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Bettina Greiner, Alan Kramer (Hrsg.): Welt der Lager

Cover Bettina Greiner, Alan Kramer (Hrsg.): Welt der Lager. Zur "Erfolgsgeschichte" einer Institution. Hamburger Edition (Hamburg) 2013. 359 Seiten. ISBN 978-3-86854-267-7. D: 32,00 EUR, A: 32,30 EUR, CH: 45,50 sFr.
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Lager als Orte der Ein- und Ausgrenzung

Die begriffliche Bedeutung von „Lager“ lässt sich in vielfacher Weise darstellen: In einem Lager werden Gegenstände aufbewahrt; eine Lagerstätte kann ein Ort sein, in dem Rohstoffe zu finden sind; ein Lager kann man sich zum Schlafen bereiten lassen; in einem Flüchtlingslager werden Menschen untergebracht, deren Aufenthaltsrecht noch nicht geklärt ist; ein Zeltlager kann für eine Jugendgruppe eine Menge Spaß bereiten; in einer Maschine befindet sich ein Teil, das als Lager die Funktionsfähigkeit und Stabilität garantiert; in politischen Auseinandersetzungen wird von Lagerbildung gesprochen; Lagerbier kann schmackhaft sein – und die Unterbringung von Menschen in einem Konzentrations- oder Arbeitserziehungslager ist die höchste, verabscheuungswürdigste Menschenrechtsverletzung (vgl. dazu z. B.: Andrea Tech, Arbeitserziehungslager in Nordwestdeutschland 1940 – 1945, Göttingen 2003, www.socialnet.de/rezensionen/1130.php; Wolfgang Benz / Barbara Distel, Hrsg., Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 2: Frühe Lager – Dachau – Emslandlager, C. H. Beck Verlag, München 2005, 607 S.; Wolfgang Benz / Barbara Distel, Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd 3: Sachsenhausen / Buchenwald, München 2006, 660 S.).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Angesichts der Begriffsverwirrung und der unterschiedlichen Benutzung des Begriffs „Lager“ ist es durchaus hilfreich, eine etymologische und gesellschaftspolitische Klärung aus lokaler und globaler, historiographischer und ideologischer Sicht vorzunehmen. Im Rahmen der „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ wurde vom Hamburger Institut für Sozialforschung von Bettina Greiner, Christoph Jahr, Jens Thiel, Alan Kramer und Claudia Siebrecht im April 2011 die Tagung „Die Welt der Lager. Ausgrenzung, soziale Kontrolle und Gewalt in transnationaler Perspektive“ durchgeführt. Im vorliegenden Sammelband werden die interdisziplinären Beiträge zur Thematik abgedruckt. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung Bettina Greiner und der Historiker und Lehrstuhlinhaber für europäische Geschichte am Trinity College in Dublin, Alan Kramer, geben den Tagungsband heraus. Dabei wird nicht angestrebt, einen Querschnitt durch die Geschichte der Lager darzustellen; vielmehr soll in repräsentativen Beispielen „eine neue Perspektive für die Lagerforschung auf (gezeigt werden), wobei … Fragen nach dem Ursprung, dem Begriff und dem Funktionswandel der Lager entscheidend sind“. Dass dabei nicht alle Lagersysteme angesprochen werden, etwa die Lager in Südafrika, in südamerikanischen Ländern oder im kommunistischen China und Nordkorea, bedeutet nicht, das betonen die Herausgeber und Organisatorenteam des Colloquiums in besonderer Weise, dass diese aus der globalhistorischen Betrachtung etwa weniger wichtig und bedeutsam wären. „Grundsätzlich gilt, dass es nicht um eine Hierarchisierung von Leid und Terror geht, sondern um den Versuch einer erweiterten Perspektive“. Aus dem Querschnitt der von den Experten vermittelten Themenzugängen und Diskussionsbeiträgen wird im übrigen auch deutlich, dass ebenso nicht das Ziel sein kann, eine Relativierung der einzelnen Lagertypen und -situationen vorzunehmen!

Aufbau und Inhalt

Einleitend werden insgesamt 34 kleinformatige SW- und Farbabbildungen von ausgewählten Ansichten und Situationen in Kriegsgefangenen-, Konzentrations- und Internierungslagern dargestellt, in denen bereits eine wichtige Zielsetzung der sozialwissenschaftlichen Betrachtung der Beiträge im Sammelband erkennbar wird: Die in den verschiedenen Lagern inhaftierten Menschen werden „nicht dafür festgehalten, was sie getan haben, sondern dafür, was sie sind“. Alan Kramer arbeitet diese Unterschiede zum Gefängnis in seiner Einleitung dezidiert heraus. Es sind überwiegend die imperialen, nationalen, rassistischen, ideologischen, hierarchischen und diktatorischen Denkansätze und Höherwertigkeitsvorstellungen, die Lagersysteme als Ordnungsmaßnahmen entstehen ließen. Kramer spricht deshalb „von einer Kulturrevolution des Staates…, die im Ersten Weltkrieg die Entstehung des modernen Lagersystems ermöglichte“. Im Zweiten Weltkrieg entstand eine neue Welt der Lager, „nicht nur als Orte des Genozids, sondern in einer enormen Funktionsvielfalt für die totale soziale Umgestaltung“. Und die in der Kolonial- und Nachkolonialzeit entwickelten Praktiken der Lagerunterbringung von missliebigen Personen und Kritikern durch penibel ausgetüftelte und wissenschaftlich entwickelte, nicht selten von den diktatorischen und demokratischen Machthabern befohlene Foltermethoden dürfen in der Analyse nicht fehlen. Es gilt, „Zivilisationsbrüche“ kenntlich zu machen!

Im Sammelband werden die einzelnen Beiträge historisch eingeordnet. Im ersten Teil geht es um die Epoche „Von der Frühneuzeit bis zur Moderne um 1900“, im zweiten um „Die Entstehung der Lager im Kommunismus und im Faschismus aus dem Geist des Ersten Weltkrieges“, und im dritten Teil um „Lager von 1945 bis zur Gegenwart“.

Der Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London, Andreas Gestrich, thematisiert: „Konzentrationslager: Voraussetzungen und Vorläufer vor der Moderne“. Der „homo sacer“, der nackte, rechtlose Mensch, steht im Gegensatz zum Souverän, der als Rechthaber und Rechtsbegründer sich genauso außerhalb einer demokratischen Rechtsordnung befindet wie er. Der Autor erkennt in dem rechtlosen „Ort des Ausnahmezustandes drei Entwicklungen, die zusammen genommen die Konzentrationslager erst möglich machen: Da ist zum einen der Umgang mit Fremden, zum anderen der Umgang mit Kriegsgefangenen, und zum dritten der Umgang mit so genannten asozialen und widerspenstigen Bevölkerungsgruppen. In einer historischen und sozialgeschichtlichen Analyse zeigt der Autor auf, dass Formen von Xenophobie, Höherwertigkeitsvorstellungen und Stigmatisierung Ideologien entstehen lassen, bei denen rechtlose Ausgrenzung, Separierung und Vernichtung zum angeblichen, nationalen Rechtsgut definiert werden.

Der Hamburger Sozialforscher Andreas Stucki diskutiert „Streitpunkt Lager. Zwangsumsiedlung an der imperialen Peripherie“. Am Beispiel von Maßnahmen der Zwangsumsiedlung von Bevölkerungsgruppen (Reconcentración) während der kubanischen Unabhängigkeitskriege von 1868 – 1898 setzt er sich mit den machtpolitischen Formen auseinander, die dazu dienen sollten, der kubanischen Guerilla Handlungs- und Überlebensmöglichkeiten zu entziehen. Die Politik der Guerillabekämpfung und Bevölkerungskontrolle, wie sie am vorgestellten Beispiel analysiert wird, legt den Schluss nahe, dass es sich dabei um übernommene und gleichzeitig in anderen Zusammenhängen weiterwirkende Aktionen handele, die also gewissermaßen exemplarisch stehen. Diese Schlussfolgerung stellt der Autor mit seiner Forschung in Frage und weist darauf hin, dass die kubanische Situation zwar einzelne gemeinsame Standards bei der Widerstandsbekämpfung aufweist, Möglichkeiten des Transfers auf aktuelle Formen, etwa der Terrorbekämpfung, jedoch nicht aufzeigt.

Die Historikerin Claudia Siebrecht von der Universität Sussex informiert in ihrem Beitrag „Formen von Unfreiheit und Extreme der Gewalt“ über Entstehung und Funktion in den Konzentrationslagern während des Kolonialkrieges von 1904 bis 1908 in der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika. Die Zusammenhänge von totalitärer und kolonialer Herrschaft sind evident. Die koloniale, ethno- und eurozentrierte Kriegserfahrung zeigt zum einen ein Bild von Unsicherheit und Schwäche dem Fremden gegenüber, der zum anderen demonstrierte Stärke, Unnahbarkeit und Unbarmherzigkeit entgegengesetzt werden musste. Dazu kommt, dass die Realitäten an der „Kolonialfront“ mit den nationalen und imperialen Erwartungshaltungen in der „Heimat“ kollidierten. In den Lagern wurden diese Erfahrungen gewissermaßen umgedreht; auch der einfache Kolonialsoldat erhielt dort Aufgaben und übte Funktionen aus, die oftmals weit über sein Denk- und Handlungsvermögen und seine moralischen Strukturen hinaus reichten. Dies führte dazu, dass „Kontrolle, Regulierung, Entrechtung und Unfreiheit das Verhältnis der deutschen Kolonialmacht zu den Herero und Nama“ bestimmten.

Heather Jones von der London School of Economics and Political Science fragt mit seinem Beitrag: „Eine technische Revolution?“ nach den Entwicklungen und Strukturen, die im Ersten Weltkrieg mit der Errichtung und der Funktion der Kriegsgefangenenlager entstanden. Entgegen den traditionellen Erfahrungen über die Behandlung von Kriegsgefangenen vollzog sich im Ersten Weltkrieg ein Wandel in zweierlei Hinsicht. Einerseits entwickelten sich Synergien zwischen Wissenschaft und Gefangenenwesen; andererseits veränderte sich das Verhältnis von Staat und Kriegsgefangenschaft. Arbeitskommandos sowohl im Heimatgebiet wie hinter der Front und Vergeltungsmaßnahmen in den Lagern bildeten somit bürokratische Formen im „Kriegsgebiet“ Lager: „Die Bevölkerungen gewöhnten sich an die Lager und die Arbeitskommandos in ihrer Mitte; langfristige Einsperrung und Zwangsarbeit galten nun als die maßgebliche Umgangsweise mit feindlichen Kombattanten und sogar mit feindlichen Zivilisten“.

Der Historiker an der Humboldt-Universität zu Berlin, Felix Schnell, setzt sich auseinander mit dem „Gulag als Systemstelle sowjetischer Herrschaft“. Er differenziert die landläufige Einschätzung, die vor allem durch Alexander Solschenizyns Buch „Archipel Gulag“ entstanden ist und ordnet den Gulag in einen größeren, machtpolitischen und ideologischen Zusammenhang ein, als Gefängnis, Strafkolonie, Sondersiedlung, psychiatrische Klinik und sogar „ortlos“, als Zwangsarbeitsverpflichtung ohne Haft. Das Lager in den unterschiedlichen, repressiven und rechtlosen Ausprägungen entwickelte sich als „soziales System“, das einzig und allein deshalb entstand, um die „richtige“ und „konforme“ Einstellung zur Staatsideologie und -macht herzustellen. Dass der Gulag „sich zunehmend als ein Treibhaus (entwickelte), das mehr Probleme und Kosten verursachte als Vorteile brachte“, hat das System zwar verändert. Es bleibt die Frage, ob die (historischen) Separierungs-Ideologien und die Vorstellungen von gewaltsamen Besserungs- und Erziehungsmaßnahmen Vergangenheit sind?

Marc Buggeln und Michael Wildt von der Humboldt-Universität reflektieren „Lager im Nationalsozialismus, Gemeinschaft und Zwang“. Sie gehen im ersten Teil ihres Aufsatzes auf die vielfältigen Formen und Funktionen von (Straf-)Lagern im Nationalsozialismus ein und setzen sich im zweiten Teil mit den Zwangslagern im Krieg auseinander. In den Arbeitslagern wurden überwiegend Gegner des Regimes und Nichtarier untergebracht. Im Gegensatz zum Gefängnis war das Lager ein Ort eigener, ideologischer Ordnung, in dem keinerlei Rechtsrahmen galt und auch nicht einzuhalten war. Die Gemeinschaftslager, in denen Asoziale, politische Feinde, Juden, Sinti und Roma untergebracht wurden, waren in der Struktur bereits in der Weimarer Republik vorgedacht und teilweise, z. B. als „Zigeunerlager“, realisiert. Der „freiwillige Arbeitsdienst“, nicht nur für Gefangene, erhielt mit dem Gesetz über den Reichsarbeitsdienst 1935 eine gesellschaftliche Akzeptanz, die sicherlich dazu beitrug, dass „Arbeit als Besserungs- und Resozialisierungs-Instrument“ verstanden wurde und sich problemlos einordnen ließ in die nationalsozialistische Ideologie „Arbeit macht frei“. Die „Lager für Volksgenossen“ sollten bewirken, dass das egoistische Ich durch das kameradschaftliche Wir ersetzt wurde. Die Unterschiede zwischen Zwangs- und Gemeinschaftslagern werden dabei deutlich. Das System der Zwangslager im Zweiten Weltkrieg baute gewissermaßen auf diesem ideologischen, hierarchischen, rassistischen und nationalistischen Gedankengut auf. Die Konzentrations-, Kriegsgefangenen- Arbeitserziehungslager und Lager für zivile ausländische Zwangsarbeiter freilich entwickelten sich nach und nach zu Instrumenten der „Mobilisierungsdiktatur“ des Nationalsozialismus, mit den wesentlichen Zielen der Machtsicherung, Umgestaltung der deutschen Gesellschaft und Machtausweitung zu einem europäischen Imperium unter deutscher Führung.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fondazione Museo della Shoah in Rom, Sara Berger, berichtet in ihrem Beitrag „Die Vernichtungslager der ‚Aktion Reinhardt‘: Ein Zusammenspiel von ‚T4‘ – Erfahrungen, Lagerstrukturen und Besatzungspolitik“, über die bürokratisierten und systematisierten Aktionen der Nationalsozialisten, Menschen durch Giftgas zu töten. Die beispiellose Radikalisierung von Völkermord, die durch die „Aktion Reinhardt“ technisch, architektonisch und statistisch durchgeführt und anfangs in ausgewählten Lagern in Polen erprobt wurde, wird von der Autorin anhand der Organisationsstrukturen und dem ausführenden Personal analysiert. Die bis zur technischen Perfektion entwickelte Tötungsmaschinerie wird von der Autorin als „eine nationalsozialistische Erfindung ohne internationale Vorläufer und ohne einen transnationalen Wissenstransfer“ charakterisiert.

Der Historiker von der Universitat Autònoma Barcelona, Javier Rodrigo, informiert über „Faschismus und die Lager in Spanien und Italien“. Zwar ist die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik in den Konzentrationslagern nicht mit anderen Formen von Lagerhaft und Zwangsarbeit zu vergleichen; doch es zeigen sich Gemeinsamkeiten zu anderen faschistischen und nationalistischen Systemen, z. B. um vom Staat definierte Feinde in Lagern zu konzentrieren und sie von der Bevölkerung zu isolieren, Bemühungen zur Umerziehung, und Ausbeutung durch Arbeit. Der Autor analysiert Masseninternierungen, wie sie von den faschistischen Regimen in Spanien und Italien praktiziert wurden. Mit dem Putsch vom Juli 1936 in Spanien richteten die Falangisten ein Blutbad bei den Gegnern an und sperrten die Überlebenden in Konzentrationslagern (Campos de Concentración) ein. Die im nationalsozialistischen Deutschland gepflegten engen Kontakte zum Franco-Regime dürften in diesem Zusammenhang eine Rolle gespielt haben. Der Faschismus in Italien unter Mussolini war eindeutig gewalttätig organisiert. Gegner wurden sowohl in Italien, als auch in den Kolonien Libyen und Somalia in Internierungslagern festgehalten. Die Ziele dabei waren: Präventive Internierung und Ermordung von ethnischen Minderheiten und politischen Dissidenten. Es ist der Gedanke von der nationalen „Wiedergeburt durch Säuberung“, der die nationalsozialistischen mit den faschistischen Regimen in Spanien und Italien verbindet.

Die Sozialwissenschaftlerin von der Osaka University of Economics and Law, Utsumi Aiko, stellt ihre Forschungsarbeiten zu „Soldaten und Zivilisten in japanischer Gefangenschaft während des Pazifikkrieges 1941 – 1945“ vor. Beim Kriegsverbrecherprozess am 26. Dezember 1946 in Tokio wurden mit einem Dokumentarfilm Szenen von Überlebenden aus den Kriegsgefangenenlagern gezeigt. Von den 132.134 Internierten überlebten 35.756 die Gefangenschaft nicht, eine Todesrate von rund 27 Prozent. Die Autorin fragt in ihrem Beitrag nach den Wechselbeziehungen und Prozessen, die angesichts der Kriegssituation und den japanischen Traditionen berücksichtigt werden müssen: Militärische Rückschläge und dramatisch zugespitzte Versorgungslage / Angehörige der Kaiserlichen Armee geraten niemals in Kriegsgefangenschaft. Eine tief verwurzelte Gewaltkultur in der militärischen Ausbildung und im Militärdienst hat z. B. auch dazu geführt, dass die japanischen Regierungen jener Zeit die „Genfer Konvention über die Behandlung der Kriegsgefangenen“ (1922) nicht unterzeichnete. Die Kriegsgefangenen wurden ausnahmslos zur Zwangsarbeit verpflichtet, und zwar sowohl in Japan, als auch in den eroberten Gebieten in Taiwan, Korea, der Mandschurei und in China. Beim Bau der Burma-Thailand-Eisenbahnstrecke, die im November 1942 begonnen und im Oktober 1943 abgeschlossen wurde (in der Historiographie wird sie als „Todeseisenbahn“ bezeichnet), wurden 55.000 „weiße“ und 100.000 asiatische Kriegsgefangene eingesetzt. Den Bau der 415 Kilometer langen Strecke überlebten 42.000, darunter 12.000 „weiße“ Zwangsarbeiter nicht.

Bettina Greiner begibt sich mit ihrem Beitrag „Die Speziallager des NKVD in Deutschland, 1945 – 1950“ auf ein „vermintes Terrain“. Trotz der nach wie vor nicht vollständig für wissenschaftliche Forschung einsehbaren Quellenmaterialien, lassen sich eine Reihe von Daten aufzeigen: Der sowjetische Geheimdienst NKVD errichtete Ende des Zweiten Weltkrieges in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) insgesamt zehn Speziallager, in denen insgesamt 157.837 Männer und Frauen, darunter 34.706 Sowjetbürger, festgehalten wurden. Die Autorin stellt dabei die Frage, ob „diese Lager als ‚Außenposten des ‚Archipel Gulag‘ und damit als Einrichtung zu deuten (sind), die hauptsächlich der Durchsetzung der sowjetischen Ordnungspolitik mit terroristischen Mitteln dienten? Oder müssen die Haftmaßnahmen doch primär im Rahmen der Entnazifizierung gesehen werden?“.

Moritz Feichtinger, Doktorand am Lehrstuhl für „Zeitgeschichte in globaler Perspektive“ an der Universität Bern, nimmt sich einer bisher in der Forschung wenig thematisierten Fragestellung an: „Concentration Camps in all but name?“, so lautet seine Nachschau zu „Zwangsumsiedlung und Counterinsurgency“ in den Jahren 1950 bis 1970. Es geht um die britische Umsiedlungspolitik während der „Emergency“ in Malaya und Kenia, die französischen „Camps de Regroupment“ während des Algerienkriegs und die „Strategie Hamlets“ beim Vietnamkrieg. Die Widerstandsbewegung der Malayan National Liberation Army (MNLA), der militärische Arm der Malayan Communist Party (MCP), hat in den Jahren von 1948 bis 1960 der britischen Kolonialarmee durch ihre wirkungsvollen „Nadelstich“ – Aktivitäten in den Dschungelgebieten erheblichen Schaden zugefügt. Die Kolonialmacht führte deshalb in großem Maße Zwangsumsiedlungen der Kleinbauern durch und errichtete an den Rändern des Dschungels neue, eingezäunte und kontrollierte Siedlungen, vor allem um die im Mutterland und in den europäischen Industrien benötigten Gummi- und Zinnrohstoffe zu sichern. Die „Villagisation“ in der britischen Kolonie Kenia war die Antwort auf die seit 1952 zunehmenden Mau-Mau-Aufstände. Die Umsiedlungsmaßnahmen während des algerischen Unabhängigkeitskrieges allerdings stellte alle bisherigen Maßnahmen der Aufstandsbekämpfung in den Schatten. Rund 2,3 Millionen Menschen wurden zwischen 1954 bis 1962 von den französischen Behörden aus ihren Wohnorten vertrieben und in rund 2000 „Camps de Regroupement“ neu angesiedelt. In Südvietnam scheiterten die Versuche der Zentralregierung, zwischen 1959 und 1963, die Bauern in so genannte Agrovilles umzusiedeln und den Menschen neue Wohnungen, Hamlets, zur Verfügung zu stellen. Die Politik der Mächtigen, mit strategischen Dörfern und „Lagern“, gegen die Widerstandsbewegungen vorzugehen, brachte für die Menschen überwiegend Leid und Not, so dass es nicht verwundert, dass mit diesen Maßnahmen Keimzellen des Widerstands entstanden und wirksam wurden.

Der Hamburger Historiker Bernd Greiner beschließt den Sammelband mit seiner provokativen Feststellung: „Die Abschaffung der Lager“, indem er „Lektionen nach zehn Jahren “ zieht. Der weltweite Kampf gegen Terrorismus rechtfertige, so jedenfalls die Diktion und Meinungsbildung von führenden Kräften bei der rigorosen und kompromisslosen Abwehr und beim „War on Terror“, jede Form von Maßnahmen. Das Gefangenenlager Guantánamo gilt dabei als Sinnbild dafür, dass Werte und Normen des „Fair Play“, von Rechtsverbindlichkeit, Menschlichkeit und internationalem Recht bei der Bekämpfung des unmenschlichen Terrorismus außer Kraft gesetzt werden können. Der Autor spricht in diesem Zusammenhang von „Extra-Legalität“ angesichts der gesellschaftspolitischen Entwicklung insbesondere in den USA nach „9/11“: „Die Administration George W. Bush entledigte sich dieser in Jahrzehnten mühsam erarbeiteten Normen und Gesetze binnen weniger Monate. Ihre Ratio: Seit den Anschlägen auf New York City und Washington, D.C. befindet sich die USA im Krieg; für den Umgang mit Terroristen hat das zivile Strafrecht folglich keine Gültigkeit“. Ordentliche Gerichtsverfahren für die Lagerinsassen sind nicht vorgesehen; vielmehr finden Verhandlungen – wenn überhaupt – nur vor Militärkommissionen statt. Diese Praxis hat sich längst ausgeweitet auf Konflikt- und Kriegsschauplätze von Heute, etwa in Afghanistan, Pakistan, Somalia, Jemen…

Fazit

Die „dämonische Erfolgsgeschichte“ der Einrichtung, des Ausbaus und der Weiterentwicklung von (Straf-)Lagern in den unterschiedlichsten Funktionen ist auch ein Thema für wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Reflexionen darüber, was „Lager“ sind, wie sie entstanden, welche Motive und Ideologien sie antreiben und stützen – aber auch, welche Konzepte und Perspektiven es im öffentlichen, demokratischen Diskurs gibt, um sie überflüssig zu machen. Anlässlich einer Fachtagung zum Thema „Die Welt der Lager. Ausgrenzung, soziale Kontrolle und Gewalt in transnationaler Perspektive“, die im April 2011 im Rahmen der „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ stattfand, haben Expertinnen und Experten aus den verschiedenen Wissenschafts- und Forschungsbereichen über die Geschichte und die Realität von Lagern und Lagersystemen nachgedacht. Die Ergebnisse werden im Sammelband „Welt der Lager“ veröffentlicht. Es wäre zu wünschen, dass sie im lokalen und globalen gesellschaftlichen Diskurs Aufmerksamkeit fänden, weil es eine Menschenrechtsverletzung ist, nicht Menschen deshalb einzusperren, weil sie ein Unrecht oder eine Straftat begangen haben, sondern dafür, was sie in ihrer Existenz, in ihrem Denken und Herkunft sind.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.12.2013 zu: Bettina Greiner, Alan Kramer (Hrsg.): Welt der Lager. Zur "Erfolgsgeschichte" einer Institution. Hamburger Edition (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-86854-267-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16121.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


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