Jörgen Klußmann (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz und Medienpraxis
Rezensiert von Prof. Dr. Wolfgang Nieke, 21.12.2004
Jörgen Klußmann (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz und Medienpraxis. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2004. 223 Seiten. ISBN 978-3-86099-790-1. 19,90 EUR. CH: 33,90 sFr.
Zielgruppe Journalisten: für die Berichterstattung aus dem Ausland und über Minderheiten ist eine interkulturelle Kompetenz erforderlich
Der Sammelband richtet sich an Journalisten und thematisiert die Berichterstattung aus dem Ausland sowie über die Fremden im Inland. Die Beiträge zeigen auf, wie verkürzt und inkompetent viele dieser Berichte in der deutschen Medienlandschaft oft sind, weil es den Autoren an den erforderlichen Hintergrundkenntnissen über die Besonderheiten der Kulturen mangelt, aus denen und über die sie berichten. Dies tun sie oft aus der ethnozentrischen Perspektive ihrer Leser und ihrer eigenen Selbstverständlichkeiten. Diesem Mangel wird das Programm einer eigentlich erforderlichen interkulturellen Kompetenz für eine solche Berichterstattung entgegengestellt.
Inhalt
Nasima E-Yamchi stellt auf der Basis ihrer Kenntnisse der iranischen, der angelsächsischen und der deutschen Kultur den internationalen Diskussionsstand zur Einteilung von Differenzen in den großen Kulturkreisen und zu Verfahren der interkulturellen Sensibilisierung für den Umgang mit diesen Differenzen zur Verringerung von Missverständnissen in der interkulturellen Kommunikation vor und konkretisiert dies mit vielen Beispielen aus verschiedenen Kulturkreisen. Der Beitrag ist anspruchsvoll geschrieben und setzt bei den Lesern Englischkenntnisse für die nicht paraphrasierten längeren englischen Zitate voraus. Die Literaturauswahl greift auf die einschlägigen Titel von Triandis, Hall, Hofstede und Bennett zurück, berücksichtigt jedoch nicht die in Deutschland vielgelesenen Werke des Sozialpsychologen Alexander Thomas.
Der Politologe Hans Kleinsteuber thematisiert in seinem Beitrag über das Erfordernis eines dialogischen Journalismus die unbemerkten Kulturzentrismen, die bereits in den geläufigen Einteilungen der Berichterstattung über Inland und Ausland oder foreign affairs enthalten sind, und fordert die Einbeziehung von Journalisten aus den Kulturen, über welche berichtet wird, sowie eine interkulturelle Mediation in interkulturellen Dialogen als Aufgabe eines neu gefassten interkulturellen Journalismus. Für die neue Informationsmöglichkeit über das Internet zeigt er die Notwendigkeit einer Kommentierung der Qualität und Vertrauenswürdigkeit der dort zu findenden Nachrichten durch helfende Journalisten - die etwa in entsprechenden Nachrichtenportalen tätig werden könnten - auf, also das, was in der Erziehungswissenschaft als Medienkompetenz diskutiert wird.
Die übrigen Beiträge von praktischen Journalisten thematisieren Einzelaspekte - etwa die Bedeutung der Massenmedien für die Einwandererkulturen - und berichten über Projekte, die mit dem Anspruch praktizierter interkultureller Kompetenz auftreten. Die Darstellung wertet und ordnet nicht ein, das bleibt den LeserInnen überlassen.
Zum Weiterlesen ist ein Serviceteil mit kommentierter Literatur - deren Auswahlprinzip nicht erkennbar ist - und mit Internet-Adressen angefügt.
Auch brauchbar für die außerschulische Medienpraxis?
Der allgemeine Titel mit dem Begriff "Medienpraxis" lässt Bezüge auch auf die umfangreiche Medienpraxis in der außerschulischen Jugendbildung und Erwachsenenbildung erwarten; der Sammelband ist aber ganz auf die enge Nutzergruppe von Journalisten bezogen. Das hätte im Untertitel angezeigt werden sollen, um nicht Erwartungen zu wecken, die dann nicht eingelöst werden.
Fazit: Kein Handbuch, sondern ein Sammelband mit appellativer Funktion
Ein "Handbuch" mit strukturiertem Zugriff auf gesichertes Wissen ist das anzuzeigende Buch nicht, sondern eher ein Aufruf, sich einer bisher vernachlässigten Aufgabe in der journalistischen Tätigkeit in kompetenter Weise zuzuwenden.
Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Nieke
Universität Rostock, Philosophische Fakultät
Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik
Es gibt 7 Rezensionen von Wolfgang Nieke.
Zitiervorschlag
Wolfgang Nieke. Rezension vom 21.12.2004 zu:
Jörgen Klußmann (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz und Medienpraxis. Brandes & Apsel
(Frankfurt) 2004.
ISBN 978-3-86099-790-1.
In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1614.php, Datum des Zugriffs 25.12.2024.
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