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oekom e.V. (Hrsg.): Vom rechten Maß. Suffizienz als Schlüssel zu mehr Lebensglück [...]

Cover oekom e.V. (Hrsg.): Vom rechten Maß. Suffizienz als Schlüssel zu mehr Lebensglück und Umweltschutz. oekom Verlag (München) 2013. 144 Seiten. ISBN 978-3-86581-426-5. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.

Reihe: Politische Ökologie - 135.
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Thema

Allgemeines Thema ist das „Maßhalten“ bzw. die Kultur des „Weniger ist mehr“: „Die Autor(inn)en erkunden, welche Spuren die aufblühende Sharing Economy bei den Einzelnen und in der Realwirtschaft hinterlässt“ (Oxenfarth, S.7).

Autorinnen und Autoren

Die Autor(inn)en kommen großenteils aus der Wissenschaft, wo sie als Professor(inn)en oder wissenschaftliche Assistent(inn)en tätig sind. Hinzu kommt ein Architekt sowie Mitarbeiter(innen) in verschiedenen Instituten.

Entstehungshintergrund

„politische ökologie“ ist „Die Zeitschrift für Querdenker und Vordenkerinnen“. Sie wird herausgegeben vom oekom verlag, der 2014 sein 25-jähriges Bestehen feiert. Der Verlag verdankt seine Bekanntheit ursprünglich vor allem der Zeitschrift politische ökologie. Heute ist er einer der führenden Verlage für Nachhaltigkeit und Ökologie im deutschsprachigen Raum. Die hier zu besprechende Ausgabe hat – wie alle anderen Ausgaben auch – einen besonderen Schwerpunkt. Diesmal heißt er: „Vom rechten Maß. Suffizienz als Schlüssel zu mehr Lebensglück und Umweltschutz“

Aufbau

Die Schwerpunktausgabe „Suffizienz“ beinhaltet 18 ca. 5-10 Seiten starke Aufsätze. Diese sind aufgrund verschiedener Überkategorien thematisch aufgeteilt.

Inhalt

Der Rezensent steht vor der Aufgabe: Wie eine „Zeitschrift“ (genauso gut würde hier die Bezeichnung „Sammelband“ passen) mit 18 verschiedenen Beiträgen rezensieren und dabei möglichst jedem Beitrag gerecht werden? Er wird sie im Folgenden mit Hilfe einer (zugegebenermaßen, an verschiedenen Stellen „hinkenden“) Metapher angehen, die er zunächst einmal ausführlich darstellt:

Stellen Sie sich vor, die Luft auf der Erde wird schlechter. Oder sagen wir genauer: Messungen ergeben, dass die Luft in Bodennähe schlechter wird. Ob dem nun wirklich so ist oder nicht, lassen wir mal dahingestellt (es gibt natürlich einen weitreichenden Streit zwischen Fachleuten, ob dies wirklich so ist und wenn ja, in welchem Ausmaß und mit welchen Folgen…). Die Luft ab 15 m Höhe über dem Boden wird als viel gehaltvoller und „reiner“ gemessen. Die Industrie entwickelt sehr schnell sogenannte „Recreation Towers“, das sind Stahlgestelle, die man sich in den Garten stellen kann und die auch immer häufiger in öffentlichen Einrichtungen entstehen. Das ganze ist ein Riesengeschäft für die Industrie: Es gibt solche Türme in unterschiedlichen Höhen, Größen, Qualitäten und immer mehr Leute wollen sie haben. Es entsteht vielerorten ein Wettbewerb: Je höher sie hinaus können, sagen die Leute, desto besser ist die Luft, die sie dort einatmen. Es gibt auch schon ganze Jogging-Anlagen dort oben und für die Zukunft sind auch Bowling-Plätze, Golfplätze, Ski-Pisten, etc. geplant. Auch ganze Geschäftszweige entwickeln sich in luftiger Höhe. Immer höher – „man hat ja auch einen Ruf zu verteidigen“, immer erfindungsreicher und immer gewagter werden die Vorhaben. Umweltschutzverbände stehen dem Ganzen sehr kritisch gegenüber, da es doch eine riesige visuelle Umweltverschmutzung mit sich gebracht hat. Wohlfahrtsverbände kritisieren, dass die Armen wieder einmal benachteiligt sind.

Die Geschichte könnte noch weiter ausgebaut werden, doch soll sie hier vor allem als eine Art „Gerüst“ dienen, mit dessen Hilfe ich Inhalte der einzelnen Aufsätze kurz und knapp darlegen möchte. Sie haben es schon richtig verstanden: Die „Recreation Towers“ sind ein Symbol für unsere heutige Wachstumsgesellschaft, für das oftmals so unsinnige immer mehr, immer größer, immer besser, immer stärker – koste, was und wen es wolle.

Niko Paech, der den Reigen der Aufsätze beginnt, kritisiert die Wachstumslogik, die sich inzwischen auch auf den „grünen Bereich“ ausgedehnt hat (vgl. auch meine Rezension zu Jürgen Gedinat) – die er als „the Green New Deal“-Logik bezeichnet (S. 17). In der hier verfolgten Analogie: Auch „grüne“ Erholungstürme kosten Ressourcen! Manfred Linz betont die Rolle der Politik bei der Durchsetzung von Suffizienz: Ausmaße/Grenzen/Dimensionen von Erholungstürmen müssen verbindlich fixiert und allgemein akzeptiert werden. Christoph Lütge betont, dass wir aus dem globalen Wettbewerb weder aussteigen können noch aussteigen sollten (S. 35): Türme für alle, aber aus nachhaltiger Produktion! Christian Baatz fragt nach den individuellen Reduktionspflichten: Wie (Soll) die Nutzung eines Turmes eingeschränkt werden? Wer fängt damit an? Laura Spengler betont Konflikte, die beim Schaffen von Strukturen entstehen, die ein suffizientes Verhalten fördern: „Der Streit um die Türme ist noch lange nicht ausgestanden“. Mathias Binswanger schildert den Zusammenhang von subjektivem Wohlbefinden und nachhaltigem Verhalten: „Ihr braucht keine Türme, um glücklich zu sein und um Euch zu erholen“.

Es folgen eine Reihe von Artikel mit eher technischen Rat- und Vorschlägen zu Themen wie Ernährung (Lieske-Voget-Kleschin), dem Energieverbrauch im Haushalt (Lars-Arvid Brischke), dem Straßenverkehr (Andrej Cacilo), Bauen und Wohnen (Arne Steffens) – sie alle stellen – ganz pauschal betrachtet – die Frage: Wie können wir die Recreation Towers anders gestalten und nutzen?

Weiter geht es mit einer Reihe von Artikeln aus einem Bereich, der als „Neudefinition der Komfortzone“ umschrieben wird: Oliver Stengel geht auf die inneren und äußeren Widerstände ein, die uns an suffizienten Konsumpraktiken hindern. André Reichel beleuchtet Unternehmen, die suffiziente Produkte und Lösungen anbieten. Harald Heinrichs beschreibt den Themenbereich der „alternativen Besitz- und Konsumformen“ („sharing“ u.a.m.). Konrad Ott unternimmt ein kleines Gedankenexperiment. Er fragt: Wie würden wir in einer Gesellschaft, die ökologisch maßvolles Verhalten als Maxime durchgesetzt hat, mit offenen Verteilungsproblemen umgehen? Uwe Schneidewind und Angelika Zahrnt plädieren für ein verstärktes Engagement der Politik in Bereichen wie Arbeit, Gesundheit und Verbraucherschutz. Dies´ soll verstärkt zum guten Leben und zur Möglichkeit der Mitgestaltung beitragen.

Soweit die Reihe der Artikel. Es folgt die Rubrik „Impulse“, in der neue Initiativen vorgestellt werden (z.B. die Internetplattform „Betterplace“), sowie die Rubrik „Medien“, in der neue Bücher mit Bezug zum Thema „Ökologie“ vorgestellt werden. Abgeschlossen wird die Zeitschrift mit der Rubrik „Spektrum Nachhaltigkeit“, in der – unabhängig vom jeweiligen Schwerpunktthema – Beiträge mit Bezug zu Aspekten der Nachhaltigkeit veröffentlicht werden. In der hier zu besprechenden Ausgabe ist dies ein Beitrag zu den aktuellen Tendenzen und Gefahren bei der Förderung fossiler Energie aus dem Meer (von Rüdiger Haum), ein Beitrag zum Thema Geschlecht in der Nachhaltigkeitsforschung (von Daniela Gottschlich und Christine Katz) und ein Artikel von Wilfried Kühling zu „Umweltprüfungen beim Gas-Fracking“.

Diskussion

Die „politische ökologie“ bereichert die deutsche Ökologie-Szene seit 25 Jahren – und das auf konstantem, qualitativ-hochwertigen Niveau. In der vorliegenden Ausgabe wird das Thema „Suffizienz“ auf eine vielseitige und anspruchsvolle Weise behandelt. Die Vielzahl der Verfasser sorgt für eine breite und differenzierte Betrachtung. Wünschenswert wären einige internationale Beiträge, mit denen verdeutlich werden könnte, wie „Suffizienz“ bzw. der jeweilig behandelte Schwerpunkt in einem anderen Land betrachtet wird/werden kann. Wünschenswert wäre m.E. auch die verstärkte Hinzunahme von Autor(inn)en aus dem außerwissenschaftlichen Bereich.

Fazit

Eine differenzierte, anregende Betrachtung des Themas „Suffizienz“ in der heutigen Forschungskultur in Deutschland.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 04.04.2014 zu: oekom e.V. (Hrsg.): Vom rechten Maß. Suffizienz als Schlüssel zu mehr Lebensglück und Umweltschutz. oekom Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-86581-426-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16150.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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