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Reiner Bröckermann: Führungskompetenz

Cover Reiner Bröckermann: Führungskompetenz. Versiert kommunizieren und motivieren, Ziele vereinbaren und planen, fordern und fördern, kooperieren und beurteilen. Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH (Stuttgart) 2011. 178 Seiten. ISBN 978-3-7910-2773-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Autor

Der Autor, Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre und Personalwirtschaft an der Hochschule Niederrhein am Standort Mönchengladbach, ist vor allem bekannt durch zahlreiche Publikationen, darunter sein Lehrwerk „Personalwirtschaft“, das in mehreren Auflagen inzwischen zu einem renommierten Standardlehrbuch geworden ist. Bröckermann arbeitet neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit auch als Berater, Coach und Trainer.

Thema und Zielsetzung

Das Buch ist für aktive und für zukünftige Führungskräfte gleichermaßen gedacht. Es beansprucht einen spezifischen Praxisbezug: Der Autor will – in Abgrenzung zu rein wissenschaftlichen Werken – viele praktikable Ansätze bieten, andererseits – hier in Abgrenzung zur Praktikerabhandlungen namhafter Führungskräfte auf Ratgeberniveau – den jeweiligen theoretischen Hintergrund erhellen. Theorie und Praxis sollen so zusammengeführt werden.

Aufbau und Inhalt

Die 178-seitige Monographie gliedert sich in acht Hauptkapitel.

Im ersten – „Kompetent führen“ überschrieben – werden sieben Führungsaufgaben genannt, die dann das Gerüst der folgenden Kapitel bilden. Für jede Führungsaufgabe werden neun Kompetenzen aufgelistet, somit 63 Einzelnennungen, die ähnlich der 64 Basiskompetenzen von Heyse und Erpenbeck die Spannbreite der Aufgaben der Personalführung verdeutlichen. Leitmotivisch wird ein fünfzackiger Stern verwendet, in dessen Mitte „Kommunizieren und motivieren“ steht. Die fünf Zacken bilden die weiteren Kapitelüberschriften: Ziele vereinbaren, Planen, Fordern und fördern, Kooperieren sowie Beurteilen. Ein Literaturverzeichnis mit rund 250 Quellen und ein Stichwortverzeichnis runden das Buch ab.

Kommunizieren“ (Kap. 2) umfasst 20 Seiten und stellt eine Mischung aus allgemeinen Überlegungen, etwa zur Informationsübermittlung, und sehr konkreten Handlungsanweisungen, etwa zum Austrittsinterview, dar. Körpersprachliche Kommunikation, das Kommunikationsquadrat, das TZI-Dreieck und die Transaktionsanalyse werden kurz angerissen.

Motivieren“ (Kap. 3 mit 22 Seiten) stellt hauptsächlich Inhaltsmodelle der Motivationstheorie (Anreiz-Beitrags-Theorie, 2-Faktoren-Theorie, Bedürfnispyramide und Equitytheorie) dar, diskutiert Entgeltgerechtigkeit und den Umgang mit Fehlzeiten.

Ziele vereinbaren“ (Kap. 4 mit 16 Seiten) nennt ökonomische, soziale und arbeitsmarktpolitische Ziele, bevor die individuelle Zielentwicklung anhand verschiedener Methoden beschrieben wird. Management by Objectives und die Valenz-Instrumentalitäts-Erwartungs-Theorie runden das Kapitel ab. Wieder wird jeder Ansatz auf knappe Aussagen reduziert, mit Beispielen versehen und in Spiegelstrichmanier aufgelistet.

Kap. 5 („Planen“) thematisiert auf 15 Seiten Grundüberlegungen der Personalplanung, die Personalbestanderfassung und Bedarfsanalyse, den Abgleich von Stellenbeschreibung, Anforderungs- und Eignungsprofilen bis hin zum Arbeitszeitmanagement. Deutlich wird gerade in diesem Kapitel, dass Führungskompetenz von Bröckermann vor allem im Sinne einer Vorgesetztenkompetenz mit Personalverantwortung verstanden wird.

Fordern und fördern“ ist als Motto seit der Harz VI-Reform eigentlich ein politisch belasteter Topos. Bröckermann kümmert sich um diese Konnotation nicht, wenn er in Kap. 6 (mit 24 Seiten) primär Fragen des Personaleinsatzes thematisiert. Arbeit (Aufgaben, Befugnisse, Verantwortlichkeiten) gilt es zuzuteilen, Weisungen zu geben, mit Widerständen umzugehen und zu delegieren. Unter der Überschrift „Mitarbeiter unterstützen“ werden sodann Personalentwicklungsfragen diskutiert, bzw. oft nur aufgelistet. Wie in den anderen Kapiteln steht auch hier auf fast jeder Seite eine Übungsaufgabe. Um ein Beispiel (von S. 106) zu nennen: „Sie haben Ihren Mitarbeiter Dieter Dollmann für ein Projekt abgestellt. Der Projektleiter berichtet Ihnen nun, dass Herr Dollmann sich dauernd mit anderen Mitarbeitern anlegt und seine Leistung[en] dadurch stark nachlassen. Sind Sie dafür zuständig oder ist das der Projektleiter? Was machen Sie nun?“

Kap. 7 („Kooperieren“) thematisiert (auf 33 Seiten) zuerst sozialpsychologische Aspekte der Gruppenbildung, sodann Führungsstile (2- und 3-dimensionale) und Vertrauensbildung. Hier lautet eine Übungsaufgabe: „Wem vertrauen Sie vollständig? Warum ist das so? Wie viele Menschen haben Sie genannt?“ (S. 123). Konfliktmanagement (u.a. bei Mobbing) und das Respektieren von Emotionen bilden weitere Bestandteile des Kapitels.

Im abschießenden Kap. 8 (20 Seiten) geht es um das „Beurteilen“. Den Schwerpunkt des Kapitels bildet die Darstellung der Durchführung von Beurteilungen mit den Schritten: Beobachten, Beschreiben, Bewerten und Erörtern. Feedback geben (Johari-Fenster) und Wahrnehmungsverzerrungen vermeiden bilden die Abschlusskapitel.

Ein zusammenfassendes Fazit erfolgt nicht, wäre auch schwer zu bewerkstelligen, denn in den acht Kapiteln ist ein ganzer Strauß von Methoden und Theorien aufgeblättert worden, die gleichgewichtig nebeneinander Bestand haben.

Abbildungen, Übungsaufgaben, Online-Material

Der Verlag wirbt damit, Leserinnen und Leser seien aufgefordert, sich aktiv mit dem Stoff auseinanderzusetzen, denn hier würde nicht nur das notwendige Führungswissen vermittelt, sondern es seien auch Anstöße gegeben, dieses Wissen durch die zahlreichen Übungen zu Führungsfertigkeiten zu machen.

Es würde die Erkenntnis aufgegriffen, dass es für die erfolgreiche Bewältigung von Führungsaufgaben nicht nur entscheidend sei, welches Wissen und welche Fertigkeiten man erworben hat, sondern ob man auf deren Grundlage aktuell kompetent handeln kann. Deshalb würden im Text, in Anleitungen, Abbildungen und den oben genannten Übungen die fachlichen, methodischen, sozialen und personalen Fähigkeiten erläutert, die Führungskräfte in die Lage versetzten, ihre Führungsqualifikationen selbstorganisiert umzusetzen. Schön wäre es, wenn der Erwerb von Kompetenzen derart einfach funktionierte.

Über einen „Webcode“, der jedes Buch kennzeichnet, bietet der Verlag an, ergänzende Unterlagen für den Download zur Verfügung zu stehen. Das aktuell (Mai 2014) hinterlegte Material beschränkt sich allerdings auf die Abbildungen, die in dem Buch selbst enthalten sind. Kehrseite eines personalisierten Webcodes ist die Möglichkeit für den Verlag, den Verbleib seiner Bücher genauer zu recherchieren. Als seriöser Fachverlag missbraucht Schäffer-Poeschel erfreulicherweise diese Möglichkeit nicht für fragwürdige Marketingaktionen.

Diskussion

Seit Oswald Neubergers „Führen und führen lassen“ wissen wir, dass Anforderungen an die Führungskraft typischerweise ambivalent sind. Diesen Dilemmata der Führung kann man nicht entkommen. Ignoriert man sie, läuft man Gefahr, einseitige Orientierungen oder sogar Ideologien als die einzige Wahrheit anzusehen. Bröckermann legt zwar nicht ein ideologisch einseitiges Konzept vor, dazu sind die aufgelisteten Kompetenzaspekte viel zu patchworkartig. Doch weist er auch nicht auf die Brüche und Widersprüche des Führungshandelns explizit hin. Vor allem ignoriert er, dass Führung missbräuchlich eingesetzt werden kann und oft auch eingesetzt wird: Das Stichwort „Abusive Supervision“ (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/12315.php) etwa kommt bei ihm nicht vor. Letztlich beschränkt sich Bröckermann Führungskompetenz auf die Sichtweisen des Vorgesetzten, der Arbeitgebers und der Organisation. Das „Geführt werden“ bleibt unterbelichtet.

Fazit

Bröckermanns Führungskompetenz müsste eigentlich Managementkompetenz heißen, denn ein Großteil der überblicksartig dargestellten Aspekte kommt in jeder Managementposition zur Anwendung. Eine Differenzierung nach Branche, Organisationstyp oder Betriebsgröße wird nicht vorgenommen. Die meisten Überlegungen bleiben unspezifisch, sind andererseits damit durchgehend alltagstauglich, ja selbst für viele Situationen der Freizeit überlegenswert und anwendbar.

Das Buch ist jeden Berufstätigen zu empfehlen, der aus einer untergeordneten Position in eine Leitungsposition mit Personalverantwortung aufsteigt, jedem, der seinen Arbeitsbereich mehr als bisher eigenverantwortlich organisieren muss. Ideal geeignet erscheint es zur begleitenden Vertiefung eines Coachings oder eines Führungskräftetrainings. Wer jedoch nicht selbstreflexiv sensibilisiert ist, wird von der Lektüre der vielen Theorien und Konzepte vermutlich nicht profitieren.

Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten sollte man sich von einer Kompilation vieler Theorien und Ratschläge keine neuen Erkenntnisse erwarten. In Studium und Lehre scheint mir das Werk trotzdem im Fachschul- bzw. Fachhochschulbereich für Studierende gut geeignet zu sein, denn es gibt kein vergleichbares Lehrwerk, das den umfangreichen Stoff so knapp zusammenfasst und gut lesbar darstellt. Nur der Preis liegt für Studierende etwas zu hoch.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Wismar International Graduation Services WINGS
Homepage www.antonhahne.de
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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 07.05.2014 zu: Reiner Bröckermann: Führungskompetenz. Versiert kommunizieren und motivieren, Ziele vereinbaren und planen, fordern und fördern, kooperieren und beurteilen. Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-7910-2773-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16045.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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