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Felix Ackermann, Anna Boroffka u.a. (Hrsg.): Partizipative Erinnerungsräume

Rezensiert von Prof. Dr. Birgit Dorner, 07.11.2014

Cover Felix Ackermann, Anna Boroffka u.a. (Hrsg.): Partizipative Erinnerungsräume ISBN 978-3-8376-2361-1

Felix Ackermann, Anna Boroffka, Gregor H. Lersch (Hrsg.): Partizipative Erinnerungsräume. Dialogische Wissensbildung in Museen und Ausstellungen. transcript (Bielefeld) 2013. 378 Seiten. ISBN 978-3-8376-2361-1. D: 34,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 38,90 sFr.
Reihe: Edition Museum - Band 5
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Thema

Das Buch von Felix Ackermann, Anna Boroffka und Gregor H. Lersch reflektiert das Projekt der Tandemführungen für die Ausstellung „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin, die im Rahmen des internationalen Kulturprogramms der polnischen EU-Ratspräsidentschaft 2011 wurde gezeigt und in Zusammenarbeit mit dem Warschauer Königsschloss erarbeitet wurde, vor dem Hintergrund aktueller Diskurse der Wissensvermittlung und Wissensgenerierung in Museen.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber/-innen dieses Bandes „Partizipative Erinnerungsräume. Dialogische Wissensbildung in Museen und Ausstellungen“ entwickelten im Rahmen eines Seminars zur dialogischen Wissensbildung in Museen der Viadrina-Professur für Geschichte Osteuropas an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina/Frankfurth (Oder) mit dem Titel „Interkulturelle historisch-politische Bildung in musealen Räumen“ Tandemführungen als Form partizipativer Wissensvermittlung. Dieses Projekt wurde in einer Kooperation des Martin-Gropius-Baus und der Kulturprojekte GmbH Berlin realisiert.

Herausgeber und Herausgeberinnen

Felix Ackermann lehrt als Kulturwissenschaftler seit 2011 als DAAD-Langzeitdozent an der Europäischen Humanistischen Universität Vilnius und war in dem Projektzeitrahmen als Leiter der Geschichtswerkstatt Europa zur Analyse europäischer Erinnerungskulturen tätig, einem Förderprogramm der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.

Anna Boroffka ist Kunsthistorikerin und Philologin, derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg beschäftigt und als Kunstvermittlerin für zahlreiche Museen und Ausstellungen tätig gewesen.?

Der Kulturwissenschaftler Gregor H. Lersch, war Projektleiter der Ausstellung „Tür an Tür“ am Martin-Gropius-Bau Berlin. Er entwickelt seit 2007 an der Europa-Universität Viadrina Seminare zu Museumstheorie und -praxis.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Teile:

  1. Zugänge,
  2. Erfahrungen und
  3. Perspektiven.

Im ersten Teil des Bandes stellen die Herausgeber_innen den theoretischen Hintergrund des Pilotprojektes der Tandemführungen im Rahmen der Ausstellung „Tür an Tür“ am Martin-Gropius-Bau Berlin dar, beginnend mit dem Beitrag von Gregor H. Lersch „Museum und Ausstellung. Partizipative Erinnerungsräume“, der zunächst den Rahmen und die Begriffe des dem Band zugrunde liegenden theoretischen Diskurses erläutert und im Anschluss die Reichweite des Konzepts der Partizipation an Museen und Ausstellungen umreißt. Die Autor_innen dieses Buches verstehen darunter eine erweiterte Teilhabe von Museums- und Ausstellungsbesucher_innen sowie Menschen in den sozialen und kulturellen Umfeldern von Museen, die in Austauschprozesse zu bestimmten Themenfeldern treten und über Aushandlungsprozessen kommunikatives und kulturelles Gedächtnis in Ausstellungen sichtbar werden lassen.

Anna Boroffkas diskutiert im Anschluss in „Kultureller Bildung und besucherorientierte Vermittlung. Theoretische Diskursfelder und die Praxis der Museen“ wie das Konzept der kulturellen Bildung in Museen nach und nach das der Museumspädagogik ablöst, welche Auswirkungen dieser Wandel hat und welche Folgerungen daraus für Ausstellungskonzeption, Wissensvermittlung und Wissenskonstruktion in Museen gezogen werden können.

Felix Ackermann bezieht in seinem Artikel „Angewandte Kulturwissenschaften in Theorie und Praxis. Partizipative Wissensproduktion in Theorie und Praxis“ dezidiert eine Gegenposition zur akademischen Tradition, die sich nach wie vor relativ strikt der partizipativen Wissensbildung nach dem „Wikipedia-Prinzip“ verschließt und damit die Deutungshoheit ihrer Analysen und Erzählungen und das akademische Expert_innentum schützen will.

In den drei einleitenden Beiträgen steht damit die Frage im Zentrum, wie Besucher_innen die passive Rolle von Rezipient_innen verlassen können, wie das verstärkte Augenmerk auf Partizipation zukünftig die Arbeitsweise von Museen verändern wird, da schon durch die Ausstellungskonzeption ein entscheidender Schritt zur Möglichkeit der Partizipation der Besucher_innen geleistet wird. Da Museen als kulturelle Kontaktzonen gesehen werden, in denen Inhalte nicht nur rezipiert, sondern aktiv verhandelt werden, impliziert die Frage nach Partizipation unterschiedlicher sozialer Gruppen an diesem Prozess die Suche nach neuen Formen sozialer Inklusion im Museum.

Der zweite Teil des Buches widmet sich der konkreten Ausstellung „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin und den Erfahrungen mit der Entwicklung und Durchführung der Tandemführungen durch Studierende im Masterstudiengang der Europa-Universität Viadrina.

Gregor H. Lersch führt zunächst in das Ausstellungsprojekt „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ ein. Er skizziert das Ausstellungskonzept der polnischen Kuratorin Anda Rottenberg, die versucht, die komplexe binationale Geschichte in 22 Kapiteln anhand von Kunstwerken zu erzählen und dabei keinen Anspruch auf eine objektive, vollständige Erzählung formulieren will.

Felix Ackermann und Anna Boroffka erläutern darauffolgend das Projekt der „Tandemführungen“ als „Doppelt dialogische Wissensvermittlung in der Praxis“. Grundlegende Idee der Tandemführungen war es, Ausstellungsbesucher an der in der Ausstellung erzählten Geschichte teilhaben zu lassen. Das Konzept sah vor, der geführten Gruppe über einen einführenden Dialog zu ausgewählten Exponaten ein gemeinsames Gesprächsangebot in der Form zu machen, dass zwei Studierende, je eine/r aus Deutschland und der/die andere aus Polen dialogisch als Moderatoren durch die Ausstellung führten. Damit sollte die häufig einseitige Wissensvermittlung in Museumsführungen durch eine mehrseitige, partizipative Wissensbildung abgelöst werden. Allerdings trat in der Vorbereitung ein unerwartetes Problem auf, da es nämlich unter den interessierten Studierenden an der Europa-Universität Viadrina kaum sich eindeutig als Deutsche oder Polen verstehende Studierenden gab. Die Biographien fast aller Teilnehmenden waren deutlich hybrider, wobei die größte Gruppe die in Polen Geborenen ausmachte, die im Laufe ihrer Kindheit oder Jugend gemeinsam mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen waren. So wurde also eine Anpassung des ursprünglichen Konzeptes notwendig, das dann den Studierenden freigestellte, welchen Fokus sie im Rahmen der Führungen übernehmen wollten, ob sie eine explizit polnische oder deutsche Perspektive entwickeln wollten oder die Besonderheiten des deutsch-polnischen Verhältnisses im Laufe der Geschichte im Dialog in anderer Weise erleben machen wollten.

In weiteren Kapiteln des Buches werden von Anna Labentz in „Nebeneinander und voneinander“ analytische Überlegungen zur Ausstellung „Tür an Tür“ angestellt und Liane Matern, Anna Labentz sowie Anne Wanitschek berichten in „Doppelte Dialoge. Eine deutsch-polnische Tandemführung als Erfahrungsraum“ und „Anregung durch Andersdenkende“ von den Erfahrungen als Tandem-Moderatorinnen. Constance Krüger analysiert Gästebucheinträge der Ausstellung in „Polen, ich komme!“ und lotet dabei das Potential von Gästebucheinträgen als Besucherrückmeldung zu Ausstellungen aus. In ihrem Beitrag „Dekonstruktion und Versöhnung“ analysiert Maria Albers die Pressereaktionen auf die Ausstellung.

Abgeschlossen wird der Teil Erfahrungen mit einer Reflexion von Felix Ackermann über „Die Grenzen von Multiperspektivität. Zur Inszenierung eines deutsch-polnischen Dialogs“, in dem er das Projekt der Tandemführungen kritisch evaluiert.

Der dritte Teil des Buches „Perspektiven“ richtet den Blick auf bereits verwirklichte und sich in Planung befindende Konzepte partizipativer Wissensgenerierung in Museen, die sich im weitesten Sinne mit deutsch-polnischer Geschichte beschäftigen. Die Beiträge zeigen in unterschiedlichen Facetten auf, wie die Partizipation der Besucher die Arbeitsweise von Museen bei der Gestaltung von Ausstellungen verändert.

Susanne Rockweiler beschreibt in ihrem Beitrag „Tandem als Vermittlungsform“ wie das Konzept der Tandemführungen für weitere Ausstellungen im Martin-Gropius-Bau in Berlin aufgegriffen wurde, da die Evaluation des Pilotprojekts während der Ausstellung „Tür an Tür“ auf ein erhebliches Potential für eine zeitgemäße Vermittlungsarbeit schließen ließ.

Der Artikel „Partizipative Strategien zum Schutz jüdischen Kulturerbes in Polen“ von Léontine Meijer-van Mensch, Dorota Kaw?cka und Aleksandra Janus schildert wie sich durch das gesteigerte Interesse an jüdischer Geschichte in Polen eine heritage community bildete, die zum einen zur Entstehung der sogenannten Jüdischen Renaissancebewegung in Polen führte, einem Land fast ohne Juden, und zum anderen dazu, dass in partizipativen Strategien ein nachhaltiges Konzept zur Erhaltung jüdischen Kulturerbes in Polen entwickelt werden kann.

Jutta Wiedmann wertet in „Den nationalen Kontext verlassen. Deutsche und Polen konstruieren eine binationale Ausstellung“ ihre Erfahrungen in der Vermittlungsarbeit des Museums des Warschauer Aufstands aus und konzipiert einen Workshop, in dem junge Deutsche und Polen gemeinsam eine Ausstellung erarbeiten.

„Räum Dein Stadtmuseum um!“ lautet die Devise für eine konzeptionelle Skizze partizipativer Intervention in die Dauerausstellung 1000 Jahre Breslau. Vasco Kretschmann umreißt die Probleme der mangelnden Aneignung des Breslauer Stadtmuseums durch die Breslauer Bürger und skizziert Lösungsstrategien.

Magda Pyzio stellt in „Das partizipative Stadztmuseum“ eine Vision für die Weiterentwicklung des Museums Neuruppin vor. Für das Haus Brandenburg in Fürstenwalde entwickelt Lisa Just in „Zwangsemigration partizipativ erinnern“ neue Vermittlungsansätze, wie die Vertreibungen des 20. im 21. Jahrhunderts vergegenwärtigt werden können.

Jakob Ackermann reflektiert in „Das Eigene und das Fremde im Museum“ über die museale Re-Präsentation sozialer Differenz.

Den dritten und letzten Teil des Bandes beschließt der Beitrag von Lorraine Bluche und Frauke Miera über „Geteilte Erinnerungsräume. Zur Vision eines inklusiven Museums aus kuratorischer Sicht“.

Im Anhang befinden sich verschiedene Materialien zum Seminar des Pilotprojekts sowie zu konkreten Tandemführungen.

Diskussion

Der Band will an einem konkreten Beispiel das Potential partizipativer Wissensvermittlung und -generierung in Museen und Ausstellungen mit einem historischen Schwerpunkt ausloten, was durchwegs gelingt. Das Resümee aus den konkreten Erfahrungen ist aufgrund seiner Ungeschöntheit genauso interessant wie ernüchternd, da die Besucher_innen von Ausstellungen nur eher zögerlich bereit sind, sich auf partizipative Strategien in Museen und Ausstellungen einzulassen. Es wird aber plausibel aufgezeigt, welche Wege bei der Konzeption zukünftiger musealer Ausstellungen und Vermittlungsarbeit eingeschlagen werden sollten und warum diese notwendig sind.

Die Autoren und Autorinnen knüpfen vielfach an die aktuellen Fachdiskussionen im museumspädagogischen Diskurs an und setzen sie in Bezug zu kulturwissenschaftlichen Fachdiskursen. Diese Verknüpfung unterschiedlicher Fachdiskurse hätte enormes Potential für die Weiterentwicklung von Museumarbeit, allerdings bleiben die Beiträge weitestgehend im schon Bekannten gefangen, zeigen nur selten innovative Überlegungen und Strategien auf.

Dem Mittelteil mit den Schilderungen der Erfahrungen aus dem Pilotprojekt der Tandemführungen im Rahmen der Ausstellung „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin hätte eine Straffung und Bündelung der Beiträge durch die Herausgeber/-innen gut getan, hier wiederholt sich vieles, auch einiges, was schon im einleitenden Theorieteil dargelegt wurde und macht nicht nur diesen Teil des Bandes unnötigerweise langatmig.

Im dritten Teil des Buches versammeln sich höchst heterogene Beiträge, sehr spannende Praxisbeispiel genauso wie fleißig ausgearbeitete Konzeptionsskizzen auf eher studentischem Niveau.

Fazit

Obwohl sich das Buch in erster Linie an Kulturwissenschaftler_innen und Museumspädagogen_innen richtet, ist es trotz seiner Längen für alle diejenigen interessant, die sich mit Vermittlungsarbeit im Rahmen kultureller Institutionen beschäftigen oder in diese einsteigen wollen. Die dargestellten Ansätze und Konzepte der dialogischen und partizipativen Wissensbildung in Museen und Ausstellungen geben Anregungen für weitere Projekte kollektiver Wissensgenerierung im sozialen Raum.

Rezension von
Prof. Dr. Birgit Dorner
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Fachbereich Soziale Arbeit
Professorin für Kunstpädagogik in der Sozialen Arbeit
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Es gibt 12 Rezensionen von Birgit Dorner.

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Zitiervorschlag
Birgit Dorner. Rezension vom 07.11.2014 zu: Felix Ackermann, Anna Boroffka, Gregor H. Lersch (Hrsg.): Partizipative Erinnerungsräume. Dialogische Wissensbildung in Museen und Ausstellungen. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2361-1. Reihe: Edition Museum - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16126.php, Datum des Zugriffs 06.10.2022.


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