Annette Orphal: Bewegung, Lernen und Entwicklung
Rezensiert von Prof. Dr. Ruth Haas, 03.07.2015
Annette Orphal: Bewegung, Lernen und Entwicklung. Ein praxisbezogener Dialog zwischen der Entwicklungspsychologie nach Henri Wallon und der Feldenkrais-Methode.
Lehmanns Media GmbH
(Berlin) 2013.
484 Seiten.
ISBN 978-3-86541-513-4.
D: 34,00 EUR,
A: 35,00 EUR,
CH: 45,90 sFr.
Reihe: International cultural-historical human sciences - Band 43.
Thema
Die Autorin untersucht das Verhältnis von sensomotorischer und sozialer Entwicklung beim frühkindlichen Lernen und die Bedeutung emotionaler Prozesse. Frau Orphal ist mit der deutschen und französischen Kultur vertraut und war deshalb in der Lage sowohl die Literatur Wallons als auch von Feldenkrais mit modernen entwicklungspsychologischen Veröffentlichungen zu verknüpfen. Ausgangspunkt der Forschung bildet die Auseinandersetzung mit dem körperlichen Selbsterleben im Kontext der psychischen Entwicklung.
Autorin
Annette Orphal ist als Diplom Psychologin und Feldenkraispädagogin. Die Bedeutung von emotionaler Sicherheit in frühkindlichen Beziehungserfahrungen für das Explorationsverhalten von Kindern wird von ihr vor dem Hintergrund ihrer professionellen Erfahrung thematisiert.
Entstehungshintergrund
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine Dissertation zu Erreichung der Doktorwürde an der Universität Bremen. Erfahrungen als Expertin in der Arbeit in Kinderkrippen in Pariser Vororten veranlassten die Autorin zu diesem Thema.
Aufbau
Im ersten Kapitel wird der im Titel versprochene Dialog zwischen Henri Wallon und Moshe Feldenkrais eröffnet. Ein funktionelles Entwicklungsverständnis steht dabei bei beiden Autoren im Vordergrund. Das daran anknüpfende Kapitel wendet sich der Klärung des Funktionsbegriffes zu, der aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Begrifflichkeiten, wie z.B. „Funktion und Funktionalität“, „funktionelles System“ bzw. „funktionelle Integration“ verknüpft wird. Das dritte und vierte Kapitel stellen die psychomotorische Entwicklung aus der Sicht Wallons in den Mittelpunkt.
Inhalt
Die biografischen Bezüge der beiden Autoren Henri Wallon und Moshe Feldenkrais werden als Hintergrundfolie genutzt. Wallon war stark von einem marxistischen Hintergrund geprägt, der davon ausgeht, dass durch Handlung Bewusstsein entsteht. Dabei werden Organik und Bewusstsein als sich gegenseitig bedingend betrachtet. Das Verständnis von Feldenkrais von „funktioneller Bewegung“ lässt deutliche Nähe zur Handlungsanalyse von Wallon erkennen. Die Gemeinsamkeit beider Autoren wird sehr differenziert dargelegt, da diese sensomotorische Prozesse als Basis höherer Funktionen der Psyche verstehen. Die Autorin geht davon aus, dass „(…) wir uns psychische Entwicklung als einen Prozess vorstellen können, dessen komplexe Dynamik von vornherein doppelt verortet ist: emotional-soziale Interaktion als äußerer und emotional-körperliche Selbsterfahrung als innerer Bezugsrahmen ergänzen einander (…)“ (Orphal 2013, 31-32). Diese These wird unter Rückbezug auf die Theorie funktioneller Systeme von Anochin mit aktuellen neurologischen Wissenbeständen verknüpft. Sie kritisiert die kognitivistische Perspektive zur Entwicklung psychischer Funktionen als eingeengt und plädiert für eine erweiterte Sicht vor dem Hintergrund moderner Selbstorganisationstheorien wie sie teilweise unter dem Begriff „Embodiment“ subsummiert werden.
Besonders hervorzuheben ist, dass in diesem Werk die Entwicklungstheorie von Wallon dem deutschsprachigen Leser/ der Leserin erstmals zugänglich gemacht werden. Der Bezug zur kindertherapeutischen Praxis wird gut hergestellt.
Diskussion
Die Arbeit befasst sich der psychomotorischen Entwicklung von Kindern unter Rückbezug auf Wallon und Feldenkrais. Diese umfangreiche und detaillierte Darstellung der psychomotorischen Entwicklung als Selbstorganisation verknüpft konsequent die Perspektiven der beiden Autoren und kann als innovativ angesehen werden.
Fazit
Die Dissertation von Annette Orphal liefert sowohl dem/der theorie- als auch dem/der praxisorientierten Leser/in eine sehr differenzierte Darstellung der psychomotorischen Entwicklung von Kindern, die als einzigartig im deutschsprachigen Fachdiskurs zu betrachten ist.
Rezension von
Prof. Dr. Ruth Haas
Diplom Motologin, Professorin für prozessorientierte Körper- und Bewegungstherapie an der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit; Sprecherin des Forschungsschwerpunktes zur Entwicklung von Modellen und Standards zur integrierten Versorgung in der Rehabilitation von Menschen mit motorischen Störungen
Arbeitsschwerpunkte: Psychomotorische Therapie,Therapieforschung, psychomotorische Entwicklung, bio-psycho-soziale Gesundheitsförderung und Rehabilitation, betriebliche Gesundheitsförderung
Mailformular
Es gibt 7 Rezensionen von Ruth Haas.




