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Stefan Pohlmann (Hrsg.): Gut beraten. Forschungsbeiträge für eine alternde Gesellschaft

Cover Stefan Pohlmann (Hrsg.): Gut beraten. Forschungsbeiträge für eine alternde Gesellschaft. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 304 Seiten. ISBN 978-3-658-00225-1. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Das Buch geht der Frage nach, wie man sich auf die nun schon jahrzehntelang und sattsam bekannte Entwicklung des Altwerdens oder Älterwerdens immer größerer Teile unserer Bevölkerung im Bereich der Beratung einstellen sollte. Reicht die bisherige Art und Weise der Beratungsarbeit in den öffentlichen Institutionen, in den Sozial-, Gesundheits- und Pflegediensten, in den Bildungseinrichtungen, in der Arbeitswelt, in den Selbsthilfekontakt- und Beratungsstellen, in den Einrichtungen des Bürgerengagements und der Freiwilligenarbeit, in der Altenarbeit, im Kontakt mit Angehörigen, im Wohnbereich und allgemein überall dort aus, wo Ältere beraten werden, und genügt sie den Ansprüchen, die eine altersangemessene Beratung ausmachen? Oder ist es notwendig, die Beratungsarbeit in allen diesen Einrichtungen zu optimieren, sie auf neue Bedarfslagen einzustellen und dabei auch neuere Ergebnisse der Forschung zu berücksichtigen. Selbstverständlich sollte beachtet werden, dass es sich bei den älteren, alten und hochbetagten Menschen um auch in sich höchst differenzierte Gruppen (nach Geschlecht, Herkunft, sozialer Lage, Lebensstilen, Bildungsstand, Lebens- und Berufserfahrung etc.) handelt, die natürlich auch nach differenzierten Konzepten der Beratungsarbeit verlangen. Dies macht die Aufgabe der Beratung so komplex. Um in solchen Fällen die angesprochenen und andere Fragen beantworten zu können, muss dem Forschungsstandard entsprechend eine umfangreiche empirische Untersuchung durchgeführt werden, um festzustellen, wie die Wirklichkeit aussieht.

Herausgeber und Autoren

Als Herausgeber dieser Publikation wird Stefan Pohlmann genannt, der seit 2004 Professor für Gerontologie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München ist und dort eine 2009 von ihm ins Leben gerufene Forschungsabteilung für Interdisziplinäre Gerontologie leitet. Stefan Pohlmann hat das erste Kapitel allein geschrieben, die weiteren sieben Kapitel gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Paula Heinecker und seinem Mitarbeiter Christian Leopold.

Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt es sich im wesentlichen um einen Bericht über ein Drittmittelprojekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung über drei Jahre gefördert und von Stefan Pohlmann geleitet wurde.

Aufbau und Inhalt

„Offene Fragen“ behandelt der erste, aus zwei Kapiteln bestehende Teil der Veröffentlichung.

Die „Herausforderungen der Alter(n)sberatung“ werden im ersten Kapitel dargestellt.

Es geht vor allem um die Bewältigung der für ältere Menschen bedeutungsvollen Risiken: Dazu zählt das Morbiditätsrisiko, nämlich gehäuft bestimmte Krankheiten zu erleiden, die z. B. zu Veränderungen der Wohn- und Lebenssituation, aber auch des Lebensgefühls führen können; besonders die Zunahme chronischer Erkrankungen hat beträchtliche Auswirkungen auf den Beratungsbedarf. Als weitere sogenannte Abhängigkeitsrisiken werden Altersarmut und Pflegebedürftigkeit sowie fehlende solidarische Netzwerke und Infrastrukturen genannt. Exklusionsrisiken sind Krankheit und Mobilitätseinschränkungen, die mit Verlust oder Gefährdung sozialer Kontakte einhergehen. Stigmatisierungsrisiken können dadurch gegeben sein, dass bestimmte Altersbilder die Wahrnehmung des Alters in einer Weise steuern, die dem Alter die Gleichberechtigung und die Qualität versagt, auch ein gestaltbarer Entwicklungsprozess zu sein.

Der Blick auf die Altersrisiken allein genügt nicht. Die Beratungsarbeit muss auch auf die mit dem Alter verbundenen Ressourcen und Potentiale gerichtet sein: Hier sind zeitliche, soziale und psychische Ressourcen sowie die vor allem aus der früheren Berufsarbeit herrührenden fachlichen und methodischen Potentiale zu nennen.

Um in der Beratung richtig mit Risiken und Ressourcen des alten Menschen umgehen zu können, sollten verschiedene Ansätze des erfolgreichen Alterns bekannt sein, die durchaus kombiniert werden können. Darüber hinaus ist Biographiearbeit unerlässlich, wenn es darum geht, individuell ausgerichtete und dem sozialen Kontext angepasste Empfehlungen zu formulieren. Für die Auslotung der individuellen Potentiale wird auf ausgewählte Testbatterien für die Bereiche Kognition, Befindlichkeit, Angst, Lebensqualität und Selbständigkeit hingewiesen.

Beratungsarbeit -so das Fazit- soll die Risiken Älterer minimieren und ihre Ressourcen stärken. Gute Beratung trägt zur Resilienz bei, die darin besteht, trotz Beeinträchtigungen und Verluste ein normales Alltagsleben führen zu können oder ein normales „Funktionsniveau“ beizubehalten oder wiederzugewinnen, wie man auch schreiben kann.

Das zweite Kapitel beschreibt die Anlage der Untersuchung:

Gegenstand der Untersuchung ist das breite Spektrum von unterschiedlichen Angeboten, die zum Altern und zum Alter Rat anbieten; dabei kann es sich u. a. um Finanz- und Einkommensfragen, um Rechts-, Wohnungs- und Gesundheitsfragen, um Ernährung, Freizeit und psychosoziale Problemlagen sowie um die Vermittlung sozialer Dienste Handeln. Diese weitgefächerte Landschaft der Alter(n)sberatung wird nach den Regeln der empirischen Kunst – Dokumentenanalyse, Sachstandsanalyse, Zielgruppenanalyse, Konzeptanalyse, Interaktionsanalyse und Umsetzungsanalyse unter methodischen Einsatz von Literaturrecherche, postalische- /Onlineerhebung, Interviews und Befragungen, Theorieabgleich, teilnehmende Beobachtung und Befragung sowie Evaluation – mit folgenden übergeordneten Zielen untersucht:

  • Aufschluss über aktuelle Beratungsangebote
  • Aufspüren wichtiger Kennzeichen der Beratung
  • Identifizierung der Qualifikationsanforderungen

Grundlegende Absicht ist es, Wege aufzuzeigen, wie durch Beratungsarbeit die Lebensqualität im Alter erhalten werden kann.

Der zweite Teil gibt in insgesamt fünf ausführlichen Kapiteln die „Empirischen Antworten“ auf die Untersuchungsfragen. Handlungsfelder der Alter(n)sberatung, Zielgruppen der Altern(s)beratung, Leitkonzept der Altern(s)beratung, Dynamik der Altern(s)beratung, Qualifikationsansätze für die Altern(s)beratung, so sind die einzelnen Kapitel betitelt. Am Ende eines jeden Kapitels werden die entsprechenden Forschungsergebnisse zusammengefasst; hier gibt es viele durchaus interessante Befunde. Der mit gut 180 Seiten sehr umfangreich ausfallende Teil macht ferner die spezifischen Schritte der Untersuchung transparent und für den Leser nachvollziehbar.

Kommen wir jetzt zu den „Handlungsempfehlungen“, dem dritten und letzten Teil der Untersuchung. Hier muss sich erweisen, ob Forschungsaufwand und Ergebnisse in einem guten Verhältnis stehen. Zunächst einmal wird unterstrichen, dass mit dieser Studie erstmalig ein gewichtiger Datenkorpus vorliegt, der Aussagen über die Vielfältigkeit der Alter(n)sberatung und ihrer Handlungsfelder auf der Ebene der Bundesrepublik ermöglicht. Was das Beratungsangebot angeht: In der Beratungsarbeit wird zu wenig auf Präventionspotentiale eingegangen; ein bedarfsorientierter Ausbau solcher Angebote sollte verstärkt angestrebt werden. Außerdem ist die Beratung pflegender und begleitender Angehöriger in vielerlei Hinsicht zu verbesserungswürdig. Was die Beratung selbst angeht, so ist sie noch zu wenig auf bereits vorliegende altersrelevante Konzepte und Modelle gegründet; so kann zum Beispiel die Aktivierung von eigenen Ressourcen und Potentialen nur dann gelingen, wenn die materielle Umwelt und das soziale Netz des Ratsuchenden sowie die zugrunde liegenden Lebenslagen und die Personenmerkmale konzeptionell in die Beratungsarbeit einfließen. Wie eine Beratung zum erfolgreichen Altern strukturiert erfolgen sollte, wird in einer informativen und den Text zusammenfassenden Abbildung gezeigt. Was letztendlich die Qualifikationsanforderungen der Altern(s)beratung angeht, so können entsprechende Angebote in die bestehenden Studiengänge der Sozial- und Gesundheitswissenschaften aufgenommen werden. Von einer systematischen Vorbereitung auf die Altern(s)beratung kann indes noch nicht die Rede sein.

Diskussion

Leider merkt man den aus Forschungsberichten – insbesondere aufgrund spezifischer Anforderungen und Darstellungsweisen – produzierten Büchern stets ihre Herkunft an. Das offene Lob des Auftraggebers, der mit seiner Förderung genau den sachlich gebotenen Notwendigkeiten entspricht, und das Vorbereiten weiterer, sich gleichsam natürlich ergebender Förderungen im Argumentationsverlauf, sind nur zwei direkt ins Auge fallende Stilmängel. Sie lassen sich weniger mit wissenschaftlicher Haltung und Distanz vereinbaren als vielmehr mit dem Zwang erklären, zur weiteren Forschung Drittmittel einwerben zu müssen. Mir persönlich fehlt es an überraschenden und nicht vorhersehbaren Einsichten und Forschungsergebnissen, was aber auch an der untersuchten Wirklichkeit selbst liegen kann. Um einen explosiveren und phantasievolleren Output zu erhalten, sollte man vielleicht der vorgängigen Theorie- und Hypothesenbildung ein wenig mehr Aufmerksamkeit widmen und sie auf eine breitere Grundlage stellen, die zum Beispiel philosophische und anthropologische, aber auch psychiatrische Überlegungen zum Altern einschließen könnte.

Fazit

Keine Frage: Das Buch ist lesenswert und kann insbesondere von jemandem, der sich selbst näher mit der Beratungstätigkeit auseinandersetzen will oder gar selbst in diesem Feld eine empirische Studie oder eine andere Arbeit durchführen möchte, mit Gewinn studiert werden. Auch der Profi, ob Sozialplaner oder in der Beratung Tätige, kann Anregungen und Ideen für seine Praxis und seine Fortbildung finden.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 29.09.2014 zu: Stefan Pohlmann (Hrsg.): Gut beraten. Forschungsbeiträge für eine alternde Gesellschaft. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-00225-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16112.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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