Katarina Greifeld (Hrsg.): Medizinethnologie. Eine Einführung
Rezensiert von Prof. Dr. Marianne Brieskorn-Zinke, 02.06.2014
Katarina Greifeld (Hrsg.): Medizinethnologie. Eine Einführung.
Dietrich Reimer Verlag
(Berlin) 2013.
204 Seiten.
ISBN 978-3-496-02859-8.
D: 19,95 EUR,
A: 20,60 EUR,
CH: 26,90 sFr.
Reihe: Ethnologische Paperbacks.
Thema
Das vorliegende Buch steht in der Tradition der deutschen Ethnomedizin. Im Vorwort erläutert Wolfgang Bichmann diese Tradition. Vor 29 Jahren erschien das Bändchen „Krankheit und Kultur. Eine Einführung in die Ethnomedizin“. Es folgten in den nachfolgenden Jahren Überarbeitungen, Erweiterungen und Neuauflagen, bis 2013 unter Herausgeberschaft von Katarina Greifeld dieses Buch vorgelegt wurde.
Wolfgang Bichmann betont in seinem Vorwort die große Bedeutung der Ethnomedizin in unsere heutigen Zeit, da das Wissen um die kulturelle Konstruktion medizinischen Wissens und Tuns wichtig sei für die angemessene Gestaltung der gesundheitlichen Versorgung in unserer globalisierten Welt. Das Buch richtet sich entsprechend sowohl an ethnologische Laien, als auch an Fachleute aus verwandten Disziplinen.
Aufbau
Das Buch ist als Sammelband in 6 Kapitel aufgeteilt, die jeweils von unterschiedlichen Autoren verfasst wurden:
- Einführung in die Medizinethnologie von Katarina Greifeld
- Einführung in die Medizinethnologie Südamerikas von Josef Drexler
- Gesundheit und Krankheit in Ozeanien von Verena Keck
- Krankheit und Gesundheit in Afrika: Aspekte an der Schnittstelle von Anthropologie und Medizin von Ruth Kutalek
- Medizinethnologie in Europa – ethnologische Perspektiven auf Biomedizin und andere Heilsysteme von Nicholas Eschenbruch
- Beschneidung von Mädchen und Frauen sowie von Jungen und Männern von Katarina Greifeld, Perta Pfnadschek und Armin Prinz
Ausgewählte Inhalte
Da es aufgrund des Umfangs und der Vielfältigkeit der Inhalte dieses Buchs kaum möglich ist, alle Inhalte angemessen wiederzugeben, wird diese Rezension sich vor allem auf zwei Kapitel beziehen, die exemplarisch herausheben, worum es in diesem Buch geht.
Das erste Kapitel von Katarina Greifeld verfasst, setzt sich vornehmlich mit der Geschichte und mit Begriffsbestimmungen der Medizinethnologie auseinander. Zunächst werden Bezüge hergestellt zur Anthropologie, zur Ethnologie und zur Völkerkunde und nationale und internationale Entwicklungen dieser Gebiete beschrieben. Dann gibt die Autorin einen kurzen Einblick in die Geschichte der Medizinethnologie, wobei sie herausstellt, dass die gesamte Entwicklung der Humanmedizin immer auch vor dem Hintergrund sozialer und kultureller Bedingungen und Gegebenheiten mitgedacht werden muss. Sie setzt sich kritisch mit der Biomedizin auseinander, die das Heilen und den Menschen immer mehr aus der Perspektive der Technik betrachte und den Menschen als Ganzheit, dass heißt in seinem kulturellen und sozialen Gewordensein aus dem Auge verliere. Dazu werden viele Beispiele aus der Medizinkritik aufgeführt, wie die Organtransplantationen oder die Reproduktionsmedizin.
In einem weiteren Kapitel stellt die Autorin potentielle Arbeitsfelder für Medizinethnologen dar und setzt sich mit deren Forschungs- und Arbeitsbedingungen kritisch auseinander. Sie zeigt an beispielen auf, dass medizinethnologische Erkenntnisse sehr wohl zur Verbesserung der Basisgesundheitsversorgung in unterschiedlichen Ländern beitragen können, wenn sie denn in der richtigen Weise gehört würden.
Des Weiteren gibt sie im „Ausblick“ einen sehr informativen Überblick über die Themen der nachfolgenden Kapitel. Es geht um dabei um wichtige Themen der Medizinethnologie Afrikas, Asiens, Lateinamerikas, Ozeanien und Europas.
Alle Kapitel sind interessant und lohnenswert zu lesen. Hervorheben möchte ich jedoch das 6. Kapitel, in dem es um das vieldiskutierte Thema der Beschneidung geht. Dieses Kapitel ist in zwei Teile aufgeteilt. Ein Teil behandelt die Beschneidung von Mädchen und Frauen, der andere Teil die Beschneidung von Jungen und Männern. Die Autoren stellen die jeweiligen Beschneidungspraxen vor dem Hintergrund kultureller Setzungen und Rituale dar und hinterfragen die heutige westliche Diskussion mit ihren Wertungen dazu. Es wird herausgearbeitet, dass nicht alles, was wir in Europa als gut, gesund und schön empfinden auch vom Rest der Welt so gesehen wird.
Diskussion
Der Anspruch des Buches, eine Einführung in verschiedene Bereiche der Medizinethnologie zu geben, wird voll erfüllt. Das Buch ist ein interessanter Durchgang durch zentrale Themen der Medizinethnologie. Es ist übersichtlich aufgebaut und die jeweiligen Themen werden fundiert und kenntnisreich eingeführt. So hat die LeserIn bereits nach dem ersten Kapitel einen sehr guten Einblick darin, was ihn / sie in diesem Buch erwartet.
Welche Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit gibt es in unterschiedlichen Regionen der Welt und welche Körperbilder liegen diesen Vorstellungen zugrunde? Was leitet sich daraus für das medizinische Handeln ab? Obwohl von unterschiedlichen Autoren verfasst, ist die Beantwortung dieser Fragen durchgängig in allen Kapitel zentral. So wird der/die LeserIn in besonderer Weise für die kulturellen Konstruktionen von medizinischem Wissen und Handeln in unterschiedlichen Teilen der Welt sensibilisiert.
Fazit
Den AutorInnen dieses Buches ist es gelungen, ein einführendes und zugleich umfassendes Werk über Medizinethnologie zu verfassen. Es gibt neben einem klaren Überblick über das, was Medizinethnologie ist und bewirken kann, auch vertiefte Einblicke in die kulturell geprägte Praxis im Umgang mit Krankheiten.
Es ist interessant und gut verständlich geschrieben, so dass auch Angehörige der Pflege- und Heilwissenschaften, der Sozialarbeit, der Psychologie und verwandter Berufe gut von der Auseinandersetzung mit diesen Fragen profitieren können.
Rezension von
Prof. Dr. Marianne Brieskorn-Zinke
Mailformular
Es gibt 3 Rezensionen von Marianne Brieskorn-Zinke.





