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Ingrid Kerz-Rühling, Tomas Plänkers: Verräter oder Verführte (Stasi)

Cover Ingrid Kerz-Rühling, Tomas Plänkers: Verräter oder Verführte. Eine psychoanalytische Untersuchung inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Links Verlag (Berlin) 2004. 245 Seiten. ISBN 978-3-86153-327-6. 19,90 EUR.

Unter Mitarbeit von Helmut Müller-Enbergs. Reihe: Forschungen zur DDR-Gesellschaft.
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Zum Thema

"Das Kriegsende bedeutete für Deutschland die Teilung in zwei sich feindlich gegenüberstehende Besatzungszonen.In der jeweils anderen Landeshälfte wurde dann das 'Reich des Bösen' ausgemacht, mit dem man nichts zu tun haben wollte, aber doch untergründig stets verbunden blieb." (S. 18) Ingrid Kerz-Rühling und Tomas Plänkers haben sich als westdeutsche Psychoanalytiker mit einem interessanten Forschungsansatz der Aufarbeitung eines diffizilen Teils der deutschen Geschichte gewidmet, indem sie 20 ehemalige Inoffizielle Mitarbeiter(innen) des MfS ausführlich interviewt haben, diese Interviews vollständig transkribiert und mit Hilfe anderer Fachkollegen ausgewertet und - soweit möglich - in Beziehung zu Aufzeichnungen in den Stasiakten gesetzt haben. Ergänzt wurde die Erhebung noch durch die Auswertung von Persönlichkeitsdaten mittels des Giessen-Tests.

Zum Aufbau des Buches

In der Einleitung werden nach einem kurzen Überblick über den Aufbau des MfS einige analytische Grundannahmen über Spionagebeziehungen erläutert, in der private Grenzen nicht mehr respektiert werden und projektive Mechanismen am Werk sind, die den anderen unter Umständen von Anfang an verdächtig machen. Im Anschluss daran wird die Methodik der Untersuchung nachvollziehbar erläutert: Die 20 Interviewten stellen eine nicht repräsentative Auswahl dar, die aber eine große Spannweite von unterschiedlichen Lebenslagen früherer Inoffizieller Mitarbeiter umfasst, und in der mit 9 von 20 Frauen deutlich mehr Frauen zu Wort kommen, als es der realen Geschlechterverteilung bei den Inoffiziellen Mitarbeitern entsprach (hier waren nur etwa 10% Frauen).

Zu lesen sind dann auf knapp 100 Seiten Zusammenfassungen der 20 Interviews und im späteren Verlauf noch ausführliche Darstellungen von zwei ausgewählten Einzelfällen. Diese Interviewausschnitte regen bereits sehr zum Nachdenken über die ganz unterschiedlichen Ausgangssituationen der Inoffiziellen Mitarbeiter an, reflektieren deren Kindheitserfahrungen, die Notlagen bei der Anwerbung und unterschiedliche Verstrickungen im Erwachsenenalter und thematisieren zudem die Beziehung zwischen Interviewer(in) und IM.

In der Gesamtbeurteilung werden nun die

  • Motive für die Teilnahme an der Untersuchung,
  • die Anwerbung durch das MfS,
  • die Art der inoffiziellen Zusammenarbeit,
  • die unbewussten Motive (wie z.B. Suche nach Liebe und Anerkennung, Wiedergutmachung elterlicher Verfehlungen oder Befriedigung von Rachegefühlen)
  • die Beziehung zum Führungsoffizier (der nicht selten Mangelerfahrungen aus der Kindheit geschickt auszunützen verstand)
  • die Persönlichkeitsstruktur und entstandene Konflikte
  • die Verarbeitung der Konspiration und die heutige Sicht

analysiert und einem Vergleich zwischen Aktenlage und den Interviewaussagen unterzogen.

In den abschließenden Überlegungen heben die Autoren noch einmal hervor, dass verbalisierte Erinnerungen keine objektiven Reproduktionen vergangenen Geschehens sind, sondern subjektive Schöpfungen vor dem Hintergrund der Beziehung zwischen Interviewtem und Interviewer darstellen. Sie halten jedoch die psychoanalytisch geprägten Interviews, in denen es nicht um Anklagen und Verteidigung geht, für eine gute Möglichkeit, den Betroffenen zu ermutigen, offen über ihre Situation zu sprechen.

Versuch einer Bewertung des Buches

Meine Sicht spiegelt die Perspektive einer Psychiaterin und Psychotherapeutin wider, die vor 11 Jahren aus Nordrheinwestfalen nach Brandenburg übergesiedelt ist: Ich halte das Buch für sehr lesenswert, weil es eine sehr differenzierte Beschäftigung mit dem Thema ermöglicht, und tendenziell weder anklagt noch entschuldigt. Allerdings habe ich mich manchmal gefragt, wie die Interviewten nach Drucklegung die Interpretation der Gespräche und die Deutung ihrer unbewussten Motive erlebt haben. Sätze wie: "Auch wenn sie sich immer wieder kämpferisch zeigt, wird sehr deutlich, wie hilflos und verzweifelt sie ist und dass sie die Traumatisierung durch den Gefängnisaufenthalt nie verarbeitet hat." (S. 83), können bei einem so dargestellten Menschen einiges auslösen. Die Interviews erlaubten es den Betroffenen teilweise erstmals, offen über ihre Erlebnisse zu sprechen, sie haben in die Teilnahme an der Studie eingewilligt, aber es wäre aus meiner Sicht dennoch eine gute Ergänzung gewesen, die eher defizitorientierten Deutungen mit den Betroffenen zu besprechen und diesen Feedbackprozess im Buch kurz darzustellen.

Fazit

Insgesamt regt das Buch jedoch in jedem Fall an, Pauschalurteile über Inoffizielle Mitarbeiter zu hinterfragen und verstärkt Gespräche mit Inoffiziellen Mitarbeitern, Opfern und weniger stark persönlich involvierten Personen über Bespitzelungen und deren Ursachen und Folgen zu führen. Der psychoanalytische Ansatz des Buches bietet meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit, biografische Erfahrungen und politisches Verhalten miteinander in Beziehung zu setzen, ohne vorschnell eindimensionalen Kausalitätsbeziehungen zu verfallen.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 05.10.2004 zu: Ingrid Kerz-Rühling, Tomas Plänkers: Verräter oder Verführte. Eine psychoanalytische Untersuchung inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Links Verlag (Berlin) 2004. ISBN 978-3-86153-327-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1612.php, Datum des Zugriffs 19.06.2021.


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