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Thomas Rentsch, Harm-Peer Zimmermann u.a. (Hrsg.): Altern in unserer Zeit

Cover Thomas Rentsch, Harm-Peer Zimmermann, Andreas Kruse (Hrsg.): Altern in unserer Zeit. Späte Lebensphasen zwischen Vitalität und Endlichkeit. Campus Verlag (Frankfurt) 2013. 231 Seiten. ISBN 978-3-593-39908-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Die Betrachtung des Alterns und des Alters schlängelte sich lange am voranschreitenden Altersablauf entlang. Junge Alte, Alte im Übergang, Alt-Alte und schließlich das Sterben bildeten das biografische Kontinuum. Seine Bausteine wurden in Vorausblick und Rückspiegel hin- und hergeschoben. Ratgeber boomten, die uns möglichst lange Jung-Alt und nur kurz Alt-Alt werden lassen wollten. Denn je eingeschränkter es auf den Tod zuging, desto stärkere Kosten sollten uns alle treffen. Ein Paradigmenwechsel ergibt sich, wenn man das Kontinuum dieses fortlaufenden Diminuendos mit dem Dual aus Verletzlichkeit/Fragilität auf der einen und Potentialen/Generativität auf der anderen Seite kreuzt. Da erzeugen Endlichkeit und Hinübergleiten in andere Welten für die Begleitenden tugendethische Impulse und sinnstiftende Vorbilder. Dies uns vor Augen zu führen ist das Anliegen der bei Campus von den Herausgebern Thomas Rentsch, Harm-Peer Zimmermann und Andreas Kruse vorgelegten 231seitigen Aufsatzsammlung „Altern in unserer Zeit. Späte Lebensphasen zwischen Vitalität und Endlichkeit“. Sie plädiert angesichts des memento mori auch für das hohe Alter überraschend statt einer ars moriendi eher für eine ars vivendi.

Herausgeber

  • Professor Dr. phil. Thomas Rentsch ist Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Philosophie und Ethik an der Technischen Universität Dresden. Der Volkskundler und Medienwissenschaftler.
  • Professor Dr. phil. Harm-Peer Zimmermann lehrt Literatur und Medien am Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich.
  • Professor Dr. phil. Diplom-Psychologe Andreas Kruse leitet als Direktor das Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg.

Aufbau und Inhalte

Der Sammelband „Altern in unserer Zeit“ betrachtet die Befindlichkeit der hochbetagten Mitmenschen, die das eigene Lebensende vor Augen haben. Der Blick wird entsprechend den Hauptforschungsgebieten seiner drei Herausgeber-Autoren aus dem gerontologischen (Kruse), kulturwissenschaftlichen (Zimmermann) und philosophischen Winkel (Rentsch) auf die letzte Lebenszeit des Menschen gerichtet. Vor diesen drei Abschnitten zeigt Otfried Höffe in einem kulturhistorischen Rückblick auf, dass die Alten schon in der Antike als Träger von Humanvermögen galten.

Im gerontologischen Abschnitt plädiert Andreas Kruse für die Beachtung und das Einlösen der Potentiale und der Generativität der alten Menschen, die er aber auch zum Leisten eigener Sorgearbeit aufruft. Aus Literaturauswertung und Experteninterviews schöpfen Sonja Ehret, Timo Jacobs und Dagmara Wozniak in einer qualitativen Studie der Volkswagenstiftung die Erkenntnis, dass vertraute Personen und für Alte öffentliche Räume neue Verantwortungshaltungen alten Menschen gegenüber voll Nähe und Zeit schaffen können und sollen. Auf Handlung drängende moralische Imperative könnten den von Ferdinand Tönnies beschriebenen Weg von der bergenden Gemeinschaft zur rationalen Gesellschaft wieder umkehren in Richtung auf einen wieder belebten Sozialraum.

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive sieht Harm-Peer Zimmermann die Lebenskunst im hohen Alter in einer gelassen-humorigen und von Unabhängigkeit durchsetzten Coolness; schwankenden Moden gegenüber könne der sehr alte Mensch gleichgültig werden. Alterssexualität kann für Welf-Gerrit Otto zur Entdiskriminierung alter Menschen beitragen. Dankbarkeit für das Erreichte und die Aufgabe von unerfüllbaren Wünschen lassen nach Heinrich Grebe alte Menschen eine individuelle Lebenskunst entwickeln.

In den philosophischen Näherungen zieht Thomas Rentsch den fragilen Glücksbogen über alle Generationen und Altersstufen. Im hohen Alter bilde sich im Hinblick auf Erfülltes und Unerfülltes jedoch eine Identität der Endgültigkeit heraus. Solch eine verzeihende Haltung verdanken wir im Gegensatz zu den auf Glück erpichten antiken Philosophien allein Jesus. Diese verzeihende Einsicht und die Grunderkenntnis von der Unerklärlichkeit von Werden und Vergehen müssen als Tugendethik und Gerotranszendenz zum Bestandteil jeglicher Erziehung gemacht werden. Auch Petra Gehring sieht in solchem Akzeptieren menschlicher Grenzen eine Kulturleistung. Die sinnliche Erlebnisfähigkeit von Dementen stellt Ekkehard Martens heraus. Kreative Sinndimensionen am Lebensende kann sich nach Carolin Wiegand erschließen, wer um die Begrenzung des Lebens weiß; solche das Miteinander erleichternden generativen Potentiale will sie stärker zum Zuge gebracht wissen.

Diskussion

Der hohe Verdienst der Schrift „Altern in unserer Zeit“ besteht darin, dass sie statt des nochmaligen „Well off“-Auftriebs im Alter das Lebensende in den Fokus rückt. Thematisiert wird durchgängig, dass bei allem Wohlfühlen im Alter über den Altersfreuden doch auch der Tod als nahes Damoklesschwert schwebt. Das sollte dankbar für das Durchlebte, gelassen in Hinsicht auf nicht Erreichtes machen. Zu sich selbst zu kommen darf in eine Identität der Endgültigkeit münden. Wenn die dem Tod nicht mehr fernen Hochbetagten diese Weisheit und Abgeklärtheit kommunizieren, lösen sie bei Jüngeren im Sinne einer Pädagogik der Hilfsbedürftigen nach Klaus Dörner Solidarität und Mitmenschlichkeit aus.

Die gesellschaftlichen Zumutungen, in Wellness und Fitness um der Minimierung der Sozialkosten willen durchzuhalten, fußen da auf banal-vordergründigen Argumenten. Der Mensch, dem sein Ende inhärent ist, darf und soll entlastet und unter der Hilfe seiner Mitmenschen gestützt von dannen ziehen dürfen. Das ist eine endlich einmal klar ausgesprochene ethische Forderung.

Wieweit sich alte Menschen der auf sie einstürmenden guten Ratschläge zum angeblich er-trainierbaren Alterserfolg entziehen können, ist eine Frage ihrer souveränen Dekonstruktion der allgemein gesellschaftlich proklamierten Normzwänge zum diszipliniert übenden Aktiv-Alter. Nur wenn der Tod am Ende des Alters für alle sichtbar am Horizont bleibt, kann das Alter seine Humanität behalten. Gerade in seiner individuellen Gerotranszendenz gewinnt der weg wandernde alte Mensch seine Würde. Auch der in seinen Eigensinn (im Sinn von eigenen Sinn) driftende Demente behält darum solche Würde. Sterbehilfe hat daher die Todgeweihten nicht nur pflegerisch und palliativ, sondern auch individuell-persönlich zu begleiten. Das gilt auch eins zu eins für die Dementen, was in dieser ansonsten beeindruckenden Schrift etwas zu kurz kommt.

Im Ganzen betrachtet ist festzustellen, dass die in diesem Sammelband entwickelten gerontologischen, kulturwissenschaftlichen und philosophischen Positionen gar nicht so weit auseinander liegen.

Fazit

Der das Lebensende thematisierende Band „Altern in unserer Zeit“ betont die Eigenständigkeit des Menschen auch an seinem Lebensende und macht die Begleitung der letzten Lebenstage zu einer solidarischen Aufgabe des Umfeldes der Sterbenden. Die Schrift stellt tugendethische Imperative zur würdevollen Unterstützung der in eine andere Welt Wandernden auf.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 27.12.2013 zu: Thomas Rentsch, Harm-Peer Zimmermann, Andreas Kruse (Hrsg.): Altern in unserer Zeit. Späte Lebensphasen zwischen Vitalität und Endlichkeit. Campus Verlag (Frankfurt) 2013. ISBN 978-3-593-39908-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16072.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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