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Rainer Lehmann: Aufforderung zum Ungehorsam

Cover Rainer Lehmann: Aufforderung zum Ungehorsam. Ein Pamphlet. VAS Verlag für Akademische Schriften (Bad Homburg) 2013. 150 Seiten. ISBN 978-3-88864-518-1. D: 14,80 EUR, A: 15,30 EUR, CH: 16,00 sFr.

Jakobinerclub Frankfurt: Schriftenreihe des Jakobinerclubs Frankfurt - Band 1.
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Die Fähigkeit, Alternativen zu denken

Wissen und Gewissen müssen sich gleichzeitig entwickeln, sonst geraten Mut und Moral , Skepsis und Vertrauen in eine Schieflage, die Unfreiheit hervorbringt. Erich Fromm hat in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ (1966) darauf hingewiesen, dass der Mensch bei seinem Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Leben sich im Zwiespalt von Unabhängigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstherrlichkeit und Abhängigkeit, Anpassungsbereitschaft, Einsamkeit befindet. Die Zivilisierung der menschlichen Existenz macht, so Norbert Elias in seinem „Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“ (1989), den gesellschaftlichen Zwang zum Selbstzwang notwendig. Dass es dazu des Bewusstseins zur Subversion bedarf (Bertrand Russel: Freiheit ohne Furcht. Erziehung für eine neue Gesellschaft, 1975) bedarf, hat in treffender Weise Kurt Marti in seinem Schweizer Mundartgedicht „Wo chiemte mer hi“ zum Ausdruck gebracht, das Hans A. Pestolozzi als „positive Subversion“ bezeichnet: „Wo kämen wir hin / wenn alle sagten / wo kämen wir hin / und niemand ginge / um einmal zu schauen / wohin man käme / wenn man ginge“ (Nach uns die Zukunft, Frankfurt/M., 1979). Die Frage nach Auctoritas und Potestas, nach Anpassung und Widerstand bewegt im gesellschaftlichen und politischen Diskurs die Menschen, seit sie in Gemeinschaften zusammen leben. Immerhin: Die europäische Aufklärung hat die Erkenntnis vermittelt, dass der Mensch kraft seiner Vernunftbegabung und seiner Fähigkeit zum politischen, sprich kritischen Denken in der Lage ist, sich aus einer selbstverschuldeten Unfreiheit zu befreien. Ein Merkposten bei diesem schwierigen, herausfordernden und befreiungsrelevanten Unterfangen ist: „Zivilcourage“ (Ulrich Beer, Zivilcourage, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12604.php). Es ist nicht das stromlinienförmige, auf Nutzen und Profit orientierte Denken und Handeln, das Menschlichkeit und Humanismus ermöglichen, sondern das Denken von Alternativen. Dieses Bewusstsein, dass es einen Perspektivenwechsel weg vom (ökonomischen und existentiellen) „Immer-Weiter-Immer-Schneller-Immer-Mehr“ und hin zu einem sozialgerechtigkeitsbezogenen Leben für alle Menschen auf der Erde bedarf, wird immerhin, wenn auch langsam und erst einmal intellektuell diskutiert und formuliert. Die Ideen und Konzepte sind mittlerweile sogar nobelpreiswürdig geworden (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php).

Autor

Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat in ihrem unabhängigen Bericht zur Lage und Entwicklung der (Einen?) Welt (1995) den dramatischen Appell formuliert: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Der Sozialwissenschaftler Rainer Lehmann weiß aus seiner Lebens- und Berufserfahrung, was es heißt, umzudenken, mit Brüchen im Leben zu leben und sie sogar als Chancen für Bewusstseinserweiterung zu begreifen. Mit dem Büchlein, das er als „Pamphlet“ bezeichnet, wendet er gegen die von den Mächtigen sorgsam und gezielt kolportierte Argumentation, dass „Gehorsam“ eine „normale“, friedens- und gesellschaftsstiftende Eigenschaft sei; vielmehr ist er überzeugt, dass „Gehorsam ( ) beiläufig die Voraussetzungen der einzigen, dem Bürger angemessenen Alternative: der Einsicht (vernichtet)“.

Aufbau und Inhalt

Das Büchlein, das man getrost in der Jackentasche mit sich tragen kann, wird, neben dem Prolog und den Nachsätzen, in acht Kapitel gegliedert. Im ersten Teil „Zumutungen“ rekurriert der Autor auf historische Texte, aus denen er die Forderung formuliert: „Skepsis, Zweifel und nötigenfalls Ungehorsam sind Bürgerpflicht“. Im zweiten Kapitel polemisiert er gegen die „Kultur der Zechpreller“. In den allein auf ökonomischem Wohlstand hin orientierten Verbrauchern sieht er die willigen Vollstrecker der Gier der Kapitalisten; und die Auswege aus dieser Unmenschlichkeit erkennt er im revolutionärem Denken und Handeln, etwa in den Formen, wie sie sich in den Occupy-Strategien zeigen (Peter Mörtenböck / Helge Mooshammer, Occupy. Räume des Protests, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14101.php). Mit dem sperrigen, konträren, aber unbedingt zusammengehörenden Begriffspaar „Freiheit und Gerechtigkeit“ rührt er an der Frage „Freiheit für WEN, um WAS zu tun?“ (siehe dazu auch: Rahel Jaeggi / Daniel Loick, Hrsg., Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15989.php). Die Ursachenforschung danach, was für ein denkbares, wünschbares und machbares „gutes Leben“ möglich und notwendig und gegen das „Neuromarketing“ zu unternehmen ist, gehört heute ja zu den philosophischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Spätestens an der Stelle muss es um die Frage gehen, wie Menschen sich ökonomisches und egoistisches Denken und Handeln angewöhnen. Die Antwort darauf ist eindeutig: als „Kopffüßer“, denen bekanntlich der Bauch, also der empathiegesteuerte Verstand fehlt. Die „Koordinaten des Ungehorsams“ sind damit leicht gezeichnet: Theorie und Praxis müssen zusammen finden bei der Nachschau darüber, wie wir geworden sind, was wir sind, wie auch beim Blick hinter die gespiegelte auf die wirkliche Wirklichkeit. Es bedarf der Anstrengung zu erkennen, dass es kein richtiges Leben hinter dem falschen gibt, um denkend und handelnd zu begreifen: „Alles, was mein Recht ist, ist auch das Recht anderer, mithin kann ich nicht für mich Rechte einklagen, ohne sie für die anderen verbürgen zu wollen“ (Marcel Gauchet).

Fazit

Ungehorsamkeit ist kein Chaos, sondern ein Menschenrecht und eine Menschenpflicht; denn „Gehorsam bedarf zwingend einer Begründung, Ungehorsam einer Erklärung, die auch die Notwendigkeit von Tabubrüchen, Regelverletzungen und …von Gesetzesübertretungen vermittelt“. Damit Ängste „nicht Seelen aufessen“, bedarf es mündiger, selbstbewusster und den eigenen Verstand gebrauchender Bürgerinnen und Bürger, die sich nicht nur trauen, ungehorsam gegenüber ungerechten Systemen und Entwicklungen zu sein, sondern Ungehorsamkeit als die Voraussetzung erkennen, dass Menschlichkeit mehr ist als ökonomischer Wohlstand. So wird das „Pamphlet“ von Rainer Lehmann tatsächlich zu einer Aufklärungsschrift, die es lohnt, zu lesen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.01.2014 zu: Rainer Lehmann: Aufforderung zum Ungehorsam. Ein Pamphlet. VAS Verlag für Akademische Schriften (Bad Homburg) 2013. ISBN 978-3-88864-518-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16098.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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