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Sabine Andresen (Hrsg.): Erziehung. Ein interdisziplinäres Handbuch

Cover Sabine Andresen (Hrsg.): Erziehung. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2013. 328 Seiten. ISBN 978-3-476-02383-4. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 67,00 sFr.
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Über Erziehung

Es ist die uralte Kontroverse, ob Erziehung „Führen oder Wachsen lassen“ (Theodor Litt) bedeuten solle. Bereits in der antiken Denke der griechischen Philosophen wird bestimmt, dass paideia, Erziehung und Bildung, von drei verschiedenen Faktoren abhängt, um hin zu einem „guten Leben“ zu erziehen: Von der physis, der natürlichen Anlage also, dem ethos, der Gewohnheit, und dem logos, der Vernunft (Aristoteles). Autoritäre, laissez-faire- und demokratische Erziehung sind Abbilder im jeweiligen Zeit- (und Ideologie-)diskurs. Es geht immer um das Verhältnis von Educandus und Educator, das sich entweder als hierarchisch oder partnerschaftlich darstellt. Und es ist die Menschenwürde, die entweder mit Füßen getreten und missachtet, oder als Grundlage für ein humanes und gleichberechtigtes Zusammenleben der Menschen auf der Erde praktiziert wird. Das Recht auf Bildung und Erziehung ist ein Menschenrecht, wie dies in der globalen Ethik, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 in Artikel 26 (2), postuliert wird: „Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit… gerichtet sein“.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Über Erziehung und Bildung wird in Lehrbüchern, pädagogischen Lexika, theoretischen Fachaufsätzen und praktischen Handbüchern reflektiert und informiert. Wie Erziehung geht und Bildung vermittelt werden kann, wird sowohl als natürlicher Prozess, etwa in der familiären Erziehung, als auch als professioneller Akt verstanden. Darin zeigt sich freilich auch schon das Dilemma: Sind Eltern und Erziehungsberechtigte (nach dem Gesetz) die „geborenen“ Erzieher? Und: Sind KindergärtnerInnen, LehrerInnen… (auch) für Erziehung oder nur für Bildungs-, Sach- und Anpassungsvermittlung zuständig? In einer aufgeklärten, demokratischen und gleichberechtigten Gesellschaft melden sich zwar nur noch ewiggestrige und engstirnige Stimmen zu Wort, um etwa „zuerst Disziplin“ zu fordern, was sie in ihren obskuren Denken darunter auch verstehen mögen (vgl. z. B.: Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4096.php), und im erziehungswissenschaftlichen Diskurs gilt das Prinzip der Partizipation aller an den Bildungs- und Erziehungsprozessen Beteiligten; doch die gängigen Erziehungskonzepte weichen nach wie vor in erheblichem Maße voneinander ab. Das alleine wäre kein Grund zur Klage, stellte sich doch eine Einigung auf „die eine, richtige“ Erziehungsmethode und „das alleinige“ Erziehungsziel nicht mehr und nicht weniger als undemokratisch und anti-emanzipativ dar. Was bleibt und im individuellen und lokal- und global-gesellschaftlichen Blick bleiben muss, ist, dass die vielfältigen Spannungsfelder der Gegenwart bedacht werden müssen, um das Dasein und die Zukunft der Menschheit human weiter entwickeln zu können. Es sind die situativen, individuellen, gesellschaftlichen und politischen Aspekte, die eine „Balance zwischen Fürsorge und Freiheit“ bedingen und das Spannungsverhältnis „zwischen den Möglichkeiten des Gelingens und der Gefahr des Scheiterns von Erziehung“ betreffen. Den in einer offenen und medialen Gesellschaft auftretenden und wirkenden Einflüssen und Manipulationen sind nicht zuletzt Heranwachsende ausgesetzt; weshalb Erziehung hin zu einem selbstbestimmten, gelingenden (guten) Leben notwendig ist!

Die Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt/M., Sabine Andresen, die Juniorprofessorin für den Bereich Transkulturalität und Gender an der Universität Vechta, Christine Hunner-Kreisel und der Professor für Psychologie des Lehrens und Lernens an der Universität Bielefeld, Stefan Fries, geben das interdisziplinäre Handbuch heraus. 59 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen und Arbeitsfeldern setzen sich „mit dem Aufwachsen von Kindern eng verbundene Phänomen Erziehung (auseinander), um disziplinär geprägte Betrachtungsweisen der Erziehungsverhältnisse, der Erziehungssituationen oder der Wirkung und dem möglichen Scheitern von Erziehung“ aus der jeweiligen fachspezifischen Betrachtung zu reflektieren.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch wird in fünf Kapitel gegliedert.

Im ersten Kapitel werden grundsätzliche Fragen zur Geschichte der Erziehung (Jürgen Oelkers), zur Moral (Stefan Weyers) und zur Erziehung und Bildung (Micha Brumlik) diskutiert.

Das zweite Kapitel thematisiert „Phasen und Orte“, die für Erziehungsgeschehen und -verhalten bedeutsam sind: Michael-Sebastian Honig referiert über „Frühe Kindheit“; Heidi Keller über „Kindheit“; Ursula Kessels zu „Jugend“; Elke Wild zu „Familie“; Jörg Maywald äußert sich zu „Frühe Tagesbetreuung in Krippe und Kindertagespflege“; Cornelia Wustmann referiert über „Erziehung in Kindertagesstätten“; Mareike Kunter zur „Schule“; Angela Jansen und Markus Rieger-Ladich zu „Internat“; Stefanie Albus und Holger Ziegler zu „Kinder- und Jugendhilfe“; Mechthild Wolff spricht über „Heim und Heimerziehung“; Andreas Beelmann und Linda Schulz informieren über „Elternbildung und Erziehungsberatung“; Marius Harring und Matthias D. Witte thematisieren „Freizeit, Erziehung und Bildung“; und Thomas Coelen und Frank Gusinde zeigen Aspekte von „Kinder- und Jugendarbeit“ auf.

Im dritten Kapitel werden „Aspekte der Erziehung“ dargestellt: Gabriele Weiß über „Ästhetische Erziehung“; Peter Zimmermann, Alexandra Iwanski, Fatma Çelik und Anna Neumann nehmen sich den Aspekt „Erziehung und emotionale Entwicklung“ vor; Haci-Halil Uslucan referiert über „Erziehungsstile und ihre kulturelle Überformung“; Veronika Magyar-Haas informiert über den Aspekt „Körper“; Barbara Reichle über „Soziale Kompetenz“; Kurt Bangert über „Spiritualität“; Laura de Ruiter über „Sprache“, und Jutta Standop beschließt das Kapitel mit dem Aspekt „Werte“.

Im vierten Kapitel kommen die verschiedenen Disziplinen und Fächer zu Wort: Annette Scheunpflug stellt „Evolutionstheorie / Biologie“ vor; Volker Kraft thematisiert „Erziehung als Begriff der Erziehungswissenschaft“; Toni Faltermaier über „Gesundheitswissenschaften“; Petra Gruner zu „Geschichtswissenschaft“; Bülent Ucar reflektiert „Erziehung aus islamisch-religionspädagogischer Sicht“; Andreas Richterich zur „Kinder- und Jugendpsychiatrie“; Holger Dainat und Walter Erhart über „Literaturwissenschaft“, Katharina Spieß setzt sich am Bespiel von frühkindlicher Bildung und Erziehung mit „Ökonomie“ auseinander; Martin Bartels reflektiert Sartres philosophischen Beitrag zur aktuellen Erziehungsdiskussion: „Erziehung ohne “; Marianne Leuzinger-Bohleber über „Psychoanalyse“; Urs Fuhrer über „Psychologie“; Ludwig Salgo zu „Rechtswissenschaften“; Doris Bühler-Niederberger zur „Soziologie“; Bernd Gröben über „Sportpädagogik“; Miriam Zimmermann zur „Theologie“; Jörg Bock und Katharina Braun zu den „Neurowissenschaften“; Britta Hoffarth und Katja Kolodzig über „Kulturpädagogik“; und Holger Horz und Carmen Heckmann beschließen das Kapitel mit dem Thema „Mediennutzung“.

Das fünfte und letzte Kapitel des Handbuchs wird dem Themenkreis „Gesellschaft und Erziehung“ gewidmet: Ulrich Bauer setzt sich auseinander mit „Erziehung und soziale Ungleichheit“; Sabine Andresen mit „Erziehung, Macht und Gewalt“; Susanne Miller zum „Umgang mit Heterogenität“; und Christine Hunner-Kreisel mit „Erziehung und Migration“.

Fazit

Es scheint, dass es den Autorinnen und Autoren gelingt, die wesentlichen Fragestellungen, Themen- und Problembereiche zur Frage nach Erziehung in historischen und aktuellen Zusammenhängen aufzugreifen. Die Literaturhinweise in den einzelnen Beiträgen tragen ohne Zweifel dazu bei, dass die Nutzer des interdisziplinären Handbuchs zu weiterführenden Aspekten fündig werden. Dem Handbuch ist zwar ein mehrseitiges Personenregister mit Hinweisen auf die Fundstellen beigefügt; für eine schnelle Nachschau wäre allerdings ein Sachregister viel hilfreicher. Denn: Angenommen, es soll mit dem Stichwort „Interkulturelle, globale… Pädagogik / Lernen…“ ein Zugang zum Handbuch gesucht werden, fehlen die entsprechenden Hinweise. Es ist fraglich, ob ein Handbuch ohne Sachverweise die Funktionen erfüllt, die es erfüllen sollte! Es ist deshalb dringend angeraten, bei einer Neuauflage dieses Manko zu beheben.

Unabhängig allerdings von dieser Kritik wird man feststellen können: Das interdisziplinäre Handbuch „Erziehung“ stellt einen wichtigen Informationsapparat für die Theorie und Praxis von Bildungs- und Erziehungsherausforderungen Hier und Heute zur Verfügung.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.02.2014 zu: Sabine Andresen (Hrsg.): Erziehung. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2013. ISBN 978-3-476-02383-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16049.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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