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Jürgen Lieser, Dennis Dijkzeul (Hrsg.): Handbuch Humanitäre Hilfe

Rezensiert von Dominic Kudlacek, 28.04.2014

Cover Jürgen Lieser, Dennis Dijkzeul (Hrsg.): Handbuch Humanitäre Hilfe ISBN 978-3-642-32289-1

Jürgen Lieser, Dennis Dijkzeul (Hrsg.): Handbuch Humanitäre Hilfe. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2013. 466 Seiten. ISBN 978-3-642-32289-1. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.

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Thema

Wenn humanitäre Hilfe erforderlich wird, dann sind Menschen in Not oder in ernster Gefahr. Humanitäre Hilfe wird daher immer unter erheblichem Zeitdruck geleistet. Jürgen Lieser[1] und Dennis Dijkzeul[2] sehen in diesem Druck die Ursache dafür, dass humanitäre Hilfe in Deutschland lange Zeit nur selten wissenschaftlich reflektiert wurde. Ihrer Auffassung nach gehört es noch immer zum „Image des humanitären Helfers […], schnell und entschlossen zu handeln, weil die Not akut ist und die Hilfe keinen Aufschub duldet“ (S. 2). Der Mangel an kritischer Reflexion ist ihrer Auffassung nach auch darin begründet, dass humanitäre Hilfe durch Mitleid, Hilfsbereitschaft oder Nächstenliebe motiviert ist. „Diese moralische Motivation macht Hilfe quasi unantastbar. Das heißt, es erscheint unethisch, die Qualität von Hilfe infrage zu stellen, diese Anhand von Maßstäben wie Effektivität und Effizienz zu messen oder auf nicht-intendierte Nebeneffekte zu überprüfen.“ (S. 2)

In der Vergangenheit hat sich jedoch gezeigt, dass unreflektiertes Handeln bei humanitären Katastrophen die Lage der Betroffenen nicht angemessen bessert. Wie sich nach dem Völkermord in Ruanda gezeigt hat, kann die unüberlegte Verteilung von Hilfsgütern auch zur Verschärfung von ethischen Konflikten beitragen. Darüber hinaus ist es schlichtweg nicht nachvollziehbar, weshalb unreflektierte Hilfe, die nur wenige Betroffene erreicht und nur wenig Wirkung entfaltet „moralisch besser“ sein soll, als durchdachte Maßnahmen, die mithilfe der zur Verfügung stehenden Ressourcen eine möglichst große Wirkung erzielen und dadurch mehr Menschen erreichen. Gerade weil humanitäre Hilfe mit Schattenseiten und Fallstricken verbunden ist (vgl. Moke & Dijkzeul, 2005), benötigen Entscheidungsträger und auch ganz praktisch Helfende eine abgesicherte Wissensbasis, die ihnen ein reflektiertes Handeln ermöglicht.

Das von Jürgen Lieser und Dennis Dijkzeul herausgegebene Handbuch Humanitäre Hilfe zielt darauf ab eine solche Wissensbasis zu schaffen. Bei dem Sammelband handelt es sich – ganz im Sinne eines Lehrbuchs – um eine geordnete Zusammenstellung von Texten, die in Theorie und Praxis der humanitären Hilfe einführen sollen.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in fünf Teile gegliedert und umfasst neben einer Einführung insgesamt 22 Beiträge von verschiedenen Autorinnen und Autoren. Im ersten Teil „Theorie und Grundlagen“ informieren drei Beiträge zunächst über wichtige Definitionen, Rechtsgrundlagen und relevante historische Ereignisse. Besonders lesenswert erscheint hier der Beitrag von Jürgen Lieser „Was ist humanitäre Hilfe?“. Der Leser bzw. die Leserin erhält hier eine klare Definition des Begriffs und wird mit den idealtypischen Merkmalen der humanitären Hilfe vertraut gemacht:

„Humanitäre Hilfe richtet sich an die Menschen, die durch Katastrophen in Not geraten sind, unabhängig von ihrer ethnischen, religiösen und politischen Zugehörigkeit und allein nach dem Maß ihrer Not. Sie hat zum Ziel, Leben zu retten, menschliches Leid zu lindern, die Würde der Betroffenen zu wahren und ihnen zur Wiederherstellung ihrer Lebensgrundlagen zu verhelfen. Sie ist geleitet von den humanitären Prinzipien der Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit und basiert auf internationalen Rechtsgrundlagen. Sie umfasst sowohl die Bereitstellung von lebenswichtigen Gütern (Nahrung, Wasser, sanitäre Anlagen, Unterkunft, Kleidung, Gesundheitsdienste und psychosoziale Hilfen) als auch Schutz vor Gewalt und Verfolgung sowie die Unterstützung von Bewältigungsstrategien. Sie trägt dazu bei, die Gefährdung der Betroffenen durch künftige Krisen und Katastrophen zu reduzieren.“ (S. 13)

Der zweite Teil des Bandes trägt die Überschrift „Das humanitäre System“. Hier sind insgesamt sechs Beiträge versammelt, die sich den Akteuren der humanitären Hilfe widmen. Hervorhebenswert erscheint an dieser Stelle der Beitrag von Oliver Müller (Leiter von Caritas international) der die Rolle von lokalen Kooperationspartnern kritisch beleuchtet. Markus Moke und Maria Rüther erörtern in diesem Abschnitt die Bedeutung und Rolle der Medien bei humanitären Katastrophen.

Teil drei des Handbuchs ist mit „Humanitäre Hilfe in der Praxis“ überschrieben. Im zweiten Kapitel dieses Abschnitts geht Hans-Joachim Heintze[3] der Frage nach, welchen Wert der staatlichen Souveränität in Gewaltkonflikten beizumessen ist. Im dritten Kapitel dieses Abschnitts beleuchtet der Tropenmediziner Peter Schmitz[4] das sog. Katastrophenmanagement und Karl-Otto Zentel (Generalsekretär von CARE Deutschland-Luxemburg) stellt Möglichkeiten der Katastrophenvorhersage und der Prävention vor.

Im vierten Teil „Qualität in der humanitären Hilfe“ setzen sich vier Beiträge mit Maßnahmen zur Qualitätssicherung, Professionalisierung und mit Korruptionsbekämpfung auseinander. Hier wird mehrfach auf das Sphere Project eingegangen, das auf die Verbesserung der Qualität in der humanitären Hilfe zielt. Im Rahmen dieses Projektes wurden Grund- und Mindeststandards für die Ausbildung und Arbeit von Hilfskräften erarbeitet und Maßnahmen zu ihrer Etablierung entwickelt. Mehrfache Erwähnung findet auch die Humanitarian Accountability Partnership International (HAP), die insbesondere auf die Schaffung von Transparenz und die Rechenschaftslegung in der humanitären Hilfe zielt. Das Kapitel von Manuela Roßbach (Geschäftsführerin des Bündnisses deutscher Hilfsorganisationen) gibt hier auch einen guten Überblick über die zahlreichen anderen, teilweise weniger bekannten Programme und Aktionsbündnisse.

Der fünfte Teil „Herausforderungen der humanitären Hilfe“ bündelt die vielleicht interessantesten fünf Kapitel des Buches. Die hier versammelten Beiträge sind weniger deskriptiv bzw. weniger ordnend. Viel mehr beleuchten sie kritisch bestimmte Dilemmata und Konflikte die stets mit der humanitären Hilfe verbunden sind. Beat Schweizer erörtert bspw. den immer wiederkehrenden Widerspruch zwischen dem theoretischen Anspruch, wie er in gut gemeinten Handbüchern und Aktionsbündnissen formuliert ist und den Zwängen der Wirklichkeit. Hier wird u.a. deutlich, mit welchen Konflikten der Grundsatz der Neutralität verbunden sein kann:

„Am deutlichsten wird das an der Frage, ob die Mitarbeiter von humanitären Organisationen mit dem Internationalen Strafgerichtshof zusammenarbeiten sollten.[…] Man kann dies als ein Dilemma zwischen Menschlichkeit und dem Streben nach Gerechtigkeit bezeichnen (Wortel 2009). Auch in einem solchen Dilemma besteht die Spannung zwischen denen, die ihre Pflicht zu helfen in den Vordergrund stellen und sich auf den humanitären Imperativ berufen, und denen, die argumentieren, dass man vordringlich die Ursachen eines Problems bekämpfen sollte und deshalb politisch handeln müsse und nicht neutral bleiben dürfe.[…]“ (S. 343)

Der Beitrag von Wolfgang Jamann (Generalsekretär und Vorsitzender der Deutschen Welthungerhilfe) macht deutlich, dass Hilfe in Konfliktsituationen immer zum Bestandteil des Kontextes des Konflikts wird (S. 355). Die Analyse möglicher Folgen eines Hilfsprogramms im Vorfeld der Durchführung (Do-No-Harm-Ansatz) führt in den meist unübersichtlichen Situationen in denen Hilfe erforderlich wäre dabei nicht selten zu „Do No Aid“ (S. 361).

Die Konflikte und Dilemmata, die in den kritischen Beiträgen von Schweizer und Jamann dargestellt und erörtert werden, führen letztlich zu der Frage der sich Jochen Hippler [5] im 21 Kapitel des Bandes stellt: Militärinterventionen im Namen der Humanität? Hier findet der Leser bzw. die Leserin eine Auseinandersetzung mit der „Responsibility to Protect“ und mit möglichen Kriterien für einen „gerechten Krieg“ sowie mit den damit verbundenen völkerrechtlichen Aspekten. Die kritischen und überaus gelungenen Analysen münden allerdings in ein Fazit in dem einmal mehr die mangelnde Handlungsfähigkeit der Vereinten Nationen kritisiert wird:

„Wenn humanitäre Interventionen aus dem gegenwärtigen Graubereich zwischen politischer Rhetorik, nationaler Interessenpolitik und humanitären Absichten herausgeführt und zu einer realen politischen Option der internationalen Politik werden sollen, dann setzt dies die Weiterentwicklung der VN zu einer in humanitären Fragen tatsächlich unparteilichen und neutralen Institution voraus, in der die nationalen Eigeninteressen stärker zurückgedrängt werden. Möglicherweise wäre es dann sinnvoll, einer unabhängigen Institution – vergleichbar dem Internationalen Gerichtshof – eine Mitentscheidungsmöglichkeit über das Vorliegen eines humanitären Notstandes und der völkerrechtlichen Voraussetzungen einer Intervention einzuräumen. Außerdem wären eigene, robuste Streitkräfte unter dem ständigen Kommando der VN nötig, um diese aus ihrer militärischen Abhängigkeit von den Großmächten zu befreien und selbst zeitnah handlungsfähig werden zu lassen.“ (S. 387).

Leider wird dieses Resultat (was ebenso weitläufig bekannt wie richtig sein dürfte) nicht näher untersucht. Jürgen Lieser und Dennis Dijkzeul greifen dies in ihrem Schlusskapitel „Bilanz, Perspektiven, Herausforderungen“ auf und stellen die provokante Frage „Alter Wein in neue Schläuche?“

Fazit

Das Handbuch Humanitäre Hilfe bündelt zahlreiche deskriptive wie auch analytische Beiträge die überwiegend von Entscheidungsträgern aus der Praxis und von Wissenschaftlern verfasst wurden. Der Band richtet sich an einen großen Leserkreis: Er kann Mitarbeitern von Hilfsorganisationen und Studierenden diverser Fachrichtung als Einführung aber auch als Nachschlagewerk dienen. Da das 466 Seiten umfassende Buch quasi konkurrenzlos ist, erscheint der Preis von 49,99 EUR angemessen. Das Buch wird über Springer-Link auch in digitaler Form vertrieben und ist somit für die Angehörigen von zahlreichen deutschen Bildungseinrichtungen kostenlos verfügbar.

Literatur

  • Moke, M. & Dijkzeul, D. (2005). Humanitäre Hilfe – Fluch oder Segen? Contacts, 1, 4-6.
  • Wortel, E. (2009). Humanitarians and their moral stance in war: the underlying values. International Review of the Red Cross, 91, 876-779.

[1] Jürgen Lieser ist stellv. Leiter von Caritas international und stellv. Vorsitzender im Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO).

[2] Dennis Dijkzeul ist Professor für Konflikt- und Organisationsforschung an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und Geschäftsführer des Instituts für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der RUB.

[3] Hans-Joachim Heintze ist Professor für Völkerrecht am Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum.

[4] Peter Schmitz ist u. a. Dozent im Masterstudiengang Network on Humanitarian Assistance (NOHA).

[5] Jochen Hippler ist Wissenschaftler am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg Essen

Rezension von
Dominic Kudlacek
Sozialwissenschaftler (Dipl.) an der Bergischen Universität Wuppertal, Fachgebiet Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit

Es gibt 5 Rezensionen von Dominic Kudlacek.

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Zitiervorschlag
Dominic Kudlacek. Rezension vom 28.04.2014 zu: Jürgen Lieser, Dennis Dijkzeul (Hrsg.): Handbuch Humanitäre Hilfe. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2013. ISBN 978-3-642-32289-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16113.php, Datum des Zugriffs 20.06.2024.


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