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Jürgen Zabeck: Geschichte der Berufserziehung und ihrer Theorie

Rezensiert von Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap, 28.02.2014

Cover Jürgen Zabeck: Geschichte der Berufserziehung und ihrer Theorie ISBN 978-3-940625-35-9

Jürgen Zabeck: Geschichte der Berufserziehung und ihrer Theorie. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2013. 2., erweiterte und überarb. Auflage. 810 Seiten. ISBN 978-3-940625-35-9. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 65,90 sFr.
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Thema

Aus berufs- und wirtschaftspädagogischer Sicht des Autors wird Berufserziehung verstanden als „die beruflich-soziale Integration von Einzelmenschen, wobei im Fokus insbesondere deren berufliche Qualifizierung, individuelle Entfaltung und Identitätsfindung stehen“ (S. 11), und zwar im jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungsstand der Geschichte. Der historische Weg wird – teils sehr detailliert – nachgezeichnet und theoretisch fundiert von ca. 3300 v. Chr. bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts (ausdrücklich ohne Berücksichtigung der Berufserziehung in der DDR). Dabei wird auch das sich wandelnde Verständnis des Berufsbegriffs herausgearbeitet (z. B. durch Martin Luther oder die zunehmende Industrialisierung) – bis heute. Die von den jeweiligen sozial- und geisteswissenschaftlichen Strömungen getragene Berufserziehung und die sich entwickelnde und sich festigende akademische Institutionalisierung der Berufs- und Wirtschaftspädagogik werden ausführlich dargestellt, leider nicht die curricularen und organisatorischen Auswirkungen des Lernfeldkonzepts (beschlossen 1996 von der KMK für die Berufsschule).

Autor

Prof. Dipl.-Hdl. Dr. rer-pol. Jürgen Zabeck war fast 40 Jahre im Hochschuldienst an mehreren Universitäten tätig, zuletzt bis 1997 an der Universität Mannheim.

Entstehungshintergrund

bilden das 80-jährige (Er-)Leben des Autors und sein pädagogisches Wirken in der Praxis und Theorie der Berufs- und Wirtschaftspädagogik, ohne dessen kritische Reflexion dieses umfangreiche Werk nicht entstanden wäre.

Aufbau

Das tief gegliederte Werk besteht aus folgenden Hauptkapiteln:

  1. Zum Problem der berufs- und wirtschaftspädagogischen Historiographie (1 ff.)
  2. Die Berufserziehung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ( 31 ff.)
  3. Die Theorie der Berufserziehung im Zeitalter der Aufklärung und im deutschen Idealismus
    (187 ff.)
  4. Die Berufserziehung und ihre Theorie im Zeichen der industriellen Revolution (251 ff.)
  5. Die Berufserziehung und ihre Theorie im 20. Jahrhundert (459 ff.)

Der ausführliche Anhang (727 ff.) enthält Verzeichnisse der Abkürzungen, zur Zitierweise und Literatur sowie ein Institutionenregister, ein Tabellenverzeichnis, ein Abbildungsverzeichnis und Bildquellenangaben – leider kein Stichwortverzeichnis.

Inhalt

Kapitel I führt in die Begriffsinhalte von Beruf, Berufserziehung und Bildungstheorie sowie die methodologischen Grundlagen (19 ff.) der Geschichtsbeschreibung unter dem Prinzip der Gegenwartsbedeutsamkeit sowie zum Umgang der Berufs- und Wirtschaftspädagogik (hier in Zukunft abgekürzt: BWP) mit der Geschichte ein. Das erste Ordinariat wurde 1923 für „Handelsschulpädagogik und betriebswirtschaftliche Nachbargebiete“ an der Handelshochschule Leipzig eingerichtet, „der eigentliche Durchbruch der neuen erziehungswissenschaftlichen Teildisziplin ‚Wirtschaftspädagogik‘ erfolgte“ jedoch erst 1930/1931 in Berlin und Königsberg“ (22).

Kapitel II ist zeitbezogen gegliedert in die Entstehungsbedingungen und erste Ausprägungsformen der Berufserziehung (31 ff.) von der „Urzeit“ der Berufserziehung im Vorfeld der Schriftlichkeit („Imitatio“) zu den alten Kulturen (Buchführung in Keilschrift) und im deutschsprachigen Raum im 14. Jahrhundert (42). Die Institutionalisierung der Berufserziehung erfolgte „im hohen und späten Mittelalter sowie in der frühen Neuzeit“ (46 ff.) im Zeichen der Verbreitung elementarer Kulturtechniken in Landwirtschaft, Handwerk und Handel (51 ff.); Letzteres vor allem durch die Fernhandelsgebiete in den Kontoren der Hanse und die feinmaschig reglementierte und restriktiv gehandhabte „Nachwuchspolitik der Handwerkerzünfte“ (64 f.). „Berufsausbildungsrelevante Schulen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit“ (65 ff.) wurden gegründet. Denn: „Spätestens im 16. Jahrhundert gab die Kirche ihren Widerstand gegen deutschsprachige Elementarschulen auf“ (69). Der „Aufschwung des Rechenunterrichts im 16. Jahrhundert“ begann mit der Durchsetzung arabischer Ziffern im 15. Jahrhundert (73). „Vielerorts wurde in den Rechenschulen des späten 16. und 17. Jahrhunderts Buchführungsunterricht aufgenommen“(75).

Nächster Schritt ist die ausführliche Darstellung der „Berufserziehung im Zeitalter des Merkantilismus und des Kameralismus“ (79 ff.). Im 17. und 18. Jahrhundert war das Berufsprofil des Handwerkers die Bestimmungsgröße gewerblicher Berufserziehung (89 ff.). Im Mittelpunkt stand dabei „das Hineinwachsen in die sozialen Dimensionen der handwerklichen Tradition“ (98). Die Qualifizierung für kaufmännische Tätigkeiten setzte im 18. Jahrhundert die Beherrschung elementarer Kulturtechniken voraus (115). Im letzten Drittel dieses Jahrhunderts entstanden Schulen mit speziell kaufmännischer Ausrichtung (125). „Das Ausklingen der ‚Handelsschulbewegung‘ an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wird regelmäßig mit äußeren Ereignissen in Verbindung gebracht“ (134) – so z. B. mit den napoleonischen Kriegen. Tiefgreifender war jedoch der inzwischen eingetretene „Durchbruch eines neuen Menschenbildes“ des Neuhumanismus (a. a. O.). Ausgewählte kaufmännische Schulen werden vorgestellt (136 ff.). Die Eingliederung der Unterschicht in das Beschäftigungs- und Schulwesen („Armenanstalten“) begann (153 ff.), deren Vorläufer zur Industrieschulbewegung vor allem die Franckeschen Stiftungen in Halle durch Verbindung von Lehre und praktischer Tätigkeit waren (166 ff.). Für das „historische Phänomen der Industrieschule hat sich die BWP kaum interessiert; sie waren Kinder der Nöte ihrer Zeit“ (185) – konstatiert der Autor.

Der „Theorie der Berufserziehung im Zeitalter der Aufklärung und im deutschen Idealismus“ ist Kapitel III gewidmet: Wie wird die nachwachsende Generation in die arbeitsteilig strukturierte Gesellschaft integriert (191 ff.)? Menschenbildung versus Standeserziehung (219 ff.)? Trennung von allgemeiner und beruflicher Erziehung (222 ff.)? „Berufspädagogische Bezüge bei Pestalozzi und Goethe“ (229 ff.).

Im Kapitel IV (Titel s. o.) wird im ersten Schritt die industrielle Revolution, von der schon 1830 gesprochen wurde, als weltgeschichtliches Phänomen von berufspädagogischer Relevanz beschrieben – in Frankreich und Großbritannien (251 ff.). Rahmenbedingungen im Vorfeld der Hochindustrialisierung in Deutschland thematisieren den zweiten Schritt: mit der „Einführung und Durchsetzung der Schulpflicht (275) und dem starken Anstieg der Bevölkerung und deren „Verstädterung“ (278 ff.), mit der Gewerbeförderung unter Verzicht auf Interventionismus (287 ff.); Letzteres wird für Preußen, Baden und Württemberg exemplifiziert. Drittens werden Beiträge zur Deutung und Lösung der sozioökonomischen Problemlage vorgestellt und kommentiert (319 ff.) – auch u. a. die durch Karl Marx mit Bezugnahme auf das Kommunistische Manifest (323 ff.). Die „Kaufmännische Berufserziehung in Betrieb und Schule bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts“ mit dem Aufkommen der Frauenarbeit als Verkäuferin, anfangs weniger im Büro, ist Gegenstand des vierten Schrittes (345 ff.) – inklusive deren literarische „Verarbeitung“ durch z. B. Goethe und Gustav Freytag. Aufschlussreich ist die Entwicklung der kaufmännischen Fortbildungsschulen (388 ff.). Mit der Bearbeitung der „Qualifizierung und Sozialisation im sekundären Sektor“ wird das Kapitel beendet (403 ff.); dazu gehört z. B. die Lehrwerkstatt (440 ff.).

Der Weg zur Gegenwart wird im V. Kapitel ausführlich dargelegt und analysiert (Titel s. o.), der unübersichtlich und zwiespältig begann (459 f.). „Zum Phänomen der Zwiespältigkeit gehört, dass die Reformpädagogik als Widersacherin sowohl einer autoritären administrativen Bevormundung als auch einer ökonomisch-technischen Fortschrittsgläubigkeit nur einen begrenzten Einfluß gewann“ (467). In der Realität des 20. Jahrhunderts waren im „dualen System“ der Berufsausbildung Betriebe und Schulen „selbständige berufserzieherische Entscheidungsträger“ (472), so dass nach Meinung des Autors der Begriff „dualistische Ordnung“ angemessener erscheint (473). Die Bedeutung der Lehrerverbände (z. B. DATSCH und VLW) wird ausführlich erläutert (480 ff.). Es folgen die Begründung der Ausformungen der klassischen deutschen Berufsbildungstheorie (durch Kerschensteiner, Spranger und Fischer) und deren Revision durch Blättner und Litt (485 ff.) sowie die Schilderung der Entstehung und akademischen Etablierung der BWP (514 ff.), die „bis in die 1970er Jahre hinein umstritten“ war (523). Auf die seit Ende der 1960er Jahre „unter der Fahne der Situations- und Handlungsorientierung“ (528) beginnende Neuorientierung verweist der Autor (unter Bezugnahme auf Reetz) nur, wie es in der BWP üblich war (und ist – merkt der Rezensent an).

Ausführlich werden im dritten Bereich des V. Kapitels die „Berufserziehung und Berufsbildungspolitik in der Weimarer Republik und im Dritten Reich“ bearbeitet (537 ff.). Einige „Stichworte“:

  • Einführung des Frauenwahlrechts 1918 als „erster Schritt zu beruflicher Gleichwertigkeit“ (537).
  • Erhalt des hierarchischen Verhältnisses in der Berufserziehung: übergeordneter Betrieb – nachgeordnete Schulen (559 f.).
  • Keine Konzipierung einer Didaktik der Lehrwerkstätten aus der Perspektive der maschinellen Produktion (563).
  • Selbstverwaltete betriebliche Berufsausbildung „im Windschatten des Reichswirtschaftsministeriums“ (571).
  • Durchsetzung der Kaufmannsgehilfenprüfung erst ab ca. 1937 (576).
  • Im Dritten Reich war Ziel der Berufsbildungspolitik „die Zurichtung für Funktionen im Rahmen staatspolitischer Zwecke“ (580).
  • 1920 Umbenennung der Fortbildungsschule in Berufsschule (592) unter der von Kerschensteiner „vorgegebenen Idee eines Bildungswesens, das typisch ausgeprägte individuelle Eignungen und Neigungen identifiziert und sich auf sie hin organisiert“ (595). Dem widersprach allerdings die Wirtschaft, die den Berufsschulunterricht auf ein schmales Fachprinzip reduziert sehen wollte, „und zwar außerhalb der üblichen Arbeitszeit“ (600).
  • 1937 reichseinheitliche Gliederung des beruflichen Bildungswesens in Berufsschulen, Berufsfachschulen und Fachschulen (609).

Mit der Darstellung der „Einbeziehung weiblicher Jugendlicher in die Berufserziehung“ (613 ff.) wird dieses Kapitel fortgesetzt. Ergebnis 2011 für den Besuch einer ausbildenden Berufsfachschule: 50,4 % männlich, 49,6 % weiblich.

Der Autor fokussiert seine theoretischen Überlegungen dann auf das Selbstverständnis von BWP „im Wandel politischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen“ dieses Jahrhunderts (631 ff.): unter Bezugnahme auf Friedrich Feld, Fritz Urbschat, Friedrich Schlieper und Walter Löbner. Sie werden konzentriert auf die Zeit „zwischen Kriegsende und Berufsbildungsgesetz“ (663 ff.), und zwar einerseits „unter Wahrung berufserzieherischer Kontinuität“ und andererseits im „Generationenwechsel“ (686 ff.), der sich als Paradigmenwechsel vollzieht (691); die Meinungsführung übernahm Schlieper (692). Dabei ging es bis weit in die 1970er Jahre „um die Veränderung der Rangordnung weltanschaulicher Positionen“, was ausführlich erläutert wird (695 ff.). Abraham und Blankertz prägten diese Zeit wesentlich mit.

Diskussion

1. Obwohl vom Autor des Buches auch Vertreter der Berufspädagogik aus dem gewerblich-technischen Bereich in ihrer historischen Bedeutung hervorgehoben werden, ist zu fragen und zu diskutieren, warum z. B. Günter Wiemann - jetzt über 90jährig – nicht erwähnt wird, der die berufliche Bildung (vor allem im schulischen Bereich) nicht nur in Niedersachsen entscheidend mit geprägt und weiterentwickelt hat.

2. Zur Entwicklung der „Handelsschul- und Wirtschaftspädagogik“ (522 ff.) ist zu fragen, warum die auch hier (wie im gewerblichen Bereich) in den 1970er Jahren einsetzende Situations- und Handlungsorientierung nur erwähnt und nicht als entscheidende theoretische Wende mit Auswirkungen auf das dann im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eingeführte Lernfeldkonzept für die Berufsschule dargestellt und gewürdigt wird.

3. In diesem Kontext ergibt sich die Frage, ob die Industrieschule im 19. Jahrhundert und die vom Autor ausgewählte Literatur zur Industrieschulbewegung in den 1970er Jahren (183 ff.) nicht zu einseitig „im Kontext der Renaissance marxistischer Geschichtsinterpretation“ (184) verstanden wird.

Fazit

Das umfangreiche Werk der Darstellung, Analyse und Interpretation der mehr als 5000 Jahre alten Geschichte der Berufserziehung und ihrer literarischen Aufarbeitung in den letzten Jahrhunderten erfolgt unter dem Prinzip der Gegenwartsbedeutung sowie der Einbettung in den jeweiligen gesellschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Kontext. Im Zentrum stehen die Praxis und Theorie der Berufserziehung in Deutschland bis zum Ende des 20. Jahrhunderts (leider ohne die DDR) auch unter Berücksichtigung interdisziplinärer und internationaler Bezüge sowie das sich seit 100 Jahren entwickelnde akademische Verständnis von Berufs- und vor allem Wirtschaftspädagogik, allerdings ohne neuere erziehungswissenschaftliche Entwicklungen (auch im Bereich der Berufs- und Wirtschaftspädagogik) – z. B. zur Handlungstheorie und zum Lernfeldkonzept – fundiert zu berücksichtigen.

Das teils sehr detaillierte, manchmal ein wenig weitschweifige und tief gegliederte Werk ist interessant, verständlich und anschaulich geschrieben und drucktechnisch lesefreundlich gestaltet; leider enthält es kein für wissenschaftliches Arbeiten hilfreiches Stichwortverzeichnis. Ob die Lesenden der Fülle der Fakten und deren Beurteilung durch den Autor im Einzelnen folgen (wollen), obliegt ihrer Entscheidung.

Rezension von
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.

Es gibt 51 Rezensionen von Klaus Halfpap.

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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 28.02.2014 zu: Jürgen Zabeck: Geschichte der Berufserziehung und ihrer Theorie. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2013. 2., erweiterte und überarb. Auflage. ISBN 978-3-940625-35-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16134.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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