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Jan Christoph Heiser: Interkulturelles Lernen. Eine pädagogische Grundlegung

Rezensiert von Dipl. Päd. Štefan Kvas, 09.04.2014

Cover Jan Christoph Heiser: Interkulturelles Lernen. Eine pädagogische Grundlegung ISBN 978-3-8260-5249-1

Jan Christoph Heiser: Interkulturelles Lernen. Eine pädagogische Grundlegung. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2013. 399 Seiten. ISBN 978-3-8260-5249-1. 49,80 EUR.

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Thema

Zentrales Thema dieser Publikation ist, wie der Untertitel bereits vermuten lässt – die pädagogische Grundierung für das Phänomen des interkulturellen Lernens zu finden. Der Autor verfolgt das Ziel der Grundlegung aus dem Blickwinkel der Allgemeinen Pädagogik sowie der interkulturellen Philosophie. Dazu verwendet Heiser eine philosophisch-hermeneutische Diskursanalyse, durch diese er gegenwärtige Ansätze interkulturellen Lernens betrachtet.

Autor

Der Bildungstheoretiker Dr. Jan Christoph Heisler, M. C. ist als externer Lektor am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Monografie wurde Ende 2012 als Dissertation an der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth eingereicht und von Prof. Dr. Lutz Koch sowie Prof. Dr. Otto Hansmann begutachtet.

Aufbau und Inhalt

Jan Christoph Heiser gliedert seine Monografie in sieben Kapitel:

  1. Interkulturelles Lernen zwischen Unbestimmtheit und Kompetenz-Training
  2. Interkulturelle Philosophie als Grundlage interkultureller Bildung
  3. Fremd- und Kulturverstehen
  4. Der philosophisch-pädagogische Lernbegriff
  5. Interkulturelles Lernen – Versuch einer Neudefinition
  6. Interkulturelles Lernen: Gegenstand, Inhalte und Ziele der Neudefinition
  7. Didaktischer Ausblick – Kann man Interkulturalität lernen?

Der Autor ergänzt sein Werk durch ein Vorwort sowie eine Einleitung, in welcher der Autor seine Intention sowie seinen methodischen Zugang darlegt.

Jan Christoph Heiser befasst sich in Kapitel 1 mit der Darstellung aktueller Ansätze Interkulturellen Lernens und analysiert grundlegende Aspekte von Auernheimer, Allemann-Ghionda, Gogolin/Krüger-Portatz, Grosch/Leenen, Mecheril, Nieke sowie Thomas vor bildungstheoretischem Hintergrund. Aufbauend auf seinen Exkurs zum Kompetenzbebriff verdeutlicht der Autor im Fazit seiner Synopse das Fehlen ethisch-philosophischer Grundlagen in den untersuchten Ansätzen (vgl.: 54).

Das zweite Kapitel nutzt der Autor für die terminologische Annäherung der zugrundeliegenden Begrifflichkeiten. Er zeichnet die Verbindung zwischen Philosophie und Pädagogik und veranschaulicht den philosophischen Gehalt des Begriffs der Interkulturalität, welchen er mit einem Exkurs auf Jaspers Weltphilosophie untermauert. Im Zwischenfazit zeichnet er bereits ein erstes inhaltliches Bild über die Relevanz Interkultureller Philosophie hinsichtlich der Interkulturellen Bildung (vgl.: 83).

In Kapitel 3 widmet sich Jan Christoph Heiser den Bedingungen und Möglichkeiten des Fremd- und Kulturverstehens. Seine auf die vorliegende Arbeit angepasste hermeneutische Abhandlung beginnt er mit der Darstellung verschiedener Verstehens-Ansätze nach Kant, Schleiermacher, Humboldt, Dilthey, Husserl, Bollnow sowie Gadamer, bevor er eine Interkulturelle Hermeneutik skizziert. Den Terminus der Fremdheit greift er an dieser Stelle für einen Exkurs auf, um die Erkenntnisse in einem Resümee zum Interkulturellen Verstehen integrieren.

Das vierte und auch umfangreichste Kapitel befasst sich mit dem philosophisch-pädagogischen Lernbegriff. Jan Christoph Heiser widmet sich nach einer kurzen Einführung in den Lernbegriff, der Darstellung vier Lerntheorien und ihrer interkulturellen Relevanz in vier Unterkapiteln:

  • Epagogischer Lernbegriff und die Hermeneutik des Lernens nach Günther Buck
  • Anfänge des Lernens nach Käte Meyer-Drawe
  • Logik und Negativität des Lernens nach Lutz Koch
  • Antrophologie des Lernens nach Klaus Prange

Durch die kritische Durchsicht und die Erarbeitung des interkulturellen Gehalts der dargestellten Lernbegriffe bereitet der Autor auf seine Analyse im folgenden Kapitel vor.

Im fünften Kapitel widmet sich Jan Christoph Heiser nun dem Versuch einer Neudefinition. Dazu leitet der Autor zwei Negativ-Thesen aus seinen bisher gewonnenen Erkenntnissen ab: Zum Einen die fehlende Auseinandersetzung mit lerntheoretischen Grundlagen hinsichtlich des Interkulturellen Lernens und zum Anderen die vernebelnde Wirkung des Adjektivs ‚interkulturell‘ hinsichtlich des Lernbegriffs (vgl.: 249). Nach Ausführung beider Thesen folgt die Formulierung einer dritten und vierten jeweils positiven Hypothese, um eine Neudefiniton Interkulturellen Lernens zu erreichen. Diese beiden Thesen befassen sich mit dem Aspekt Interkulturelles Lernen zunächst als Lernen zu verstehen und fordern eine systematisch-theoretische Darlegung des Grundbegriffs des Lernens. Im Folgenden analysiert und kritisiert der Autor die in Kapitel 4 aufgegriffen Lerntheorien anhand hermeneutisch-erkenntnistheoretischer Erkenntnisse und interkultureller Studien der vorangegangenen Kapitel und verbindet diese im Sinne einer Neubestimmung.

Eine Konkretisierung des neuformulierten Begriffs des Interkulturellen Lernens findet in Kapitel 6 statt. Zur Untermauerung erweitert Jan Christoph Heiser seine Argumentation mit vertiefenden Bezügen zum ‚Zwischen, zur Mannigfaltigkeit und Reflexivität‘ sowie zur Urteilskraft und zu dem philosophischen Grundbegriff Epoché. Weitere untermauernde Argumentation vollführt der Autor durch den Bezug auf Gemeinsinn und die erweiterte Denkungsart bevor er dieses Kapitel mit einem Ausblick über den pädagogischen Lernbegriff als Bestandteil einer allgemeinen interkulturellen Pädagogik (: 349) beendet.

Im siebten Kapitel formuliert Jan Christoph Heiser seine Antwort auf die in der Überschrift aufgeworfene Frage ‚Kann man Interkulturalität lehren?‘. Seine Darlegungen der vorangegangenen Kapitel führt er durch die Beleuchtung von Ansätzen der Toleranzdidaktik, Kants ethischer Didaktik, der ethischen Dogmatik, der moralischen Motivation sowie der ethischen Asketik aus und verbindet sein Resümee didaktischer Überlegungen mit Epoché und der interkulturellen Denkungsart.

Diskussion

Jan Christoph Heiser verfolgt mit seiner Arbeit eine Neudefinition Interkulturellen Lernens hinsichtlich einer pädagogischen Grundlegung. Diese wurde nach Ansichten des Autors versäumt. Sein Ziel verfolgt der Autor dezidiert und arbeit dabei sehr präzise, wie er es bereits im ersten Kapitel und der Darstellung der verschiedenen Ansätze Interkulturellen Lernens beweist (vgl.: 15ff.). Das wird auch an Kapitel 4 deutlich: Das Forschungsdesiderat, das er bearbeitet, geht nicht ohne eine argumentative Kritik einher, nämlich dem Fehlen an lerntheoretischen Bezügen bei den aktuellen Ansätzen des Interkulturellen Lernens. In Kapitel 4 gelingt es dem Autor in seinem umfangreichsten Kapitel eine stimmige Auswahl und gründliche Darlegung dessen anzubieten, was er in anderen Ansätzen als fehlend bezeichnet, die grundlegenden Lerntheorien. Weiterhin gelingt es dem Autor kontinuierlich über die gesamte Arbeit einen roten Faden zu ziehen. Stets ist erkennbar wohin der Autor mit seiner Argumentation führen möchte. Seine sachlogische Argumentation ist für Leser_innen über die gesamte Publikation transparent und nachvollziehbar. Auch wenn der Autor bis zum Schluss seiner umfangreichen Arbeit zur Stützung seiner Argumentation neue Inhalte einbindet, gelingt es ihm durch die Verknüpfung zu bereits dargestellten Aspekten den o. g. Faden nicht zu verlieren. Einen kleinen Wermutstropfen hat die Publikation m. E., wobei dies eher eine persönliche Wahrnehmung ist: Eine Nummerierung der Unterkapitel hätte ich bevorzugt.

Fazit

Fast unwirklich erscheint es, wie Jan Christoph Heiser in seiner Monografie die Intention und Notwendigkeit eben dieser auf dezidierte und sorgfältige Weise darstellen kann und somit aufdeckt: Das Fehlen einer pädagogischen Grundlegung zu einem der größten pädagogischen Trends, dem kaum ausgewichen werden kann, dem Interkulturellen Lernen. Wie bereits in der Diskussion angesprochen, schafft es der Autor, der Kritik, die er zur Untermauerung seiner Arbeit aufwerfen muss, selbst gerecht zu werden und schließt somit eine Lücke, die angesichts der Popularität der Thematik viel zu lange bestand. Ein wesentliche Erkenntnis kann knapp zusammengefasst werden in „Interkulturelles Lernen ist zuallererst Linie Lernen“ (: 243). In diesem Sinne ist diese Publikation nicht nur Personen zu empfehlen, die sich ausschließlich mit der Anbahnung interkultureller Lern- und Bildungsprozesse befassen, sondern allen Personen, die sich generell mit Lern- und Bildungsprozessen beschäftigen. Insofern ist die Publikation geeignet für Wissenschaftler_innen im Bereich der Pädagogik, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziologie und Anthropologie sowie für Studierende im Hauptstudium dieser Fächer.

Rezension von
Dipl. Päd. Štefan Kvas
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Es gibt 5 Rezensionen von Štefan Kvas.

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Zitiervorschlag
Štefan Kvas. Rezension vom 09.04.2014 zu: Jan Christoph Heiser: Interkulturelles Lernen. Eine pädagogische Grundlegung. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2013. ISBN 978-3-8260-5249-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16137.php, Datum des Zugriffs 25.05.2024.


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