untergruppe findet sich nochmals komprimiert eine Zusammenfassung der Inhalte.

Kapitel 7 nimmt eine professionstheoretische Einordnung der Ergebnisse vor. Harmsen entwickelt auf Basis der Ergebnisse sodann Herausforderungen und Perspektiven für das Bachelorstudium Sozialer Arbeit:

  • Professionelle Identität als ausgewiesener Lernort im Bachelorstudium Sozialer Arbeit
  • Explizite Professionsorientierung der Studieneingangsphase
  • Sinnlich erfahrbarer Praxisbezug der Lehrveranstaltungen
  • Verstetigung eigener Praxiserfahrungen der Lehrenden
  • Stärkere Hervorhebung der Bedeutung der kognitiven Identität
  • Reflexivität als zentrales Konstruktionsprinzip
  • Auseinandersetzung mit guter/schlechter Fachpraxis
  • Öffnung der Praxisstellen für professionelle und disziplinäre Diskurse
  • Empirische Rekonstruktion des Verhältnisses Aneignung-Konstruktion (Metatheorie)

Diskussion

Der Aufbau, wie die inhaltliche Darstellung des Buches sind gelungen. Die Kürze des Buches führt nicht zu thematischen Leerstellen. Vielmehr erhält der Leser einen zugleich knappen, aber deswegen nicht weniger differenzierten Einblick in die Thematik der professionellen Identität. Die Kapitel zu Beginn des Buches geben hier gleichzeitig einen Überblick, der durch die Literaturhinweise am Ende der Kapitel vom Leser vertieft und erweitert werden kann. Die theoretischen Kapitel über die verschiedenen Aspekte professioneller Identität (in) der Sozialen Arbeit, sowie die Begriffsklärungen und -präzisierungen führen zielgerichtet und zielgerecht zur Darstellung der durchgeführten Untersuchung und deren Ergebnisse. Die Kapitel über die durchgeführte Studie nehmen vom Umfang den größten Raum ein und stellen zentral den „Praxisbezug“ (die untersuchten Studierendenkohorten) im Ab- und Vergleich mit den theoretischen Ausführungen her. Durch den Einbezug vieler Beispiele aus den durchgeführten Interviews und Gruppendiskussionen gelingt dies besonders anschaulich und nachvollziehbar. Die am Ende stehende professionstheoretische Einordnung der Ergebnisse schließen das Buch mit deutlichen (Heraus-)Forderungen nach einer Neujustierung und Überarbeitung traditioneller Formen der Wissensvermittlung (auch im Hinblick auf Aneignungs- und Konstruktionsprozesse professioneller Identität) im Studium Sozialer Arbeit ab. Diese Ergebnisse selbst eignen sich für eine weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik, einzelne (Teil-)Ergebnisse sind anschlussfähig für eine eigenständige Vertiefung und intensivere Beschäftigung, um von diesem wichtigen Beitrag (als Einzelstudie) auch weitergehende Ableitungen für die Profession, wie Disziplin Sozialer Arbeit zu entwickeln.

Fazit

Thomas Harmsen gelingt es mit seinem „nur“ 132 Seiten umfassenden Buch, knapp, aber konzis und präzise wesentliche Aspekte des Themenfeldes „Professionelle Identität“ darzulegen, sowie Theorie mit Empirie zu verbinden. Das Buch ist durch seinen Aufbau, wie Inhalt für unterschiedliche Zielgruppen geeignet. Studierende der Sozialen Arbeit haben die Möglichkeit, einen ersten Einblick in die Thematik mit der Option der vertieften Auseinandersetzung über enthaltene umfangreiche Literaturhinweise zu erhalten. Aber auch Praktikern/Fachkräften der Sozialen Arbeit ermöglicht das Buch, sich für das heutige Studium Sozialer Arbeit zu sensibilisieren und mitunter Erkenntnisse reflexiv auch in Anleitungsprozesse mit Praktikanten einzubeziehen. Lehrende können die Ergebnisse der Studie für eine kritische Auseinandersetzung mit der inhaltlichen, wie modularen Ausgestaltung des Studiums an der je eigenen Hochschule heranziehen und ggf. eigene (hochschuldidaktische) Veränderungsprozesse initiieren, die Studierenden gelingende Konstruktions- und Aneignungsformen professioneller Identität zugänglich macht.


Rezensent
Dipl.-Soz.Päd. Michael Domes
Dozent (u.a. SRH Fachschule für Sozialwesen, SRH Hochschule Heidelberg)
Homepage www.michaeldomes.de
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Zitiervorschlag
Michael Domes. Rezension vom 06.12.2013 zu: Thomas Harmsen: Professionelle Identität im Bachelorstudium Soziale Arbeit. Konstruktionsprinzipien, Aneignungsformen und hochschuldidaktische Herausforderungen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-03421-4. Reihe: Edition Professions- und Professionalisierungsforschung - 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16035.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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