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Andrea Bruhn, Carmen Kramer u.a.: Beteiligung des sozialen Umfelds im Täter-Opfer-Ausgleich

Cover Andrea Bruhn, Carmen Kramer, Wolfgang Schlupp-Hauck: Beteiligung des sozialen Umfelds im Täter-Opfer-Ausgleich. Leitfaden für die Mediation. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2013. 80 Seiten. ISBN 978-3-7841-2462-9. 12,80 EUR.

Reihe Jugend und Familie (J 12). Sonderpreis für Mitglieder des dt. Vereins für Fürsorge 9,80 €.
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AutorInnen

Die AutorInnen des Bandes sowie die Mitwirkende Monika Painke sind MediatorInnen und MitarbeiterInnen des Jugendamtes Stuttgart. Andrea Bruhn als Diplom-Pädagogin und Wolfgang Schlupp-Hauck als Sozialarbeiter arbeiten in der Schlichtungsstelle der Jugendhilfe im Strafverfahren. Carmen Kramer als Religionspädagogin und systemische Beraterin und Trainerin ist in Teilzeit als Praxisberaterin bei Qualität und Qualifizierung im Jugendamt Stuttgart tätig.

Entstehungshintergrund

Die Darstellung beruht auf den Erfahrungen von 20 Konferenzen im Bereich des Jugendamtes Stuttgart. Die „Wiedergutmachungskonferenzen“ (WMK) wurden 2007 in Stuttgart eingeführt. Sie knüpfen an die Modelle „Wagga Wagga“ (Australien) und „EigenKracht“ (Niederlande) an. Als theoretische Grundlage dient der Ansatz der Restorative Justice. Ziel des Buches ist es, „dazu beizutragen, interessierten Fachkräften einen Überblick über die Organisation und Durchführung von Wiedergutmachungskonferenzen zu geben.“ (2013, 8).

Aufbau und Inhalt

Die AutorInnen verdeutlichen bereits gleich am Anfang, dass der Begriff „Wiedergutmachungskonferenz“ aus unterschiedlichen Gründen nicht optimal für die Bezeichnung der Beteiligung des sozialen Umfeldes im Täter-Opfer-Ausgleich geeignet ist. Deshalb wählen sie allein den Begriff „Konferenz“ für die weiteren Ausführungen. Es wird differenziert zwischen beteiligten Personen (tatverantwortlicher und geschädigter Person) und betroffenen Personen (Menschen, die zum System der beteiligten Personen gehören).

Im ersten Kapitel wird das Konzept der Konferenz dargestellt. Die Vorteile dieser Form des Täter-Opfer-Ausgleichs sehen die AutorInnen darin:„nicht nur…systematisch Konflikte mit vielen Teilnehmenden zu schlichten, sondern…auch die sozialen Ressourcen [zu mobilisieren], um nachhaltige Lösungen für schwierige (Lebens-)Situationen zu finden. Dabei werden stärker die `Wurzeln´ der Konflikte und die Frage nach nötigen Veränderungen in der Lebenssituation der straffälligen Personen in den Blick genommen. Das Modell verwirklicht die Aspekte `Partizipation´ und `Empowerment´ und birgt damit großes Rehabilitations- und Präventionspotenzial.“ (2013, 11). Nach einem kurzen Eingehen auf die strafrechtlichen Regelungen des Täter-Opfer-Ausgleichs erfolgt eine nähere Umschreibung der möglichen Beteiligten aus dem sozialen Umfeld. Als Kernstück der Konferenz werden die fünf klärenden Fragen herausgestellt: 1. Was ist passiert bzw. wie habe ich davon erfahren?; 2. Was habe ich gedacht oder gefühlt?; 3. Welche Folgen hatte der Vorfall für mich und andere?; 4. Was ist das Schlimmste/das Schwerste?; 5. Was ist der Kern der Sache?. Im Anschluss erfolgt eine kurze Darstellung der fünf Phasen der Konferenz, die im Grundsatz den Phasen der Mediation und des Täter-Opfer-Ausgleichs entsprechen. Das Kapitel schließt mit der Sensibilisierung für Risiken. Eine Konferenz sei ein emotional sehr schwieriger Prozess. Ggf. seien gerade deshalb Unterstützungspersonen der Beteiligten, des/r MediatorIn oder ein/e PsychologIn als TeilnehmerInnen wichtig. Einer zu starken Beschämung der tatverantwortlichen Person sei durch unterstützende Personen entgegenzuwirken, die auch Positives über die Person berichten können. Die emotionale Belastung der geschädigten Person sei im Vorgespräch abzuklären. Zentral für die gesamte Konferenz sei es, dass der/die MediatorIn Vertrauen aufbaue und wertschätzend arbeite, so dass für alle Beteiligten und Betroffenen ein Gefühl der Sicherheit entstehe. Der/die MediatorIn begleite den Prozess, aber mache keine eigenen Lösungsvorschläge. Seine/Ihre Kompetenz liege darin, dass die Beteiligten und Betroffenen in den Vorgesprächen und in der Konferenz eigene Ideen und Vorstellungen entwickeln und miteinander kommunizieren.

Im zweiten Kapitel wird die Durchführung einer Konferenz dargelegt. Als für eine Konferenz geeignet, werden mittelschwere und schwere Straftaten herausgestellt. Neben den beteiligten Personen seien mindestens sechs betroffene Personen anwesend. Voraussetzung sei weiterhin, dass der Tatvorwurf in der Hauptsache (nicht unbedingt im Hinblick auf die strafrechtliche Würdigung) zutreffe. In der Vorbereitungsphase kläre der/die MediatorIn, ob er/sie für sich eine unterstützende Person benötige, nehme Kontakt zu den Parteien auf, führe persönliche Vorgespräche und plane die Konferenz. Detailliert beschreiben die AutorInnen das Vorgehen, geben Tipps für schwierige Entscheidungen bis hin zu konkreten Formulierungsvorschlägen. Diese umfassen insgesamt 19 der 59 Seiten des Bandes und stellen damit die Bedeutung einer guten und detaillierten Vorbereitung der Konferenz heraus. Im Anschluss wird ein konkreter Leitfaden für die Durchführung der Konferenz im Täter-Opfer-Ausgleich gegeben:

  1. Begrüßung und Vorstellung inklusive einer Präambel, die das Ziel der Konferenz festlegt, und einer Vereinbarung der Gesprächsregeln;
  2. Aufarbeitung der Tat und Entschuldigung;
  3. Überleitung zur Einigungsphase;
  4. Pause, Gelegenheit für Essen/Trinken und informelle Gespräche;
  5. Fortsetzung der Einigungsphase;
  6. Ideen sammeln und kategorisieren;
  7. Erstellen einer Vereinbarung, Konkretisierung und Zusammenfassung;
  8. Abschlussrunde;
  9. Informelle Phase (Essen/Trinken) und Verschriftlichung der Vereinbarung durch MediatorIn;
  10. Unterschreiben des Plans, ggf. Blitzlicht und Beenden der Konferenz.

Weitergehend werden die Umsetzungsphase des Plans, die Rückmeldungen an die Staatsanwaltschaft bzw. das Gericht sowie die Evaluation der Konferenz durch die Teilnehmenden kurz angesprochen.

In den Anlagen finden sich ein Ablaufschema der Konferenz, ein Musterbrief an die geschädigte Person, Checklisten für die Vorgespräche, die Konferenzvorbereitung und den Konferenzablauf, Moderationstipps sowie ein Fragebogen für die Evaluation.

Diskussion

Die AutorInnen verstehen es, den Grundgedanken der Restorative Justice für die Praxis in der Form von Konferenzen im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs transparent und anwendbar zu machen. Die Zentralität des/der MediatorIn als ProzessbegleiterIn sowie die Fokussierung auf die Gefühle und Bedürfnisse der Beteiligten ohne Vornahme von Stigmatisierungen wird auf jeder Seite deutlich und für die Praxis umsetzbar sowie an sozialpädagogische bzw. sozialarbeiterische Konzepte anknüpfbar dargestellt. Trotzdem wird deutlich, dass es sich bei den Konferenzen eben nicht um Soziale Arbeit im klassischen Sinne handelt. Gefahren des Net-widening versuchen die AutorInnen zu begegnen, indem sie klarstellen, dass Konferenzen nur für mittelschwere und schwere Straftaten geeignet sind. Besonders hilfreich seien Konferenzen für hocheskalierte Konflikte und schnell aggressiv werdende Personen. Die kurzen Fallbeispiele sind zumeist perfekt geeignet, um relevante Aspekte und Schwierigkeiten transparent zu machen.

Probleme, die bei der Zuweisungspraxis durch Staatsanwaltschaften und Gerichte entstehen können, werden nicht verdeutlicht. Eine Angleichung der in unterschiedlichen Kapiteln genannten strafrechtlichen Regelungen könnte noch erfolgen. Die genaue Funktion der informellen Phase und das Umgehen mit möglicherweise in dieser neu entstehenden Lösungen bleiben teilweise unklar. Widersprüchlich ist der Hinweis, bei Konferenzen, bei denen sich der/die verurteilte TäterIn in Haft befinde, sei eine persönliche Teilnahme nicht möglich und auch nicht notwendig.

Optimal wäre bei einer Neuauflage, wenn neben der Darstellung, die sich auf das Jugendamt und die Rechtslage in Baden-Württemberg (im Hinblick auf landesrechtliche Regelungen des Strafvollzugs bzw. von Standards) bezieht, Ergänzungen für mögliche Besonderheiten bei Erwachsenenkonferenzen und die Rechtslage des gesamten Bundesgebietes vorgenommen würden. Eine Angleichung der in unterschiedlichen Kapiteln genannten strafrechtlichen Regelungen könnte noch erfolgen. Hilfreich wäre es gewesen, wenn im Literaturverzeichnis für LeserInnen, die noch keine Kenntnisse im Hinblick auf die theoretischen Grundlagen der Restorative Justice besitzen, zwei Standardwerke wie z.B. Sullivan/Tifft (2008) und Zehr (2010) angegeben worden wären.

Fazit

Ein Buch von der Praxis für die Praxis, das über die Darstellung der praktischen Anwendung die Grundgedanken der Restorative Justice vermittelt. Für Fachkräfte, die sich bereits mit den theoretischen Grundlagen der Restorative Justice auseinandergesetzt und eine Ausbildung als MediatorIn sowie Erfahrungen im Strafrechtssystem besitzen, ein guter Leitfaden für die Arbeit. Für Lehr- und Ausbildungszwecke ist das Buch sehr gut geeignet, wenn es in ein fundiertes Seminarkonzept eingebettet ist, das zunächst die theoretischen Grundlagen vermittelt.

Literatur

  • Sullivan, Dennis/Tifft, Larry (ed)(2008): Handbook of Restorative Justice, Oxon
  • Zehr, Howard (2010): Fairsöhnt. Restaurative Gerechtigkeit. Wie Opfer und Täter heil werden können, Schwarzenfeld

Rezension von
Prof. Dr. Gaby Temme
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Zitiervorschlag
Gaby Temme. Rezension vom 25.09.2014 zu: Andrea Bruhn, Carmen Kramer, Wolfgang Schlupp-Hauck: Beteiligung des sozialen Umfelds im Täter-Opfer-Ausgleich. Leitfaden für die Mediation. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-7841-2462-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16091.php, Datum des Zugriffs 03.07.2020.


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