socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Fabian van Essen: Soziale Ungleichheit, Bildung und Habitus

Cover Fabian van Essen: Soziale Ungleichheit, Bildung und Habitus. Möglichkeitsräume ehemaliger Förderschüler. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 434 Seiten. ISBN 978-3-658-01617-3. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.

Reihe: Research.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Um Menschen bestimmten Strukturgruppierungen einer Gesellschaft zuzuordnen, unterscheidet Pierre Bourdieu deren erworbenes ökonomische, kulturelle, soziale und symbolische „Kapital“ (letzteres als gesellschaftlich anerkanntes Kapital der drei erstgenannten), das ihren Habitus kennzeichnet und prägt. Aufgrund einer umfangreichen Studie des Autors werden die Lebenswirklichkeiten von Abgängern der Sonderschule/Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen und damit der „Kapitalärmsten der Gesellschaft“ beschrieben und abschließend die Analyseergebnisse in die aktuelle gesellschaftspolitische Debatte der schulischen Inklusion geführt.

Entstehungshintergrund

Diese Arbeit ist die Dissertation des Autors an der Universität zu Köln 2012. Mit ihr kann er belegen, dass die – so die Bezeichnung in NRW – Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen nicht legitimierbar ist, wenn die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft nicht reproduziert werden soll, deren Abschaffung jedoch „sinnvoll begleitet und reflektiert“ erfolgen muss (S. 403).

Aufbau

In einem kurzen einleitenden Überblick (13 ff.) werden die Gedanken- und Arbeitsschritte in den folgenden Kapiteln skizziert:

  • 2. Position, Perspektive und Lebensstil – der soziale Raum nach Pierre Bourdieu (17 ff.)
  • 3. Das Feld Schule – zur Strukturierung von Möglichkeitsräumen (51 ff.)
  • 4. Die Felder berufliche Ausbildung und Arbeit – Exklusionsmechanismen (109 ff.)
  • 5. Forschungsstand zu den nachschulischen Lebensverläufen ehemaliger Förderschülerinnen und Förderschüler (141 ff.)
  • 6. Empirische Untersuchung (151 ff.)
  • 7. Darstellung und Interpretation der Ergebnisse (185 ff.)
  • 8. Schlussbetrachtungen (373 ff.)
  • 9. Fazit (503)

Das Buch wird abgeschlossen mit einem Literaturverzeichnis (405 ff.) und enthält anfangs ein Tabellen- und Abbildungsverzeichnis (11).

Inhalt

Im 2. Kapitel wird das Modell des sozialen Raumes dargestellt und „seine Anschlussfähigkeit an den vorliegenden Forschungskontext begründet“ (14). Die oben genannten Kapitalsorten bestimmen, „an welcher Position sich eine Person im sozialen Raum befindet (Raum der Positionen). Eine Ausdifferenzierung erfährt der Raum der Positionen durch soziale Felder, unter denen Bourdieu die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche wie Wirtschaft, Politik, Kultur, Bildungssystem oder Religion versteht“ (18). Dies wird ausführlich erläutert und auch durch Abbildungen veranschaulicht. Besonders herausgearbeitet wird, dass die Entstehung des Habitus eine Kernkategorie in der Theorie Bourdieus darstellt“ (33). Der auch als „Produktionsprinzip von Praktiken“ bezeichnete (35) Habitus. ist nicht angeboren, „sondern wird im Rahmen von Sozialisationsprozessen erworben“ (34) und befindet sich in „unaufhörlichem Wandel“ bzw. Anpassungsprozessen (31), was durch neueste Literaturbezüge bestätigt wird. Im Hinblick auf die Konturierung des Forschungsvorhabens mit Förderschülern (Schwerpunkt Lernen) wird hervorgehoben, dass der Grossteil dieser Schüler aus Familien stammt, „deren Lebensbedingungen durch eine geringe Kapitalausstattung geprägt sind“ (48); literaturbezogen werden Merkmale genannt: z. B. zur beruflichen Position der Väter, Kinderzahl, Wohnverhältnisse, Familienbeziehungen, Gesundheitszustand, Erziehungsmuster, Lern- und Leistungsmotivation (47 f.).

Im 3. Kapitel (Titel s. o.) werden die spezifische Eigenlogik (Nomos) des sozialen Feldes (Sonder-/Förder-)Schule, feldinterne Macht- und Positionskämpfe sowie vorherrschende Habitusformen „in den Blick genommen“. Nur wenige Feststellungen seien zitiert: Leistungsversagen von Schülern wird dem einzelnen zur Last gelegt (52); die härteste Form der sozialen Selektion ist die Überweisung in eine Sonderschule mit dem Schwerpunkt Lernen (53); die Vorstellung von gleichen Startbedingungen zu Beginn der Schulzeit auch für kapitalschwache Kinder kann als „Mythos der Stunde Null“ bezeichnet werden (59); in der deutschen „Zeugnisgesellschaft“ ist vor allem ein Leistungsnachweis (Schulabschluss) für den Arbeitsmarkt wichtig. Oder zum Aspekt Habitus (62 ff.): In der Förderschule begegnen sich zwei Welten mit unterschiedlichen Wertesystemen, nämlich die Lehrenden in der Regel aus dem bürgerlichen Milieu, die Lernenden mit geringer „Kapitalausstattung“, woraus Kommunikationsstörungen (Behinderungen) bei misslingenden Beziehungen entstehen können – vor allem auch wegen unterschiedlicher Sprachformen. Nach einem ausführlichen historischen Rückblick auf die „Schule der Armen“ (72 ff.) wird der Begriff „Lernbehinderung“ fundiert reflektiert (82 ff.) sowie Effekte und Funktionen der Förderschule Lernen dargestellt.

Im 4. Kapitel werden im Kontext der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse in den vergangenen Jahrzehnten die Exklusionsmechanismen bearbeitet, die „zur anscheinend weithin akzeptierten Reproduktion sozialer Ungleichheit“ (15) und „zu einer drastischen Benachteiligung Geringqualifizierter geführt haben, zu denen mehrheitlich Abgängerinnen und Abgänger der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen zählen“ (109). Bildungsexpansion, Wissensgesellschaft und Individualisierung sind Schlüsselbegriffe dieser Entwicklungsprozesse zur Zunahmen der Benachteiligungen Geringqualifizierter und damit dieser nachdenkenswerten theoretischen Analyse. Die prekären Übergänge von der Schule in das Feld der Ausbildung und der Arbeit („Maßnahmedschungel“) werden skizziert (129 ff.). Dabei ergibt sich, dass die Absolventen der Förderschule Lernen nur schlechte Zukunftsaussichten für die Felder Ausbildung und Arbeit haben, weil sie u. a. mit „völlig unzureichendem institutionalisiertem kulturellem Kapital“ ausgestattet sind und damit leben müssen, „selbst an ihrer Lage schuld zu sein“ (138).

Das 5. Kapitel gibt eine Übersicht auf zehn „aktuelle empirische Untersuchungen zu den nachfolgenden Lebensverläufen“ der in dieser Studie untersuchten Jugendlichen (141). Daraus folgt, dass diesbezüglich ein erheblicher Forschungsbedarf besteht (148).

Im 6. Kapitel wird die empirische Untersuchung dargestellt. Nach der Formulierung von sieben zentralen Fragestellungen erfolgen die Erläuterung, warum Elemente der Theorie Bourdieus Grundlage dieser Untersuchung sind (153 ff.) sowie die Begründung des „narrativ fundierten Interviews“ als Erhebungsmethode (161 ff.). Die Auswertungsmethode ist eine dokumentarische Methode der Interpretation (164 ff.). Warum die durchgeführte Stichprobe nur aus jungen Männern besteht, wird begründet (176 ff.).

Im umfangreichen 7. Kapitel erfolgt die Darstellung und Interpretation der Ergebnisse (185 ff.) in drei Teilen sowie einer Zusammenfassung (361 ff.) mit soziogenetischen Abgrenzungen zur Klärung, „ob es sich bei den Ergebnissen um etwas Typisches für männliche Ehemalige der Sonderschule für Lernbehinderte sechs bis acht Jahre nach der Schulentlassung handelt“ (361). Zu Letzterem wird selbstkritisch (wegen zu geringen Vergleichsmaterials) konstatiert, dass dies angenommen werden kann, jedoch bei u. a. Abgängerinnen von Sonderschulen andere Ausprägungen zu erwarten sind, wenn auch „mit deutlichen Überschneidungen“ (372). Die drei Teile der Darstellung:

  1. werden Kapitelkonfigurationen und soziale Laufbahnen der 19 Schulabgänger ausführlich beschrieben (186 ff.).
  2. werden (195 ff.) für die Erhebungsgruppe kollektive Orientierungen und Sichtweisen analysiert (kleinbürgerlicher Lebensstil, Beschämungen im Feld der Sonderschule, Zugangsbarrieren bei der Ausbildungssuche, Belastungen im Feld der Arbeit, Arbeitslosigkeit, Zukunftswünsche „mit dem Traum von der kleinbürgerlichen Familie“ – 249 -).
  3. erfolgt eine relativ ausführliche Beschreibung von drei Fallgruppen der interviewten jungen Männer in der jeweils unterschiedlichen habituellen Ausprägung der homologen „kleinbürgerlichen“ Orientierung (259 ff.).

Im 8. Kapitel wird unter Verknüpfung des gesetzten theoretischen Rahmens der Untersuchung mit den gewonnenen Erkenntnissen zusammenfassend herausgearbeitet, dass „als entscheidender Faktor für den Bildungserfolg“ der Habitus gilt und für gesellschaftliche Reproduktionsprozesse „die institutionalisierte Bildung … eine zentrale Bedeutung hat“ (374 f.). Lernbehinderung „stellt dabei eine hochproblematische Größe dar“ (375). Seine differenzierte Analyse der „paradoxen Situation“ fasst der Autor wie folgt zusammen: „Das Übergangssystem erhöht die Gefahr der arbeitsmarktbezogenen Exklusion und wirkt zugleich gesamtgesellschaftlich betrachtet (zumindest mittelfristig) sozialintegrativ“ (377). Mit angeführten Grundsätzen einer „rationalen Pädagogik“ im Sinne Bourdieus wird die „aussondernde Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf infrage gestellt“ und im Fokus der aktuellen Inklusionsdebatte in der Vision einer „Schule für Alle“ mit ausführlichen habitustheoretischen Überlegungen betrachtet (382 ff.).

Das Fazit des Autors im 9. Kapitel ist: „In der Gesamtbetrachtung zeichnen sich damit Reproduktionsprozesse ab, die soziale Ungleichheit zementieren und zu denen die Auswirkungen der besonderen Beschulung erheblich beitragen“ (403).

Diskussion

In der (sehr) kleinen Erhebungsgröße der Gesamtuntersuchung wird für drei Jugendliche eine Fallgruppe mit einem verhaltens-optimistischen Habitus in der Orientierung an dem kleinbürgerlichen Lebensstil gebildet (259 ff.). Sie konnten ihr „Enaktierungspotential, also die Möglichkeit, die Orientierung am kleinbürgerlichen Milieu, tatsächlich umsetzen“ (275). Für drei andere junge Männer der dritten gebildeten Fallgruppe war diese Orientierung unlösbar (359 ff.); sie lebten in hochproblematischen sozialen Verhältnissen und wurden vom Feld der Arbeit radikal ausgegrenzt (360). 13 junge Männer aus problematischen familiären Beziehungsgefügen und Wohnsituationen bildeten die dazwischen liegende Fallgruppe (325 ff.); sie hielten trotzdem „an ihrer Vorstellung eines guten und erreichbaren Lebens in Kleinbürgerlichkeit fest“ (327). Die Orientierung am kleinbürgerlichen Milieu „stellt ein zentrales Ergebnis der Auswertung der Interviews“ dar (195). Dieser Orientierungsrahmen wird ausführlich erläutert, weil er – so die These des Autors – „grundlegendes Motiv für die Orientierung am Mittelmäßigen und ‘Normalen‘ ist sowie für „die Sehnsucht nach Anerkennung“ (212) steht. Trotzdem fällt bei den Interviewten das Urteil über den Besuch dieser „Sonderschule“ negativ aus. Warum? Die Interviewten geben Hinweise. Führt die inklusive Schule zu einer Lösung?

Fazit

Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Schulerfolg wird durch diese umfassende (wenn auch nicht repräsentative) Studie empirisch bestätigt. Sie gibt darüber hinaus einen differenzierten Einblick in die Lebenswirklichkeit von 19 jungen Männern nach Abgang aus einer „Sonderschule für Lernbehinderte“, und zwar im theoretischen Rahmen der von Pierre Bourdieu entwickelten Habitustheorie sowie durch Rückgriff auf weitere vielfältige Forschungs- und Analyseergebnisse der letzten Jahrzehnte zum Thema. Dies erfolgt auch unter der Vision einer inklusiven ‚Schule für Alle‘.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


Alle 51 Rezensionen von Klaus Halfpap anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 31.01.2014 zu: Fabian van Essen: Soziale Ungleichheit, Bildung und Habitus. Möglichkeitsräume ehemaliger Förderschüler. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-01617-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16145.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung