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Dieter Korczak (Hrsg.): Schamlos! Analyse der neuen Schamlosigkeit

Cover Dieter Korczak (Hrsg.): Schamlos! Analyse der neuen Schamlosigkeit. Asanger Verlag (Kröning) 2013. 91 Seiten. ISBN 978-3-89334-580-9. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

In diesem ca. 90 Seiten umfassenden Tagungsband erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Scham aus soziologischer, philosophischer psychoanalytischer, historischer, medien- und literaturwissenschaftlicher Perspektive. Anliegen ist dabei, einen Beitrag zu einem differenzierteren Verständnis der individuellen und der gesellschaftlichen Funktion der Scham zu leisten. Für die Gegenwart sehen die AutorInnen insbesondere die Herausforderung, „Verhaltensnormen und Regeln für eine schamfreie, emanzipierte und aufgeklärte Gesesellschaft zu entwickeln, die den Respekt vor dem Mitbürger und die Verantwortung gegenüber denm Gemeinwesen impliziert.“ (9)

Herausgeber

Dieter Korzcak (Hrsg.) ist Soziologe, Vorsitzender der Interdisziplinären Forschungsgesellschaft und Leiter eines Institutes zu Grundlagen- und Programmforschung in München.

Aufbau

Der Tagungsband umfasst sechs Artikel:

1. Karl-Wilhlem Weeber spürt dem Schamverständnis in der römischen Antike nach. Im antiken Rom war das Schamgefühl eine elementarer Bestandteil des Verhaltenskodexes der Führungsschicht und wurde als Sitte von Generation zu Generation vermittelt und stand in engem Zusammenhang zum altrömischen Moralkontext.

2. Thomas Nisters folgt bei seiner philosophischen Auseinandersetzung mit dem Thema Aristotoles nach, der Scham als komplexes Gefühl verstand. Danach bedarf es bei der Scham dreier Voraussetzungen: es ist ein Makel vorhanden, es gibt eine/n von diesem Makel betroffene Person. Dies wird zum dritten ergänzt um das bewertende Urteil diese Makels an einer betroffenen Person durch eine beobachtende Person. Daraus ergibt sich die Scham als Schmerz über „gerechtfertigte Geringschätzung“ (7).

3. Konrad Hilpert arbeitet in seinem Vortrag heraus, dass aus theologischer Perspektive das Schamverständnis eng mit dem Schuldbegriff verknüpft ist. Dabei ergänzt der Autor historische Auseinandersetzungen (z. B. bei Augustinus) um moderne Interpretationen und kommt zur Einschätzung, dass nach heutigem theologischem Verständnis, Scham weder explizit mit Sexualität zu tun haben muss, noch muss sie zwangsläufig Schuld zum Ausdruck bringen. Vielmehr gehört: „der Blick des Anderen zum Schamgefühl, und der Wille, diesen Blick nicht zuzulassen, zur Scham als Haltung. Scham ist insofern also nicht nur Schutz der Identität, sondern auch Schutz der Besonderheit und der Unterscheidbarkeit von anderen.“ (8)

4. Jürgen Wertheimer nähert sich der Scham aus literaturwissenschaftlicher bzw. medienwissenschaftlicher Perspektive an. Anhand verschiedener Beispielel illustriert er Scham und Ekel in verschiedenen Literaturbeispielen von der Bibel über „ Effi Briest“, Tolstoi, Baudelaire, Grass, Benn u. a.

5. Als Psychoanalytikerin betrachtet Renate Remmler Scham und Schuld vor allem als Affekte, die in engem Zusammenhang mit der Negativbeurteilung des eigenen Selbst stehen und sich aus der Differenz zwischen dem Wunschbild von sich selbst und der erlebten Selbstwahrnehmung ergeben. Als unabdingbar für Scham beschreibt Remmler das Gefühl, „blossgestellt worden zu sein“ und „bestraft zu werden“ (46).

6. Der Herausgeber Dieter Korzak unternimmt eine Annäherung an den Schambegriff aus soziologischer Sicht und betont dabei, dass die Soziologie die Scham für „eine menschliche Erfindung“ hält, also „ein gesellschaftlich bedingtes normatives Geschehen“, das durch die Abweichung von sozial erwünschtem und vorhandenen Rollenbildern entsteht (9).

Ausgewählte Inhalte

Exemplarisch sei hier der Artikel des Soziologe Dieter Korczak vorgestellt. Zunächst macht er sich dabei auf die Suche nach den Wurzeln des Schambegriffes und rekurriert dabei u. a. auf Plato, der Scham insbesondere in ihrer sozialen Funktion verstand: Scham als Fähigkeit zum Respekt gegenüber MitbürgerInnen (75). Plato verstand die Scham „als Voraussetzung für die Entstehung der Zivilisation bzw. die Kultur…, denn erst durch sie werde ein geordnetes, dauerhaftes Zusammenleben der Menschen (im Verbund mit der Rechtsordnung) möglich.“ (76)

In Ergänzung dazu ist dem Autor eine Differenzierung zwischen sexueller und sozialer Sicht wichtig. Sexuelle Scham versteht der Autor als ein Phänomen, das im Laufe der Kulturentwicklung entstanden ist und sich in Folge dessen als „Sekundäre Charaktereigenschaft unter dem Einfluss bestimmter Gesellschaftsordnungen nach und nach immer mehr ausgebildet hat.“ (76). Daraus folgt aus Korzcaks Sicht eine „Zurückdrängung der mit dem Körper zusammenhängenden Funktionen, die Disziplinierung und Rationalisierung des Umgangs mit dem Körper erfordere eine zunehmende Triebsublimierung, die Körperfunktionen werden zum verstärkten Gegenstand von Schamgefühlen.“ (78)

Die sexuelle Scham grenzt Korczak von der sozialen Scham ab und interpretiert Scham dabei als soziales Phänomen, das von Einzelnen erlebt wird. Als schamlos gilt dabei der Verstoß gegen bestimmte Normen- und Moralvorstellungen oder Tabus. In Abgrenzung dazu beschreibt Korczak die soziale Scham als „Gefühlsreaktion einerseits auf die Verletzung der Intimsphäre, andererseits kann sie soziale Bereiche (Ansehen, Geltung, Erfolg, Würde) betreffen. Scham ist stets ein soziales Phänomen, auch wenn es vom Einzelnen individuell erlebt wird. Das einzelne Individuum möchte vor Scham in den Boden versinken oder senkt aus Scham den Blick und reagiert damit auf herrschende Normen.“ (78). Beispielhaft führt der Autor verschiedene Schamkulturen – abhängig von den jeweiligen Normensystemen der einzelnen Gesellschaften aus und grenzt dazu sog. Schuldkulturen ab: „Schamkulturen basieren auf dem äußeren Zwang, ein Normenverstoß wird vor allem mit äußerer Verachtung bestraft. Schuldkulturen basieren auf dem Selbstzwang in Form des verinnerlichten Gesissens.“ (79). Korzcak ergänzt seine Ausführungen durch einige Gedanken zur Schamsublimierung, wobei er sich insbesondere auch Freud und Marcuse bezieht. Dabei konstatiert er seit den 60er Jahren eine zunehmende Verschiebung der Scham- bzw. Schamlosigkeitsgrenze. Der Liberalisierung von Sexualität und Rollenstereotypen steht – so Korczak – eine neue Form der Unterdrückung durch ein Konsum- und Leitungsdiktat gegenüber: „Die Grenzen der sozialen Scham werden von Werbe- und Produktstrategen kalkuliert und ausgereizt. Schamlosigkeit ist in der Regel folgenlos, das heißt die Betroffenen werden nicht durch gesellschaftliche Verachtung beschämt und haben zumeist auch kein Schuldbewußtsein.“ (9).

Fazit

Eine kompakte Tagungsdokumentation, die auf ca. 90 Seiten Annäherungen an das Thema Scham aus soziologischer, philosophischer psychoanalytischer, historischer, medien- und literaturwissenschaftlicher Perspektive bietet. Lesenswert!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 09.01.2014 zu: Dieter Korczak (Hrsg.): Schamlos! Analyse der neuen Schamlosigkeit. Asanger Verlag (Kröning) 2013. ISBN 978-3-89334-580-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16068.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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