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Stephanie Grafe: Identitäten im Übergang

Cover Stephanie Grafe: Identitäten im Übergang. Perspektiven und Bewältigungsformen jugendlicher Flüchtlinge in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2013. 188 Seiten. ISBN 978-3-643-12121-9. 19,90 EUR.

Reihe: Psychologie - Band 51.
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Thema und Hintergrund

Aktuell und prognostisch wird die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge vor dem Hintergrund des derzeitigen politischen Weltgeschehens wohl weiterhin stetig ansteigen. Neben den noch immer schwelenden Konflikten in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt wie Syrien, Afghanistan und Irak, werden immer mehr junge Menschen zum Verlassen ihrer Heimat veranlasst.

Die gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse sind längst auch auf dem europäischen Kontinent angekommen. Dies stellt die EU, aber auch die Bundesrepublik Deutschland vor neue Aufgaben und Herausforderungen – nicht nur (europa- und asyl-)politisch, sondern auch menschlich.

In der vorliegenden Arbeit untersucht die Autorin die Perspektiven und Bewältigungsformen unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland mit ethnopsychologischer Ausrichtung, die ihren Fokus auf die Sichtweisen der betroffenen Flüchtlinge fokussiert. Sie geht dabei folgenden Fragen nach:

„Wie erleben jugendliche Flüchtlinge ihre Lebenssituation in Deutschland? Welche Schwierigkeiten und Belastungen ergeben sich daraus? Welche Ressourcen und Strategien stehen ihnen zur Bewältigung ihrer Erlebnisse und ihrer derzeitigen Situation zur Verfügung und werden als hilfreich erlebt? Und Welche Ziele und Wünsche haben Sie?“ (S. 18)

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um die Abschlussarbeit der Autorin.

Autorin

Stephanie Grafe studierte Psychologie und arbeitet in der transkulturellen Jugendarbeit.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit enthält sechs Kapitel.

Der Einleitung sind eine Danksagung der Autorin und ein Vorwort von Prof. Dr. Maya Nadig vom Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen voran gestelllt, in dem sie die Arbeit würdigt.

Nach der Einleitung der Thematik, Fragestellung und des Aufbaus der Arbeit werden im zweiten Kapitel theoretische Grundlagen der Untersuchung erläutert. Als solche werden folgende verschiedene Themengebiete theoretisch betrachtet: Zum einen wird das Thema Flucht mit deren Hintergründen und Auswirkungen sowie rechtlichen und psychologischen Kontextbedingungen thematisiert, zum anderen werden die Themen Trauma und Migration mit deren relevanten Aspekten aufgegriffen und erläutert und zuletzt wird das Thema Bewältigung mit relevanten psychologischen Modellen und Forschungsergebnissen in diesem Bereich dargestellt.

Im dritten Kapitel werden die angewandten Methoden der vorliegenden empirischen Forschungsarbeit beschrieben, während im vierten Kapitel der methodische Feldzugang vorgestellt wird. Die Autorin hat drei narrative Interviews mit zwei jungen Flüchtlingen aus Westafrika und mit einer aus dem mittleren Osten geführt, deren Fallgeschichten sie im fünften Kapitel einzeln darstellt, um sie dann hinsichtlich deren persönlichen Umgangs mit der Flucht und der damit einhergehenden traumatischen Erfahrungen zu analysieren. Die Fallgeschichten erfolgen jeweils in der gleichen Systematik: dem bibliografischen Hintergrund folgen Darstellung und Reflexion des Forschungsprozesses; abgeschlossen wird jeweils mit der Darstellung der Gesprächsinhalte.

Das letzte Kapitel enthält eine zusammenfassende Schlussbetrachtung. Hier fasst die Autorin die wesentlichen Ergebnisse der Einzelfallanalysen zusammen und bespricht sie einerseits in Bezug zu den theoretischen Grundlagen und andererseits hinsichtlich deren gesellschaftlicher und sozialpolitischer Bedeutung.

Diskussion

Narrative Interviews mit traumatisierten Flüchtlingen als Datenbasis für die empirische Forschungsarbeit zugrunde zu legen ist gewissermaßen risikohaft insofern, als Gespräche schwierig verlaufen können, da zu erwarten ist, dass die jungen Flüchtlinge die Gespräche aufgrund ihres migrationspolitischen Hintergrunds strategisch führen. Ihr besonderer Fokus ist erfahrungsgemäß darauf gerichtet, sich so zu artikulieren und zu verhalten, dass sie nicht gleich wieder abgeschoben werden. Dies erschwert dann insgesamt die Analyse und Interpretation der Gespräche. Die Autorin erkennt diese Schwierigkeit und geht souverän damit um. Sie reflektiert und betrachtet sie aus mehreren Perspektiven. Sie macht deutlich, dass sie mit solchen kniffligen Gesprächen sehr sensibel umgehen kann.

Ihre Feststellung ist plausibel: Ungelöste Konflikte aus der Heimat sind mit der Flucht und Migration weiterhin nicht gelöst; das Leben in Deutschland stellt zudem eine gänzlich neue Situation für die jungen Flüchtlinge dar, die mit Chancen, Herausforderungen sowie auch Enttäuschungen geprägt ist. Grafe verdeutlicht das eindringlich am Beispiel eines Gesprächspartners, der sich seine Biografie mit einer Legendenbildung konstruiert und bei der Wahl dieser Bewältigungsform in auffällige Stresssituationen gerät.

Die Resultate der Arbeit sind insgesamt interessant und tragen durchaus zu einem besseren Verständnis der Wahrnehmungs- und Handlungsmuster unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland bei und verdeutlichen zugleich die Relevanz gesellschaftspolitischer Strukturen.

Fazit

Den Aussagen von Frau Nadig im Vorwort kann zugestimmt werden, dass hier eine klare, informative und wissenschaftlich transparente Forschungsarbeit vorliegt, die „die Verwobenheit zwischen wissenschaftlichen Konzepten, Politik und der persönlichen Psychodynamik“ (S. XIII) in gelungener Weise herausarbeitet. Die Erkenntnisse der Untersuchung von Grafe sind nicht nur gesellschafts- und sozialpolitisch, sondern auch für psychosoziale Begleitung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen relevant. Daher kann die Publikation allen am Thema interessierten Personen empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 04.09.2014 zu: Stephanie Grafe: Identitäten im Übergang. Perspektiven und Bewältigungsformen jugendlicher Flüchtlinge in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2013. ISBN 978-3-643-12121-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16083.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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